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Interview Fabian Oscar Wien: »Saitama ist eigentlich eine coole Sau.«

Fabian Oscar Wien: »Saitama ist eigentlich eine coole Sau.«

Die Besucher der Manga-Comic-Con konnten am Convention-Freitag einer sehr besonderen Lesung lauschen. Fabian Oscar Wien, der deutsche Synchronsprecher des Titelhelden Saitama las live aus dem Manga ONE PUNCH MAN. Danach hatten wir die Gelegenheit den sympathischen Sprecher im Interview zu treffen und ihn ein wenig über seine Rolle als Held und seine Beziehung zum Anime auszufragen.

Sumikai: Was inspirierte dich dazu Synchronsprecher zu werden und wie fandest du den Weg in diese Branche?

Fabian: Das war bei mir eigentlich der ganz klassische Weg: über die Schauspielschule und über lange, lange Jahre mit viel Berufserfahrung. Sagen wir mal so, ich habe relativ jung angefangen mit dem Beruf des Schauspielers. Meine Eltern sind auch Schauspieler, ebenso wie mein Opa und einer meiner Brüder. Dadurch hatte ich irgendwie immer den Bezug. Ich selbst habe mit sechs Jahren angefangen vor der Kamera zu stehen und dann neben der Schullaufbahn schon schauspielern gelernt. Ich habe immer wieder gedreht und nach dem Abitur angefangen Theater zu spielen. Gleichzeitig machte ich meine Ausbildung und sammelte dabei auch schon meine ersten Synchronerfahrungen.

Dann habe ich nach 10 Jahren wieder mit dem Synchronsprechen weitergemacht. Das ist teilweise schwer zu vereinen, wenn du Theater spielst und auch drehst. So ist es schwierig für die Kollegen vom Synchron, auf dich zurückzugreifen. Viele Produktionen laufen sehr kurzfristig ab, da geht es dann aus terminlichen Gründen oftmals nicht. Aber nach einiger Zeit habe ich mich wieder gemeldet und war total erfreut, dass die Kollegen von der Aufnahmeleitung und der Regie Lust darauf hatten, wieder mit mir zu arbeiten.

Dann fängst du natürlich erst mal wieder mit den Hintergrund-Geschichten an und arbeitest dich langsam vor. Langsam wirst du wieder sicherer und kommst handwerklich ins Training. Bis man dann erneut zu diesen schönen Rollen, wie zum Beispiel Saitama, kommt. Um es kurzzufassen: ganz einfach Schauspielschule, die Ausbildung dauert drei bis vier Jahre. Danach heißt es Berufserfahrung sammeln. Am besten irgendwo Theater spielen, Drehen und Sprechen. Daneben sollte man viel Lesen und sich dann vorstellen. Einfach durch alles durchkämpfen, bis man an dem Punkt ist, dass man Saitama sprechen darf.

Sumikai: Neben deiner Arbeit im Synchronbereich stehst du auch selber als Schauspieler vor der Kamera oder arbeitest als Kabarettist. Was bereitet dir am meisten Spaß: das Synchronisieren, Kabarettieren oder das Schauspielen vor der Kamera?

Fabian: Das ist schwer zu sagen, weil ich denke, dass alles zum Beruf des Schauspielers dazugehört – sowohl auf der Bühne zu stehen sowie vor der Kamera zu arbeiten als auch vor dem Mikrofon. Jede Sparte hat seinen Reiz. Ich finde, am schönsten ist es, wenn du zwischen allen Bereichen wechseln kannst. Und du immer mal wieder hier und da was machen kannst. Aber es ist total angenehm für mich das Mikrofon als Basis zu haben, als Partner und täglicher Begleiter. Und dann kann ich auch noch alles andere machen, was da so mit kommt.

Sumikai: Welche Unterschiede gibt es bei der Synchronisierung einer Anime-Figur und einer realen Person?

Fabian: Ich nehme beim Sprechen viel vom Original ab. Ist der Anime stark überzogen oder sehr düster? Unter Umständen ist er auch normal gehalten. Da gibt es ja schon große Unterschiede. Wenn das Original natürlich sehr überzogen daherkommt, dann gibst du als Sprecher dem Affen Zucker. Dann nimmst du natürlich alles mit was geht. Das kommt halt auf das Original an. Im normalen Leben würdest du natürlich auf viele Sachen nicht so extrem reagieren. Viele Dinge sind im Anime manchmal schon sehr überzogen und trotzdem innerhalb der Situation stimmig. Das ist schon ein großer Unterschied zu einer normalen Person. Allerdings macht das dann auch richtig viel Spaß.

One Punch Man
© Sumikai

Sumikai: Existieren nach so vielen Jahren im Synchrongeschäft immer noch Dinge, die dir beim Synchronisieren schwerfallen und falls ja, welche?

Fabian: Jede neue Rolle ist wieder eine neue Herausforderung. Jeder Charakter ist anders, und wenn man den Anspruch hat, seine Aufgabe möglichst gut zu machen und sich dabei möglichst am Original zu orientieren, ist das schon schwierig. Wenn das Original nicht so gut ist, will man es, wenn möglich, sogar noch besser machen. Es gibt diesen schönen Satz von Brecht, glaube ich. Der hat gesagt: „Jeder Satz ist eine Nuss, die es zu knacken gilt.“ Dem ist auch so! Du musst wirklich gucken, es gibt ja so viele verschiedene Aspekte, auf die es zu achten gilt. Da ist die Funktionalität und die Geschwindigkeit. Du hast die Lautstärke. Alles das musst du irgendwie zusammenbringen und ins Deutsche übertragen. Das ist echt nicht so leicht, alles so passend zu machen. Das ist immer wieder eine neue Herausforderung.

Sumikai: Fanreaktionen können manchmal – insbesondere im Internet – sehr heftig ausfallen. Wie gehst du mit „Shitstorm“ gegenüber dich oder Kollegen um?

Fabian: Sagen wir so, konstruktive Kritik ist immer toll. Das ist okay, wenn jemand sagt „Hey, das gefällt mir so nicht, oder ich hätte mir das anders vorgestellt“. Es ist schade, aber damit kann ich umgehen. Das ist auch legitim, weil man es nicht jedem Recht machen kann. Wenn es aggressiv rübergebracht wird, kann ich persönlich mittlerweile damit leben und teilweise auch darüber schmunzeln. Denn es ist zweierlei, sich im Internet darüber aufzuregen oder sich auszulassen und jemanden solche Sachen ins Gesicht zu sagen. Sich gegenüberzustehen ist immer noch eine andere Nummer.

Meistens kann ich darüber lächeln. Es ist selten, dass man so was richtig an sich ran lässt, aber das kenne ich auch. Am Anfang ist das natürlich schwer. Gerade wenn man sich Mühe gibt und diese Dinge nicht so nebenbei macht, sie nicht einfach so durchlaufen lässt, sondern richtig mit Herzblut macht, kann es schon nicht ganz so leicht sein, so was zu lesen. Ein solcher Shitstorm ist dann kaum zu ertragen. Aber auf der anderen Seite, hey es ist immer kein Ding Kritik zu äußern. Es kommt darauf an, wie wähle ich meine Worte. Weiß ich wirklich, worum es geht, oder nehme ich mir da heraus, was zu wissen beziehungsweise zu sagen, wo ich noch gar keine Hintergrundinformationen zu habe.

Sumikai: Als Magazin für japanische Popkultur darf diese Frage wohl nicht fehlen: Schaust du privat Anime? Gibt es vielleicht eine Trickfilm-Figur, die dich während der Kindheit/Jugend begleitet hat?

Fabian: Gute Frage, sagen wir mal so. Ich sehe es zum einen als meine Aufgabe an, meine Arbeit zu kontrollieren. Um mal zu gucken, was hat man da eigentlich verzapft. Hat es gut funktioniert oder nicht so. Deswegen versuche ich mir, von allem, wo ich so mitarbeite, mal eine Folge, selten mal eine ganze Staffel, anzugucken.

Ich selbst bin aus der Kindheit geprägt, und deswegen kein so großer Anime-Fan. Ich habe ja nun schon ein paar mehr Jahre auf dem Buckel, als einige der jungen Gesichter, die ich heute hier auf der Messe gesehen habe. Ich bin damals mit He-Men und Thunder-Cats, mit Chip und Chap, mit Darkwing-Duck und der alten Batman-Serie groß geworden. Auch mit Alfred Jodocus Kwack, sogar noch mitBambi. Da gab es so viele alte Geschichten. Aber ich habe das damals schon sehr gerne geguckt.

Mit den neuen Sachen habe ich mich dann irgendwann schwergetan, was aber wahrscheinlich auch am zunehmenden Alter lag. Da hat man dann einfach nicht mehr so viel Anime geguckt. Aber Akira und Ghost in the Shell fand ich gut. Wenn die Sachen gut gezeichnet sind und ernst durchgezogen werden, schaue ich sie gerne. Mit zunehmenden Alter bin ich so geprägt, wenn die Sachen ein bisschen düsterer und ernster werden. Das ist mein persönlicher Geschmack, da wächst man so rein. Wenn es zu überzogen oder zu albern ist, dann ist das nicht mehr so meines. Aber das ist reine Geschmackssache. Da findet eigentlich jeder so seine Sparte. Wenn ich jetzt noch länger darüber nachdenke, würden mir bestimmt noch einige Titel einfallen.

One Punch Man, The Simpsons
One Punch Man

Sumikai: Aktuell verleihst du der Hauptfigur Saitama in ONE PUNCH MAN deine Stimme. Welche Eindrücke hinterließ die Serie bei dir?

Fabian: Das schöne an ONE PUNCH MAN ist, dass es sehr in Richtung Satire geht. Die Serie nimmt sehr viel auf die Schippe und sich selbst nicht so ernst. Dann hat die Reihe viele starke aber auch ernsthafte Momente. Das merkt man vor allem an der Musik und den Brüchen. Saitama ist teilweise sehr überzogen, aber dann wieder auch ganz ernst. Eigentlich ist er eine coole Sau. Das wiederum macht mir an der Serie viel Spaß. Bei solchen Serien gucke ich auch persönlich gern zu. Bei der Kinopremiere hatten alle Beteiligten viel Freude und es war echt lustig.

Sumikai: Man kennt deine Stimme auch aus aktuellen Anime-Produktionen wie beispielsweise Ajin – Demi Human, Attack on Titan oder Durarara!!. Gibt es eine Anime-Rolle, die dir am meisten in Erinnerung geblieben ist?

Fabian: Highschool DxD, da war ich einer der Jungs. Es war das erste Mal, dass ich mit dem (Ecchi)-Genre in Berührung kam. Das werde ich so schnell nicht vergessen. Spannen und so, das ist ja bei uns ganz anders belegt. Da habe ich beim ersten Mal gedacht: „Huch, was geht denn hier ab!“. Da war ich total überrascht.

Ansonsten Gunslinger Girl, das war glaube ich einer der ersten Anime, wo ich mitgesprochen habe. Das ist inzwischen schon eine ganze Weile her, den hat damals noch Elektro Film gemacht. Trotzdem gibt es immer noch Kollegen, mit denen ich heute noch zusammenarbeite. Allgemein denke ich gerne an diese Zeit zurück, weil das damals alles schon sehr ernst genommen wurde und der Anime an sich eigentlich auch ganz cool war. Er ist mir sehr positiv in Erinnerung geblieben.

Sumikai: Saitama ist einerseits so gelangweilt, anderseits bringen ihn Kleinigkeiten wie Mücken auf die Palme. Inwieweit haben du und Saitama da Gemeinsamkeiten?

Fabian: Ich bin Stier und habe deswegen eine recht lange Lunte, bis ich ausraste. Ich bin eigentlich immer ziemlich tiefen entspannt. Bis zu dem Punkt, an dem ich wirklich ausraste. Bei mir ist es der Straßenverkehr, das habe ich mit vielen Deutschen gemeinsam. Da kann ich mich so richtig schön über alles Mögliche aufregen. Wenn jemand permanent auf der linken Spur fährt und es einfach nicht checkt, wenn Leute da schon rechts überholen müssen, was ja verboten ist. Das bringt auch mich irgendwo richtig auf die Palme. Es ist immer eine Frage der Zeit. Anfangs bin ich sehr entspannt und denke, vielleicht hat er es nicht gesehen, oder ich gebe ihm mal ein Zeichen. Aber wenn denn so Sachen noch dazukommen und er merkt es einfach nicht, am besten gefährdet er noch andere Leute, das ist eine Sache, da könnte ich wahnsinnig werden. Aber allgemein gilt bei mir, jeder macht mal einen Fehler. Erst mal cool bleiben und dann wird das meistens schon.

Zu guter Letzt: Was fasziniert dich an japanischen Trickfilm-Produktionen und was denkst du, macht deren Reiz aus?

Fabian: Schön finde ich beim Anime, dass man die reale Welt auf so viele verschiedene Arten darstellen kann. Sie wird dadurch so facettenreich. Gleichzeitig kann man so viele Dinge sehr extrem überziehen und damit spielen. Wenn man sich Anime ansieht, liegt der Reiz in den klaren Linien. Vergleicht man den Arm einer normalen Person und einer Anime-Figur, ist der Arm der normalen Person zwar detailreicher, im Anime hingegen wird das Auge auf das Wesentliche gelenkt. Das finde ich so toll! Was man mit dieser Art der Umsetzung erreichen kann. Auch wenn Explosionen darstellt werden, mit welcher Wucht! Da sind wir dann wieder beim Übertreiben. Mit welcher Stärke und Vehemenz man dort Dinge überziehen kann, um das Auge erneut auf der Wesentliche zu lenken, finde ich sehr spannend. Das überrascht mich immer wieder. Deswegen bin ich stets Feuer und Flamme für Anime.

Sumikai bedankt sich bei Fabian Oscar Wien für das Interview.

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