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Japan – Die Zukunft gehört den Singles und den Alten

Kaum ein Thema bewegt Japan gegenwärtig so sehr wie der demographische Wandel, der seinen Ausdruck in zunehmender Lebenserwartung und abnehmender Geburtenrate findet. Statt Nachwuchs zu zeugen, leben immer mehr Menschen alleine. Offiziellen Prognosen zufolge soll es 2040 sogar knapp 40% Singlehaushalte in Japan geben.

Der öffentliche Diskurs über den demographischen Wandel beschäftigt sich vor allem mit dem Ausbleiben des Nachwuchses. 2017 ist die Zahl der Geburten in Japan auf den niedrigsten Stand in der Geschichte des Landes gesunken. Während in den 70ern noch mehr als zwei Millionen Japaner jährlich das Licht der Welt erblickten, waren es 1984 nur noch knapp 1,5 Millionen – 2005 dann nur noch 1,1 Millionen und 2017 kamen nur 941.000 Babies auf die Welt.

Die Zahl der Menschen über 65 Jahre hat unterdessen mit einem Anteil von 27,2% an der Gesamtbevölkerung ein Rekordhoch erreicht. Das heißt: Mehr als ein Viertel der Japaner befindet sich im Rentenalter. Diese Überalterung der Gesellschaft bei einem gleichzeitigen Ausbleiben des Nachwuchses könnte verheerende Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und das System der sozialen Sicherung haben.

Das Land der Singles

Doch warum bekommen die Japaner keine Kinder mehr und aus welchem Grund ziehen es so viele junge Menschen vor, Single zu bleiben statt eine Familie zu gründen? Die Gründe für diesen Trend sind ebenso komplex wie zahlreich: Junge Menschen in Japan heiraten immer seltener. 2017 haben sich lediglich 607.000 Paare das Ja-Wort gegeben. Laut dem japanischen Wohlfahrtsministerium ist das die tiefste Zahl seit Ende des Zweiten Weltkriegs vor über 70 Jahren. Nicht nur bleibt für junge Menschen kaum Zeit, neben dem Beruf noch einen Partner fürs Leben zu finden, viele wollen es auch nicht oder können es sich einfach nicht leisten.

2015 offenbarte eine offizielle Volkszählung, dass rund 25% der Männer und 14% der Frauen ein Leben lang unverheiratet bleiben. Laut einer Studie des National Institute of Population and Social Security Research (IPSS) aus dem Jahre 2016 verspürt ein Großteil der unverheirateten Japaner den Wunsch zu heiraten. Unter Menschen im Alter von 18 bis 34 wünschten sich sogar 86% der Männer und 89% der Frauen, den Bund der Ehe zu schließen. 40% von ihnen fehlten allerdings die nötigen finanziellen Mittel, um zu heiraten.

Lange vorbei sind die Zeiten, in denen Japans Wirtschaft boomte und die Gesellschaft sich als „Mittelschichtnation“ mit geringen Einkommensunterschieden und einem hohen Lebensstandard verstand. Auch vorbei sind die Zeiten, in denen Universitätsabsolventen nach dem Abschluss eine lebenslange Anstellung in einem großen Unternehmen fanden und nach steigendem Alter entlohnt wurden.

Heute ist ein Drittel der Arbeitnehmer in Japan in atypischen oder irregulären Arbeitsverhältnissen angestellt – meist ohne soziale Absicherung, ohne Kündigungsschutz, ohne Krankenversicherung und mit wenig Hoffnung auf eine berufliche Karriere. Zu der Gruppe der irregulären Arbeiter gehören Leiharbeiter, Vertragsangestellte und die sogenannten Freeter, eine Ableitung aus dem englischen free und dem deutschen Wort Arbeiter. Bei den Freetern handelt es sich um junge Menschen, die von einer Teilzeitbeschäftigung zur nächsten springen.

Während einige von ihnen sich mit ihrem Freeter-Dasein den Zwängen der japanischen Unternehmenskultur verweigern und bewusst keine Festanstellung suchen, sind andere notgedrungen zu Freetern geworden. Ein Großteil von ihnen strebt ein Vollzeit-Arbeitsverhältnis an, doch für Japans Unternehmen ist das auf Seniorität beruhende Entlohnungssystem teuer und im Zuge der Globalisierung unter dem internationalen Wettbewerb setzt man zunehmend auf „flexible“ Arbeitsverhältnisse und „entbehrliche“ Arbeiter, um die steigenden Lohnkosten alternder Belegschaften zu dämpfen und zugleich wettbewerbsfähig zu bleiben.

Doch nicht nur die tiefen Löhne führen dazu, dass in Japan immer weniger Kinder geboren werden. Auch individuelle Bedürfnisse und unterschiedliche Rollenerwartungen spielen eine Rolle: Auch wenn sich die Gesellschaft gewandelt hat, basiert die japanische Vorstellung einer Familie vielerorts noch immer auf dem Ideal des männlichen Ernährers und der Hausfrau.

Doch japanische Frauen sind nicht weniger gebildet als die Männer und drängen zunehmend auf ihre Rechte in der Gesellschaft. Sowohl am Arbeitsplatz als auch in einer Beziehung wollen sie als ebenbürtige Partner akzeptiert werden, was häufig zu unterschiedlichen Erwartungshaltungen führt und damit die Partnersuche erschwert.

Wegen der niedrigen Löhnte müssten eigentlich zwei Elternteile arbeiten, um sich eine Wohnung, die Ausbildung der Kinder und die Pflege der älteren Familienangehörigen leisten zu können, doch das Kinderkriegen kommt für die meisten aufstrebenden Frauen einem Ende der Karriere gleich, denn Kinder und eine Vollzeit-Anstellung lassen sich kaum vereinbaren. Viele bleiben aus diesen Gründen lieber Single und verzichten auf die Partnersuche.

Das Geschäft mit der Einsamkeit boomt

Jungen Alleinstehenden bieten sich in Japan zudem unendlich viele Möglichkeiten an, auch ohne Partner zu leben, denn viele Unternehmen sehen in dem Phänomen ein boomendes Geschäft. So gibt es Karaoke-Etablissements, die nur auf Singles ausgerichtet sind, Kuschelcafés, in denen man einen Partner zum Liebkosen mieten kann, virtuelle Lebenspartner und natürlich die Host- und Hostessenclubs, in denen man sich einen „Unterhalter“ oder eine „Begleitperson“ auswählt und von dieser umgarnt wird.

Sogar sogenannte „Solo-Hochzeiten“ werden heutzutage angeboten. Das Angebot richtet sich an Frauen, die gerne ein paar romantische Stunden in einem Hochzeitkleid verbringen möchten, aber nicht die Muße haben, einen geeigneten Ehepartner zu finden. Auf den Solo-Hochzeiten können sich die Single-Frauen dann gleich selbst heiraten und ein Erinnerungsfoto mit nach Hause nehmen.

Wie begegnet man dem Demographischen Wandel in Japan?

Was tut man nun, um die Japaner dazu zu bekommen, mehr Kinder in die Welt zu setzen und damit den rapiden Bevölkerungsrückgang aufzuhalten? Der demographische Wandel stellt die größte Herausforderung für das Land dar. Bereits jetzt sind die Folgen sichtbar, denn viele Branchen kämpfen schon heute mit einem akuten Mangel an Arbeitskräften.

Zwar wird der Notstand in einigen Sektoren bereits durch ausländische Arbeitnehmer abgedeckt, aber Japan versteht sich nicht als klassisches Einwanderungsland und die Regierung will auch in Zukunft davon absehen, den Arbeitsmarkt für ausländische Arbeitskräfte zu öffnen. Stattdessen setzt man auf die stärkere Einbindung von Frauen, die weiterführende Beschäftigung von Senioren und die Automatisierung der Dienstleistungsgesellschaft.

Weitere Maßnahmen, um den rapiden Bevölkerungsrückgang abzufedern, wären mehr Kindertagesstätten, damit auch Mütter einer Beschäftigung nachgehen können und ein Wertewandel in der von übermäßiger Überarbeitung geprägten Arbeitskultur des Landes. Lange Überstunden und Leistungsdruck sind häufig der Grund dafür, dass Japaner kaum Zeit und Kraft haben, über Familiengründung nachzudenken.

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1 Kommentar

  1. Das Geldprobleme ein Grund dafür sind, dass die Geburtsrate sinkt ist wirklich bedauerlich. Der Staat solle die Leute so unterstützen, dass Geld kein Problem mehr darstellt. Zumindest nicht, wenn die Eltern sogar arbeiten.

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