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Gefängnis statt Seniorenheim – Japans greise Gangster

Japan hat ein ernstzunehmendes Problem mit Verbrechern im Greisenalter. Nicht nur steigt die Zahl der inhaftierten Senioren, auch wandern diese viel häufiger zurück hinter Gitter als jüngere Ex-Häftlinge.

Japan hat eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt. In kaum einem anderen Land wird so wenig gemordet, gestohlen, geraubt und betrogen wie hier. Im letzten Jahr ist die Zahl der Verbrechen sogar erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg unter die 1-Millionen-Marke gefallen, wie aus dem jährlichen White Paper des Justizministeriums hervorgeht.

Nicht so bei den über 60-Jährigen, denn hier bricht die Verbrechensrate regelmäßig Rekorde. 46.977 Täter im Seniorenalter verhaftete die japanische Polizei 2016 – über 70% von ihnen wegen Diebstahlrelikten. Seit Jahren beschäftigen betagte Straftäter und greise Strafgefangene die Medien und Öffentlichkeit. Man spricht in diesem Falle auch von Japans „Grauer Welle der Kriminalität“.

Senioren im Gefängnis – Japans Haftanstalten rüsten auf

In den Gefängnissen des Landes sind bereits über 12.2% Prozent der Insassen über 65 Jahre alt. Die nationalen Strafvollzugsanstalten haben lange damit begonnen, sich auf die betagten Insassen einzustellen: Es gibt altengerechte Haftabteilungen, eine steigende Anzahl an Vollzugsbeamten mit Pflegeausbildung, gehfreundliche Rampen, Windeln für Erwachsene und Handläufe auf den Korridoren, damit sich greise Insassen besser abstützen können. Laut offiziellen Angaben soll knapp die Hälfte aller 70 Gefängnisse in Japan ab April mit zusätzlichem Pflegepersonal ausgestattet werden.

Von insgesamt 2.498 Häftlingen im Seniorenalter, die derzeit in japanischen Gefängnissen einsitzen, sind über 70% Wiederholungstäter. Knapp ein Viertel aller aus dem Gefängnis entlassenen Senioren ist innerhalb von zwei Jahren nach der Freilassung wieder zurück hinter Gitter gewandert. Laut Justizministerium entspricht das einer Steigerung von 2,8% im Vergleich zum Vorjahr.

Warum aber werden so viele Senioren straffällig und aus welchen Gründen zählt Japan so viele Wiederholungstäter unter den über 65-Jährigen? Die Gründe für dieses Phänomen sind ebenso zahlreich wie komplex.

Japan altert so rasant wie kein anderes Industrieland und zugleich werden hier immer weniger Geburten gezählt. Im Jahr 2016 fiel die Zahl der Neugeborenen erstmals unter die 1-Millionen-Marke. Von den insgesamt 127 Millionen Einwohnern, die das Land zählt, sind bereits 27.3% über 65 Jahre alt – Tendenz steigend. Dieser ohnehin hohe Prozentsatz wird bis 2050 voraussichtlich auf 37.7% klettern. Je höher der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung, umso mehr hat man es logischerweise auch mit alten Straftätern und greisen Strafgefangenen zu tun. Mit den Auswirkungen des demographischen Wandels allein ist die außerordentlich hohe Seniorenkriminalität jedoch nicht zu erklären.

Flucht aus der Altersarmut

Experten zufolge ist vor allem die Altersarmut für die hohe Zahl an straffälligen Rentnern verantwortlich. Viele ältere Bürger sind Opfer der Wirtschaftskrisen, leiden unter der wirtschaftlichen Stagnation, haben kein geregeltes Einkommen und nur eine kleine Rente, die oftmals nicht zum Leben reicht. In einer von langen Arbeitszeiten und Leistungsdruck geprägten Gesellschaft können viele kaum auf Hilfe hoffen. Das in der Vergangenheit so dichte Netz der „Kernfamilie“ ist zerrissen, der soziale Zusammenhalt nimmt ab und die jungen Menschen zieht es seit Jahrzehnten weg von ihren Familien in die Metropolen. Tausende Dörfer und Landstriche sind bereits heute entvölkert und vergreist.

Auch das Prinzip, wonach Menschen mit zunehmendem Alter mehr Respekt entgegengebracht wird, funktioniert kaum noch. Viele ältere Menschen fühlen sich nutzlos und vernachlässigt und aus diesem Grund gehen japanische Senioren sogar freiwillig hinter Gitter, so die Experten. Besonders viele werden wieder straffällig, um ins Gefängnis zu kommen. Auch wenn die japanischen Gefängnisse für strikte Haftbedingungen bekannt sind, so bekommen greise Straftäter hier wenigstens ein Dach über dem Kopf, warme Mahlzeiten und ein Bad. Viele der betagten Insassen in Japans Haftanstalten wissen nicht, wie ihr Leben nach der Entlassung aussehen soll und sorgen sich um ihre Gesundheit und finanzielle Belange.

Titelbild: Flickr | Tomo Tang (CC BY-NC-ND 2.0)

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