Interview mit den Machern des »Tokyo Ghoul«-Animes und Einblicke in die Produktion

    AnimeY hatte die Ehre den Regisseur von Tokyo Ghoul Shuhei Morita auf der AnimagiC 2015 zu interviewen. Auch Produzent Tetsushi Hotta war anwesend und beantwortete unsere Fragen. Außerdem fand nach dem eigentlichen Interview ein intensives Gespräch mit Hotta-san statt, indem er uns exklusive Fotos mit Eindrücken zur Produktion der Serie präsentierte. Das Resultat des Interviews sowie Gespräches, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

    AnimeY: Wie gehen Sie die Anime-Umsetzung einer bereits als Manga erfolgreichen Serie an?

    Morita-san: Zunächst sei erwähnt, dass an Staffel eins und zwei auf unterschiedliche Art und Weise herangegangen wurde. Anfangs muss man natürlich das Konzept des Originals verstehen, sich dazu den Manga anschauen und die guten Stellen herausfinden. Dann haben wir in Absprache mit Ishida-sensei die erste Staffel konzipiert. In dieser wurde der Fokus zuerst auf Kaneki gelegt, als er noch schwarze Haare hat. Hier habe ich mit Einverständnis von Ishida-sensei die Reihenfolge mancher Sequenzen vertauscht. So rückte der Part mit Tsukiyama nach vorne, während der von Hinami nach hinten geschoben wurde. Man muss hierbei beachten, dass wir mit Bewegtbildern arbeiten. Dann muss man das Original so adaptieren, dass es auch optisch ansprechend ist.

    AnimeY: Inwieweit kommunizieren Sie mit Ishida-sensei über den Ablauf des Animes?

    Morita-san: Er war von Anfang an, seit dem ersten Treffen, sehr kooperativ, was mich sehr überrascht hat. So bestand Einigkeit darin, dass man anfangs den Fokus auf Kaneki legen sollte, um ihn genauer zu beschreiben. Die Kommunikation verlief sehr gut, obwohl Ishida-sensei in Fukuoka lebt. Da in dieser Entfernung tatsächliche Treffen nicht möglich sind, haben wir uns regelmäßig über Skype abgesprochen, so dass ich ein sehr gutes Gefühl dahingehend habe. In diesem Projekt mussten auch die Redakteure sehr leiden, da sie stark mir einbezogen wurden. Die Besprechungen des Drehbuchs waren sehr arbeitsintensiv. Es fanden zweimal wöchentlich Treffen bis spät in die Nacht statt, in denen diskutiert wurde, wie das Drehbuch denn nun aussehen soll.

    AnimeY: Tokyo Ghoul behandelt schon brisanten Stoff von Wesen mit einer kannibalistischen Natur. Wie sind sie die Herausforderung angegangen, die Figuren so darzustellen, dass der Zuschauer noch genug Empathie für sie empfindet?

    Morita-san: Dies war keine große Herausforderung, da in der Geschichte zwar die Ghouls Leute essen, aber in ihrem Wesen sehr menschlich sind, ja fast menschlicher als die Menschen selbst. Sie stellen nur eine Minderheit in der Gesellschaft dar und müssen mit ihrem Schicksal leben. Ich habe zum Beispiel in der ersten Staffel, um Sympathie zu ermöglichen, darauf geachtet, dass man auf gleicher Augenhöhe alles erlebt, viele Nahaufnahmen sieht, damit man die Charaktere auch gut kennenlernt. Außerdem handelt die erste Season ja von Kaneki, der erst ein Mensch war und durch den Vorfall mit Liz zu einem Halbghoul wird. So muss er ja selbst mit sich kämpfen. Von daher, denke ich, fällt es nicht schwer, Ghouls sympathisch darzustellen.

    AnimeY: Inwieweit wurde sich für den Anime bemüht, die Schauplätze realen Orten nachzuempfinden? Mit welchen Kniffen haben Sie dahingehend versucht, die Atmosphäre aufzubauen?

    Morita-san: Hierfür habe ich mir einen Tag Zeit genommen, um mir noch mal zu überlegen: Was ist eigentlich Tokio, was ist typisch Tokio? Dementsprechend wurden einige Orte rausgesucht, unter anderem haben wir sehr viele Aufnahmen in Ikebukuro gemacht, da es meinem Verständnis zufolge das typische Tokio und sehr abwechslungsreich sowie subkulturell ist. Außerdem lag mein Fokus auf Orten, die nicht wirklich belebt sind, solche, an denen sich die Ghouls auch zurückziehen können, zum Beispiel unter Brücken, an Bahngleisen oder bei den Flüssen, über denen sich die Stadt weiterentwickelt hat [*].

    [*] In Japan wurden die Städte aufgrund des Platzmangels beim Bevölkerungswachstum über Flüsse etc. gebaut (es gibt also untertunnelte Städte, wo die Flüsse fließen), was hier ideale Rückzugsorte sind (siehe Folge 9).

    AnimeY: Viele der Charaktere haben abweichend von der Manga-Vorlage komische Marotten in ihren Verhaltensweisen (beispielsweise Jasons Fingerknacken, Mados nervöses Trommeln oder Shus Schnüffeln vom Blutgeruch). Stammen die von existierenden Personen aus ihrem Umfeld oder was hat sie dazu inspiriert?

    Morita-san: Diese Marotten habe ich eingeführt, da solche Eigenschaften den Charakter eines Menschen sehr gut darstellen. Es sind zwar überflüssige Bewegungen, aber ich wollte den Figuren von Anfang an mehr Individualität verleihen. Außerdem ist es eine gute Methode einen Charakter zu skizzieren. Ich kenne es aus Kinofilmen, dass Charaktere immer stärker präsent sind, wenn sie solche Marotten haben. Jasons Fingerknacken wird aber auch im Manga relativ am Ende gezeigt. Im Anime hat er diese Eigenschaft dann von Anfang an bekommen, damit man sich möglichst schnell in diese Welt hineinversetzen kann. Mados Trommeln mit den Fingern war eine Idee eines Mitarbeiters am Projekt, Herrn Shimada. Da mir der Vorschlag sehr gut gefiel, habe ich es mit eingefügt. Geräusche teilen auch viel mit, sind auch ein wichtiges Element im Anime, so dass die Macken auch immer mit einem Geräusch in Verbindung gebracht werden können, das Knacken, das Trommeln oder Nasenschnaufen.

    AnimeY: Welche Abstriche mussten Sie bei der Konzeption und Story des Tokyo Ghoul-Animes machen?? Besonders in Hinblick auf psychologische Aspekte mitsamt der einhergehenden Charakterentwicklungen?

    Morita-san: Die größte Einschränkung beim Anime allgemein ist natürlich die zeitliche. Hier hatte ich aber bei Tokyo Ghoul keine Probleme. Allerdings gibt es viele Abstriche, was die gewalttätigen Szenen angeht, da die Serie natürlich im Fernsehen ausgestrahlt wird. Aber Tokyo Ghoul ist ja keine Splatter-Serie, es hat auch viel zwischenmenschliches Drama, das auch sehr gut übertragen werden kann. So habe ich im Großen und Ganzen nicht das Gefühl, viele Einschränkungen erlebt zu haben. Ich konnte mich relativ frei bewegen. Es wird aber wohl Manga-Fans geben, die sich etwas anderes gewünscht hätten.

    AnimeY: Ist es für Sie interessant, fremdsprachige Versionen der Serie zu sehen? Gerade durch die hervorragende Synchronarbeit im Japanischen, welche das ganze Drama transportiert, ist das doch ein maßgeblicher Aspekt. Nutzen Sie die Chance auf Conventions, in andere Sprachfassungen zu schauen?

    Morita-san: Die deutsche Version habe ich mir noch nicht anschauen können. Aber generell interessiert es mich sehr, diese zu sehen. Aus früheren Erfahrungen habe ich schon positive Eindrücke gewonnen. So sah ich die französische Fassung eines meiner älteren Werke. Dort passte der Ton, meiner Meinung nach, sehr gut zum Original. Das war eine positive Überraschung. Besonders gespannt bin ich auf die Umsetzung von Tsukiyama, der ja etwas gemischt spricht.

    AnimeY: Haben Sie einen persönlichen Lieblingscharakter? Wenn ja, wer und warum?

    Morita-san: Dies versuche ich absichtlich nicht zu machen, da ich meine Rolle als Regisseur darin sehe, mich in jeden Charakter hineinversetzen zu können, damit ich ihn auch gut darstellen kann. Von daher habe ich keinen Lieblingscharakter. Da in Tokyo Ghoul aber viele Figuren mit Macken sind, und ich solche mag, finde ich diese dann sehr interessant.

    AnimeY: Gibt es bereits Pläne für weitere Tokyo Ghoul Anime-Projekte? Und wenn ja, können Sie uns eventuell mehr darüber erzählen?

    Morita-san: Momentan sind zwei OVAs geplant mit jeweils einer Folge, beide erzählen die Vorgeschichte von einem Charakter aus Tokyo Ghoul. Die erste soll Ende September in Japan erscheinen und basiert auf einem Webcomic. Sie handelt von der Hochschulzeit Arimas, des stärksten Detektivs der Serie. Ende Dezember ist die zweite OVA angesetzt. Sie zeigt die Geschichte des 16-jährigen Tsukiyama.

    AnimeY: Sind Sie das erste Mal in Deutschland und gibt es irgendwas, was Sie an unserer Heimat mögen (zum Beispiel deutsches Essen)?

    Morita-san: Ich bin das erste Mal in Deutschland. Was ich hier gut finde, muss ich noch herausfinden, da meine Anreise erst gestern war. Aber ich trinke gerne, so werde ich mir hier in Deutschland wohl einen Lieblingsalkohol aussuchen.

    AnimeY: Möchten Sie zum Schluss eventuell einige Worte an das deutsche Publikum richten?

    Morita-san: In Japan habe ich zum ersten Mal erfahren, dass Tokyo Ghoul auch hier in Deutschland sehr beliebt ist. Darüber bin ich sehr glücklich. Genauso freut es mich, jetzt die Gelegenheit zu haben, Deutschland zu besuchen und hier zu sprechen. Ich finde es auch gut, dass über verschiedene Medien wie Fernsehen oder Magazine weiterkommuniziert wird. Ich wünsche den deutschen Zuschauern weiterhin viel Spaß mit der Serie.

    Einblicke in die Produktion des Tokyo Ghoul-Animes

    Im Anschluss an das eigentliche Interview präsentierte uns Tokyo Ghoul-Produzent Tetsushi Hotta Fotos auf seinem iPad, wodurch wir mit ihm ins Gespräch kamen. Die Bilder zeigen Aufnahmen von Tokio, die er mit seinem Team als Vorbereitung geschossen hat, um mögliche Schauplätze für den Anime zu finden. Innerhalb weniger Tage, an denen sie von früh morgens bis nach Mitternacht unterwegs waren, wurden insgesamt 40.000 Fotos gemacht, um möglichst viele Eindrücke der Stadt mitzunehmen.

    Foto: Angus Chan / Lizenz: CC BY-SA 2.5

    Von manchen Szenen wurden die Farbeindrücke in einigen Szenarien des Animes übernommen, zum Beispiel Nachtaufnahmen mit Blau- und Rottönen oder Gassen an einem Wintermorgen, fast menschenlos mit langen Schatten. Dabei hat das Team darauf geachtet, Landmarks, wie den Tokio-Tower, nicht besonders zu zeigen. Auch das Foto, auf dem das Opening-Video basiert, war mit dabei. Neben diesem kamen Bilder einer Einkaufsstraße in Tokio, Ameyoko Ueno, die viele internationale Läden aufweist (siehe Foto aus Wikipedia). Im Anime sind diese Grafiken dann nicht eins zu eins übernommen, sondern entfremdet worden, als eine Zukunft, die als direkte Fortsetzung unserer Welt zu verstehen ist. So entsteht ein Tokio, das es heute noch nicht gibt.

    Das Bild aus dem Opening
    © Sui Ishida/Shueisha, Tokyo Ghoul Production Committee

    Diese Herangehensweise ist etwas Ungewöhnliches und Besonderes. Normalerweise verpflichten die Projektteams professionelle Fotografen, diese Aufnahmen zu machen, und laufen nicht selbst tagelang und kilometerweit durch die Stadt. Herr Hotta verriet uns, dass das Ganze sehr anstrengend war. Morgens sei man noch fit, aber gegen Abend müsse man sich mit einem Bier oder gutem Essen als Belohnung motivieren, weiter nach guten Stellen zu suchen. Irgendwann würde auch die Konzentration aussetzen. Erschwerend sei hinzugekommen, dass alle Mitarbeiter aus Tokio stammen und sie sich umso schwerer taten, Tokio in einem anderen Licht, sprich fremd, darzustellen und solche Orte zu finden. Aber am Ende hätten auch sie Gegenden entdeckt, die ihnen zuvor unbekannt waren. Da im Titel Tokio steht, wäre ihre Suche speziell auf Tokio beschränkt gewesen. Es sollte aber dennoch für Ortskundige entfremdet wirken. Um die Beengtheit der Situation in Tokyo Ghoul gut darzustellen, hat das Team auf weite Flächen wie Autobahnen oder Gleise verzichtet, die sich zum Weglaufen anbieten. Stattdessen kamen beispielsweise Gassen und Brückenunterführungen zum Tragen.

    Zum Schluss erzählte Herr Hotta noch eine Besonderheit zur letzten Folge der ersten Tokyo Ghoul-Staffel. Hier hätten sie für die Musikaufnahme eine ungewöhnliche Methode verwendet: Der komponierende Pianist schaute sich die Szene an, ohne sie vorher zu kennen. Während dieses ersten Anschauens improvisierte er ein Stück zum Geschehen, in denen seine Gefühle und Anspannungen beziehungsweise die Nervosität, besonders während Kanekis Verwandlung, zum Ausdruck kamen. Dadurch spiegelte die Musik Kens Furcht, Entschluss und Unschuld wider. Das Ganze hätte sich soweit gesteigert, dass das Klavier gar nicht mehr als solches zu erkennen sei.

    AnimeY bedankt sich herzlich bei Shuhei Morita und Tetsushi Hotta für das Gespräch sowie bei Kazé Deutschland für das Zustandekommen dieses Interviews.

    For international fans we have uploaded the interview in english.

    Gina
    ich bin eine ziemlich durchgeknallt aber ruhige Manga-Leserin der 30+ Generation :3