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Gesellschaft Sexuelle Belästigung in Japan als Stressabbau? Hintergründe von Chikan

Sexuelle Belästigung in Japan als Stressabbau? Hintergründe von Chikan

Die #Metoo-Bewegung gegen sexuelle Belästigung startete in Amerika und hat inzwischen den anderen Teil der Welt auch erreicht. Dennoch, während die Frauen in Asien den Mut aufbringen, um gegen sexuelle Belästigung aufzutreten, scheitert Japan schon seit mehreren Jahren daran, bestehende Probleme von sexueller Belästigung im öffentlichen Verkehr zu beseitigen.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie fahren in einem überfüllten Wagen der S-Bahn. Menschen drängeln sich von allen Seiten. Die gnädige Frau drückt ihre enorme Tasche in Ihren linken Oberschenkel, der nette Herr rechts von Ihnen hat wohl noch nie von Deos gehört. Sie warten geduldig, bis der Zug endlich Ihre Haltestelle erreicht und Sie dieser Menschenmenge entkommen können.

Plötzlich spüren Sie, dass jemand Ihren Po oder Oberschenkel berührt. Kann ja sein, dass es keine Absicht ist, schließlich hat man kaum Platz, um den Kopf von dem Rucksack eines Studenten wegzudrehen. Aber das Gefühl bleibt, und jetzt versucht der Unbekannte mit seinen Fingern auch noch, in ihre Unterwäsche hinein zu fassen. Werden Sie verärgert und schlagen blind mit der Faust nach hinten? Bitten Sie die Person hinter Ihnen in einer netten Weise, „die Pfoten von Ihrem Höschen zu lassen“? Oder werden Sie so verblüfft und sprachlos sein, dass Sie es einfach aushalten?

Chikan, die sogenannte sexuelle Belästigung durch Grabschen, ist schon seit den 90ern in Japan als offizielles Verbrechen eingestuft, jedoch haben harte Strafverfolgungen, Präventionsmaßnahmen wie Kameras und Zugwagen nur für Frauen wenig dazu beigetragen, das Problem zu lösen.

Die offiziellen Statistiken zeigen, dass in den letzten Jahren die Anzahl der chikan-Fälle gesunken ist (2013 – 3.886 Fälle und 2016 – 3.217). Aber die japanische Polizei gibt zu, dass die echten Zahlen sicherlich zehnmal so hoch sind, denn nicht jeder Fall wird bei ihnen gemeldet.

Das bestätigt auch eine Studie, die die Administration der Saitama Präfektur 2016 durchgeführt hat. Fast 1.000 Frauen haben anonym Fragen über chikan beantwortet. Diese Studie ergab, dass nur 6,1% der Opfer bei der Polizei eine Anzeige gestellt haben.

Was auch nicht besonders verwunderlich ist. Der beliebteste Ort für chikan-Täter bleibt überfüllte Züge des öffentlichen Verkehrs. Es ist dort oftmals unmöglich, sich zu bewegen, zu wehren und auch manchmal schwer, festzustellen, wer genau dich begrabscht hat.

Dies und der Fakt, dass viele japanische Frauen sich schämen, Aufmerksamkeit zu erregen und in dem vollen Zug auszurasten, wird dann von den Grabschern ausgenutzt.

Gibt es aber wirklich unter den japanischen Männern so viele Perverse, die ihre Sexualität nur durch das Begrabschen im vollen Zug realisieren können?

Laut Aikyoshi Saito – einem zertifizierten Psychiater, der auch letztes Jahr ein Buch zu dem Thema veröffentlicht hat, empfinden nur wenige Männer chikan als einen sexuellen Akt.

Von 1.200 Männern, die mindestens schon einmal beim chikan erwischt wurden, haben nur 200 zugegeben, dass sie dabei eine Erektion bekommen. Saito meint, dass der eigentliche Grund, weswegen so viele japanische Männer Frauen heimlich begrabschen, Stress ist.

Der durchschnittliche chikan-Täter ist meistens ein Mann um die 40, der auch Frau und Kinder hat. Also der typische japanische Firmenmitarbeiter. Diese Männer bilden auch die größte Risikogruppe für den Tod durch Überlastung. Es seien also der Stress von mehreren Überstunden, die täglich gemacht werden, und auch zum Teil das Gefühl, keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben, die sie dazu treiben, chikan zu begehen.

Auch die Wahl der Opfer ist dadurch bestimmt – die Übergriffe finden meistens auf Frauen statt, die auf die Täter „schwächer“ wirken.

Doch egal, ob es für die Männer eine sexuelle Handlung ist oder nicht, es bleibt in jedem Fall eine sehr unangenehme und schreckliche Erfahrung für die Frau.

Eine größere Sorge macht jedoch eine andere Antwort diese Täter – alle von ihnen haben angegeben, dass sie, obwohl sie schon einmal bei der Tat erwischt wurden, nicht vorhaben, damit aufzuhören. Die chikan-Grabscher empfinden auch keine Empathie gegenüber ihren Opfern und glauben nicht, dass sie eine schwere Tat begehen. Es hat auch sehr viel damit zu tun, dass die Meinung herrscht, die japanischen Frauen „müssten alles stumm aushalten“.

Eine der aktuellsten Präventionsmaßnahmen von chikan sind die im Januar 2018 angefertigten Buttons. Die Idee stammt von einem chikan-Opfer – einem 17-jährigen Schulmädchen aus Tokyo. Das Japanische Zentrum für chikan-Präventionsmaßnahmen (Chikan Yokushi Katsudo Center) hat diese Idee unterstützt und Buttons mit Aufrufen wie „chikan ist eine Straftat!“ und „Wir werden uns nicht einfach in den Schlaf weinen“ anfertigen lassen.

Es ist aber fraglich, ob so ein Button tatsächlich einen chikan-Täter stoppen wird, dem es eigentlich bewusst ist, dass er eine Straftat begeht.

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