Interview mit Carolin Eckhardt Teil 1„Manga ist in Japan vor allem ein Business. Es geht nicht ums »Schönzeichnen«“

    Wir berichteten vor Kurzem darüber, dass Shueisha im Oktober den ersten Band zu Oku-sama Guten Tag!, einem Werk der deutschen Mangaka Carolin Eckhardt, in Japan veröffentlichte. Der japanische Verlag publiziert die jeweiligen Einzelkapitel im Online Magazin Tonari no Young Jump. In einem Interview verrät Carolin dem AnimeY Online Magazin Dinge aus ihrem Leben in Japan selbst sowie zu ihrem Werk Oku-sama Guten Tag!. Auch erfahrt ihr, wie es zu ihrer Publikation in Japan kam und welche Eindrücke sie auf einem Manga-Kollege sammeln konnte.

    © Carolin Eckhardt, Shueisha Inc

    AnimeY: Wann hast du mit dem Zeichnen begonnen?

    Carolin: Seit ich einen Stift halten kann! 🙂 Bevor ich das konnte, habe ich im Kindergarten immer mit Knete „gezeichnet“.

    AnimeY: Wie bist du in die Anime- und Manga-Szene eingestiegen (erster Manga/Anime)?

    Carolin: Mit Sailor Moon denke ich mal. Wobei ich das zuerst als Anime im Fernsehen in der Grundschule gesehen habe und mir deswegen auch der japanischen Wurzel nicht bewusst war. Das kam erst dann, als kurz nach der Ausstrahlung die ersten Mangas raus kamen. Ich hab den von Sailor Moon natürlich gekauft und da fiel mein Blick dann eben auch auf das, was so danebenstand :). So fing es richtig an, denke ich.

    AnimeY: Wann hast du beschlossen als Mangaka zu arbeiten, wie hat sich der Weg dorthin gestaltet?

    Carolin: Ich wollte schon seit der Grundschule immer irgendwas „Künstlerisches“ machen. Damals war „Mangaka werden“ ja auch nicht so eine reale Option. Aber gewollt habe ich es schon seit der 7. oder 8. Klasse, denke ich.

    Offiziell und ganz realistisch angestrebt habe ich es, nachdem ich während meines Auslandsjahres in der 11. Klasse (ich war in Japan, Sapporo, wo auch sonst) auf eine Fachschule gestoßen war (durch eine Freundin), die tatsächlich Manga als Beruf unterrichtete.
    Davor hatte ich in Deutschland schon an einigen Projekten (mehrere Jahre Connichi Illustrationen etc.) mitgearbeitet, hatte auch Kontakte zu deutschen Verlagen und habe auch an eigenen Storys gearbeitet, aber es war zu dem Zeitpunkt immer noch so, dass ich mir das als „Beruf“ trotzdem noch nicht so vorstellen konnte. (Ich hatte z. B. auch über ein Biologiestudium nachgedacht, oder Grafikdesign.)

    Der wirkliche Auslöser war also diese Begegnung in Japan. Woraufhin ich alles Mögliche im Internet nachschaute, und sogar Unis dafür fand. Da stand es eigentlich fest, dass ich, egal wo genau, aber auf jeden Fall in Japan die Fachrichtung „Manga“ machen wollte. Ich habe mir alle möglichen Informationsbroschüren aus Japan schicken lassen (das konnte man über die Websites) und gesucht, und letztendlich mit meiner (jetzt ehemaligen) Fachschule in Sapporo Kontakt aufgenommen, und bin letztendlich da auch gelandet. Es war tatsächlich die Schule, die ich damals im Austauschjahr das erste Mal gesehen hatte.

    Ja, und der Rest ist Geschichte. Ich bin nach dem Abi zurück nach Sapporo (wo sich meine damalige Gastfamilie aus dem Austauschjahr noch befand und so nett war, mich noch mal ein paar Monate aufzunehmen, bis ich eine Wohnung fand etc.), habe meine Aufnahmepapiere abgegeben und weil das Schulgeld in Japan ja leider horrend ist, noch an einem Test für ein Stipendium von der Schule teilgenommen. (Meine Schule war übrigens die einzige, die ich fand, die Stipendien schon ab dem ersten Jahr anbot, was auch sehr praktisch für unvorbereitete Ausländer war :))

    Auf der Schule wurde ich mit Stipendium aufgenommen (wobei es bei Fachschulen, außer Japanischkenntnissen und z. B. dem JLPT Level 2 keine weiteren Anforderungen gibt. Es kann also grundsätzlich erst einmal jeder der Japanisch spricht aufgenommen werden) und habe sie 2010 abgeschlossen. Während meiner Schulzeit habe ich auch meinen Redakteur kennengelernt beziehungsweise „bekommen“. Das ist so der erste Schritt zum Mangaka in Japan. Ohne Redakteur von dem jeweiligen Magazin, der für dich zuständig ist, gibt es eigentlich keine Chance auf eine Veröffentlichung. Man schickt seinem Redakteur seine Geschichten oder Namings, spricht alles durch und erst dann geht‘s an die richtigen Zeichnungen. (Bevor man einen Redakteur hat, muss man vollständige Mangas an Verlage schicken oder in Preise einreichen. Und wenn man gut ist, kriegt man dann eben erst mal einen Redakteur. …sorry, wenn es etwas unverständlich ist. X-X)

    AnimeY: Hast du Vorbilder aus der Kunst-, Design,- Manga- oder Anime-Branche?

    Carolin: Jein. Ich muss ja versuchen „original“ zu bleiben. Letztendlich habe ich viele (unbewusste) Vorbilder, denke ich. Ich lese eigentlich jedes Genre von Manga und werde wahrscheinlich von jedem Werk beeinflusst.

    Wenn ich aber einen Mangaka angeben müsste, den ich besonders bewundere, dann wäre es wohl Naoki Urasawa. Die Charaktere, die er erschafft, haben (für mich persönlich) unglaublich viel Ausdruckskraft und Glaubhaftigkeit. Das ist auch etwas, was ich bei meinen Charakteren anstreben möchte. (Auch wenn ich sicherlich noch weit davon entfernt bin :)).

    AnimeY: Wie sieht das Leben als Mangaka aus und wie schaut dein typischer Wochenablauf aus?

    Carolin: Da ich noch einen Teilzeitjob an meiner ehemaligen Schule als Tutor und PR Kraft habe, ist das sehr unterschiedlich. Grundsätzlich denke ich eben, und denke und denke, bis ich ein anständiges Naming zusammenhabe. Das zeichne ich auf (auf normales Kopierpapier), scanne es, und schicke es meinem Redakteur, bekomme dann per Telefon Feedback und fange meistens dann auch gleich mit den Reinzeichnungen an. Was wie lange dauert hängt eben davon ab, ob ich an manchen Tagen noch meine andere Arbeit habe. (Meistens sind an den Wochenenden „Tag der offenen Tür“, wo die Schule Schnupperkurse anbietet. Einen von diesen Kursen – Manga für Fortgeschrittene – leite ich z. B. immer. An Wochentagen gehe ich dann z. B. Informationsveranstaltungen für Oberschüler und stelle unsere Schule vor.)

    Da meine Geschichte zweiwöchentlich erscheint, habe ich meistens die erste Woche mehr Zeit für die Arbeit an der Schule, und konzentriere mich in der zweiten Woche aufs Zeichnen. Da ich meine Seiten digital als Daten einreiche, habe ich auch Gott sei Dank die vollen 2 Wochen Zeit. (Sonst müsste ich das Schicken per Post einrechnen.) Da das Zeichnen zu Hause meistens sehr einsam ( 🙂 ) ist, gehe ich mit Vorliebe in Cafés. Ich habe da so mein Stamm-Starbucks, wo ich wenn ich z. B. am Naming sitze, fast jeden Tag hingehe. (Auch an den Abenden von Arbeitstagen an der Schule.) Das hilft auch beim Umdenken. Zu Hause = relaxen. Starbucks = Arbeitsplatz. Da kann man sich dann besser konzentrieren und ist nicht so abgelenkt vom Computer oder Fernsehen.

    Was die Reinzeichnungen betrifft, bin ich dann doch meistens zu Hause, weil das ja dann Tinte involviert. Und ich brauche dann eben meinen Scanner und Computer, um die Seiten fertigzumachen.

    Grundsätzlich muss ich meinen Ablauf alle 2 Wochen eben an alles Mögliche anpassen, und es gibt auch keinen großen Unterschied zwischen Wochentag und Wochenende.

    An den Tagen nach dem Abgabetermin (der ist bei mir meistens Donnerstag oder Freitag) alle zwei Wochen, habe ich dann mein „Wochenende“ also 2-3 Tage, wo ich mal abschalte (und z. B. die Hausarbeit mache). WENN keine Arbeit an der Schule da rein fällt. Und über das nächste Naming nachdenken ist letztendlich ein kontinuierlicher Prozess. Wenn mir also da was Gutes einfällt, dann zeichne ich es auch.

    Letztendlich ist es eben kein 9 to 5 Job und wenn man mal etwas unternehmen will (mit Freunden etc.) muss man sich eben die Zeit dafür nehmen. Das Gute daran ist eben, dass man das auch meistens kann, mit Ausnahme der Tage vor dem Abgabetermin. Da geht‘s meistens rund, :).

    AnimeY: Welche Erfahrungen hast du auf dem Sapporo Manga Anime Gakuin College gesammelt? In Deutschland gibt es solche Colleges für Mangas und Animes überhaupt nicht. Wie muss man sich den Ablauf dort vorstellen und wie schaut der Stundenplan aus?

    Carolin: Grundsätzlich geht man 5 Tage die Woche hin und hat Unterricht in verschiedenen Fächern. Wie in einer Berufsschule eben. Nur die Fächer sind eben etwas anders :). Wir hatten z. B. Design, CG (Photoshop und Illustrator), Dessin, Visual Communication, Visual Expression und eben alle möglichen grundsätzlichen Fächer, die erst einmal nix mit Manga zu tun haben, sondern die auch jeder Designer und Kunststudent wahrscheinlich absolviert. Das war für mich z. B. eine neu Erfahrung, weil Manga eben als eine Form von visueller Kommunikation (mit dem Leser) und Design (Anordnung der Panels und Sprechblasen und allgemeiner Verlauf der Geschichte) angesehen wurde. Und was mir z. B. zu allererst passierte war, dass mein Zeichenstil von meinem Lehrer nicht akzeptiert wurde.

    In Deutschland ging eben noch alles darum, möglichst „japanisch“ beziehungsweise „mangamäßig“ zu zeichnen. (zumindest zu meiner Zeit) Während das in Japan eben ALLE können. Hier geht es darum sich möglichst von den anderen abzuheben (und trotzdem gut zu zeichnen natürlich) weil man sonst in der riesigen Menge der Mangakaanwärter keine Chance hat. Dementsprechend war das erste was ich an meiner Schule tun musste, meinen Zeichenstil zu ändern. Im Sinne von „meinen“ Zeichenstil zu finden. Wenn ich jetzt meine alten Zeichnungen sehe, bin ich meinem Lehrer dafür sehr dankbar :). (Auch wenn es zu der Zeit eine unglaubliche Hürde war.) Was mich auch überraschte war, dass alle die Copics zum Colorieren benutzten, diese erst mal einstecken mussten. (Ich z. B.) Der Grund war, dass wir erst einmal anständig über „richtige“ Kolorationsmaterialien lernen sollten. Wir haben also im ersten Jahr hauptsächlich Acryl, Gouache, Liquitex, Buntstifte, Wasserfarben etc. benutzt. Auch zum Colorieren von „Manga Illustrationen“ natürlich.

    Natürlich gab es dann auch den technischen Unterricht. Benutzung aller möglichen Zeichenfedern, Rasterfolie, Korrektur, Betanuri („Schwarzmalen“), Perspektive etc.. Wir mussten Autos, Flugzeuge, Tiere, Landschaften, Esstische mit Essen drauf, Leute die einen Kinnhaken kriegen und alles Mögliche zeichnen üben. Aber davor natürlich Seiten über Seiten mit nur Linien, Speedlines, Schraffuren etc..

    Außerdem hatten wir Unterricht in Farblehre, Präsentation und Business und ein klein wenig Design-Geschichte, dann noch Druckverfahren und sogar ein bisschen Fotografie. Alles in allem, habe ich in den 2 Jahren sehr umdenken müssen. Manga ist in Japan vor allem ein Business. Es geht nicht ums „Schönzeichnen“. Das kann hier eben fast jeder irgendwie. Es geht darum, mit sich selbst ins Reine zu kommen, über „was will ich ausdrücken“ und „wen will ich damit ansprechen“, und das Ganze dann in eine passende und leicht zu verstehende, gut zu lesende Form zu bringen. Und das Wichtigste ist, man muss etwas finden, was eben nur man selbst kann. Ich muss sagen, mehr noch als all die Techniken, die ich gelernt habe, war diese „Lektion“ der entscheidende Punkt, der mitgeholfen hat, in der japanischen Verlagswelt klarzukommen.

    In unseren zweiten Teil des Interviews geht Carolin unter anderen mehr auf ihr Werk Oku-sama Guten Tag! ein und darauf, mit welchen Anfangsschwierigkeiten sie in Japan zu kämpfen hatte. Also wartet gespannt auf den nächsten Part :), der morgen online geht!

    Gina
    ich bin eine ziemlich durchgeknallt aber ruhige Manga-Leserin der 30+ Generation :3