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Aufräumen auf Japanisch: Weniger ist mehr

Wie räumen Japaner eigentlich auf? Wie sehen japanische Wohnungen wirklich aus? Was ist „Konmari“ und wozu gibt es „cleaning instructors“?

Aufräumen und Sauberkeit ist ein großes Thema in Japan.
Von Kindheit an werden Japaner beim Aufräumen mit einbezogen, helfen auch schon im Kindergarten jeden Tag dabei ihren Gruppenraum zu reinigen und übernehmen in der Schule Putzpflichten.
Jeder Stadtteil hat eigene Aufräumtruppen (meist ältere Leute) die dafür sorgen, dass kein Müll auf der Straße liegt und sich jeder wohlfühlen kann.
Fast jeder Japaner hat eine kleine Mülltüte in seiner Tasche, damit er unterwegs anfallenden Müll später zu Hause entsorgen kann.

Beispiele, die man in Japan oft beobachten kann:

In einem großen Bahnhof fällt einem Mann unbemerkt ein winziger Müllschnipsel aus der Tasche und glitzert für ein paar Sekunden auf dem Boden.
Plötzlich öffnet sich eine kleine Tür in der gegenüberliegenden Wand und ein rosa bekleideter Mann schlüpft aus der Öffnung – bewaffnet mit einer Greifzange, einer Flasche Reiniger und einem Tuch. Er stürzt sich auf das Papier, sammelt es ein, besprüht die Stelle und wischt sie mit dem Tuch wieder trocken. Das alles innerhalb weniger Sekunden, dann ist der Mann wieder in der Öffnung verschwunden.

In einem großen Park setzt sich ein Raucher auf eine Bank.
Schnell kommt eine ältere Frau in Arbeitskleidung zu ihm und bietet ihm einen mobilen Aschenbecher (eine kleine Plastikschachtel) zum Entsorgen der Zigarettenreste an.
Andere aus ihrer Gruppe stehen im Park verteilt mit Müllsäcken, um die gebrauchten Schachteln wieder entgegen zu nehmen.

Nun stelle man sich das einmal in Deutschland vor. Ein Blick in einen beliebigen Bahnhof reicht schon. Jemandem fällt ein gekautes Kaugummi aus dem Mund? Mit ein wenig Glück, ist man nicht derjenige, der hineintritt. Ein paar Mal am Tag fährt eine Kehrmaschine durch die Gänge, aber das macht es dann auch nicht wirklich viel besser. Glimmstängel landen überall, auch (oder besser trotzdem), wenn es mittlerweile ein Gesetz und Strafen gibt, um das zu unterbinden.

Doch auch in Deutschland wird „japanische Sauberkeit“ immer beliebter, vor allem in den eigenen vier Wänden – spätestens seit dem Marie Kondos Buch „The life changing magic of tidying up“ auch auf Deutsch erschienen ist.

Aber was steckt eigentlich dahinter – und wie sieht es bei Japanern zu Hause aus?

Wie vieles im japanischen Alltag, kann auch das kollektive Sauberkeitsgefühl auf Religion zurückgeführt werden.
Damit meine ich jetzt nicht, dass alle Japaner religiös sind – im Gegenteil! Viele Japaner bezeichnen sich selbst als religionslos. Sie picken sich zusammen was sie glauben wollen, besuchen sowohl Tempel als auch Schreine und stellen sich so ihr ganz individuelles Konzept zum Glück zusammen.

Buddhismus lehrt die Einfachheit der Dinge. Man muss keinen großen Besitz haben, um glücklich zu sein. Wenn wir uns mit etwas umgeben, sollte es geliebt und geschätzt sein.
In einem Raum zu sitzen, in dem nichts den Geist ablenkt, bedeutet innere Ruhe und Frieden.
Aber auch das Putzen selber bringt Ruhe in einen – wenn man es richtig macht.

Ryokan in Hakone
©Micha L. Rieser via Wikimedia Commons

Viele kennen die faszinierenden Aufnahmen von alten japanischen Häusern, in denen nichts als ein Tisch, eine Vase und an der Wand eine Schriftrolle vorhanden zu sein scheint.
Diese Räume funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Weniger ist mehr.
Neben dem Tischchen (im Winter Kotatsu) und der Nische (Tokonoma) mit Vase und Tuschemalerei gibt es noch eine weitere Besonderheit, denn oft besteht eine Seite der traditionellen Räume aus einem komplett von Schiebetüren verdeckten Wandschrank. In diesem Schrank werden alle nützlichen Dinge wie z.B. Futons und Yukata, aber auch alle „störenden“ Dinge (z.B. grade nicht benötigte Möbelstücke, Bücher, Kleidung) versteckt ohne das Gesamtbild des Raumes zu verändern. Es ist also alles vorhanden, was man braucht – ohne Unruhe in den Raum zu bringen.

Ein häufig in Japan gehörter Ratschlag: Wenn du eine Schüssel abwäscht, denke nicht daran, dass du die Schüssel nun abwaschen musst weil sie dreckig gemacht wurde und du nun die Arbeit damit hast.
Denke lieber daran wie dankbar du der Schüssel bist, dass sie dein Essen für dich gehalten und dir ermöglicht hat, deine Mahlzeit einzunehmen. Behandle sie mit Achtung und Liebe, reinige sie und gib ihr einen guten Platz, damit sie dir noch lange erhalten bleibt.

Das mag für europäische Ohren sicher merkwürdig klingen, aber wenn man darüber nachdenkt ergibt es doch einen Sinn.
Sehen wir die Dinge positiv oder negativ? Ist das Glas halb leer oder halb voll – und welche Sichtweise würde uns wahrscheinlich glücklicher machen?

Viele Menschen fallen vor Besuch in einen Putzrausch. Der Boden muss gefegt werden, der Müll raus gebracht, falls noch genügend Zeit ist, muss auch der Abwasch noch erledigt werden und und und…
Es wäre unangenehm, wenn andere Leute einfach so in den eigenen „Dreck“ hinein stolpern.

Raum eines Otakus in Japan
©ultimate otaku room via Wikimedia Commons

Aber nicht nur Nicht-Japanern geht es so. Auch viele Japaner kämpfen mit dem Chaos in ihren eigenen vier Wänden.
Manga und Zeitungen werden bis zu den Decken gestapelt, Sortierboxen bis zum Bersten vollgestopft und die Wohnung mit Klamotten zugehängt. Beim japanischen Mini-Wohnungsformat ist es somit kein Wunder, dass die Wohnungen relativ schnell aus allen Nähten platzen und die Betroffenen sich entweder aus dem sozialen Leben einfach zurückziehen, oder beginnen, dagegen anzukämpfen.
In fast jeder japanischen Frauenzeitschrift finden sich Aufräumanleitungen und Vorschläge zum optimalen Sortieren des Haushalts. Für diejenigen, denen das nicht ausreicht, gibt es „cleaning instructors“ (お掃除インストラクター), also Leute, die zu einem kommen und beim Aussortieren helfen.

Das Grundprinzip ist – wie vorhin schon erwähnt – weniger ist mehr. Man soll sich mit Dingen umgeben, die man liebt und wertschätzt.
Die Aufräumtrainer helfen den Betroffenen dabei, ihren Besitz in Kategorien zu unterteilen und für sich herauszufinden, was wirklich wichtig für sie ist.

An dieser Stelle setzt auch Marie Kondos Methode (Konmari) an – sie spitzt das ganze sogar noch etwas zu und sagt, dass alle Gegenstände eine Seele und Gefühle haben. Wenn wir sie also achtlos auf einen Haufen werfen, werden sie unglücklich und zerquetscht. Das zeichnet sich dann durch eine deutlich kürzere Lebensdauer aus (Sockenbünde leiern aus, Kleidung bekommt Permafalten und Bücher zerknicken..). Wenn wir dagegen den Gegenstand wertschätzen und ihn liebevoll behandeln, wird er uns auch länger Freude bereiten.
Wegwerfen von Dingen ist also die Befreiung der Gegenstände von ihrem momentanen Leiden und ein letzter Akt der Wertschätzung.

Wie kann man also das Sauberkeitsgefühl und Bedürfnis der Japaner gut zusammenfassen?
Meine Schwägerin (sie arbeitet seit einigen Jahren als Cleaning Instructor in Yokohama) beschrieb es wie folgt: „Wir (Japaner) wissen, dass unser Leben genug ist und wir auch mit nur ein paar Dingen glücklich sein können. Dazu braucht es keine Massen an Materiellem. Wir streben nach Glück und Harmonie. Wenn wir eine saubere Straße sehen, freuen wir uns. Wenn wir unser sauberes Zuhause sehen, freuen wir uns. Wenn wir die Stille in und um uns sehen und spüren, können wir uns entspannt dem Glück hingeben. „

Montag folgt der zweite Teil – “Das Zen der sauberen Wohnung: Aufräumen auf Japanisch”, in dem ihr mehr Informationen über die zwei in Japan vorherrschenden Aufräumlehren und ihre Vor-und Nachteile erfahren könnt.

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