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Gesellschaft Sumo in Japan – Die tiefe Krise des japanischen Traditionssports

Sumo in Japan – Die tiefe Krise des japanischen Traditionssports

Was ist geworden aus der ältesten und traditionellsten Sportart Japans? Die einst glorreichen Zeiten des Sumos scheinen vorüber zu sein.

Im Januar diesen Jahres war es endlich wieder soweit: Zum ersten Mal seit knapp 20 Jahren hat es wieder ein gebürtiger Japaner geschafft, in den höchsten Rang des Traditionssports erhoben zu werden. Der Rang des Yokozuna ist die höchste Stufe, die man als Sumo-Ringer erreichen kann. Der 180kg schwere Kisenosato ist damit der erste gebürtige Japaner seit 1998, der diesen Titel tragen darf. Mit seiner Ernennung zum Yokozuna hat der Japaner die fast zehn Jahre anhaltende Vorherrschaft mongolischer Sumo-Ringer im einst so urjapanischen Traditionssport unterbrochen. In Japan erhoffen sich viele jetzt wieder mehr Begeisterung für die Sportart, die seit ein paar Jahren in einer tiefen Identitätskrise steckt.

“I realized sumo is part of the Japanese soul” (Yokuzuna Takanohana, Japan Times 2003)

Beim Sumoringen handelt es sich um eine ca. 2000 Jahre alte Form des Ringkampfes, der ursprünglich zur Unterhaltung der Shinto-Gottheiten abgehalten wurde und traditionell den Männern vorbehalten ist. Die Regeln sind recht einfach: Der Ringer, der zuerst aus dem Ring gedrängt wird oder dessen Körperteile zuerst den Boden berühren, hat verloren. Das Ganze dauert manchmal nur wenige Sekunden und wird von shintoistischen Ritualen begleitet.

Noch vor ca. 20 Jahren war das Sumo-Ringen mit seiner tiefen Verwurzelung in Kultur und Identität Japans die wichtigste Sportart der Insel. Sumo-Ringer genossen landesweit Anerkennung und wurden euphorisch gefeiert. Während der 1990er Jahre war Sumo so populär, dass es nicht nur in Japan, sondern auch im Ausland übertragen wurde. Sogar in Deutschland konnte man während dieser Zeit die populären Kämpfe auf Eurosport mitverfolgen. Die einst glorreichen Zeiten des Sumos sind allerdings vorüber und die Begeisterung für den einst gefeierten Nationalsport ist in den letzten 20 Jahren erheblich gesunken.

Traditionelle Zeremonie der Sumo Ringer im Ryogoku Kokugikan, Tokyo © Naomi Dillenséger

Die einst wichtigste Sportart Japans auf dem Tiefpunkt ihrer Popularität

Was ist geworden aus der ältesten und traditionellsten Sportart Japans? Die Gründe für den Verfall der einst beliebten Zuschauerattraktion sind vielfältig: Der letzte Japaner im höchsten Rang der strengen Sumo-Hierarchie – Yokozuna – war der populäre Takanohana, der zusammen mit seinem Bruder Wakanohana die Sumo Welt der 90er Jahre dominierte und dem Sport zu einem Höhepunkt seiner Popularität verhalf. Seit dessen Rücktritt im Jahre 2003 und bis 2017 hatte es kein anderer Japaner auf den höchsten Rang gebracht. Die letzten vier Schwergewicht vor Kisenosato, die mit dem Yokuzuna-Rang beehrt wurden, sind allesamt Sumo-Ringer mongolischer Herkunft (Asashoryu, Hakuho, Harumafuji & Kakuryu). Einen japanischen Anwärter auf den Titel gab es bis vor Kurzem nicht.

Sumo ist der Sport der Japaner“ – Hat der Sport ein Rassismusproblem?

Seit Jahren befinden sich unter den stärksten Sumoringern des Landes viele Ringer ausländischer Herkunft – trotz scharfer Quote für Ausländer. Jeder der insgesamt 43 Sumo-Ställe im Land darf nämlich nur einen Ausländer stellen. Auch wenn die Ringer teils japanische Pässe besitzen, werden sie oft als Ausländer betrachtet. Die geringe Ausländerquote wird häufig damit begründet, dass der Sport so tief in der japanischen Kultur verwurzelt ist, dass man befürchte, der japanische Geist könne verloren gehen, falls zu viele Ausländer den Sport dominieren. Dass immer mehr Ausländer die einst urjapanische Traditionssportart dominieren, wird vielerorts bedauert, aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb sich immer mehr Menschen von der einstigen Publikumsattraktion abwenden.

Nobori Flaggen vor dem Ryogoku Kokugikan Sumo Stadion in Tokyo © Naomi Dillenséger

Halbgötter auf Abwegen: Drogen, illegale Sportwetten, Misshandlungen und Verbindungen zu den Yakuza

In den letzten Jahren haben Skandale den einflussreichen Sumoverband so nachhaltig geschädigt, dass die Regierung sogar mal verlauten ließ, sie überlege, dem Sumo seinen Status als Nationalsport abzuerkennen. Im Sommer 2011 sah sich dann die öffentliche Rundfunkgesellschaft NHK dazu gezwungen, die Live-Übertragung eines wichtigen Turniers aufgrund von Protesten abzusagen. Was war passiert? Mehrere Sumo-Ringer waren in einen Skandal um illegale Wetten in Verbindung mit Yakuza-Organisatoren verwickelt. Deren Geständnisse markieren nur das jüngste Kapitel in einer Geschichte voller Skandale um Drogen, illegale Sportwetten, Verbindungen mit Verbrechersyndikaten und sogar Misshandlungen.

Hartes Training und geringe Erfolgsaussichten – Die japanischen Sumoställe

Der wohl größte Skandal ereignete sich 2009, als ein 17-Jähriger nach Anweisung eines Trainers während des Trainings zu Tode gequält worden war. Gewalt und strikte Maßregelungen scheinen nach Berichten verschiedener Medien keine Seltenheit zu sein in den streng reglementierten Sumo-Ställen (heya), in denen die Ringer gemeinsam leben und trainieren. Viele Japaner glauben, dass es an der Zeit ist, den Sumo und seinen Verband von Grund auf zu reformieren und die von harter Disziplin und brutalem Training geprägten Sumo-Ställe zu ändern. Ohne einen grundlegenden Wandel könne das verlorene Vertrauen der Öffentlichkeit nicht wieder hergestellt werden. Darüber hinaus müssten die strikten Regeln und Normen der Sumo-Ställe an die Wirklichkeit angepasst werden, um wieder mehr junge Menschen für Japans einst wichtigste und traditionellste Sportart zu begeistern. Kisenosato’s Aufstieg zum Yokozuna könnte jedenfalls dabei helfen, das Sumo-Ringen wieder aus seiner tiefen Krise zu holen.

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