Interview mit David Füleki zu „78 Tage auf der Straße des Hasses“

    David Fülekis
    78 Tage auf der Straße des Hasses

    Lange mussten Leser auf die Publikation von David Fülekis 78 Tage auf der Straße des Hasses bei TOKYOPOP warten. Im August 2014 war es dann endlich soweit: Band 1 erschien im Handel. AnimeY führte mit David Füleki ein Interview und hakte genauer nach, woher er storytechnisch und zeichnerisch seine Inspirationen nimmt, wie es zu 78 Tage auf der Straße des Hasses kam und welches Potential er in der deutschen Manga-Zeichner-Szene sieht. Antworten darauf und noch viel mehr lest ihr in diesem Artikel.

    AnimeY: Wie kamst du auf 78 Tage auf der Straße des Hasses, was inspirierte dich dazu?

    David: Das Projekt fußt auf ’nem mittlerweile über zehn Jahre alten Krakel-Comic, der in meinem letzten Schuljahr am Gymnasium entstand: Sä Ikskürsch’n tuh Ingländ. Das war quasi ein semi-autobiografischer Reisebericht über die Abschlussfahrt meiner Jahrgangsstufe nach England. Eine ereignisreiche Woche voller unbequemer Wahrheiten. Es war an mir, diese Wahrheiten offenzulegen – in einer Form, die in ihrer Hässlichkeit der Tour de Force auf die Insel gleichkommen sollte.

    Obwohl ich damals schon recht ordentlich zeichnen konnte, verzichtete ich bewusst auf so Firlefanz wie stimmiges Seitenlayout, Anatomie, perspektivische Ordnung oder generell zeichnerische Qualität.

    Die Serie erschien über das komplette letzte Schuljahr hinweg am Schwarzen Brett der Schule und erfreute sich bei Schülern und Lehrern großer Beliebtheit. Dabei war das wirklich nix, was in eine Schule gehört. Sehr brutal, latent rassistisch und auch die Lehrer-Aufsichten, die mit vor Ort waren, kamen nicht gut weg. Eigentlich kam gar niemand in dem Comic gut weg. Jeder andere hätte dafür wohl ’nen Verweis gekriegt, doch ich schätze, der Vorteil, wenn man sich »Künstler« schimpft, ist, dass man absolut alles darf und am Ende bestenfalls noch ’nen Grimme-Preis einkassiert.

    Lange Zeit hatte ich überlegt, wie ich mal wieder an den Ingländ-Comic anknüpfen kann und im zweiten Anlauf entstand dann »78 Tage«, das mit Roy und Def zwei der prägendsten Figuren der Original-Serie sowie den grundlegenden Ton übernahm.

    Sonst ist jedoch nicht viel geblieben. Erst recht nicht der Zeichenstil. Ein Glück für euch Leser da draußen!

    AnimeY: Wie entstanden die beiden Protagonisten Roy und Def in deinem Kopf? Hielten oberflächlich betrachtet Vorbilder für die zwei her?

    David: Def bin ich ja selber; Roy basiert auf Roy Seyfert, ’nem Klassenkameraden aus Gymnasiums-Zeiten und aktuellem Geschäftsführer des Indie-Verlags Delfinium Prints.

    Als das oben besprochene Sä Ikskürsch’n tuh Ingländ entstand, sah ich mich gezwungen, aus komplexitätsreduzierenden Gründen auf umfangreiche Charakter-Studien für die Hauptfiguren zu verzichten. (Zu den Protagonisten zählten im Wesentlichen wir beide sowie ein weiterer Kumpel, da wir zusammen dieselbe englische Gastmutter hatten, bei der wir lebten – sofern man das noch als »leben« bezeichnen konnte.)

    Um jedoch trotzdem deutlich definierte Charaktere zu zeichnen, griff ich auf ein anderes Mittel zurück: Übertreibung. Eigenschaften von auftauchenden (und real existierenden) Figuren, die ich als interessant und prägnant erachtete, wurden konsequent auf die Spitze getrieben. Da ich mir selbst eine gewisse Treudoofigkeit zuschreibe, ist auch Comic-Def nicht die hellste Leuchte am Weihnachtsbaum und daher oft ein Opfer der Umstände und seiner Mitmenschen. Ein sympathischer Idiot halt. Und immer mit ’nem drolligen Lied auf den Lippen.

    Der echte Roy war zwar zu allen nett und freundlich, doch immer recht introvertiert und ruhig. Doch weil ich wusste, dass in ihm ein moralischer Krüppel schlummerte, dessen täglich Brot Zynismus und Menschhass waren, wurde Comic-Roy ein soziopathischer Killer. Das Morden war natürlich rein metaphorisch zu verstehen. Klar!

    Als der echte Roy die ersten Seiten mit seinem gezeichneten und grundbösen Alter Ego am öffentlichen Schwarzen Brett sah, bekam er’s zunächst mit der Angst um seinen guten Ruf zu tun. Nachdem aber zunehmend Zuspruch unserer Mitschüler zu seinem jüngst offengelegten neuen Image kam, gewöhnte er sich daran und ging offener mit seiner dunklen Seite um. Er genoss es sicherlich auch, dass nun einige Leute Angst vor ihm hatten, weil sie nicht wussten, wie viel Wahrheit in den Comics steckte. Ein Monster war geschaffen.

    Wenn Roy im Comic also möglichst übertrieben-brutal alles und jeden um die Ecke bringt, dann ist das eine Metapher und literarisch absolut wertvoll. Wie ein wunderschönes Goethe-Gedicht, das man in Blut und Innereien-Masse tunkt.

    AnimeY: Man begegnet in der Geschichte so manch eine bekannte Figur, wie beispielsweise Pikachu, die letztendlich viel einstecken muss. Welche Bedeutung geben diese der Geschichte? Übst du auf diese Weise eventuell eine gewisse Kritik an ihnen aus?

    David: Man hört immer wieder, dass da Pikachu drin vorkommen soll, doch ich weiß davon nix.

    Ich vermute jedoch, dass damit das —mon aus Kapitel 1 gemeint ist. Eine gewisse Ähnlichkeit zum urheberrechtlich geschützten Pokémon® Pikachu™ ist sicherlich vorhanden, doch natürlich hat das eine mit dem anderen ABSOLUT GAR NICHTS zu tun.

    Wenn dem doch so wäre, würde ich jedenfalls nicht direkt Kritik an Pokémon ausüben, da ich der Meinung bin, dass das eines der genialsten Franchises unserer aktuellen Popkultur ist. Es wäre stattdessen eher ein satirisch gefärbter Kommentar zum abwegigen Grundkonzept dieses ganzen Sammelmonster-Dings mitsamt der darum florierenden Fandoms. Ein Kommentar zu japanischen kommerziellen Konzepten generell. Man denke da an so was Abstruses wie apokalyptische Duelle, die mit Plastikkreiseln in Salatschüsseln ausgetragen werden. Irre!

    Generell ist ja »78 Tage« als große Zitate-Sammlung zu verstehen, die in jeder ihrer Poren vollgestopft ist mit diesen Satire-Momenten. Dazu kommen wir bei der nächsten Frage noch genauer.

    AnimeY: Verbirgt sich bei genauer Betrachtung eine Botschaft zwischen Bild und Text? Wenn dem so ist, was möchtest du mit deiner Geschichte in den Köpfen der Leute erreichen?

    David: Was ich erreichen möchte, behalte ich lieber für mich, da ich sonst zu suggestiv werde. Es gibt eine komplexe zugrunde liegende medientheoretische Botschaft, die den Comic durchzieht, wie ’ne feine Speckmaserung, doch wie genau diese aussieht bzw. was meine Intention ist, wie sie wirken soll, sei hier nicht erklärt. Stattdessen hoffe ich, dass jeder Leser/ jede Leserin selbst genügend Reflexivität beim Leseprozess einbringt, um zwischen den Zeilen den tieferen Sinn zu erkennen. Der muss dann auch nicht deckungsgleich mit dem von mit Intendiertem sein.

    Punkt ist aber, dass man diesen tieferen Sinn nicht erkennen muss. Es ist zwar interessant, diese zusätzliche Ebene für sich zu entdecken, doch man kann den Comic genauso gut sehr oberflächlich lesen und sollte dennoch ausreichend unterhalten sein.

    In den letzten Jahren hat mich die »78 Tage«-Kernleserschaft jedoch schon recht stolz gemacht, weil sich die größten Fans dadurch auszeichnen, dass sie jedes neue veröffentlichte Kapitel sehr gewissenhaft auseinanderklamüsern und versuchen das große Ganze zu interpretieren.

    Einige Leute, die noch nie was von der Serie gelesen haben, denken, dass es nur brutaler Klamauk ohne roten Faden ist, doch genau das soll es absolut nicht sein. Ich hoffe, dass jeder, der die ersten 18 Kapitel liest (den ersten Story Arc), am Ende feststellen muss, dass der erste Eindruck irreführend war.

    AnimeY: Wenn du dich selber auf eine 78-tägige Reise begeben könntest, wie würdest du diese gestalten beziehungsweise wohin ginge die Reise?

    David: Ich schaff’s nicht mal, zwei, geschweige denn drei Tage abzuschalten. Dafür steck ich zu tief in meiner Arbeit drin. Daher würde ich wohl irgendeine Art Studienreise machen wollen. ’Nen Trip in irgendein exotisches Land, wo ich viele Eindrücke sammeln und Skizzen zeichnen kann, die ich dann wiederum für meine Comics usw. verwerten kann.

    Unterwegs würde ich noch Unmengen einheimischer Spezialitäten essen und schlimm krank werden.

    AnimeY: Wie entsteht bei dir ein Konzept für eine neue Erzählung?

    David: Das Meiste, was ich früher oder später zu Papier bringe, fußt auf spontanen und abwegigen Ideen, die mir irgendwann mal vor die Flinte flattern. Je alberner oder extremer die Eingebung, desto mehr macht’s mir Spaß, zu versuchen, diese zu ordnen und zu entwickeln. Ein Beispiel: Heute kam es durch einen Versprecher eines Kumpels dazu, dass er den Begriff »Tourette« mit einem Superhelden in Verbindung brachte. Er dachte dabei nicht an die Krankheit, wo man unkontrolliert Bewegungs-Ticks oder verbale Entgleisungen hat. Mein Gehirn schaltete in dem Moment jedoch sofort um und ich versuchte, einen Superhelden zu entwickeln, dessen übernatürliche Fähigkeit auf dem Tourette-Syndrom beruht. Was wenn er unkontrolliert in kurzen Schüben Kräfte jeglicher Art anwenden könnte, die ihn aus Gefahrensituationen retten, ihn jedoch manchmal auch erst in diese reinschlittern lassen? Der eine Impuls führt dazu, dass er einen mächtigen Eisstrahl abschießt, der nächste lässt den Körper für einen Moment zu einer aktionsunfähigen gallertartigen Masse werden usw.

    Eine dumme Idee, die fünf Minuten später schon ein komplexes Comic-Universum zur Folge hatte, das in meinem Kopf fertig zum Abzeichnen bereitstand. Die Geschichte wird so sicher nie entstehen, aber eventuell wäre Tourette-Man z.B. ein interessanter Nebencharakter für »78 Tage«. So schnell geht das.

    Dieser Prozess ist wohl so eine Art automatisierte Kreativität, die jeder, der sich regelmäßig Sachen aus den Fingern saugt, nebenbei entwickelt und unterbewusst zu den unmöglichsten Gelegenheiten abruft. Normalerweise erscheinen einem diese Ideen-Rohlinge zu verquer, als dass man sie weiter verfolgen würde, doch manchmal sollte man genau das machen, um etwas Überraschendes, Neues zu kreieren.

    AnimeY: Was inspiriert dich beim Zeichnen?

    David: Alles. Alles um mich rum kann die oben genannten spontanen Ideen rauskitzeln. Wenn man sehr viel produzieren muss, weil man z. B. ’ne wöchentlich erscheinende Comic-Serie hat, bei der jede Folge eine in sich geschlossene Geschichte ist, lernt man, offen für alle Impulse durch die Welt zu gehen und sucht irgendwie automatisch ständig nach Inspiration.

    Früher hat man diesen Prozess beschleunigt, in dem man stundenlang in der Absinth-Hölle versank und dubiose Kräuter geraucht hat. Dazu fehlt mir aber das nötige Kleingeld.

    AnimeY: Wie entsteht bei dir eine Manga-Seite und welche Utensilien verwendest du dabei?

    David: Prinzipiell nehme ich alles an Utensilien; wichtig ist nur, dass es nicht teuer sein muss, ’nen Comic zu Paper zu bringen. Deswegen nutz ich meist ganz einfaches Kopier-Papier (oft sogar welches, dass bereits einseitig bedruckt ist und von Studenten meiner alten Uni weggeworfen wurde) sowie Schulfüller zum Inken. Mit schwarzer Tinte aus’m Discounter.

    Mittlerweile besitze ich jedoch auch ein, zwei spezielle Fineliner oder Brush-Pen. Essenziell sind die für mein Schaffen aber nicht.

    Beim Colorieren kann ich eigentlich auf alles zurückgreifen, weil alles schon ausprobiert und für gut befunden wurde. Auch Gras, Blumen oder Kaffee kann ich recht sicher einsetzen. Allerdings hab ich vor allem beim analogen Colorieren das Gefühl, dass das bei mir ´n recht stümperhaftes Hinstolpern zum erwünschten Ergebnis ist, da ich mir das alles autodidaktisch zusammen gerotzt hab, was ich an Skills zu bieten hab. Wenn ich dann mal so was wie eine echte Maltechnik, wie man sie z. B. an Kunsthochschulen oder aus den Bob Ross-Videos lernt, sehe, kann ich nur ehrfürchtig staunen.

    AnimeY: Welche Aspekte sind dir beim Gestalten von Farbseiten besonders wichtig?

    David: Seit einigen Jahren isses mir besonders wichtig, dass meine Bilder eine farbliche Identität haben. Während ich früher einfach hohl alle Farben zusammengehauen hab, bis ich am Ende das Farbspektrum einer Tüte M&Ms hatte, steht mittlerweile der Versuch einer farblichen Stilisierung im Fokus. Das ist ein langer, schwerer Weg für jeden Illustrator, zu lernen, dass man Gras nicht immer grellgrün, den Himmel nicht immer azurblau und Baumrinde nicht immer im strahlendsten braun darstellen muss. Wichtiger ist, dass die Farbe die Stimmung des Bilds, der Szene trägt und sich zugunsten des Gezeigten zurückhält bzw. an bestimmten Stellen die Zeichnung unterstützt und Prägnantes hervorhebt.

    Da steht mir aber noch ein langer Lernprozess bevor, wenn ich sehe, was da vor allem aus der Graphic Novel-Ecke alles an Farbexperimenten zu bestaunen ist.

    Übrigens durchlaufe ich in Intervallen – ähnlich wie z. B. ein Picasso oder wahrscheinlich auch so ziemlich jeder andere Maler – stets irgendwelche Phasen, die durch inflationären Gebrauch bestimmter Farben oder Töne geprägt sind. Lange Zeit hatte ich daher eine Gelb/Orange-Phase (z. B. während der Arbeit an Stuwwelpeter: Die Rückkehr), dann auch mal ´ne Zeit, wo alles sehr pastellig war. Aktuell zeig ich wieder mehr Mut zu grellen, plakativen Farben und ich nutz viel Giftgrün oder Magenta.

    AnimeY: Hast du bestimmte Rituale beim Zeichnen (Tageszeit, Süßigkeiten, Musik, etc.)?

    David: Zwischendurch wasch ich mir viel die Hände, weil ich mich vor meiner eigenen Tätigkeit ekle. Nein, ich weiß nicht. Die kleben halt sehr schnell. Keine weiteren Fragen, bitte!

    Nebenbei hör ich Podcasts. Das ist mir tatsächlich sehr, sehr wichtig.

    Wenn man als Freiberufler die meiste Zeit des Tages im stillen Kämmerlein allein an Projekten rumwerkelt, fehlen einem diverse soziale Routinen, die man z. B. bei Büro-Jobs oder auf der Baustelle hat. Die Frühstückspause mit Kollegen, das gemeinsame Abhaten über den Chef oder die illegalen Skat-Turniere im alten Heizungskeller mit den verrückten Schlipsträgern aus der Buchhaltung. So Sachen hab ich in meiner aktuellen Arbeitsumgebung leider nicht.

    Als eine Option gegen die dadurch drohende soziale Verwahrlosung anzukämpfen, empfiehlt es sich daher, parasoziale Bindungen zu medialen Persönlichkeiten aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Daher lass ich gern die Jungs aus so Podcast-Formaten wie »Insert Moin«, »Sanft und Sorgfältig«, dem »GameOne-Plauschangriff« oder »Almost Daily« nebenbei zu bunten Themen-Salaten palavern. Das ist intellektuell zumindest etwas fordernder als einfach nur Musik zu hören oder das Fenster zu öffnen, um Gesprächen der einfacher gestrickten Nachbarn zu lauschen, die draußen auf’m Hof mit ihren Hunden oder dem Getränkelieferanten von Edeka streiten.

    AnimeY: Wie viel Potential siehst du in der deutschen Manga-Zeichner-Szene?

    David: Seit jeher sehr viel. Vor allem in der Anfangszeit des Manga-Booms hierzulande dachte man, wir hätten einen unerschöpflichen Pool an angehenden Top-Zeichnern. Allein durch den Manga-Talente-Wettbewerb bekam man jedes Jahr gleich mehrere große Namen präsentiert, die heute noch zur hiesigen Zeichner-Elite zählen.

    Dann folgte, zugegebenermaßen, eine recht lange Durststrecke, wo nicht wirklich viele neue Talente entdeckt oder ausreichend gefördert wurden. Zudem war noch keine klare deutsche Manga-Identität erkennbar. In den letzten Jahren hat sich das jedoch stark zum Positiven hin gewandelt. Es gibt mittlerweile wichtige Meinungsführer-Personalitys, die durch ihre Aura und ihren spezifischen und schlauen Umgang mit Social Media oder generell ihren Fans dem bloßen Medium Comic noch eine interessante zusätzliche Ebene verleihen. Eine Ebene, die dringend notwendig war, um Nährboden für die ersten größeren deutschen Fandoms zu schaffen. Ein paar Zeichner, die man hier erwähnen sollte, wären Daniela »FuXx«/»Horrorkissen« Winkler, Nana Yaa Kyere oder Marcel »Hugi« Hugenschütt, die es allesamt geschafft haben, Massen von ihrer Person zu begeistern und somit ihre Werke nicht einfach nur in den Raum hinein werfen, um zu schauen, was passiert. Denn mit Passivität hat man’s in Deutschland immer noch – leider – sehr schwer. Die Leser wollen nicht nur lesen, die wollen eine regelrechte Multimedia-Unterhaltungsshow. Mit Facebook-Talk, YouTube-Videos, Convention-Auftritten usw..

    Negative Faktoren, die man in dem Atemzug mit nennen muss, wären zum einen, dass sicher auch die eigentlichen Kern-Themen, nämlich die Comics, stärker in den Hintergrund treten, wenn die Zeichner zunehmend Screentime beanspruchen. Zum anderen bedeutet diese Entwicklung, dass Zeichner, denen ein gewisses Rampensau-Gen fehlt bzw. diejenigen, die nicht die zündenden Ideen haben, wie sie um ihre Werke drum rum für Aufmerksamkeit sorgen können, zu oft auf der Strecke bleiben. Die – meiner Meinung nach – allerbesten im japanischen Stil arbeitenden Zeichner, die wir im deutschsprachigen Raum bisher erleben durften, gehören nämlich nicht gerade zu den bekanntesten, geschweige denn wirtschaftlich erfolgreichsten. Hier sehen wir auch den wesentlichen Unterschied zum japanischen Markt, wo der Urheber eines Manga weitgehend egal ist; da stehen das Werk und alles, was dieses hervorruft im Zentrum des Fandoms. Die Zeichner-zentrierten Fandoms hierzulande müssen deswegen aber keinesfalls schlecht sein. Unsere Kultur ist nun mal nicht deckungsgleich mit der japanischen und das aktuelle Bild unserer Szene kann auch eine große Chance bedeuten. Die Möglichkeit, endlich das lang erwartete nächste Level zu erreichen und sich noch stärker vom großen Bruder aus Fernost abzugrenzen. Daher nennen wir mittlerweile auch hierzulande entstandene Comics im Manga-Stil »Mango«.

    Auf diesem angesprochenen nächsten Level erwarte ich dann auch deutliche handwerkliche Fortschritte. Sprich: bessere Zeichen- und Erzähltechniken. Denn da muss man auch ganz ehrlich sagen, dass wir da noch deutliche Defizite aufweisen.

    AnimeY: An welchen Projekten bist du aktuell ebenso beteiligt?

    David: Bei »78 Tage« schließe ich aktuell noch das letzte Kapitel des ersten großen Handlungsbogens ab, den ich voraussichtlich noch dieses Jahr veröffentliche – wie gewohnt für die Ersterscheinung als Heft beim Verlag Delfinium Prints.

    Bei meinem Webcomic Studieren mit Rind pausiere ich grad inoffiziell, um mich ganz einem neuen Webcomic-Projekt zu widmen: Infamous Justice Force Strikers. Nach langer Zeit, in der ich vor allem für meine brutaleren, krasseren Action-Comedy-Reihen bekannt war, ist das Justice Force-Projekt nun ein Schritt zurück zu meinen Wurzeln. Also klassischere Shounen-Manga-Action. Die Story kann man grob zusammenfassen als: Power Rangers, aber mit einem Team aus Super-Bösewichten. Aktuell gibt´s jeden Tag eine neue Seite, die jeweils zuerst auf meiner Facebook-Künstlerseite zu sehen ist: www.facebook.com/fueleki.

    Mein unangefochtenes Hauptprojekt ist derzeit jedoch Der Schlaufuchs. Das werden die meisten aus der Manga-Szene noch nicht mal kennen, da es sich hierbei um einen wöchentlich erscheinenden Zeitungs-und-nur-Zeitungs-Comic-Strip handelt, der nur in Hessen erscheint und der zudem eher an jüngere Leser gerichtet ist. Das Besondere an dem Projekt ist sein Umfang. Der Comic wird z. B. begleitet von einem vierteljährlich erscheinenden Magazin, Hörspielen, Merchandising-Artikeln (Plüschtiere, Brotbüchsen, so Seifenblasen-Dinger usw.), Schulheften oder sogar einem Sommerfest, das einmal jährlich in Fulda stattfindet. Mein mit Abstand meist gelesener Comic ist also ausgerechnet einer, der inhaltlich das komplette Gegenteil von dem ist, was ich die letzten Jahre gemacht habe.

    Nebenbei verfolge ich noch sehr viele wechselnde Comic- oder Illustrations-Projekte. Seit zwei Jahren illustriere ich beispielsweise diverse Rubriken des monatlich erscheinenden Magazins move|36; aktuell liefere ich die Grafiken für ein Videospiel, das man sich bald als App ziehen kann; dann noch die vielen kleinen Comic-Kurzgeschichten, die immer wieder spontan reinflattern. Is jedenfalls immer genug zu tun für die nordkoreanischen Zeichensklaven, die in meinem Keller meine Aufträge abarbeiten, damit ich dann so tun kann, als sei ich superproduktiv.

    AnimeY: Auf welchen Veranstaltungen trifft man dich in diesem Jahr noch an?

    David: Mindestens auf’m Comicgarten Leipzig und der Connichi im September und der Animaco in Berlin, die wieder Ende Oktober sein dürfte. Mehr ist noch nicht fest eingeplant, aber meine Convention-Besuche sind eh meist recht spontane Schnellschussentscheidungen. Haltet im Zweifelsfall auf jeder Con die Augen auf. In fast aller Regel bin ich am Stand von Delfinium Prints. Das is da, wo immer so laut, aber auch sehr schön gesungen wird.

    AnimeY bedankt sich bei David Füleki für das Interview.

    78 Tage auf der Straße des Hasses © David Füleki/TOKYPOP GmbH, Hamburg 2014

    Gina
    ich bin eine ziemlich durchgeknallt aber ruhige Manga-Leserin der 30+ Generation :3

    5 Kommentare

    1. sehr tolles Interview ♥

      „Die Möglichkeit, endlich das lang erwartete nächste Level zu erreichen und sich noch stärker vom großen Bruder aus Fernost abzugrenzen. Daher nennen wir mittlerweile auch hierzulande entstandene Comics im Manga-Stil »Mango«.“

      Mango :D…. kann das nicht mal jemand den Verlagen sagen, dass sie deutsche Eigenproduktion unter einen eigenen Begriff bewerben ^_^? Fand es sowieso immer seltsam, dass man hierzulande keinen eigenen Begriff dafür kreiert (China und Korea haben es schließlich auch).

      „Auf diesem angesprochenen nächsten Level erwarte ich dann auch deutliche handwerkliche Fortschritte. Sprich: bessere Zeichen- und Erzähltechniken. Denn da muss man auch ganz ehrlich sagen, dass wir da noch deutliche Defizite aufweisen.“

      toll, dass das mal jemand so klar äußert :). Ich hätte es nicht besser formulieren können.

      • China und Korea haben keine eigenen Begriffe für Mangas. „Manhua“ und „Manhwa“ sind die dortigen Bezeichnungen für „Comic“. China und Korea haben also keine Begriffe kreiert, sondern wir haben Begriffe für Mangas aus den beiden Ländern kreiert, indem wir diese zwei Worte genommen und ihnen eine neue Bedeutung gegeben haben.

        • das ist mir schon klar. Ich fände es einfach werbewirksamer deutschen Eigenproduktion einen Marktnamen zu verpassen anstatt sie als „Manga“ zu bewerben. Auch wenn´s in dem Sinne nicht verkehrt ist. Für die Verlage ist es natürlich einfacher, alles unter einem Hut zu bringen.

          • Was für einen Marktnamen schlägst du denn vor?

            Ich hoffe, ich lehne mich jetzt nicht zu weit aus dem Fenster, aber ich nehme an, den Verlagen geht es nicht nur darum, alles unter einen Hut zu bringen, weil es einfacher ist, sondern um bei den potentiellen Käufern auch die Assoziation zwischen „deutschen“ und „japanischen“ Mangas hervorzurufen. Es gibt genug Manga-Leser, die einen Manga schon allein aus dem Grund nicht lesen, weil dahinter ein deutscher Zeichner steht.

            Wenn das Werk jetzt nicht einmal mehr als Manga beworben wird, sondern unter irgendeiner neuen Bezeichnung, mit der die meisten Leser auf den ersten Anhieb nichts anfangen können, dann könnte das abschreckend wirken. Mal davon abgesehen, dass sich alle Verlage wenn möglich auf denselben Begriff einigen sollten, damit nicht das totale Namens-Chaos ausbricht. Was letztendlich zählt, ist der Manga selbst – und nicht die Benennung.

            Und so viele deutsche Manga-Eigenproduktionen bei den großen Verlagen gibt es gar nicht. Die große Masse kommt noch immer von Kleinverlagen und aus privater Kasse.

      • ist natürlich so eine Sache mit dem Marktnamen, es gibt sicherlich viele Manga-Leser die mit ihrem Schubladendenken Titel generell als “Manga” ansehen, wenn sie aus Japan kommen und von daher deutschen Künstlern stets skeptisch gegenüberstehen. Von der Seite aus betrachtet, wäre es für diejenigen vielleicht ein befriedigendes Gefühl, wenn sich die deutsche Manga-Szene eine Art Comic-Kategorie einfallen lässt, die dann von allen Verlagen genutzt wird.

        Die Frage ist eher, welche Leser die Verlage generell mit dem Titel erreichen möchte. Der skeptische Manga-Leser mag sich nur durch gute Werbung (auch Mundpropaganda) dazu verleiten lassen, den Titel zu kaufen, dagegen ist es der allgemeinen Leserschaft, die kaum was mit Mangas an Hut hat egal, ob der Titel nun als Manga oder unter welchen Namen auch immer läuft. Da wird halt zugegriffen, was gerade angesagt ist. Der Begriff “Manga” ist denke ich den meisten geläufig, neue Namen brauchen Zeit, bis sie sich etablieren, was natürlich Risiken birgt. Ist aber ein interessantes Thema, bei dem Künstler und Verlage sicherlich mehr zu sagen könnten ^_^.

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