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Sich der Natur ergeben – Wie Tawada Yoko die Katastrophe von Fukushima in Deutschland erlebte

Am 11. März 2011 ereignete sich in Japan jene Tragödie, welche, als Dreifachkatastrophe oder 3/11 bezeichnet, in die Geschichte eingehen würde. Die seit 1982 in Deutschland lebende Japanerin Tawada Yoko galt während der Krise als eine der beliebtesten Ansprechpartnerinnen deutscher Medien.

Ausgelöst durch ein Seebeben der Stärke 9,0 traf in mehreren Wellen ein bis zu 40m hoher Tsunami auf die japanische Ostküste und verwüstete große Teile der durch das Beben ohnehin schon angeschlagenen Region Tōhoku. Ganze Städte wurden ausgelöscht. 470.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, mehr als 18.000 starben, über 2.500 gelten heute noch als vermisst.

Zusätzlich hielt das an der Küste gelegene Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi den Naturgewalten nicht stand und havarierte. Somit war zum dritten mal in der japanischen Geschichte der atomare Ernstfall eingetreten und die ganze Welt konnte über Live-Streams, Sondernachrichtensendungen und tägliche Zeitungsberichte zusehen.

Das japanische Katastrophenbewusstsein

In zahlreichen Interviews versuchte Tawada Yoko, die 2016 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnete Schriftstellerin und Bühnenautorin, den Deutschen die Situation in Japan zu erklären und wie die Reaktionen der Japaner zu deuten seien. Häufiges Thema dieser Gespräche war auch die japanische Mentalität.

„Wir haben als Kind gelernt, im Fall einer Naturkatastrophe Ruhe zu bewahren“, so die Autorin 2011 in einer Sendung von Deutschlandradio Kultur. Schon bei dem Wort ‚Naturkatastrophe‘, werde Sie ganz ruhig. Im Gegensatz zu Europäern sieht sie Natur nicht als etwas Schönes und Kleines an, das beschützt werden muss, sondern als eine „Gewalt in der Welt“.

Für die Japanerin bedeutet der Umgang mit der Natur sie zu respektieren ohne sie zu romantisieren. Sie habe eine eigene Kraft und Dynamik, die zwar schön, aber auch unberechenbar ist, denn, so Tawada weiter, „die Natur ist viel stärker und macht was sie will mit uns, tötet uns“.

Vielleicht lag es genau an dieser pragmatischen Akzeptanz, dass viele Japaner im Angesicht solch einer Krise so ruhig und diszipliniert reagierten. In einem Artikel des Tagesspiegels erinnert sich Tawada Yoko an die Reaktion ihres Vaters auf 3/11. Auf ihre Anfrage ob bei ihrer Familie in Tokyo alles in Ordnung sei, antwortete er, dass „die S-Bahn am nächsten Tag wieder fahren werde und er dann zum Antiquariat könne um seiner Tochter ein von ihr gewünschtes Buch zu besorgen.“

„Das war das Erste, was er schrieb“, kommentierte die Autorin, „und ich musste lachen. Natürlich brauche ich das Buch dringend, aber was ist mit dem großen Erdbeben?“ Um in solch einer extremen Situation die Ruhe zu bewahren sagt sie, sei es am besten, dass man sich auf etwas „konkretes, kleines, alltägliches wie ein Buch konzentrieren solle, statt Sätze mit Ausrufezeichen auszusprechen.“

Diese beinahe schon stoische Gelassenheit zeigte sich auch in den japanischen Presseberichten, welche deutlich zurückhaltender als deutsche Medien berichteten. Während in Deutschland Schlagzeilen wie „Explosion in AKW: Japan zittert vor dem Katastrophenreaktor“ (Spiegel Online: 12.03.2011) oder „Mitten in der Apokalypse brennt ein Lagerfeuer“ (BILD: 16.03.2011) ein geradezu endzeitliches Ausmaß der Ereignisse herbeischrieben, galt der Stromausfall in Tokyo als interessanteres und wichtigeres Thema.

Bereits wenige Tage nach dem 11. März kritisierte Tawada, dass japanische Zeitungen kaum über den Zustand des AKWs in Fukushima oder die Gefahren von radioaktiver Strahlung berichteten: „Ich habe Informationen aus deutschen Zeitungen ins Japanische übersetzt und online gestellt, weil ich besorgt war über diese Nachrichtenlage. Ich habe nicht verstanden, dass man so viel vom Stromausfall berichtet, als wäre er das Hauptproblem.“ In einer Radiosendung 2013 hieß es in einem Kommentar von ihr, dass 3/11 für sie der Anlass gewesen sei „offener und kritischer über japanische Politik zu sprechen“.

Fukushima als Zäsur

Neben Hiroshima, Nagasaki und Tschernobyl ist auch Fukushima zu einem Mahnmal der Gefahren von atomarer Technik geworden. Ein Umstand, der auch Tawada Yoko zu schaffen macht. 2012 sagte sie, dass das Schlimmste am März 2011 gewesen war, dass man die Kontrolle über die Nuklearkraft und den folgenden Fallout verloren hatte und die Existenz von Atomkraftwerken ein Fehler sei. Seitdem äußert sie sich kritischer und politischer zu ihrem Heimatland und lässt ihre Erfahrungen und Ängste um Fukushima auch in ihre Arbeit mit einfließen. Ihre jüngsten Schriften über 3/11 befassen sich mit der Übersetzbarkeit von Katastrophen. Wie kann man diese so übersetzen, dass sie nicht isoliert darstehen, sondern als Produkte kultureller Entwicklung?

Ihr neuer Roman „The Emmisary“ (bisher nur auf Englisch veröffentlicht), greift auf ihr erstes Werk der Post-Fukushima-Ära, eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Fushi no shima“ (dt. Insel der Unsterblichkeit) zurück. Das neue Buch spielt in Japan nach einer unbenannten Katastrophe (nuklearer Niederschlag wird suggeriert). Das Land hat sich vom Rest der Welt isoliert. Die einzigen wilden Lebewesen, die noch übrig sind, sind Spinnen und Krähen. Auch die Sprache hat begonnen, zu verschwinden. Männer durchlaufen die Menopause. Kinder sind so geschwächt und siechen dem Tod entgegen, dass hilflose Kinderärzte anfangen sich aus Verzweiflung umzubringen, während die älteren Generationen nicht mehr sterben können.

In ihren Texten polarisiert sie das Vergessen und die Relativierung von atomarer Strahlung. Dabei wendet sie sich ab vom Genre der „Literatur der Heilung“, welche versucht den erlebten Schrecken zu verarbeiten und ein Stück Normalität wieder herzustellen, und zeichnet stattdessen ein verstrahltes, gar dystopisches Bild vom Japan der Zukunft.

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1 Kommentar

  1. Sehr geehrte Sumikai-Leser/Leserinnen, und Autor, seit kurzem ist nun auch die kongeniale Übersetzung von „Kentôshi“ ins Deutsche in der Welt – Peter Pörtner ist der exzellente Translator. Der deutsche Titel ist: „Sendbo-o-te“. Großartig…

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