Interview mit Carolin Eckhardt Teil 2 „Wer Mangaka in Japan werden will, sollte Japanisch lernen.“

    Shueisha veröffentlichte im Oktober den ersten Band zu Oku-sama Guten Tag!, einem Werk der deutschen Mangaka Carolin Eckhardt, in Japan. Der japanische Verlag publiziert die jeweiligen Einzelkapitel im Online Magazin Tonari no Young Jump. In unseren zweiten Teil des Interviews geht Carolin unter anderen mehr auf ihr Werk Oku-sama Guten Tag! ein und darauf, mit welchen Anfangsschwierigkeiten sie in Japan zu kämpfen hatte.

    © Carolin Eckhardt, Shueisha Inc

    AnimeY: Welches Bild hattest du von einem typischen Japaner im Kopf, als du Japan erstmals besucht hast und hat sich dieses bestätigt oder war es dann doch ganz anders?

    Carolin: Da muss ich sagen, es ist zu lange her. Ich war das erste Mal vor 11 Jahren in Japan und was ich da für ein Image von Japanern hatte weiß ich wirklich nicht mehr. Auch wenn ich versuchen würde, mich zu erinnern, wären die Erinnerungen doch wieder von meinen ganzen Erfahrungen geprägt.

    Aber ich denke mal, dass ich zu diesem Zeitpunkt (ich war 15) eben noch sehr von Manga beeinflusst war. Japaner waren für mich also eine Art „Idol“. Jeder der eine Schuluniform trug (wie eben im Manga) hatte meine volle Aufmerksamkeit :). Was ich jetzt von Japanern sagen kann ist, dass es einfach viel zu viele Leute hier gibt, als dass man da irgendwas verallgemeinern könnte. Wo zu Anfang jeder Japaner für mich ein „Japaner“ war, sind meine Mitmenschen hier jetzt eben „der Student“ oder „die Angestellte“ oder „mein Chef“ oder „der Redakteur“ oder „mein bester Freund“. Jeder mit seinem individuellen Charakter. Genau wie in Deutschland eben.

    AnimeY: Wie gestaltet sich das Leben in Japan, mit was für Anfangsschwierigkeiten hattest du eventuell zu kämpfen (Sprache, Kultur, Reaktion der Leute beim ersten Treffen)?

    Carolin: Das ist auch wieder so lange her… Da ich die Sprache größtenteils schon während meines Austauschjahres gelernt hatte, gab es da nicht so viele Probleme, wobei Japanisch ja lustigerweise alle möglichen komischen Nuancen hat, die, wenn man es inhaltlich zwar richtig sagt, aber den Ausdruck verfehlt, einen ganz schön in die Pfanne hauen können :). (Und da ich schon „zu gut“ Japanisch sprach, haben die meisten im ersten Moment auch nicht damit gerechnet, dass ich einfach einen Fehler gemacht habe, und es ernst genommen!!! Ja, das war manchmal doch schwierig…)

    Ansonsten musste ich mich natürlich an einiges gewöhnen. (z. B. dass man mit japanischen Waschmaschinen keine Kochwäsche machen kann :). Oder eben, dass es im Supermarkt andere Sachen gibt als in Deutschland. Da musste ich erst einmal herausfinden, was man daraus kochen kann. Aber auch hier hat mir die Zeit bei meiner Gastfamilie sehr geholfen.) Am schlimmsten war glaube ich, während ich auf der Fachschule war, einen Nebenjob zu finden. (Den ich zur finanziellen Unterstützung brauchte.)

    Hier gab es dann doch erst mal ein „Ausländerproblem“. Ich wurde meistens wegen meines Namens abgelehnt. (Am Telefon hat immer zuerst niemand bemerkt, dass ich nicht Japanisch bin, und erst als es hieß: „Gut dann kommen sie doch zum Vorstellungsgespräch vorbei“ und ich dafür zum ersten Mal meinen Namen nannte (hier ist es nicht üblich mit Namen ans Telefon zu gehen, man schließt eben eher mit dem Namen ab im Sinne von „XZY hat mit ihnen gesprochen“) wurde ich meistens erst einmal in die Warteschleife gepackt, nur um mir nach mehreren Minuten warten anhören zu müssen, dass sie DOCH keine Leute mehr suchen. Und wenn das dann so 10 bis 11 Mal passiert wird‘s doch verdächtig. 🙂 Letztendlich habe ich dann doch etwas gefunden. Bei Starbucks natürlich. Die waren wenigstens international :).

    AnimeY: Wie kam die Zusammenarbeit mit Shueisha zustande?

    Carolin: Siehe Teil 1. Während meiner Schulzeit kamen Redakteure zu uns an die Schule, um die Sachen der Schüler zu sichten. Da habe ich auch meine Geschichte gezeigt und mein jetziger Redakteur fand sie gut und seitdem haben wir zusammengearbeitet.

    AnimeY: War „Oku-sama Guten Tag!“ dein erster Entwurf für das Online-Magazin von Shueisha oder gab es davor andere, die abgelehnt wurden? Wenn ja, wovon handelten diese?

    Carolin: Ich hatte alle möglichen Entwürfe für Geschichten an meinen Redakteur geschickt, aber keiner davon war eine Fortsetzungsgeschichte. (Ich hatte ja damals noch nicht mal eine Einzelgeschichte abgedruckt und das kommt normalerweise zuerst.) Aber dann hieß es, dass sie ein neues Online-Magazin rausbringen wollen und mein Redakteur sprach mich an, ob ich dafür nicht eine Fortsetzungsgeschichte machen wolle. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass es etwas sein sollte, wo man über Deutschland lernen kann und was einfach zu lesen ist. Und am besten eine deutsche Ehefrau. Ich habe dann einen Entwurf gemacht und er ist fast zu 100% so genommen worden.

    Dementsprechend, nein, für die Fortsetzungsgeschichte gab es nur den einen Entwurf, für den ich zunächst 3 Folgen zeichnete, eine ganze Liste mit Ideen schrieb und Charakterdesigns (hier gab es mehrere) einreichte, und das wurde dann an die Konferenz gegeben und dann eben auch relativ so umgesetzt.

    AnimeY: Gibt es für Julia und Takashi aus „Oku-sama Guten Tag!“ Vorlagen aus dem realen Leben?

    Carolin: Nein. Für andere Charaktere aber durchaus.

    AnimeY: Wie lang soll „Oku-sama Guten Tag!“ voraussichtlich werden?

    Carolin: Im Moment sind 2 bis 3 Bände geplant. Alles andere richtet sich daran aus, wie gut sie ankommen. Aber da Band zwei für Frühling geplant ist, wird die Serie wohl noch eine kleine Weile fortgesetzt werden.

    AnimeY: Zeichnest du komplett alleine oder helfen dir auch Assistenten?

    Carolin: Grundsätzlich zeichne ich alles alleine. Ab und zu habe ich Hilfe beim Radieren, Schwarzmalen und Rastern. (wenn es mal eng wird :))

    AnimeY: Hast du selbst einmal als Assistent für einen anderen Mangaka gearbeitet?

    Carolin: Nicht wirklich. Zu Schulzeiten haben wir uns öfter gegenseitig geholfen und viele meiner Freunde von damals sind jetzt Mangaka, aber da ich nach meinem Abschluss erst einmal angefangen habe Vollzeit an meiner Schule zu arbeiten, und während dessen noch meinen eigenen Manga gezeichnet habe, hatte ich einfach auch keine Zeit oder Gelegenheit dafür.

    Es würde da auch ein Problem mit dem Visum geben. Mein Jetziges als „Künstler“ habe ich mir auch über 3 Jahre hart erkämpft. Davor war ich auf den Vollzeitarbeitsvertrag meiner Schule angewiesen. Als Assistent hätte ich so was gar nicht gehabt und hätte somit niemals eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Das war sicher auch ein Grund. Aber ich hätte diese Erfahrung sehr gerne gemacht, weil es eine der besten Möglichkeiten ist, seine Techniken und seine Schnelligkeit und Präzision zu verbessern. Außerdem lernt man eben Dinge, die man auch auf einer Schule für Manga nicht so leicht mitbekommt.

    AnimeY: Woher holst du dir deine Inspirationen und Ideen?

    Carolin: aus meinem Alltag, von Freunden (japanisch und nicht-japanisch) und Familie

    AnimeY: Mit welchen Utensilien zeichnest du?

    Carolin: Bleistift, Kopierpapier (Naming)
    G-Pen, Maru-Pen, Mangazeichenpapier der Marke „Muse“, Zeichentusche
    Radiergummi, schwarze Pinselstifte etc.

    Raster mache ich am Computer mit Comic Studio Pro.
    Farbbilder sind hauptsächlich Copics oder farbige Tusche.

    AnimeY: Was/wen zeichnest du am liebsten?

    Carolin: Julia, wobei Takashi mir schneller von der Hand geht. Er hat ja auch ein einfaches Gesicht :). Privat würde ich gern mehr „ikemen“ zeichnen :). Und ich liebe immer noch Schuluniformen. Die kommen ja leider bei mir nicht vor.

    AnimeY: Wie möchtest du die nächsten Jahre deines Lebens gestalten, hast du vor irgendwann nach Deutschland zurückziehen?

    Carolin: Irgendwann sicherlich schon. Im Moment muss ich mich aber erst mal auf meine Arbeit hier konzentrieren.

    AnimeY: Hast du schon Ideen für weitere Projekte?

    Carolin: Ja, viele. Aber das ist geheim :).

    AnimeY: Welche Ratschläge gibst du deutschen Zeichnern mit auf dem Weg, die ebenfalls Mangaka werden wollen?

    Carolin: Orientiert euch nicht zu viel an Japan und populären Werken. Einen sicheren Zeichenstil haben ist sicherlich wichtig, aber noch wichtiger ist, eine gute Story und ein guter Ausdruck. Es sollte nicht nur nach „Manga“ aussehen. Es sollte ein Teil von Euch sein. Und wer Mangaka in Japan werden will, sollte Japanisch lernen. Denn das ist leider bei japanischen Verlagen immer noch von Nöten. Egal wie gut man ist, ohne Japanisch geht nix. Aber ich persönlich hoffe, dass sich das vielleicht irgendwann einmal ändert. Aber dafür brauchen wir noch viel mehr von euch! Also, ran an die Stifte!! 🙂

    Das AnimeY-Team bedankt sich bei Carolin Eckhardt für dieses ausführliche Interview.

    Gina
    ich bin eine ziemlich durchgeknallt aber ruhige Manga-Leserin der 30+ Generation :3