Obdachlos in Tokyo | Leben im Internetcafé

In Japan leben Tausende in rund um die Uhr geöffneten Internetcafés, weil sie sich die hohen Mieten in Millionenmetropolen wie Tokyo nicht leisten können. Neben Computern und Duschen bieten die Internetcafés auch mehr Privatsphäre als ein Leben auf der Straße.

Über 4.000 Japaner leben alleine in Tokyo in Internetcafés. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Tokyo Metropolitan Government (Verwaltung der Präfektur Tokyo). Die Obdachlosen, ein Drittel zwischen 20 und 30 Jahre alt, sind nicht unbedingt arbeitslos. Die meisten sind Leiharbeitnehmer, Vertragsarbeiter oder Teilzeitkräfte, die sich von ihrem Verdienst keine eigene Wohnung leisten können.

Japans neue Obdachlose | Die Internetcafé-Flüchtlinge

Das Tokyo Metropolitan Government befragte für die Studie die Betreiber von insgesamt 502 rund um die Uhr geöffneten Internet- und Mangacafés. 222 dieser Etablissements lieferten gültige Antworten. Anhand der Ergebnisse schätzt man, dass rund 15.000 Menschen in Tokyo täglich in einem Internetcafé schlafen. 37,1% nutzen die Internetcafés als Unterkunft für die Nacht, weil sie beispielsweise beruflich in Tokyo unterwegs sind. 28,5% gaben an, keine Wohnung zu besitzen und dementsprechend Zuflucht im Internetcafé zu suchen. In Japan nennt man die Obdachlosen Netto Nanmin oder Nettocafé Nanmin, was sich in etwa mit „Netzflüchtlinge“ oder „Internetcafé-Flüchtlinge“ übersetzen lässt. Die Netto Nanmin und die Makku Nanmin (McDonalds-Flüchtlinge) sind ein Phänomen, das erstmals in den 90er Jahren öffentliche Beachtung fand.

Leben im Internetcafé in Japan
Internetcafé in Japan | Flickr: Dick THomas Johnson (CC BY 2.0)

In einer Stadt wie Tokyo, in der selbst ein kleines Zimmer nur selten weniger als rund 700 Euro im Monat kostet, ist es für diese Menschen günstiger im Internetcafé zu übernachten, was nur einen Bruchteil davon kostet. Nicht nur Internetcafés dienen ihnen als Unterkunft. Auch rund um die Uhr geöffnete Fast-Food-Restaurants, Love Hotels, Karaoke-Bars, Saunas und Kapselhotels sind Orte der Zuflucht für Tokyos Obdachlose.

Was ist das Besondere an japanischen Internetcafés?

Möchte man nur etwas Zeit totschlagen oder auf die erste Bahn warten, dann bieten die Internetcafés das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Für wenig Geld mietet man sich hier eine rund anderthalb Meter große Kabine – mit Trennwänden für die Privatsphäre, einem Computer zum Surfen, Spielen oder Filme schauen und einer wegklappbaren Kopflehne. Die kleinen Räume sind in der Regel nach oben offen und bieten mäßigen Schlafkomfort. Klappt man die Sitzlehne zurück, dann bleibt gerade einmal so viel Platz, dass man die Beine ausstrecken kann. Im Eingangsbereich der Cafés kann man sich ein Ladekabel fürs Smartphone ausleihen, es gibt es ein großes Sortiment an Anime und Manga, Duschautomaten, die per Münzeinwurf funktionieren und einen Getränkeautomaten mit kostenfreien Softdrinks.

Leben im Internetcafé in Japan
Getränkeautomaten im japanischen Internetcafé @ Naomi Dillenséger

38,6% der sogenannten Internetcafé-Flüchtlinge sind in ihren 30ern und 28,9% über 50 Jahre alt. Sie werden in Japan auch als Working Poor bezeichnet – Menschen, die zwar arbeiten, aber dennoch nicht genug verdienen, um sich ein Dach über dem Kopf leisten zu können.

Working Poor | Japans neue Unterschicht

Lange vorbei sind die Zeiten, in denen ein Großteil der Japaner eine Anstellung auf Lebenszeit besaß und nach dem Senioritätsprinzip entlohnt wurde. Mit dem Platzen der Spekulationsblasen in den frühen Neunziger Jahren und der folgenden Wachstumsschwäche geriet das allseits verbreitete Bild der Mittelschichtgesellschaft Japans mit seinen geringen Einkommensunterschieden ins Wanken. Nach und nach wurde das Modell der „lebenslangen Beschäftigung“ durch Zeitarbeit, Werksverträge und Teilzeitarbeit ausgehöhlt. Mehr als ein Drittel der Beschäftigten in Japan steckt heute in einer atypischen oder irregulären Beschäftigung – meist ohne soziale Absicherung, ohne Kündigungsschutz, ohne Krankenversicherung und mit wenig Hoffnung auf eine berufliche Karriere.

Internetcafé-Flüchtlinge | Die Tagelöhner unserer Zeit

Viele der atypischen Beschäftigten suchen ihre Tagesjobs im Internet oder lassen sich bei Leiharbeitsfirmen registrieren, die ihnen Angebote per SMS schicken. Dabei wechseln die Einsatzorte und Tätigkeiten häufig. Zu der Gruppe der irregulären Arbeiter gehören Leiharbeiter, Vertragsangestellte und die sogenannten „Freeter“, eine Ableitung aus dem englischen free und dem deutschen Wort Arbeiter. Bei den Freetern handelt es sich um junge Menschen, die von einer Teilzeitbeschäftigung zur nächsten springen.

Leben im Internetcafé in Japan
Internetcafé in Japan | Flickr: Turner (CC BY-NC-ND 2.0)

Während einige von ihnen sich mit ihrem Freeter-Dasein den Zwängen der japanischen Unternehmenskultur verweigern und bewusst keine Festanstellung suchen, sind andere notgedrungen zu Freetern geworden. Ein Großteil der Freeter strebt ein reguläres Beschäftigungsverhältnis an, doch für Japans Unternehmen wird das auf Seniorität beruhende Entlohnungssystem teuer und im Zuge der Globalisierung und dem internationalen Wettbewerb setzt man zunehmend auf „flexible“ Arbeitsverhältnisse und „entbehrliche“ Arbeiter, um die steigenden Lohnkosten alternder Belegschaften zu dämpfen und zugleich wettbewerbsfähig zu bleiben.

Eine ausweglose Situation

Auch wenn sich die Beschäftigungssituation in Japan verbessert hat und die Arbeitslosenquote sogar auf den niedrigsten Stand seit über zwei Jahrzehnten gesunken ist, bedeutet das nicht unbedingt, dass japanische Firmen nun versuchen, Arbeitnehmer langfristig zu binden. Während 1994 noch rund 20,3% der Arbeitnehmer in atypischen Beschäftigungsverhältnissen waren, waren es 2016 schon 37,5%. Nicht nur führt die fehlende Absicherung der irregulären Arbeitnehmer zu weniger Konsum, sie trägt auch dazu bei, dass diese weniger bereit sind, Familien zu gründen und Kinder in die Welt zu setzen.

Die niedrige Arbeitslosenquote Japans ist auch nur bedingt aussagekräftig, da viele sich davor scheuen, Sozial- oder Arbeitslosenhilfe zu beziehen, weil das noch immer mit einem sozialen Stigma verbunden ist. Laut Ren Ohnishi, der die NGO Moyai Support Centre for Independent Living führt, können die meisten Menschen auch keine Sozialhilfe beziehen, da sie ja einer Beschäftigung nachgehen und daher nicht für staatliche Unterstützung in Frage kommen. „Diese Menschen verdienen nicht genug, um ein Zuhause zu finden, aber sie bekommen auch keine Sozialhilfeleistungen gewährt, weil sie ja Geld verdienen“, so Ohnishi im Gespräch mit der Japan Times.

Die letzte umfassende Studie zu den Internetcafé-Flüchtlingen wurde 2007 vom japanischen Wohlfahrtsministerium durchgeführt. Anhand der Ergebnisse schätzte man, dass es zu dieser Zeit rund 5.400 obdachlose Japaner gab, die in den rund um die Uhr geöffneten Internetcafés übernachteten.

Bildrechte | Flickr: Richard Schneider(CC BY-NC 2.0) | Dick Thomas Johnson (CC BY 2.0) | Turner (CC BY-NC-ND 2.0)

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