Interview mit Janosch Lionel Resch zu »Henrys Welt«

    Henrys Welt © 2015 Janosch Lionel Resch

    Zur Manga-Comic-Convention im März 2015 veröffentlichte der Zeichner Janosch Lionel Resch (folgend JLR abgekürzt) seinen Manga Henrys Welt (wir berichteten). Zur aktuell laufenden Connichi (18. bis 20. September) kann das Werk am VERnarrt-Stand erworben werden. Für alle Kurzentschlossenen haben wir ein Interview mit dem Künstler zu Henrys Welt sowie seinem Crazy Bat Manga Challenge-Wettbewerbsbeitrag BAT-tle Attack, mit dem er sich den zweiten Platz ergattern konnte, parat.

    AnimeY: Woran hast du vor Henrys Welt gezeichnet?

    JLR: Der letzte Manga zuvor, der veröffentlicht wurde, war Holy Shit in It’s Shonen Time. Das war letztes Jahr auf der Leipziger Buchmesse. Zwischen den beiden Mangas habe ich mein Studium in Kommunikationsdesign begonnen und bin umgezogen. In der Zeit habe ich auch gezeichnet, aber hauptsächlich Übungen und Analysen gemacht und an einem Konzept für einen längeren Manga gearbeitet. Der ist immer noch in Planung und wird hoffentlich demnächst ein großes Projekt werden, an dem ich dann regelmäßig zeichnen kann.

    AnimeY: Wie bist du auf die Idee zu Henrys Welt gekommen?

    JLR: Die Grundidee dazu hatte ich schon vor zwei Jahren, als ich mir für den djgb-Wettbewerb einen passenden Storyplot zum Thema »Konkurrenz« überlegt habe. Damals habe ich auch erste Entwürfe für das Storyboard gezeichnet, habe dann aber schnell gemerkt, dass die Handlung für acht Seiten, die ich mir vorgenommen hatte, zu komplex war, und behielt die Idee erst mal für mich, um sie zu einer anderen Gelegenheit zu nutzen. Und dann, in den Semesterferien kurz vor der LBM, habe ich schließlich diesen alten Ansatz wieder aufgegriffen und ein neues Storyboard daraus gemacht. Das hat sich dann irgendwie zu Henrys Welt ergeben.

    AnimeY: Gibt es für Henry ein reales Vorbild?

    JLR: Eigentlich nicht. Aber es gibt so etwas wie ein Anti-Vorbild. Und das sind verschiedene Aspekte von Menschen, die nach Perfektion streben. Es soll keine Kritik sein, aber zum Denken anregen: Henry hat diese Perfektion schon erreicht, doch sie erfüllt ihn nicht. Die kleinen Menschen streben aber danach in der Hoffnung, dass mit der Perfektion (hier dargestellt in Körpergröße) all ihre Probleme geklärt wären. Doch wie kommen sie drauf? Sie denken es, weil alle es denken und alle danach streben. Über dies hinaus ist der Gedanke sehr oberflächlich und unreflektiert. In unserer Welt könnte das zum Beispiel Geld sein. Doch es geht nicht darum, dass alles Streben sinnlos ist. Nur sollte man sich vielleicht im Klaren sein, welches Ziel, warum und auf welche Weise, man verfolgt. Es ist zum Beispiel auch ein Unterschied, ob man sich entwickeln möchte um der Entwicklung willen und seinen aktuellen Zustand als Teil dieses Weges sieht oder ob man sich für jeden Fehler verurteilt und darunter leidet, sein Ziel noch nicht erreicht zu haben.

    AnimeY: Wie würdest du Henry beschreiben?

    JLR: Henry hat für die Geschichte mehr eine symbolische Wirkung, als dass er eine tatsächliche Persönlichkeit verkörpert. Das kann auch eine Schwäche sein, aber mir war es wichtig, diese Rolle eindeutig zu halten. Er sieht die Welt von oben, während seine Mitmenschen zu ihm heraufsehen müssen. Alles, was sich die anderen wünschen, hat er erreicht, aber all diese Dinge sind keine objektive Wahrheit, die zu Zufriedenheit führen. Es bleibt subjektiv. Henry ist damit der Gegenpol zu der normalen Bevölkerung, indem er sich wünscht, auf eine Herausforderung zu treffen, die er nicht meistern kann.

    AnimeY: Henry findet sich in einer Welt wieder, in der es nur darum geht, andere Menschen »auszuschalten«, um selbst voranzuschreiten. Ist dahinter eine Kritik an unserer Gesellschaft versteckt?

    JLR: Ja, in gewisser Weise ist es natürlich auch eine Kritik, aber in erster Linie war die Gesellschaft eine wesentliche Inspirationsquelle für mich. Die Grundaussage ist aber eigentlich, dass jeder selbst darüber nachdenken sollte, wie er persönlich damit umgehen will. Sicher tun das bereits viele, die den Manga gelesen haben – dann hoffe ich, dass sie sich irgendwie darin wiederfinden und sich mit Henry identifizieren können, der ja auch anderer Ansicht ist als die Masse. Oder vielleicht kommen sie auch zu dem Schluss, dass es einen guten Grund hat, warum die Masse so handeln muss, und es richtig finden – dann ist das natürlich auch in Ordnung.
    Naja, und meine eigene Meinung kommt wahrscheinlich in dem Manga gut genug rüber …

    AnimeY: Henry ist einfach der Beste in allem. Gibt es etwas, wo du sagst, darin bist du der Beste?

    JLR: Immer dann, wenn ich es geschafft habe, unter meinen persönlichen Bedingungen auch mein individuell bestes Ergebnis zu erzielen oder einen neuen persönlichen Rekord aufzustellen. Davon hat man nämlich den meisten Gewinn: Die effektivste Lernerfahrung!

    AnimeY: Zum Schluss möchte Henry die Welt verbessern. Wie würdest du das angehen?

    JLR: Mit Philosophie und Manga und der Kombination aus beidem.

    AnimeY: Ein kurzer Text ist im Morsealphabet gehalten. Warum hast du dich gerade für diese Art der Verschlüsselung entschieden?

    JLR: Eigentlich aus keinem bestimmten Grund, aber es hat sich angeboten. Und da ich es inhaltlich als Morse darstellen wollte, kam ich darauf, es auch für die Leser als Morse zu belassen. Es ist aber mehr ein spontan beigemischtes Rätsel im Manga und hat keine wesentliche Bedeutung für den Rest der Geschichte.

    AnimeY: Im Manga und auch auf der Facebook-Seite finden sich viele Zeichnungen von Händen. Ist das für dich die Königsdisziplin beim Zeichnen?

    JLR: Die Königsdisziplin ist für mich die Kombination aus allen Erfahrungen und sie optimal umzusetzen. Hände Zeichnen ist nur einer von unendlich vielen wichtigen Aspekten. Dass so viele auf der Facebook-Seite zu sehen sind, liegt an einer Zeichenübung, die ich gemacht habe: 100 Hände zeichnen. Wenn man ab und zu auf das gleiche Problem stößt, gewöhnt man sich daran, aber wenn man sich damit irgendwann intensiv auseinandersetzt, muss man es irgendwann lösen, weil es sonst zu aufdringlich wird. Das können Hände an sich sein, bestimmte Handhaltungen oder andere Details, aber je öfter man sie zeichnet, umso auffälliger sind die eigenen immer gleichen Ansätze, die zu Fehlern führen. Und die Bewusstmachung dieser »Fehler« ist der erste Schritt zur Lösung des Problems. Das gilt für alles Mögliche. Nicht nur für Hände oder das Zeichnen, aber das ist in dem Fall eben der Grund für die Übung gewesen.

    AnimeY: Wo kann man Henrys Welt erwerben?

    JLR: Entweder direkt bei mir per Privatnachricht auf Facebook oder per Email: janosch.lionel.resch@gmx.de
    Alternativ und ohne Porto auch auf Messen wie der LBM, DoKomi oder Connichi – jeweils am VERnarrt-Stand.

    AnimeY: Zeichnest du bereits an neuen Manga-Projekten oder hast Ideen dafür?

    JLR: Ja, klar! Gerade plane ich einen längeren Manga und mehrere Kurzgeschichten! Viele Projekte bearbeite ich gleichzeitig, und viele hebe ich mir auch für später auf. Zwischendrin schreibe ich Übungen und Analysen auf und dann wieder Analyseverfahren. An Ideen mangelt es nicht, nur komme ich leider in letzter Zeit kaum mit alles aufschreiben geschweige denn zeichnen hinterher! Aber ich arbeite daran, auch das in den Griff zu bekommen …

    AnimeY: Bei der »Crazy Bat Manga Challenge« hast du mit BAT-tle Attack den zweiten Platz gemacht. Was waren die Herausforderungen beim Kreieren deines Beitrags?

    JLR: Die größte Herausforderung war der Zeitdruck. Als ich davon erfahren habe, hatte ich noch zwei Wochen bis zur Abgabe und parallel dazu mein Studium, das gerade wieder begonnen hatte. Aber damit habe ich schließlich auch meinen persönlichen Rekord im Schnell-Manga-Fertigstellen gebrochen und viel gelernt, was für mich sowieso der größte Gewinn an einem Manga ist.

    AnimeY: Wie ist BAT-tle Attack entstanden, und wie bist du genau auf die vorgeschriebenen 20 Seiten gekommen?

    JLR: Die Geschichte hat sich ergeben aus dem Ziel, das ich schon vorher hatte, demnächst einen Battlemanga zu zeichnen und einige Aspekte einzubringen, mit denen ich mich vorher noch wenig beschäftigt habe (z.B die Darstellung ungewöhnlicher Landschaften oder die Existenz eines Bösewichtes). Die Kombination aus alledem ergab schließlich die Grundstruktur von BAT-le Attack. Der Rest ergab sich dann fast wie von selbst, und auch wenn ich mich an das Endergebnis des Storyboards langsam rantasten musste und auch immer wieder ein paar Ideen und Handlungsverläufe verwerfen musste, verlief der Erarbeitungsablauf ungewöhnlich flüssig. Das Ergebnis habe ich dann noch auf 20 Seiten eingeteilt und je nachdem noch ein paar Details ergänzt oder weggelassen und auch die Reihenfolge etwas geändert. Letztendlich hätten es auch 16 oder 24 Seiten sein können. Dann hätte ich vielleicht eine Szene weniger gehabt oder den Kampf verlängert. Das passe ich dann je nach vorgegebener Seitenzahl entsprechend an.

    AnimeY: Hast du beim Zeichnen bestimmte Gewohnheiten (Naschen, Musik hören, etc.)?

    JLR: Wenn ich Storyboards zeichne, lenkt mich Musik eher ab, aber bei der Umsetzung höre ich alles Mögliche. Oft höre ich mir während des Zeichnens auch Vorträge oder Dokumentionen an. Sonstige bestimmte Gewohnheiten habe ich aber eigentlich nicht und wenn, dann ändert sich das phasenweise beziehungsweise je nach Projekt.

    AnimeY: Was machst du bei Krea-Tiefs?

    JLR: Hauptsächlich analysieren und mich mit dem Problem beschäftigen, an dem ich nicht weiterkomme. Das funktioniert auch sehr gut. Analysen sind für mich auch die beste Inspiration und Motivation, etwas Eigenes zu machen.

    AnimeY: Welche Tipps kannst du Zeichner-Neulingen mit auf den Weg geben?

    JLR: Versucht euch immer selbst zu übertreffen, und wenn ihr merkt, dass ihr bestimmte zeichnerische Gewohnheiten entwickelt – hinterfragt diese! Zwar scheinen sie oft wie der eigene Stil, aber im Grunde sind es nur die ersten Ansätze davon, und man kann sie ausreifen, in dem man sie überdenkt und versucht, es erst recht anders zu machen als bisher. So bekommt man eine große zeichnerische Vielfalt und erweitert seinen Horizont. Erst wenn man verschiedene Stile zeichnen kann, kann man in einem (oder mehreren) wirklich gut werden. Zeichenbücher, Übungen und Analysen sind mindestens genauso wichtig wie viel praktische Übung. Denn, wenn man sich schnell und oft verbessert, ist das natürlich umso motivierender, ständig dranzubleiben und durchzuhalten; auch wenn es immer wieder mal sehr, sehr frustrierend und anstrengend sein kann. Aber: Egal wie hart es ist, es lohnt sich dranzubleiben! Denn immer dann, wenn man auf Schwierigkeiten stößt, hat man die größte Chance, daraus etwas zu lernen! 😉

    Das AnimeY-Team bedankt sich herzlich bei Janosch Lionel Resch für dieses Interview.

    fallenshadow
    Passionierte Liebhaberin der deutschen Manga-Zeichner-Szene, Manga über Anime Stellerin, es darf auch mal ein amerikanischer Comic sein, Avocado Makis sind lecker, liebt Regentage, zu faul Haare schneiden zu lassen, Mathe ist easy, Tofu ist mein Fleisch