Interview mit akabeko zum Panel »Warum stehen Frauen auf Yaoi und Slash«

    (c) akabeko

    Wer es auf der Aninite 2014 und auf der Animuc 2015 zeitlich nicht zum Panel der engagierten Zeichnerin, Autorin und Cosplayerin akabeko geschafft hat, bekommt im Interview Einblicke in das Thema »Warum stehen Frauen auf Yaoi und Slash«.

    AnimeY: Wie war’s auf der Animuc?

    akabeko: Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass es eigentlich nicht wirklich ein Diskussionspanel war, sondern ein Vortrag mit anschließender offener Gesprächsrunde mit dem Publikum – ich hoffe also, es war keiner enttäuscht, weil er sich unter »Panel« etwas anderes vorgestellt hatte – witzigerweise hatten wir einen ähnlichen Fall auch schon letztes Jahr auf der Aninite in Wien, als sich fälschlich rumgesprochen hatte, das Ganze sei gar ein Workshop. Mein Fazit ist jedenfalls, dass es tatsächlich ein wenig anders war als in Österreich, nämlich war das Publikum etwas zurückhaltender während des Vortrags selbst, hat dann aber während der Gesprächsrunde im Anschluss die sachlicheren Fragen gestellt – das fand ich sehr spannend zu vergleichen! Vor allem die Diskussion war aber wieder mal immens interessant und ich hab mich vor allem gefreut, dass so viele Burschen im Raum geblieben und auch aktiv mitdiskutiert haben – einer meinte sogar, er hätte sich spontan in den Vortrag gesetzt und zuvor als Gamer gar keine Ahnung gehabt, dass es dieses Genre überhaupt gibt und dass es bei den Mädels so populär ist!

    AnimeY: Wie wurdest du zu diesem Thema inspiriert?

    akabeko: Ich habe meine Magisterarbeit in Translationswissenschaft über die Fachsprache des Mangafandoms geschrieben. Es war eine Terminologiearbeit, für die ich eine Art Wörterbuch der Manga-Fachsprache erstellen musste, natürlich komplett mit Begriffsdefinitionen in Japanisch, Deutsch und Englisch. Bei meiner Recherche für Definitionen der Begriffe »Yaoi« und »Slash« bin ich eben auf diese ganzen unglaublich spannenden Theorien gestoßen, warum vor allem heterosexuelle Frauen so sehr auf dieses Genre stehen, und hab mir dann gedacht: »Das wär’ ein super interessantes Thema für einen Vortrag!«

    AnimeY: Warum neigen viele im Fandom eher dazu, Männer miteinander zu shippen, als Frauen, wenn diese sogar canon sind? Wäre das nicht sogar feministischer?

    akabeko: Bevor ich den ersten Teil der Frage beantworte, möchte ich nur zum Punkt »Wäre das nicht feministischer?« sagen, dass ja nur die wenigsten Yaoi-Leserinnen das Shippen aus einer gesellschaftspolitischen Motivation heraus betreiben. Zwar gibt es vor allem unter den westlichen Autorinnen solche, die Slash bewusst als eine Art Protest und feministisches Statement gegen die gesellschaftlichen Erwartungen an heterosexuellen Beziehungen und Geschlechterrollen sehen bzw. damit ein Zeichen für mehr Akzeptanz für gleichgeschlechtliche Partnerschaften setzen wollen, aber deren Anteil ist eher klein. Die allermeisten mögen Slash bzw. Yaoi aus vollkommen unterbewussten und »selbstbezogenen« Gründen. Was das Bevorzugen von männlichen Charakteren angeht, so hängt das von vielen Faktoren ab. Einer davon wäre zum Beispiel, dass unsere Medienlandschaft nach wie vor sehr stark von Männern als Drehbuchautoren, Filmstudiobossen, Zeitschriftenverlegern, etc., dominiert ist und daher wesentlich mehr Werke produziert, die sich explizit oder stärker nach den Wünschen und dem Geschmack des männlichen Publikums richten und mehr männliche Hauptfiguren bzw. interessante und besser ausgearbeitete männliche als weibliche Figuren enthalten. Einer der Gründe für’s Slashen, der von den Shippern selbst bei Umfragen häufig genannt wird, ist eben diese Unzufriedenheit mit langweiligen, stereotypen weiblichen Charakteren, mit denen sich zu identifizieren und über die Fanfiction zu schreiben keinen Spaß macht, weshalb man sich auf die spannenderen männlichen Charaktere konzentriert. Das zeigt sich ganz deutlich an der besonders großen Menge an Slash-Fanfiction und Yaoi-Doujinshi, die zu Werken produziert wird, wo kaum interessante weibliche Charaktere vorkommen – wie Sportanimes oder Actionserien -, während bei Werken mit komplexen und sympathischen weiblichen Charakteren durchaus sehr viel Het-Fiction bzw. Femslash geschrieben wird, zum Beispiel die Harry Potter-Bücher oder die Serien Once Upon a Time und The Legend of Korra.

    AnimeY: »Aber ich bin doch gar nicht …« ist ein gerne gebrauchter Satz – warum braucht man Klischees und wiederkehrende Muster im Yaoi und Yuri?

    akabeko: Was »Ich bin doch gar nicht schwul« im Yaoi angeht, so hat das viel mit der Einstellung der japanischen Gesellschaft mit Homosexualität zu tun. Im Buddhismus und Shintoismus gibt es keine so starke Stigmatisierung wie im Christentum und allgemein gibt es in Japan eine größere Toleranz für alle möglichen Spielarten der Sexualität. Allerdings wird erwartet, dass man diese nur im Verborgenen auslebt und nach außen hin seine gesellschaftliche Pflicht der Familiengründung erfüllt und den heteronormativen Schein bewahrt. Genau umgekehrt als bei uns werden also nicht homosexueller Handlungen abgelehnt, sondern eine homosexuelle Identität – was dazu führt, dass sich kaum jemand outet und ein offen schwules bzw. lesbisches Lebens führt, sondern in Scheinehen lebt. Tatsächlich sind viele Japaner sogar überzeugt, Homosexualität sei nur eine »Phase«, aus der man schon noch rauswächst bzw. die vergeht, sobald man mal geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt hat. Das erklärt, warum im Yaoi-Manga sogar die Protagonisten selbst steif und fest von sich behaupten, eigentlich heterosexuell zu sein, obwohl sie eine Beziehung bzw. Sex mit einem Mann haben. Die Existenz von Bisexualität wird übrigens meist komplett ignoriert, allerdings haben wir dieses Problem im Westen genauso. Was Klischees im Yaoi angeht, so sind diese tatsächlich vorhanden – mein subjektiver Eindruck ist sogar, dass Yaoi eins der am meisten von Klischees durchzogenen Genres überhaupt ist und man nur sehr, sehr selten wirklich originelle Geschichten und Charaktere findet. Meistens kann man schon nach den ersten paar Seiten sehr treffsicher voraussagen, wer der Seme und wer der Uke ist und nach welchem Schema F sich die Handlung entwickeln wird. Das finde ich ungeheuer schade und langweilig und das ist auch einer der Gründe, warum ich persönlich kein Yaoi und Boys Love mehr lese. Darum kann ich die Frage »Warum braucht man Klischees im Yaoi und Yuri?« für mich persönlich nur mit »Ich weiß es nicht, wenn es nach mir ginge, bräuchte man sie gar nicht!« beantworten.

    AnimeY: Woran liegt die steigende Popularität von Yaoi im Mainstream?

    akabeko: Ich würde die Tatsache, dass in Werken für den Mainstream immer wieder bewusst homoerotischer Subtext oder »eindeutig zweideutige« Szenen und Dialoge zwischen männlichen Charakteren eingebaut werden (Naruto, Supernatural, etc.) oder gar ganze Fanservice-Serien für die Boys-Love-Fans (Free!, etc.) entstehen, nicht unbedingt als steigende Popularität von Yaoi im Mainstream interpretieren, eher im Gegenteil: Hier wurde bemerkt, dass »Slash sells« und man die Shipperinnen unter den Zuschauern ködern und bei der Stange halten kann, indem man ihnen die Möglichkeit, dass ihr Ship irgendwann einmal canon wird, wie dem Esel die Karotte vor der Nase baumeln lässt. Tatsächlich aber hat man – aus Angst, die konservativeren Zuschauer zu vergraulen – nicht die Absicht, den Andeutungen jemals Nägel mit Köpfen folgen und die Charaktere wirklich zusammenkommen zu lassen, und bei Interviews wird auf entsprechende Fragen der Fans auch immer ganz vehement dementiert, dass es da irgendeinen absichtlichen homoerotischen Subtext gäbe, und behauptet, die Shipper würden sich das alles doch bloß einbilden. Diese Taktik finde ich persönlich extremst heuchlerisch und respektlos gegenüber den Fans und weigere mich daher in einer Art Boykott, Pairings wie zum Beispiel »Johnlock« oder »Destiel«, etc. zu shippen weil ich mir denke: »Oida, entweder habt die Eier und zieht es durch, ein offizielles schwules Paar in die Serie einzubauen oder, wenn ihr dazu zu feig seid, dann lasst diese leeren Andeutungen bleiben, weil verarschen können wir Fans uns selber auch!«

    AnimeY: Tatsächlich war die allererste Slash-Fanfiction überhaupt ja aus Star Trek. Denkst du, in Zukunft sieht man wirklich vermehrt homosexuelle Hauptdarsteller und nicht nur als Nebencharaktere?

    akabeko: Das kann man leider nicht so allgemein beantworten. In den USA ist dieser Trend auf jeden Fall zu beobachten, dort engagiert sich jedoch auch die LGBT-Organisation GLAAD bewusst auf diesem Gebiet und publiziert jedes Jahr den Where we are on TV-Bericht darüber, wie repräsentiert LGBT-Charaktere im amerikanischen Fernsehen sind, und vergibt an die Fernsehsender Noten für gute/schlechte Sichtbarkeit und so weiter. Das übt auf die Sender schon einen gewissen Druck aus und tatsächlich ist die Zahl von schwulen, lesbischen, bisexuellen und transidenten Charaktere vor allem in Fernsehserien in den letzten Jahren langsam gestiegen. Auch im britischen Fernsehen ist dieser Trend definitiv zu beobachten, da wurden letztes Jahr sogar zwei neue Serien ausgestrahlt – Cucumber und Banana – in denen es nur um LGBT-Charaktere ging. Im deutschsprachigen Raum sieht es allerdings ziemlich düster aus. Tatsächlich würde mir auf Anhieb keine deutsche Produktion im Hauptabendprogramm einfallen, die einen LGBT-Protagonisten hat, und auch Nebenfiguren sind selten. Das staatliche Fernsehen in Deutschland und Österreich ist leider sehr konservativ, darum befürchte ich, dass sich in nächster Zukunft auch weiterhin fast LGBT-Charaktere hauptsächlich in ausländischen Importen finden werden. Wobei, angeblich hat ja der Kölner Tatort unlängst seinen allerersten schwulen Polizisten bekommen, also tut sich vielleicht doch sehr, sehr langsam etwas? Zumindest im Fernsehen, denn beim Kinofilm ist die Situation wieder eine ganz andere, da viel stärker als bei TV-Serien auf eine internationale Vermarktbarkeit geschaut werden muss und da gibt es leider lukrative Märkte – China, Indien, Osteuropa – wo sich Filme mit LGBT-Charakteren überhaupt nicht vermarkten ließen, weshalb man noch mehr zögert, sie zu drehen.

    AnimeY: Und es gibt im ZDF eine lesbische Ärztin! Doch weiter mit den Fragen: Eine von dir präsentierte These für Slashautorinnen ist der Penisneid. Könntest du das bitte erklären?

    akabeko: Die von dir angesprochene Theorie um den Penisneid stammt von der japanischen Forscherin Midori Matsui und stützt sich auf die Theorien Sigmund Freuds. Matsui zufolge würden Yaoi-Leserinnen ihre eigene, weibliche Sexualität ablehnen und sich mit den männlichen Protagonisten der Manga identifizieren und in deren Rolle schlüpfen, sowohl gesellschaftlich als auch sexuell. Dabei ist besonders interessant, dass die Identifikation sich dabei nicht nur oder auch gar nicht auf den Uke, der ja eigentlich für »die Frau« in der Beziehung steht, sondern ganz im Gegenteil auf den Seme. Die Theorie besagt, dass viele Frauen gerne auch in beim heterosexuellen Sex mit ihren männlichen Partnern gerne die dominante Position einnehmen würden, allerdings nur die wenigsten Männer bereit sind, sich darauf einzulassen – und in Japan noch wesentlich weniger als im Westen, wo die Rollenverteilung aktiver Mann/passive Frau beim Sex noch viel stärker tradiert ist – und wo Frauen dann zum Yaoi greifen, um ihre sexuellen Fantasien zumindest dadurch auszuleben, dass sie sich beim Lesen in die Rolle des Seme hineinfühlen.

    AnimeY: Welche Geschichte favorisierst du privat – worum geht es und warum gefällt dir diese so?

    akabeko: Warum ich persönlich Slash mag, meinst du? Auf mich trifft definitiv die Theorie der Forscherin Hisako Takamatsu zu, die besagt, dass viele Frauen unterbewusst das Gefühl haben, heterosexuelle Beziehungen könnten aufgrund des gesellschaftlichen Machtgefälles zwischen Mann und Frau nur sehr schwer wirklich 100% gleichberechtigte Partnerschaften sein. Als heterosexuelle Frau fasziniert mich daher an gleichgeschlechtlichen Beziehungen vor allem dieses Potenzial der völligen Gleichberechtigung und das Fehlen jeglicher Rollenerwartungen: wer die Hausarbeit macht, wer sich um die Kinder kümmert und, nicht zuletzt, wer beim Sex welche Rolle übernimmt, all das kann sich das Paar vollkommen individuell für sich ausmachen, ohne dass von Seiten der Familie, Arbeitgeber oder Gesellschaft irgendein Druck ausgeübt oder irgendwas von wegen »Rabenmutter«, »Pantoffelheld«, etc., geredet wird.

    Darum lese ich am liebsten Slash bzw. schaue Filme und Serien mit queeren Charakteren, die frei von den typischen Seme/Uke-Klischees sind – ganz im Gegenteil mag ich’s sogar besonders gern, wenn das Paar »versatile« ist, sprich beim Sex die Rollen immer wieder mal tauscht. Japanisches Yaoi und Boys Love lese ich hingegen wie oben erwähnt inzwischen gar nicht mehr, denn ich denke mir, wenn ich etwas Heteronormatives mit den typischen Mann/Frau-Beziehungsklischees lesen möchte, kann ich auch gleich ein reguläres Shojo-Manga lesen. Und wenn du jetzt eine konkrete Empfehlung von mir haben möchtest, hmm … auf jeden Fall den Webmanga The Less Than Epic Adventures of TJ and Amal von E.K. Weaver – der erste Band ist grad bei fireangels erschienen. Über das Gaydaytime-Messageboard findet man außerdem gefansubte Storylines mit schwulen Charakteren aus Soaps und Fernsehserien aus aller Welt, von Spanien über Finnland bis nach Thailand und Australien, was ich besonders spannend finde, vor allem im Vergleich. Und die britische Komödie Pride aus dem letzten Jahr möcht ich auch noch allen ans Herz legen, sie ist großartig!

    4 Kommentare

    1. Ist etwas missverständlich: Die Theorie des Penisneids ist von Freud. Matsui hat diese wohl aufgegriffen für ihre Theorie über Yaoi-Leserinnen. Interessant ist auch die Publikation »Nutzen und Gratifikation bei Boys‘ Love Manga: Fujoshi oder verdorbene Mädchen in Japan und Deutschland« vom Kamm (2010), weil dafür die Betreffenden interviewt wurden.

    2. Ich hab gelesen aber dann aufgehört, weil es zu viel war und nicht klar genug auf das simple „warum“ eingegangen wurde. Steht in dem Interview jetzt eine klare Antwort bzw. wie im Bild der wissenschaftliche Hintergrund? ( = o = )

    3. @Hikimi: Es gibt nicht nur die eine ultimative Theorie, sondern viele verschiedene (im Vortrag allein wurden 9 vorgestellt)

      @Nelli: Genau aus dieser Arbeit stammt ein Teil der im Vortrag diskutierten Theorien – damals hat Björn-Ole Kamm gerade an dieser Arbeit (ich glaub seine Magisterarbeit) geschrieben und mir die relevanten Kapitel als PDF geschickt 🙂 Kann die Publikation allen, die sich tiefer ins Thema reinlesen möchten, ebenfalls auch nur empfehlen – genauso wie die Kapitel über Slash in dem Werk „Theorizing fandom : fans, subculture and identity“ herausgegeben von Cheryl Harris.

    4. @akabeko: sehr cool! Ich hatte das Buch in der Campusbibo meiner Uni gesehen und meiner BL-Freundin ausgeliehen^^ sie hätte es am liebsten aufgefressen xD

      @Hikimi, kurz gesagt: Eine der Theorien erklärt die Beliebtheit von Yaoi bei Leserinnen mit der sog. Realitätsflucht. Die sonst häufig in eine passive Rolle gedrängten Frauen wollen dadurch mal in ihren Fantasien die Rolle des dominanten Sexpartners einnehmen 😉 ich habe aber auch schon gelesen, Leserinnen würden von ihren eigenen romantischen Gefühlen gegenüber den Kerlen ablenken wollen, indem sie Jungs miteinander shippen …

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