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Gesellschaft Das Zen der sauberen Wohnung: Aufräumen auf Japanisch

Das Zen der sauberen Wohnung: Aufräumen auf Japanisch

Die Ästhetik traditioneller japanischer Räume beruht im Wesentlichen auf der Leere, dem nichtvorhandensein störender Elemente. Da verwundert es wenig, dass die Japaner längst auch das Aufräumen zur Kunst stilisiert haben.

Nachdem der Wohntrend des “Zen style” (禅スタイル) Anfang des neuen Jahrtausends auch im Westen für wohltuenden Minimalismus gesorgt hatte, dürften viele Zimmer mittlerweile wieder voll sein. Das Wissen, wie man diesen Ballast wieder effektiv los wird, ohne emotional wertvolle Dinge dabei zu verlieren, vermitteln nun zwei japanische Lehren

Konmari (こんまり)

Das Konzept des “Konmari” geht auf die Entrümpelungs-Expertin Marie Kondo (藤麻理恵) zurück, die nach eigenen Angaben bereits als Kind vom Aufräumen fasziniert war und nach einer Art Nervenzusammenbruch eine spirituelle Erkenntnis über das Aufräumen erfuhr.

Aufräumen auf Japanisch: Marie Kondo, Begründerin der Konmari-Methode (Foto: flickr Web Summit cc-by)

Nach dem internationalen Erfolg ihres Buches “Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert” (dt. Ausgabe 2013) dürfte dieser Funke auch auf andere Menschen übergesprungen sein.

Konmari folgt dem Prinzip, Gegenstände in einer bestimmten Reihenfolge zu entrümpeln (Kleidung/Bücher/Sonstiges/Sentimentales).

Dabei werden die Objekte der jeweiligen Kategorie aus allen Räumen der Wohnung zusammengetragen und auf einen Haufen gelegt.

Das Sortieren soll dann in einem Durchgang erfolgen, da man sonst zwangsläufig die Arbeit immer aufschiebe.

Neben der funktionalen Nützlichkeit, steht der Gefühlswert des Gegenstands im Mittelpunkt und damit die zentrale Frage des Konmari

“Tokimeki ga aru ka nai ka?” (ときめきがあるかないか?) – “Bereitet mir der Gegenstand Freude?

Ein “vielleicht” oder “später” gibt es dabei nicht – wer etwas bislang nicht getan hat, wird es auch trotz aller guten Vorsätze in Zukunft nicht machen. Nicht benötigtes wird endgültig aussortiert

Die nicht mehr benötigten Gegenstände sollen in blickdichten Behältern, wie Plastiksäcken verstaut werden und niemand dabei zusehen, da dies den Entscheidungsprozess stören könnte.

Zudem solle man trotz der zu erwartenden körperlichen Arbeit nicht im Schlabberlook antreten, sondern Kleidung tragen, in der man sich wohlfühlt. Dadurch werden unnötig harte Entscheidungen verhindert und man empfindet mehr Wohlbefinden – so die Theorie.

Ungewöhnlich ist die Sortierung von Kleidungsstücken, da sie nicht etwa an Bügeln aufgehängt, oder gestapelt, sondern senkrecht wie Bücher sortiert werden. Viele Falttechniken, die dabei zum Einsatz kommen, dürften Personen, die mit Furoshiki als Einschlagtüchern arbeiten, bekannt vorkommen.

Die Idee dahinter: Dinge die unten liegen, sieht man nicht, daher werden sie fast nie benutzt. Das senkrecht nebeneinander sortieren erhält den Blick auf Gegenstände, die sonst ungenutzt bleiben würden.

Das soll auch zur Wertschätzung dieser Objekte führen. Letztlich soll das Aufräumen ein  liebevolles Verhältnis zum Besitz fördern.

Danshari (断捨離)

Die zweite große Bewegung auf dem Gebiet der konsequenten Ausmisterei ist das “Danshari” nach Yamashita Hideko (山下ひでこ). Die Idee wurde 2009 geschaffen und das Kunstwort beruht auf den Schriftzeichen für “Ablehnung” – “Wegwerfen” und “Loslassen”.

Dabei geht es nicht nur um das einfache Aufräumen, sondern es wird eine Form des konsequenten Minimalismus angestrebt.

“Ablehnung” betrifft das Anschaffen neuer Dinge. “Wegwerfen” steht für die Entsorgung unnötiger Dinge und “Loslassen”  für das Aufgeben des Bedürfnisses nach materiellem Besitz.

Der philosophische Aspekt des Danshari besagt, dass bereits das Loslassen von nicht benötigten Dingen das Bedürfnis nach materiellem Wohlstand verringere und dabei Stress  reduzierend wirke.

Auch wenn der Boom bereits 2010 begann, soll das Konzept insbesondere nach den Tohoku-Katastrophen 2011 breitere Anwendung gefunden haben – angesichts der beengten Wohnverhältnisse wenig verwunderlich.

Mehr als nur Aufräumen

Doch gerade beim Danshari geht es um mehr als alte Pullover, ungelesene Bücher und geschenkte Staubfänger. Auch auf soziale Beziehungen kann Danshari angewandt werden.

Insbesondere in Zeiten der sozialen Netzwerke im Internet kann ein “Zu viel” an Followern, Facebook-Freunden, “Buddies” und Kontakten ebenfalls eine Entrümpelung erforderlich machen.

Denn solche Kontakte sind nicht einfach nur “Karteileichen” in Freundeslisten, sondern mit ihren Tweets und Postings beschäftigen sie psychisch und lenken von wesentlicheren Dingen ab.

Vielfach empfindet man es selbst als unhöflich, solche Bekanntschaften kommentarlos zu löschen – dann sind die Übung mentaler und emotionaler Distanz, sowie die diskrete Lösung eines “Abonnements” der Statusmeldungen ein diplomatischer Weg.

Kritik und Alternativen

Aufräumen und Recyling können Hand in Hand gehen (Grafik: Public Domain)

Der “Wegwerf-Trend” hat jedoch auch Kritiker. Zwar sei es richtig, dass das traditionelle Konzept des “mottainai“(勿体無い) oder Festhalten an Dingen mit weiterhin vorhandenem Nutzen, zu viel Krimskrams führe.

Allerdings sei das “kreative Chaos” vielfach auch Teil der Persönlichkeit und sollte nicht wegrationalisiert werden.

Durch eine Umweltaktivistin und Trägerin des Friedensnobelpreises – die Kenianerin Wangari Maathai – erfolgte zudem eine positive Umdeutung des “mottainai“.

Sie verstand die Idee des “Nicht-Verschwendens” als Aufruf zu Wiederverwendung, Reparatur und Recycling, anstatt konsequent zu entsorgen.

Egal ob man nun sich nun eher mit dem liebevollen Verhältnis des Konmari zu den Gegenständen seiner alltäglichen Umgebung, oder doch lieber mit den asketischen Ideen des radikalen Minimalismus im Danshari identifizieren kann – bei allen Konzepten zur Vereinfachung kann etwas “mottainai” vermutlich doch nicht schaden. Buddha lehrte nicht umsonst den mittleren Weg, jenseits aller Extreme.

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