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Mobbing in Japan – Wenn die Schule zur Qual wird

Gedemütigt, gequält und geschlagen: mehrere Hunderttausend Schüler der japanischen Grund-, Mittel und Oberschule haben Mobbing schon mal am eigenen Leib erlebt. Für einige von ihnen werden die Schikanen so unerträglich, dass sie sich das Leben nehmen.

Insgesamt 323,808 japanische Schüler waren im letzten Jahr Opfer von Mobbing und Schikane in der Schule. Das geht aus einer Studie des japanischen Erziehungsministeriums hervor. Vergleicht man die Zahlen mit dem Jahr 2015, dann ist eine Steigerung von insgesamt 43.8% zu verzeichnen. Laut Angaben der Ministeriums wurden über 90% der Fälle aufgeklärt und beigelegt, aber das Mobbing von Kindern und Jugendlichen bleibt ein ernstzunehmendes Problem innerhalb der japanischen Gesellschaft.

„Wir müssen den Zuwachs an Mobbingfällen in Japan sehr ernst nehmen, aber wir glauben auch, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen, so lange wir in der Lage sind, Mobbing frühzeitig zu erkennen“, so ein Sprecher des Bildungsministeriums.

Zwar ist Mobbing kein spezifisch japanisches Problem, jedoch hat das Schikanieren von Mitschülern in Japan so bedrohliche Ausmaße genommen, dass selbst die Regierung bemüht ist, dieses schwerwiegende Problem einzudämmen. In über 400 Fällen in 374 Schulen wurden die Schikanen so schlimm, dass die Kinder und Jugendlichen ernsthafte physische und psychische Belastungen zu beklagen hatten.

Unter den verschiedenen Arten von Mobbing machen Beleidigung und Spott mit 62.5% die größte Gruppe aus. In 59,457 Fällen sind Schüler der Grund-, Mittel- und Oberschule zu Opfern von Gewalt geworden. Besonders alarmierend ist die steigende Zahl der betroffenen Grundschüler. Insgesamt 22,847 Schüler an japanischen Grundschulen haben demnach physische Gewalt erlitten. Das sind 5,769 Fälle mehr als im Jahr 2015.

Mobbing in Japan - Wenn die Schule zur Qual wird
Mobbing in Japan – Wenn das Klassenzimmr zum Ort des Grauens wird | Sumikai © Naomi Dillenséger

Japanische Schüler sehen oft keinen anderen Ausweg als den Freitod

Von insgesamt 244 Schülern, die 2016 Suizid begingen, haben mindestens 10 Schikane und Mobbing erlebt. Bereits in den 80er Jahren hatte eine Welle von Suizidfällen an japanischen Schulen Aufmerksamkeit erregt. Besonders der Fall von Hirofumi Shikagawa, der sich 1986 als Folge grausamer Schikane durch seine Mitschüler das Leben nahm, schlug in der Öffentlichkeit so hohe Wellen, dass die japanische Regierung das sogenannte Ijime (Ableitung vom Verb Ijimeru, zu dt. Quälen) als gesellschaftliches Problem anerkannte. Der 13-Jährige hinterließ vor seinem Selbstmord einen Abschiedsbrief, in dem er schrieb, dass er zwar noch nicht sterben wolle, aber auch keinen anderen Ausweg sehe, dieser Hölle zu entkommen.

Von Justiz, Schulen und Lehrern im Stich gelassen

Laut Angaben des Bildungsministeriums gaben 30% der japanischen Schulen an, dass ihnen keine Mobbingfälle bekannt seien. Dass Ijime vielerorts jedoch unter den Tisch gekehrt wird, offenbart der Fall eines 13-Jährigen Schülers aus Otsu in der Präfektur Shiga.

Der Schüler hatte sich im Oktober 2011 aus einem Wohnhaus in den Tod gestürzt, nach dem er monatelang von Mitschülern gemobbt wurde. Die Erniedrigungen haben so extreme Ausmaße genommen, dass der Junge von seinen Peinigern dazu gezwungen wurde, seinen eigenen Selbstmord zu „üben“. Kurz nach dem Tod des Jungen hatte seine Schule eine Befragung unter ihren Schülern durchgeführt. Obwohl sich in Folge dessen herausstellte, dass der Junge schwerwiegend gemobbt wurde, konnte die lokale Bildungsbehörde keine Verbindung zu seinem Suizid feststellen und auch die örtliche Polizei verweigerte den verzweifelten Eltern, den Fall näher zu untersuchen.

Erst als die Eltern in letzter Instanz eine Schadensersatzklage gegen die Peiniger und die Stadtregierung von Otsu einreichten, wurde der Fall noch mal aufgerollt und eingehend untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die Schule das systematische Mobbing des Jungen heruntergespielt habe und dass selbst Lehrer von der Schikane wussten, es aber versäumten, dem Jungen zu helfen.

Cybermobbing und die große Gefahr sozialer Medien

Kazuo Takeuchi, ein Professor der Hyogo Universität führt die Zunahme an Mobbingfällen auf ein verändertes Lebensumfeld und auf das Nutzen von digitalen Medien zurück. „Die Arten des Mobbing haben sich verändert. Es ist nicht mehr das Ijime, das die heutigen Lehrkräfte aus ihrer Schulzeit kennen. Wir müssen uns bemühen, die Lebensrealitäten von Kindern im digitalen Zeitalter besser zu verstehen.“

Tatsächlich verlagert sich das Mobbing vom Schulhof zunehmend auch ins Netz, was für die Betroffenen noch gravierendere Ausmaße annehmen kann. Beim physischen Mobbing können Betroffene wenigstens nach Hause zurückkehren und Zuflucht in den eigenen vier Wänden suchen. Wenn Mobbing allerdings im Netz und über soziale Medien stattfindet, dann hat die Schikane selten ein Ende. Auch bekommen die Täter die emotionale Reaktion ihrer Opfer nicht mehr unmittelbar mit und können teils aus der Anonymität heraus agieren. Das führt oft dazu, dass Beleidigungen, Häme und Spott noch extremere Ausmaße annehmen, als auf dem Schulhof.

Hitoshi Jin, der Vorsitzende des Childline Support Center Japan, vertritt die Meinung, dass Schulen im Umgang mit „Cybermobbing“ häufig überfordert sind, weil die Schikane über die Schulzeit hinaus zu jeder Uhrzeit stattfinden kann und die Täter teils anonym agieren. Er fordert, dass Familien, lokale Gemeinschaften und Nichtregierungsorganisationen stärker in den Prozess der Lösungsfindung mit einbezogen werden müssen.

Japans aussichtsloser Kampf gegen das Mobbing

Im Jahre 2013 hat die japanische Regierung sogar ein Gesetz erlassen, das Bildungsinstitutionen dazu verpflichtet, Mobbing im frühen Stadium zu erkennen und präventiv dagegen vorzugehen. Dabei sollen vor allem Beratungsstellen Abhilfe verschaffen und die Opfer von Mobbing in der Schule weitgehend unterstützen. Dass die systematische Schikane von japanischen Schülern allerdings trotz Bemühungen seitens der Regierung und Öffentlichkeit noch immer ein schwerwiegendes Problem ist, offenbaren eingangs vorgestellten Daten des Erziehungsministeriums.

Titelbild: Flickr © Elmimmo (CC BY 2.0) 

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