Interview mit der Synchronsprecherin Rieke Werner

    RW05bAuf der AnimagiC 2013 haben wir die Synchronsprecherin Rieke Werner getroffen. Dort hatte sie den Workshop mitgeleitet. In einem Interview hat sie uns einiges zu ihrem Synchronsprecher-Alltag verraten. Rieke Werner ist unter anderem bekannt als die deutsche Stimme von Rei aus Highschool of the Dead und Shiemi aus Blue Exorcist. Was sie uns alles erzählt hat, könnt ihr in den folgenden Abschnitten erfahren.

    AnimeY: Wie hat das mit dem Synchronisieren bei dir angefangen?

    Rieke Werner: Ich habe auf Hobbyebene angefangen. Eigentlich wollte ich Radiomoderatorin werden und habe im Internet nach Infos zu dem Job gesucht. Dabei bin ich auf eine Fan-Gruppe gestoßen, die in ihrer Freizeit Anime-Serien ins Deutsche übersetzt und vertont hat. Ich fand das total interessant und wollte das auch unbedingt machen. 2003 habe ich also damit angefangen. 2006 waren bei dem Synchron-Workshop auf der AnimagiC (damals geleitet von »Circle of Arts«) Leute von einem Tonstudio unter den Besuchern, die mich zu einem richtigen Casting in ihr Studio eingeladen haben. Ich konnte überzeugen und hatte in dem Jahr meine erste offizielle Rolle.

    AnimeY: Was war das für eine Rolle?

    Rieke Werner: Die erste offizielle Rolle, die ich gesprochen habe, war Celia Mauser aus Scrapped Princess.

    AnimeY: Durch welche Rolle hattest du dann deinen Durchbruch?

    Rieke Werner: Meine erste Hauptrolle hatte ich in der OVA Harukanaru – In a Distant Time als Akane. Ich hatte zwar vorher schon einige Nebenrollen, aber richtig aufgefallen bin ich glaub ich dann dadurch.

    AnimeY: Hast du schon bei US-Serien mitgesprochen?

    Rieke Werner: Nein, leider nicht. Hauptsächlich habe ich für Anime-Serien und Videospiele gesprochen. Vor kurzem habe ich aber auch für zwei Realfilme sprechen dürfen. Einer davon heißt Parkour – Beat Your Fear in dem ich die asiatische Dame Cindy vertonen durfte. Da ich vorher immer viele Trickfilm- und Kinderrollen gesprochen habe, musste ich darauf achten, dass ich nicht zu unnatürlich klinge.

    AnimeY: Was ist die Schwierigkeit daran das Synchronsprechen beruflich zu machen?

    Rieke Werner: Ich bin Quereinsteiger. Ich habe keine Schauspielausbildung gemacht, daher war es gar nicht so einfach sich bei Studios vorzustellen und zu sagen “Hier bin ich und ich kann was!“ Das Schwierige am Sprechen selbst ist sich in die Rolle hineinzuversetzen. Man muss sich mit dem Charakter auseinandersetzen, schauen, wie die Person drauf ist, sich dementsprechend anpassen und der Figur Leben einhauchen. Das ist immer wieder eine Herausforderung, da man die unterschiedlichsten Rollen bekommt. Oft spricht man zwar ähnliche Charaktere, aber ich wurde letztens auch mal als rauchende Anführerin einer Mädchengang eingesetzt.

    AnimeY: Machst du das Hauptberuflich?

    Rieke Werner: Ich habe noch eine Teilzeitstelle und arbeite außerdem nebenbei als Sängerin. Um vom Sprechen zu leben müsste ich vielleicht in eine größere Stadt ziehen wie Hamburg, Berlin oder München.

    AnimeY: Was ist für dich persönlich die Schwierigkeit als Synchronsprecher?

    Rieke Werner: Ich halte mich selbst für einen sehr schüchternen Menschen und da kostet es mich anfangs schon Überwindung, im Studio vorzusprechen. Da ich aber weiß, dass ich in eine Rolle schlüpfe, fällt es mir leichter. Mittlerweile kenne ich die Studios aber gut und traue mich auch in der Aufnahmekabine abzuspacken und rumzuschreien. Aufgeregt bin ich vor jeder neuen Rolle nach wie vor, aber das ist ja auch ein schönes Gefühl.

    Rei_Shiemi

    AnimeY: Was würdest du Einsteigern empfehlen, die damit anfangen wollen?

    Rieke Werner: Da in den letzten Jahren immer mehr Leute Synchronsprecher werden wollen, würde ich eine Schauspielausbildung oder Sprechunterricht empfehlen. Als Quereinsteiger hat man nicht immer so viel Glück. Auf jeden Fall sollte man am Ball bleiben und die Stimme trainieren.

    AnimeY: Was können diejenigen machen, bevor sie es richtig versuchen und sich bewerben?

    Rieke Werner: Ich habe mir damals günstiges Equipment zugelegt und erst mal ausprobiert, ob das überhaupt etwas für mich ist und auf Dauer Spaß macht. Als ich dann gemerkt habe, dass es mir unendlich viel Spaß macht, habe ich dann mehr Geld in meine Ausrüstung investiert. Von Familie, Freunden und Bekannten kann man sich Rückmeldungen einholen und weiter an sich arbeiten. Am Ende könnte man dann natürlich, wie vorher schon gesagt, in eine Schauspielausbildung investieren.

    AnimeY: Muss man dafür ein guter Redner sein?

    Rieke Werner: Man muss sich schon trauen und das Selbstbewusstsein dafür haben. Vor dem Mikro zu stehen und keinen Ton rauskriegen ist natürlich sehr ungünstig, wenn man diesen Beruf anstrebt. Also ein bisschen Mut gehört auf jeden Fall dazu. Für die Aufnahmen muss man verschiedenste Emotionen abrufen können. Schreien, Weinen, Lachen – all das muss sitzen, gerade bei Animes.

    AnimeY: Gibt es denn abseits von den Workshops auf Conventions Möglichkeiten, wo man das lernen kann?

    Rieke Werner: Ich glaube, es werden auch von Studios und Schulen selbst Workshop angeboten, aber da kenne ich mich leider nicht so gut aus. Hier auf den Conventions hat man aber schon eine schöne Möglichkeit, einen ersten Eindruck zu erhalten.

    AnimeY: Du hast ja gesagt, dass du meist für eine bestimmte Art von Charakter besetzt wirst. Welche Rollen fallen die persönlich leicht zu sprechen?

    Rieke Werner: Ich werde meist auf die schüchternen Mädchen besetzt, wie zum Beispiel Shiemi Moriyama in Blue Exorcist. Sie ist sehr schüchtern, ein wenig tollpatschig und hilfsbereit. Für ähnliche Rollen werde ich meist gebucht, obwohl ich am liebsten durchgeknallte Charaktere spreche, die auch mal total ausrasten. Aber im Grunde macht alles Spaß!

    AnimeY: In Dance in the Vampire Bund hast du ja auch mitgesprochen. Wie hast du die Rolle bekommen?

    Rieke Werner: Durch Kontakte habe ich ein neues Studio kennengelernt und habe bei einem kleines Casting für die Rolle von Mina Tepes mitgemacht. Oft wird man von Studios bzw. Aufnahmeleitern weiterempfohlen. Da hatte ich Glück.

    AnimeY: Du bewirbst dich also nicht wirklich für eine Rolle, hast dabei keine Auswahl?

    Rieke Werner: Die Bewerbung als Sprecher geht an das Studio, welches einen dann bei Bedarf in seine interne Sprecherkartei aufnimmt. Wenn man Glück hat und gut passt, wird man dann auf die Rollen der Serien/Filme/Spiele besetzt, die das Studio als Auftrag an Land gezogen hat. Manchmal finden aber auch Castings statt um zu schauen, welcher Sprecher sich am besten für die Rolle eignet.

    AnimeY: Was ist die größte Herausforderung als Synchronsprecher?

    Rieke Werner: Die größte Herausforderung ist in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen und sie glaubhaft rüberzubringen. Gerade im Anime-Bereich sind die Fans ja ziemlich kritisch. Ich kenne das selbst, da ich ja auch Animes schaue und mir immer eine gute Synchronisation für die Charaktere wünsche. Daher hoffe ich immer, dass ich als Sprecherin auch überzeugen kann und als passend empfunden werde. Ich orientiere mich auf jeden Fall immer so gut ich kann am japanischen Originalton. Die Sprachen sind allerdings sehr verschieden.

    AnimeY: Im Deutschen darf man auch nicht so zur Übertreibung neigen?

    Rieke Werner: In der deutschen Sprache, finde ich persönlich, klingt es manchmal blöd wenn man so rumquietscht oder rumdrückt, wie es die Japaner im Original machen. Die Regie gibt einem aber immer gute Anweisungen, ob man gerade zu wenig Power gibt oder ob man zu viel des Guten raushaut und übertreibt. Ich habe aber gehört, dass es Anime-Serien geben soll, die im Free-TV gelaufen sind, bei denen die Sprecher ein bisschen weniger Dampf geben sollten, da ja Kinder zuschauen. Ich bin aber nicht sicher, ob das stimmt.

    AnimeY: Welcher Charaktertyp fällt dir schwer?

    Rieke Werner: Schwierig finde ich ganz böse Rollen umzusetzen. Da muss ich denke ich auf jeden Fall noch ein wenig an mir arbeiten. Es macht Spaß, aber es ist gar nicht so einfach zum Beispiel mit voller Kraft böse zu Lachen.

    AnimeY: Abgesehen von Blue Exorcist – The Movie, bist du momentan in einem anderen Anime beschäftigt?

    Rieke Werner: Zuletzt habe ich in Arcana Famiglia die Rolle der jungen Maid Isabella übernehmen dürfen. Letzte Woche hatte ich außerdem Aufnahmen für eine neue Serie, aber da lasst euch mal überraschen. Mal schauen, was die Anime-Zukunft bringt. Im Moment stehen aber mehr Videospiele und Hörbücher an.

    AnimeY: Du hast ja schon in einigen Anime mit gesprochen. Was war bislang deine Lieblingsrolle?

    Rieke Werner: Rei Miyamoto aus Highschool of the Dead hat sehr viel Spaß gemacht. Die Serie habe ich vorher schon mehrfach gesehen und bin sowieso ein Zombie-Fan. Da hatte ich auf jeden Fall richtig Lust dort mitzusprechen und habe mich sehr gefreut, als das dann tatsächlich geklappt hat. Shiemi hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, auch wenn sie nicht viele Action-Szenen hat, so ist sie echt süß und lieb. Das war auch schön.

    AnimeY: Hättest du gerne in Sword Art Online mitgesprochen?

    Rieke Werner: Oh ja, unheimlich gerne sogar. Sword Art Online war eine der wenigen aktuellen Serien, die ich gerne geschaut habe und ich habe mir immer vorgestellt, dass es echt toll wäre Asuna zu sprechen. Aber ich bin nicht traurig, dass es nicht geklappt hat. Ich habe mir hier auf der AnimagiC die ersten zwei Folgen angeschaut und freue mich über die gelungene Synchronisation von Metz-Neun.

    AnimeY: Du warst vermutlich bei verschiedenen Studios tätig, handhaben die das unterschiedlich mit den Aufnahmen oder ist es dasselbe Prozedere?

    Rieke Werner: Das ist schon unterschiedlich. Manchmal sind die Kabinen anders und es gibt unterschiedliche Software und Technik. Außerdem ist die Regie auch von Person zu Person verschieden. Es gibt Studios, die sich gut mit der Geschichte auseinandersetzen und manchmal auch welche, die sich im Vorfeld vielleicht nicht so viel informieren. Das Studio, für welches ich am meisten spreche, gibt sich immer besonders viel Mühe, wenn es um die deutsche Umsetzung geht. Für Blue Exorcist wurde zum Beispiel extra im alten und neuen Testament und im Manga geschaut, damit auch alle Mantras richtig rezitiert werden können.

    AnimeY: Müssen die Sprecher die Rolle kennen?

    Rieke Werner: Im Normalfall kennst du die Rolle vorher nicht. Vor Ort bekommt man aber von der Regie gesagt, wie dein Charakter sich verhält, was seine Eigenschaften sind, was in der Geschichte passiert. Man wird also kurz vor der Aufnahme schon darauf vorbereitet, was einen erwartet. Das ist wichtig und die Zeit muss sein.

    AnimeY: Wie genau verläuft das Prozedere?

    Rieke Werner: Die Szene wir einem im Originalton vorgespielt. Danach kommt ein Timer, damit man weiß, wann die Aufnahme startet. Wenn man seinen Take eingesprochen hat, bekommt man eine Rückmeldung von der Regie. Falls etwas geändert werden muss, weil man zum Beispiel nicht lippensynchron war oder die Betonung nicht stimmt, wird neu aufgenommen. So lange, bis alles passt und die Regie ihr OK gibt. So arbeitet man sich dann Take für Take durch den jeweiligen Film.

    AnimeY: Wie lange geht dann ungefähr ein Arbeitstag?

    Rieke Werner: Das kann man so genau gar nicht sagen. Je nachdem wie zügig man durchkommt und wie aufwändig die Rolle ist, kann ein Arbeitstag zwischen 2-6 Stunden lang sein. Wobei man als Sprecher schon alle paar Stunden Pause machen sollte, ordentlich Wasser trinkt und manchmal auch in Blöcken von mehreren Tagen einspricht, damit man sich an einem Tag nicht total auspowert. Für Shiemi im Blue Exorcist Movie haben wir etwa 1 ½ Stunden Aufnahmezeit geplant.

    AnimeY: Hilft dir deine Aktivität auf dem Youtube-Kanal? Oder ist das rein für die Motivation dranzubleiben?

    Rieke Werner: Ich persönliche denke es ist nie verkehrt, wenn man sich in seiner Freizeit auch noch mit dem beschäftigt, was man auch beruflich macht. Das zeigt ja im Grunde nur, wie viel Freude man daran hat und man bleibt ständig im Training. Einen Friseur würde man ja auch nicht verurteilen, wenn er in seiner Freizeit noch bei Freunden die Haare schneidet, oder?

    AnimeY: Hilft es für das Synchronisieren an sich?

    Rieke Werner: Ich mache täglich was mit meiner Stimme, sei es jetzt Gesang oder Sprechaufnahmen und finde schon, dass ich so ganz gut in der Übung bleibe. Ich probiere auch viel Neues aus, damit ich in Zukunft mehr mit meiner Stimme anstellen kann. Liebe Rückmeldungen stärken einem außerdem den Rücken und motivieren einen weiterzumachen. Natürlich kommen auch mal blöde oder beleidigende Kommentare, aber es ist ja normal, dass man nicht immer jedem in den Kram passt.

    RW08bAnimeY: Auf was freust du dich auf der AnimagiC am Meisten?

    Rieke Werner: Auf den neuen Berserk-Movie freue ich mich sehr. Die Sängerin Suika würde ich auch gerne anfeuern, aber leider tritt sie immer gerade dann auf, wenn ich den Synchron-Workshop anbiete. Und wo wir gerade beim Thema sind, auf der Workshop und die Teilnehmer freue ich mich natürlich am meisten. Das ist jedes Jahr total toll. Schön so viele Menschen kennenzulernen und zu erleben, dass uns die gleichen Interessen verbinden. Wir machen Clips aus Pandora Hearts, Inuyasha, Berserk und Angel Beats. Danke an dieser Stelle noch mal an Kazé und Universum Anime, die uns die Serien extra für diesen Workshop zur Verfügung gestellt haben.

    AnimeY: Vielen Dank für das Interview!
    © SATO DAISUKE . SATO SHOJI / FUJIMI SHOBO / H.O.T.D Project
    © Kazue Kato/Shueisha, Blue Exorcist Production Committee

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