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Ausbeutung statt Ausbildung – Das umstrittene Praktikantensystem in Japan

Insgesamt 22 ausländische Praktikanten sind in den letzten drei Jahren an ihrem Arbeitsplatz verstorben. Das gab das japanische Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt am Sonntag bekannt.

Wieder steht das umstrittene Praktikantensystem der japanischen Regierung am Pranger, denn offiziell wurde dieses eingeführt, um Nachwuchskräften aus Schwellenländern die Chance auf Weiterbildung zu geben und somit den Wissenstransfer zu fördern. In der Praxis nutzen viele Unternehmen das System aus, um ungelernte Arbeiter ins Land zu holen und zu ausbeuterischen Arbeitsbedingungen zu beschäftigen.

Es ist das erste Mal, dass ein japanisches Regierungsministerium Statistiken zu arbeitsbedingten Unfällen und Todesfällen unter ausländischen Praktikanten, den sogenannten „Trainees“, veröffentlicht. Nach Angaben der Japan Times ist die Quote arbeitsbedingter Todesfälle unter ausländischen Nachwuchskräften höher als die von japanischen Arbeitskräften. Unter den 22 verstorbenen „trainees“ ist mindestens eine Person an den Folgen übermäßiger Arbeitsbelastung (jap. Karôshi) verstorben, 21 weitere verstarben vermutlich an den Folgen von Unfällen am Arbeitsplatz.

Das sogenannte Technical Internship Training Program der Japan International Trading Corporation (JITCO) wurde 1993 als Teil der japanischen Entwicklungshilfe für asiatische Schwellenländer eingeführt und sollte offiziell den Wissenstransfer fördern. Besonders Menschen aus asiatischen Entwicklungsländern sollten im Rahmen des Programms die Möglichkeit erhalten, für einen begrenzen Zeitraum (in der Regel drei Jahre) in Japan zu arbeiten. Dabei sollen die ausländischen Arbeitnehmer bestimmte Fähigkeiten und Skills erlernen, die sie dann wiederum in ihrem Heimatland nutzen können. In der Praxis sind die „Praktikanten“ jedoch überwiegend ungelernte Arbeitskräfte, die von zahlreichen Unternehmen ausgebeutet und zu Niedriglöhnen beschäftigt werden.

Ausbeutung unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe – Miserable Arbeitsbedingungen, fehlende Löhne und übermäßige Arbeitsbelastung

Bereits im Jahr 2008 hatte das Justizministerium festgestellt, dass mehrere hundert Firmen gegen die geltenden Richtlinien verstoßen haben. Das äußerte sich vor allem in nicht bezahlten Löhnen und fehlenden Zuschüssen für Überstunden. Besonders heftig in die Kritik kam das Praktikantensystem, als sich herausstellte, dass im Fiskaljahr 2008 insgesamt 34 Praktikanten an den Folgen von Überarbeitung und unwürdigen Arbeitsbedingungen verstarben. Auch in den Folgejahren kam es immer wieder zu Verstößen gegen geltende Richtlinien: So wurden u.a. Fälle von Überarbeitung, sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und die Beschlagnahmung von Pässen bekannt. Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften und Anwälte prangern schon seit Jahren an, dass es sich bei dem umstrittenen Regierungsprogramm um eine Form moderner Sklaverei handelt.

Gegenmaßnahmen der Regierung

Um Verstößen gegen das geltende Recht in Zukunft entgegenzutreten, hat die japanische Regierung im November 2016 ein Gesetz erlassen, dass die Kontrolle der teilnehmenden Unternehmen verbessern soll. Dabei soll sich die sogenannte Organisation für die Schulung technischer Praktikanten (Organization for Technical Intern Training) für die Rechte ausländischer Arbeitnehmer einsetzen und regelmäßige Kontrollen in Unternehmen durchführen. Als Konsequenz von bekannt gewordenen Missbrauchsfällen wurden die betreffenden 239 Unternehmen und Organisationen für bis zu fünf Jahre aus dem Programm gestrichen.

Doch das Gesetz zeigte wenig Wirkung und auch im letzten Jahr wurden zahlreiche Fälle von Ausbeutung am Arbeitsplatz bekannt. Im November 2017 verabschiedete die Regierung dann erneut ein Gesetz zur stärkeren Überwachung von Betrieben, die ausländische Nachwuchskräfte beschäftigen. Der neue Entwurf sieht u.a. Strafen für Betriebe vor, die gegen geltende Richtlinien verstoßen. Auch müssen japanische Unternehmen künftig Ausbildungspläne vorlegen, die von Regierungsstellen überprüft werden. Ein neues Aufsichtsorgan namens Organization for Technical Intern Training wurde zusätzlich ins Leben gerufen, um Prüfungen vor Ort durchzuführen und mögliche Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen zu dokumentieren.

Die jüngsten Reformen kommen in einer Zeit, in der der Bedarf an Arbeitskräften immer weiter steigt. Die rapide Überalterung der Gesellschaft bei einem gleichzeitigen Geburtenrückgang hat schon jetzt dazu geführt, dass viele verschiedene Sektoren händeringend nach Arbeitskräften suchen. Laut Angaben des Justizministeriums nimmt die Anzahl der Arbeitnehmer, die über das Technical Internship Program nach Japan kommen, kontinuierlich zu – trotz der vielen Skandale. 2015 nahmen 164.641 Menschen daran teil, 2015 waren es 192.655 und 2016 strömten insgesamt 228.589 Menschen aus asiatischen Schwellenländern nach Japan, um dort neue technische Fähigkeiten zu erlernen.

Wenn ihr mehr über das Thema wissen wollt, dann empfiehlt sich die Dokumentation Sour Strawberries, die das Thema ausländische Arbeitskräfte und Praktikanten in japanischen Unternehmen behandelt.

Titelbild: Symbolbild Baustelle in Japan | Flickr: Sinkdd (CC BY-NC-ND 2.0)

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