Interview mit Ekaterina Mikulich

    Am 27. März lud AnimeY die Manga-, Light-Novel- und Anime-Übersetzerin Ekaterina Mikulich in den Live-Chat.

    Wie sie zu dem Beruf kam, an welchen Projekten sie gerade arbeitet und was beim Übersetzen zu beachten ist: Dies und vieles mehr klärte die Frage-Antwort-Runde, welche wir für euch in diesem Artikel zusammengefasst haben.

    Wie bist du in den Job hineingerutscht, hattest du dir das von Anfang an als Ziel gesetzt?

    Ekaterina: Zumindest konnte ich mir spätestens seit meinem Japanologiestudium immer gut vorstellen, so was mal als Beruf zu machen. Manga und Anime sind auch privat seit langer Zeit ein Hobby für mich, deswegen wusste ich, dass mir das Spaßmachen würde – und irgendwann hab ich mich am Ende meines Bachelorstudiums dann mal bei TOKYOPOP beworben, musste im Zuge dessen eine Probeübersetzung machen und die wurde dann offenbar für gut befunden. ^^ So fing das an.

    Hast du ein paar Monate/Jahre in Japan gelebt um die Sprache/Kultur besser zu verstehen/zu lernen? Wenn ja, wo warst du da und was hast du dort gemacht/gearbeitet?

    Ekaterina: Ich habe in meinem Studium ein Austauschsemester an einer japanischen Uni gemacht, und war darüber hinaus auch schon mehrmals für längere Urlaubsaufenthalte dort. In dem Land zu leben, dessen Sprache man lernt, hilft enorm!

    Gibt es vom japanischen Lizenzgeber eigentlich Vorgaben, wie gewisse Begriffe übersetzt werden sollen bzw. ob diese ins Deutsche übernommen werden sollen oder hat man als Übersetzer freie Wahl bzw. kommen die Vorgaben direkt vom deutschen Verlag?

    Ekaterina: Also in der Regel übersetze ich zuerst einmal drauf los, wenn dann irgendwelche Begriffe auftauchen, bei denen es Unklarheiten gibt, spreche ich das mit dem deutschen Verlag ab. Von Seite der japanischen Lizenzgeber kommen in der Regel keine Vorgaben, ich kann mich gerade nur an einen Fall erinnern, wo mal die richtige Schreibweise eines (nicht-japanischen) Namens noch mitgeteilt wurde.

    Wie war es, als du zum ersten Mal was für den Markt übersetzt hast? Hattest du da Angst, wie es bei den Leuten ankommt? Mag ja vorkommen, wenn man etwas zum ersten Mal »richtig groß« machen muss.

    Ekaterina: Das war in der Tat etwas recht »Großes«, nämlich der siebte Band von Verliebter Tyrann, eine Serie, die ja ziemlich beliebt ist :). Aber eigentlich hatte ich Vertrauen in meine Fähigkeiten, sodass ich mir da nicht allzu große Sorgen gemacht hatte.

    Gibt es bei der Deutsch/Japanisch Übersetzung Dinge, die dir schwerfallen?

    Ekaterina: Hm … Wenn es um Themenbereiche geht, in denen ich mich nicht auskenne, ist das manchmal schon etwas schwer. Ich erinnere mich an eine Mangaseite über Chaostheorie, für die ich zwei Stunden lang recherchiert habe, damit alles auch in der Übersetzung richtig ist :D.

    Wie bereitest du dich im Allgemeinen denn so auf eine Übersetzung vor?

    Ekaterina: Ich lese bzw. schaue das Original, um zu wissen, worum es geht, dann fange ich eigentlich direkt mit der Übersetzung an. Wenn schon irgendwelche Begriffe oder sonstige Schwierigkeiten abzusehen sind, die sich durchgängig zeigen, mache ich mir da auch vorher schon mal Gedanken drüber, aber eigentlich lege ich nach dem Lesen/Gucken direkt los.

    Die Fans haben ja oft eigene vorgeprägte Vorstellungen für Namen/Begriffe, werden die in irgendeiner Weise berücksichtigt oder handelt man streng nach etwaigen Vorgaben? 

    Ekaterina: Wie gesagt hab ich die Übersetzung der Begriffe ja erst einmal selbst in der Hand … Ich gucke dann auch schon, ob es dazu schon »etablierte« Varianten gibt, prüfe diese aber selbst noch auf Richtigkeit. Konflikte mit etwaigen Vorgaben gab es da bisher nicht.

    Gibt es bei der Übersetzungsarbeit auch teilautomatische Software und/oder Schrift-/Zeichenerkennung?

    Ekaterina: Nein, solche Software benutze ich nicht. Japanisch kann ich ja selbst lesen und solche Programme, die einem für bestimmte Phrasen immer gleich eine Übersetzungslösung anbieten (die man selbst vorher eingegeben/schon verwendet hat), nehme ich auch nicht, so was ist sicher bei Fachübersetzungen sinnvoll, aber bei Manga/Anime/ Literatur muss man auch oft den gleichen japanischen Satz je nach Kontext anders übersetzen – von daher nutze ich so was nicht.

    Wie gehst du mit japanischen Wortspielen beim Übersetzen um, die eventuell nicht einmal ein deutsches Pendant haben?

    Ekaterina: Wenn es sich anbietet, nehme ich da ein deutsches Pendant, denn Wortspiele sind ja dazu gedacht witzig zu sein oder sonst irgendeine Wirkung zu entfalten, und die soll ja möglichst erhalten bleiben. Manchmal kann man aber auch das japanische Wortspiel wörtlich übersetzen und es bleibt trotzdem gut verständlich – geht natürlich i.d.R. nicht bei sprachlichen Spielereien wie Alliterationen etc..

    Wie gehst du mit japanischen Dialekten im Text um. Lässt du diese einfach weg oder übersetzt du diese ins Deutsche?

    Ekaterina: Dialekte sind immer etwas schwierig … Oft wird daraus einfach verstärkte Umgangssprache gemacht, oder wenn die Wirkung des Dialekts nicht so wichtig ist, wird er schon mal ganz »geglättet«. Es gibt da unterschiedliche Ansichten darüber und man kann durchaus auch deutsche Dialekte nehmen, aber meistens ist es dann doch komisch, wenn japanische Figuren deutsche Dialekte sprechen. Soll nicht heißen, dass es nicht Fälle gibt, in denen es funktioniert, aber das hängt von den Personen ab, die die Entscheidung darüber fällen.

    Wie erkennst du »erfundene Wörter« beim Übersetzen?

    Ekaterina: In etwa so, wie man sie im Deutschen auch erkennt – daran, dass es das Wort im normalen japanischen Sprachgebrauch nicht gibt. 😉

    Wie beeinflusst dein persönlicher Geschmack deinen Arbeitsaufwand? Fällt es dir wesentlich schwerer etwas zu übersetzen, was du selbst nicht so gut findest oder ist dir das egal?

    Ekaterina: Ganz egal ist es nicht, vor allem bei textlastigen Werken macht es zumindest gefühlt schon einen Unterschied, ob man selbst Spaß an der Serie hat oder sich zumindest damit anfreunden kann oder überhaupt nicht … Wenn nicht, zieht sich die Arbeit vielleicht schon ein Stück länger hin. Was nicht heißen soll, dass ich sie bei Werken, die nicht meinem persönlichen Geschmack entsprechen, nicht genauso gründlich mache. Schließlich soll die Übersetzung ja korrekt sein und auch den Fans der Serie gefallen :).

    Wie lang brauchst du im Schnitt für einen Mangaband (bzw. jetzt für eine Novel wie Accel World)? 

    Ekaterina: Wie lange ich brauche, ist je nach Textmenge unterschiedlich, aber für einen normalen Mangaband bei der Rohübersetzung vielleicht vier Tage – plus Korrekturlesen etc.. Deswegen dauert es letztendlich schon länger. Beim Novel ist es jetzt schwer zu pauschalisieren, aber eine Anime-Episode z.B. kann man, wenn sie nicht NUR aus Dialogen besteht, an einem Tag schaffen …

    Unter wie viele Instanzen wird denn eine Übersetzung korrekturgelesen, gibt es auch so was wie Testleser aus der Zielgruppe?

    Ekaterina: Was die Testleser angeht, muss ich passen, aber ich denke eher nicht … Nachdem ich meine Übersetzung abgegeben habe, liest sie der/die entsprechende Redakteur(in) Korrektur und guckt dabei v.a. auf sprachliche Formulierungen im Deutschen und Verständlichkeit (nicht alle Redakteure können Japanisch …). Danach bekomme ich die korrigierte Version und schaue selbst noch mal drüber, ob ich mit allem einverstanden bin und ob sich durch die Änderungen nicht irgendwelche inhaltlichen Fehler eingeschlichen haben – das passiert schon mal, und dann mache ich natürlich darauf aufmerksam. Das wird dann von der Redaktion auch eingearbeitet, danach geht die Übersetzung ins Lettering und wird danach noch mal von dem/der Redakteur(in) gelesen – dabei gab es auch schon Fälle, in denen noch irgendwelche Unstimmigkeiten aufgedeckt wurden und ich noch mal zurate gezogen wurde, daher weiß ich das. Den Rest der Abläufe weiß ich nicht zu 100%, aber es wird mit Sicherheit noch mindestens von einer dritten Person Korrektur gelesen.

    Bekommst du in irgendeiner Form das Feedback der Leser oder versuchst du dich selbst danach zu erkundigen, wie die Übersetzung angekommen ist?

    Ekaterina: Feedback direkt an mich oder andere Übersetzer gibt es selten … Ich selbst frage höchstens mal Freunde etc. danach, wie sie es finden, und lese ansonsten schon mal still die Forumsthemen (in den Verlagsforen) zu den Serien mit – aber da wird selten was explizit zur Übersetzung geschrieben :D.

    Machst du auch Übersetzungsjobs in die andere Richtung für Japan. Verlage bzw. Firmen? Wenn ja für welche, sofern du das sagen darfst?

    Ekaterina: Nein, ich übersetze nur ins Deutsche. Das ist auch die Regel, dass man in die eigene Muttersprache übersetzt oder in die Sprache, die man eben am besten kann, da sonst nicht unbedingt ein gutes Ergebnis dabei rauskommt. Mein Japanisch ist zwar gut, aber um literarische Texte darin zu schreiben, bräuchte ich schon noch etwas Übung ;).

    War es eine große Umgewöhnung, von einer Text+Bild-Übersetzung zu einer Volltext-Übersetzung umzuschalten? Bzw. was für ein Unterschied macht es eine Novel statt eines Mangas zu übersetzen?

    Ekaterina: Es war schon eine Umstellung, denn bei reiner Prosa gibt es andere und vllt. sogar mehr Schwierigkeiten als bei Manga – eben weil es nicht nur Dialoge, sondern auch die Erzählteile gibt. Man gewöhnt sich aber daran. Die Erfahrung mit Manga hat auf jeden Fall sehr bei den Dialogen im Novel geholfen.

    Hattest du schon mal einen Auftrag für Simulcast Untertitel oder schon mal mit dem Gedanken gespielt. Und wenn ja, inwieweit war das anders für dich (z.B Zeitdruck etc )?

    Ekaterina: Mit Simulcast habe ich selbst keine Erfahrung, obwohl es sich beinahe mal ergeben hätte. Aber eine befreundete Übersetzerin macht Simulcasts, von daher weiß ich, dass das mit sehr viel Zeitdruck verbunden ist, v.a., wenn Material aus Japan nicht rechtzeitig kommt und man natürlich trotzdem nach Möglichkeit versucht den Erscheinungstermin noch einzuhalten – sonst meckern ja gleich die Fans ;). Ist auch nicht böse gemeint 😀 Aber man versucht von Verlagsseite meines Wissens nach immer, die Termine einzuhalten, und wenn das mal nicht geschieht, heißt das, dass es wirklich nicht anders ging.

    Hast du für deine Anime-Übersetzungen die Folgen vorher sehen können oder hattest du nur das Dialogbuch?

    Ekaterina: Ich hatte in meinen Fällen immer schon die Folgen als Videos da – mit Dialogbuch als Hilfe, weil gesprochenes Japanisch ja schon mal zweideutig sein kann usw.. Bei Simulcasts hat man aber oft erst nur das Dialogbuch und muss später, sobald das Video da ist, dann kontrollieren, ob man alles richtig übersetzt hat.

    Bekommst du zur Übersetzung nur den Manga oder auch noch eventuell. Hintergrundmaterial/-wissen gestellt?

    Ekaterina: Ich bekomme nur den Manga/das Originalmaterial, Hintergrundwissen muss ich mir, wenn nötig, selbst aneignen.

    Was machst du denn bei den Manga-Charakteren, die irgendwelche merkwürdigen Sprachmarotten haben, wo z.B irgendwas zum Ende angehängt wird oder sonstige Seltsamkeiten?

    Ekaterina: »Sprachmarotten« sind schwierig … Auf jeden Fall übernehme ich sie nicht einfach so, wie sie im Japanischen gesagt werden, das ergibt im Deutschen einfach keinen Sinn. Man kann höchstens eine deutsche Sprachmarotte für den Charakter erfinden :D.

    Wie stehst du persönlich zu den Suffixen bzw. der japanischen Namensreihenfolge auch im Deutschen?

    Ekaterina: Ganz persönlich habe ich nichts gegen Suffixe. Als ich früher noch nur auf Deutsch Manga gelesen habe, fand ich es interessant und spannend, wenn da japanische Suffixe vorkamen, das gibt einem dann doch einen anderen Einblick in die Kultur und erleichtert evtl. das Japanischlernen. Aber inzwischen werden Suffixe in Übersetzungen kaum noch verwendet, und aus übersetzerischer Sicht ist es eigentlich auch besser die Suffixe mit in die Zielsprache zu übersetzen, als es sich leicht zu machen und das Original zu nehmen. Man kann durchaus auch eine (sehr) gute Übersetzung ohne Suffixe erreichen, und das versuche ich auch. 🙂

    Hast du schon mal eine Übersetzung deiner (späteren) Meinung nach vergeigt?

    Ekaterina: Komplett vielleicht nicht, aber wenn ich dann das fertige Ergebnis in den Händen halte, denke ich manchmal schon: »Oh, das hätte aber so und so doch viel besser geklungen.« Ich versuche es dann bei den nächsten Malen noch besser zu machen …

    Liest du privat Mangas bzw. schaust Animes? Falls ja, siehst du die Übersetzung von Kollegen eventuell mit einem kritischeren Auge (ala dies und das hätte ich besser gemacht ^^)? Und welche Titel wären deine Favoriten?

    Ekaterina: Privat lese und schaue ich Manga/Anime wie gesagt auch :D. Lieblingstitel sind da momentan z.B. Ao no Exorcist, Noragami, Handa-kun (Spin-off von Barakamon) … Aber auch Daytime Shooting Star gehört zu meinen Favoriten, obwohl ich es selbst übersetze 😉 Bei Übersetzungen von Kollegen gucke ich genauso kritisch drauf wie auf mein eigenes Geschreibsel :D.

    Schreibst du deine Übersetzung einfach in MS Word, oder nutzt ein besonderes Programm dafür?

    Ekaterina: Ich schreibe meine Übersetzungen in einem normalen Textprogramm. Jedenfalls bei Manga/Novel – bei Anime gibt es ja Untertitelungsprogramme.

    Bekommst du jeweils ein Musterexemplar deiner Übersetzungen fürs private Archiv oder müsstest du das selber kaufen?

    Ekaterina: Mindestens ein Musterexemplar bekomme ich immer.

    An welcher/n Serie/n arbeitest du aktuell, wenn du das sagen darfst?

    Ekaterina: Aktuell die, die bereits laufen, also hauptsächlich Accel World Novel + Manga sowie Daytime Shooting Star, und dann noch die Serie Love Stories bei Kazé, die ja bereits angekündigt wurde und noch dieses Jahr erscheint, soweit ich mich erinnere. Klingt nach wenig, aber da die Novel von Accel World viel Zeit einnimmt, bin ich gut beschäftigt 🙂

    Darf man fragen, an welchem Band von Accel World du gerade arbeitest? 🙂 (also sowohl Manga wie auch Novel)

    Ekaterina: Momentan schon Band 4, sowohl Manga als auch Novel, da ist die Vorlaufzeit momentan recht groß.

    Gibt es eine absolute Wunschserie, an der du gerne arbeiten würdest? (auch nicht Manga/Anime)

    Ekaterina: Hm … Zetsuen no Tempest/Blast of Tempest wäre eine interessante Herausforderung gewesen, da ich den Anime davon sehr mochte und er auch ziemlich anspruchsvoll ist. Aber zumindest der Manga davon erscheint ja bereits.

    Wir bedanken uns bei den teilnehmenden Chatusern für die gestellten Fragen und selbstverständlich bei Ekaterina Mikulich, dass sie unserer Einladung gefolgt ist.

    Image © Ekaterina Mikulich

    Gina
    ich bin eine ziemlich durchgeknallt aber ruhige Manga-Leserin der 30+ Generation :3