Interview mit Cho Kohara zu »Born«

    Passend zum Erscheinen des ersten Teils von Cho Koharas Boys-Love-Manga Born (Leseprobe auf Animexx) auf der DoKomi 2014 haben wir die Zeichnerin zu einem Interview eingeladen. Wir ergründen für euch die Hauptcharaktere Ji-u sowie Kiyoshi und haken ein paar Details zur Story nach. Ebenso erzählt Cho, wie sie zum Zeichnen gekommen ist und wie es weitergehen soll.

    AnimeY: Wie hast du das Zeichnen für dich entdeckt?

    Cho: Gezeichnet hab‘ ich im Kunstunterricht schon immer gern, aber das tatsächliche Zeichnen im Mangastil kam bei mir nach einem »WOW DAS IST SO WUNDERSCHÖN«-Moment. Damals war ich gerade im Abi und saß in der Schule rum, als ich mir zufällig eines dieser berufsvorbereitenden Magazine griff, die immer auslagen, und in eben diesem war ein Beitrag von Marie Sann, die zu dem Zeitpunkt ein Vinyl für  Nintendo designt hatte…Ich war geflasht, weil ich bis dahin nicht einmal wusste, dass es Menschen gab, die »Anime« außerhalb Japans zeichnen.

    AnimeY: Was hat dich zu Born inspiriert?

    Cho: Offensichtlich wohl mein Faible für Yakuza, haha. Ich bin seit Jahren ein großer Fan von Viewfinder von der großartigen Yamane Ayano, sicher spielte auch ihre Geschichte eine Rolle, aber meistgehend war es eher der Wunsch, eine Story mit/über Yakuza zu zeichnen.

    AnimeY: Warum hast du dich dazu entschieden, Ji-u zu einem Yakuza-Sohn zu machen?

    Cho: S.o. Es ging mir einfach darum, einen Status zu nehmen, in dem es dem Menschen (meistgehend) möglich ist, sich zu benehmen wie ein König und dabei ein großes A-loch sein zu können.  Der eigentliche Boss des Clans ist natürlich sein Vater, der seinen Job so gut macht, dass man dessen missratenem Sohn keine weitere Beachtung schenkt – das ist sowohl gut für einen Jungen, als auch schlecht.

    AnimeY: Was sind Ji-us Aufgaben in der Organisation – oder profitiert er nur von seiner Herkunft?

    Cho: Ji-u hat mehr oder minder nur repräsentative Aufgaben – zumindest solange, bis sein Vater ihm die Rolle des Clanoberhauptes übergibt.  Ji-u ist kein Trottel, er weiß, wie weit er den Bogen spannen kann, schließlich wurde er seit seiner frühen Kindheit in den Clan integriert.

    AnimeY: Liest du selbst gerne Yakuza-Geschichten beziehungsweise die Kombination aus Yakuza und Boys Love?

    Cho: Ja klar! Wie ich schon erwähnt hab‘ eben, bin ich ein großer Fan von der Viewfinder-Reihe, aber es gibt soooo viele krasse Werke, die ich toll finde.  Saezuru Tori wa Habatakanai von Yoneda Kou,  Totally Captivated von Yoo Ha Jin oder Bi no Isu von Ike Reibun. Wie oft ich die gelesen habe, weiß ich schon gar nicht mehr, whoa.

    AnimeY: Was war dir beim Charakter-Design der beiden Figuren wichtig?

    Cho: Ji-u  ist eigentlich Koreaner, weshalb er größer und maskuliner ist, als die meisten Japaner.  (Stereotypen? Nooo!) Da es im Yaoi-Genre nicht wirklich wichtig ist, was die Protagonisten tragen (sondern vielmehr das, was sie nicht! tragen, haha) hab‘ ich mich bei ihm standardgemäß für einen »smart casual« Anzug entschieden. Kiyoshi ist waschechter Student, der wenig wert auf Mode legt, die Haare trägt er lang, weil er sich gerne hinter ihnen versteckt.

    Ihre Charaktere waren in der Hinsicht viel wichtiger… Ji-u ist jemand, der gleichgültiger nicht sein kann, auf der anderen Seite aber zumindest so emotional, dass er sich ziemlich heftig in Kiyoshi verknallt. Bei Kiyoshi war es sehr schwierig, ihn möglichst begreiflich darzustellen. Es ist durch sein kaputtes, gewaltvolles Elternhaus so abgestumpft, dass psychologische und physische Schäden ihn kaum noch schocken, was aber nicht heißt, dass er sich hängen lässt. Für ihn gab es immer den Ausweg, seinen Studienabschluss zu machen, einen guten Job zu finden und sich damit endlich aus den Fängen seines Vaters befreien zu können.  Es gibt die Szene, in der Ji-u sehr deutlich macht, dass er Kiyoshi vergewaltigen würde – auch wenn er so weit nicht gegangen wäre, machen wir uns nichts vor, es war ein ekelhafter D*ck-Move. Normale Menschen hätten gegensätzlich reagiert, Kiyoshi aber beurteilt die Situation komplett anders.

    AnimeY: Die Anfangsszene spielt im Club »Destiny«. Wird der Ort noch eine Rolle im späteren Verlauf der Handlung spielen?

    Cho: Der Ort wird für die zukünftige Story keine Rolle mehr spielen, nein. Es ist nur einer der vielen Clubs, in denen sich Ji-u während seines Lebens als reicher Yakuza-Bengel aufhält, genau das ist wichtig.

    AnimeY: Willst du mit dem Namen andeuten, dass Ji-us und Kiyoshis Begegnung Schicksal ist?

    Cho: Es ist fast obvious, aber genau das sollte es heißen. Ich meinte ja eben schon, dass Ji-u in unzähligen Nobel-Clubs seine Nächte verbrachte, aber dieser eine ändert eben alles. Dass der Name dann auch noch genau so lautet, macht das Ganze schön bedeutungsschwanger.

    AnimeY: Glaubst du an so etwas wie das Schicksal?

    Cho: Ich glaube an Dinge, die unabwendbar sind. Der Tod ist unabwendbar, Leidenschaften und Interessen sind im Blut, Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben. Daher kann man auch von Schicksal reden, oder?  Mein Schicksal ist es beispielsweise, mir mein Leben lang Gedanken darüber zu machen, was ich als Nächstes auf’s Papier bringen könnte.  Ji-us Schicksal ist es, Yakuza-Anführer zu werden, und das Schicksal meiner Zahnbürste ist es, im Mülleimer zu landen, sobald die Borsten abgenutzt sind. Also würde ich sagen: Ja, ich glaub‘ an Schicksal. 😀 (Did I do it right? )

    AnimeY: Was hat es mit Kiyoshis Narben auf sich? Hat Ji-u mit seiner Vermutung Recht?

    Cho: Ich will gar nicht so viel spoilern, haha. Aber ja, es ist relativ offensichtlich, dass sein Vater ihm die verpasst hat. Frustration und Homophobie ist keine gute Mischung, wenn man einen Sohn hat, der schwul ist.

    AnimeY: Warum sieht man Kiyoshis Mutter nicht?

    Cho: Weil sie sich scheiden lassen hat vor ein paar Jahren. Man kann sich vorstellen, dass das Zusammenleben mit so einem »fürsorglichen« Ehemann irgendwann schwierig wird. Die Tatsache, dass  ihr Sohn ab der Pubertät Tendenzen  dahingehend zeigte, sich für Männer zu interessieren, war außerdem Grund genug dafür, ohne ihren Sohn auszuziehen.

    AnimeY: Du stellst Kiyoshi und Ji-u bildlich als Häschen und Wolf dar. Ist das ein Detail, das von Anfang an feststand oder ist dir das im Laufe des Zeichnens eingefallen?

    Cho: Die Idee hatte ich schon beim Schreiben des Storyboards. Die Tatsache, dass Ji-u selbst die Assoziation erst relativ »spät« entwickelt, liegt daran, dass sich derartig starke Instinkte bei ihm auch erst nach ihrem Sex geäußert haben.

    AnimeY: Deine Linienführung hat skizzenhafte Züge an sich. Warum hast du dich dazu entschieden, deinen Zeichenstil in diese Richtung zu lenken?

    Cho: Ich bin mir ehrlich gesagt gar nicht sicher. Ich hab‘ schon andere Stories angefangen, da waren die Outlines weitaus klarer, aber für diese Geschichte passte es einfach nicht. Es fehlte etwas, sozusagen. Die grobe Strichführung macht das Ganze meiner Meinung nach lebendiger und passte zur düsteren Atmosphäre.

    AnimeY: Wie entsteht eine Mangaseite?

    Cho: Bei mir? Eh, also….Nicht, dass ich jetzt den ultimativen Plan davon habe… Ich denke, wie fast jeder fängt es mit dem Storyboard an, danach kommen etwas detaillierte Skizzenseiten und letztendlich übertrag‘ ich diese auf meinen PC-Bildschirm.  Danach hab‘ ich die Panels sowie Sprechblasen und Rasterfolie fast ausschließlich in Manga Studio erstellt, die Outlines mit SAI gezeichnet.  Ich glaub‘ jetzt nicht, dass das besonders hilfreich ist, aber okay, I tried. >D

    AnimeY: Warum hast du dich dazu entschieden, den Manga auf Englisch zu veröffentlichen?

    Cho: Das war relativ schnell klar, als ich die Dialoge aufgeschrieben habe. Im Deutschen klingt Slang einfach schlimm, entweder als sei man der größte Vollidiot oder ein 14-jähriger Bengel.  Ji-u hat ein sehr loses Mundwerk, daher war es mir wichtig, viel Slang bei ihm einzubringen, sobald ich seine Dialoge ins Englische übersetzt habe, mochte ich sie. Es klingt einfach viel reifer, vielleicht denk‘ nur ich das, aber es hat mich zumindest dazu bewogen, den kompletten Comic auf Englisch zu verfassen.

    AnimeY: Du hast den Manga erstmals auf der DoKomi 2014 angeboten. Was waren die Highlights auf der Veranstaltung?

    Cho: Eh…Ich hab‘ von der Veranstaltung selbst nicht viel mitbekommen, haha. Mein Highlight war, dass Leute meinen Comic überhaupt gekauft haben! Da es mein erstes Werk überhaupt ist, war ich natürlich dezent nervös und hatte schon Horrorvisionen, alleine deshalb, weil ich bis auf den Vorbestellerpost kaum Werbung gemacht habe. Aber letztendlich war dann doch alles gut, puh. >D

    AnimeY: Gibt es für Interessierte noch Möglichkeiten, den Manga zu erwerben?

    Cho: Klar, wer gerne ein Exemplar haben möchte, soll mir einfach weiterhin eine Mail an c.kohara@yahoo.de schreiben. Der Preis liegt bei 6 Euro (zzgl. 1 Euro Versand innerhalb Deutschlands, 3 Euro für Ausland).

    AnimeY: Wann soll der zweite Band erscheinen? Worauf dürfen sich Leser freuen?

    Cho: Ich hatte ihn für die Connichi geplant, aber ich kann’s leider noch nicht fest sagen, da ich ja auch irgendwie den anderen Teil meines Lebens bewältigen muss, eww.  Freuen dürfen sich meine Leser eher weniger, da die Story alles andere als ein Happy End wird, aber mehr will ich noch nicht verraten … Es wird jedenfalls wieder sehr düster und dramatisch.

    AnimeY: Kannst du schon abschätzen, wie lang Born insgesamt wird?

    Cho: Es wird nur noch der zweite Part kommen, der wahrscheinlich aber länger wird. =)

    AnimeY: Was waren für dich die Herausforderungen beim Veröffentlichen eines eigenen Mangas?

    Cho: Uff..So ziemlich..der…komplette…Prozess? Hätte ich nicht die Hilfe von einigen Leuten bekommen, wäre er auch sicher noch nicht einmal fertig. Alleine die Anfertigung von der PDF-Datei für den Druck war für mich zu viel, was für ein Noob.  In erster Linie ist es aber wirklich schwer gewesen, überhaupt  dranzubleiben, weil man gerne mal die Lust verliert. Die Seiten nehmen irgendwie kein Ende, da heißt es nur: »FIGHTING! Yosh!« `__´

    AnimeY: Hast du schon Ideen für weitere Projekte?

    Cho: Uhum! Born war nur ein Teil einer anderen Geschichte, die ich schon sehr lange im Kopf habe, in der es um fünf Freunde geht, die sich zusammentun, um Korruption zu bekämpfen. Ich werd‘ mich aber, was ihre Geschichte angeht, mehr auf Animexx auslassen und es nicht sofort drucken lassen. =)

     AnimeY: Die Anzahl an deutschen Mangas wächst stetig. Entwickelt man da ein Konkurrenzdenken?

    Cho: Kein Stück. Ich find‘ das absolut genial, dass uns Online-Druckdienste die Möglichkeit bieten (unabhängig von großen Verlagen), eigene Comic-Strips/Doujinshis/Mangas zu produzieren und anzubieten. Wie hypokritisch wäre ich, wenn ich auf so eine Frage antworten würde »Ja, eh voll, shice, die sollen aufhören, die klauen mir meine Leser.«, wenn sie es doch waren, die mich dazu ermutigt haben, es auch zu probieren?  Im Gegenteil, der Support zwischen den Zeichnern ist wirklich groß, das merkt man dann, wenn sie plötzlich vor dir stehen und deinen Shice kaufen, obwohl sie selber das Geld gebrauchen könnten. Jeder Zeichner zieht sein eigenes Ding durch, und das merkt man auch an den Publikationen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wenn es da ein Konkurrenzdenken geben sollte, ist es bei mir noch nicht angekommen, so was juckte mich aber auch noch nie, muss ich dazusagen.

    AnimeY: Welche Tipps kannst du angehenden Manga-Zeichnern mit auf den Weg geben?

    Cho: Ich, der erfahrene Manga-Zeichner?… (/Sarkasmus)

    …Bleibt  einfach awesome, Leute. Habt keine Angst davor, Fehler zu machen, denn die bringen euch genauso weiter wie Erfolge.

    (Und versucht, wie Batman zu sein, denn auch wenn ihr nie Batman sein könnt, der Versuch, wie er zu sein, macht euch 1% zu ihm, und das heißt, dass ihr 100% cooler seid. Ich bin voll gut in Mathe, ok.)

    Das AnimeY-Team bedankt sich herzlich bei Cho Kohara für dieses Interview.

    Illustrationen © 2014 Cho Kohara

    fallenshadow
    Passionierte Liebhaberin der deutschen Manga-Zeichner-Szene, Manga über Anime Stellerin, es darf auch mal ein amerikanischer Comic sein, Avocado Makis sind lecker, liebt Regentage, zu faul Haare schneiden zu lassen, Mathe ist easy, Tofu ist mein Fleisch

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