Interview mit Kami zu »Get Your Man«

    © 2014 Kami, Schwarzer Turm Verlag

    Ein besonderer Titel erscheint zur Connichi beim Schwarzer Turm Verlag mit Kamis Get Your Man (wir berichteten). Das Boys-Love-Werk konzentriert sich zwar auf ein Paar, präsentiert dieses aber in verschiedenen alternativen Universen. Bei so einer interessanten Idee fackeln wir nicht lange und haben die Künstlerin zu einem Interview gebeten. Ihre Antworten auf unsere Fragen könnt ihr nun lesen. AnimeY wünscht viel Vergnügen dabei.

    AnimeY: Woran hast du vor Get Your Man gezeichnet?

    Kami: Früher hab‘ ich fast ausschließlich Illustrationen gezeichnet, mein erstes halbwegs ernstes Comicprojekt war ein Fan-Doujinshi zu World of Warcraft-Charakteren, der aber wenig Sinn gemacht hat und auch in einem total simplen Chibi-Stil gezeichnet war (auf Animexx noch hier zu bestaunen). Danach habe ich wieder eine Art Fancomic gemacht, diesmal zu Charakteren, die gar nicht mir gehörten. Das Ganze hieß Secret Agent Men und war ein Geheimagenten-Comic, der auch Boys-Love-Elemente beinhalten sollte. Da habe ich zwar einiges gelernt, aber nach einer Weile die Lust verloren.

    AnimeY: Was hat dich zu Get Your Man inspiriert?

    Die Ur-Skizze von Francis

    Kami: Ganz klar: die Sendung Ein Mountie in Chicago!!

    Die habe ich als Kind unheimlich gern geschaut. Besonders die rote Mountie-Uniform hat’s mir angetan. Als ich dann nach Secret Agent Men etwas im Krea-Tief versank, hab‘ ich mich gefragt, worauf ich Lust hätte. Einfach ohne weiter darüber nachzudenken, ob es überhaupt Sinn macht, oder irgendwem sonst gefallen könnte… und die Antwort war schnell gefunden: Ein Mountie-Charakter!!

    Was die Koloration angeht, habe ich mich von den Cartoon-Serien Steven Universe und Gravity Falls inspirieren lassen, die immer limitierte und sehr schöne Farbpaletten benutzen, zusammen mit interessanten Lichtsituationen.

    AnimeY: Die einzelnen Beiträge spielen in verschiedenen Zeitabschnitten. Wonach entscheidest du, in welchen Epochen die Handlung stattfindet?

    Kami: Das Entscheiden geht ganz einfach: was mir gerade einfällt! Zunächst hatte ich GYM als reines Geschichts-Epos geplant, also zur Jahrhundertwende um 1900. Dann hatte ich aber die Idee für die Zukunfts-Story und mochte die so sehr, dass ich mich dazu entschied, mich einfach gar nicht zu entscheiden und stattdessen einfach alle Zeiten und Settings möglich sein zu lassen. Manchmal entstehen Universen auch sozusagen auf Zuruf, wenn jemand einen Vorschlag macht und mir dazu etwas einfällt.

    AnimeY: Was ist dir beim Charakter-Design von Charles und Francis in den alternativen Universen wichtig? Gibt es Punkte, die stets gleich bleiben?

    Kami: Am wichtigsten ist, glaube ich, der Wiedererkennungswert. Aber eigentlich genauso wichtig ist das Gefühl, nicht einfach »das gleiche in Grün« zu machen, was manchmal gar nicht so leicht ist.

    Natürlich habe ich gewisse Regeln, die ich beim Designen einhalte, wie zum Beispiel Charles‘ lockige, schwarze Haare (am ganzen Körper, höhö), die Koteletten und seine dicken Augenbrauen, oder Francis‘ schlacksige Statur und seine Narbe.

    Andererseits sind Regeln zum Brechen da, und so gibt’s dann eben auch die Roboterversion von Francis, in der er natürlich eher muskulös ist. Seine Narbe hat er aber immer noch! Und eben auch seine schüchterne, etwas weltfremde Art.

    Es gibt übrigens auch einen Roboter-Charles! Der ist klein und rund und hat natürlich keine Haare irgendwo, aber doch seine blauen Augen (bzw. Auge in der Einzahl…), die dicken Augenbrauen und ist besonders aufbrausend.

    AnimeY: Charles ist muskulös, hat einen Bauch und ist am Körper stark behaart. Warum hast du dich dafür entschieden, nicht das typische Boys-Love-Idealbild zu wählen?

    Kami: Weil ich, obwohl ich die typisch androgynen Boys-Love-Charaktere auch schön finde, doch irgendwie einfach genug davon hatte. Im echten Leben habe ich solche perfekt aussehenden Leute (leider?) noch nie gesehen. Dafür aber massenhaft andere, sehr interessante Körpertypen, die alle auch auf ihre Art schön und perfekt sind.

    Darum war es mir wichtig, Charaktere zu haben, die nicht dem typischen Idealbild entsprechen, aber trotzdem mit ihrem Körper zufrieden sind!

    AnimeY: In einer Episode ist Francis ein Roboter. Wie schwer fiel es dir, eine Liebesgeschichte zwischen Maschine und Mensch zu kreieren?

    Kami: Hmm… Sagen wir so, das Schwierigste daran war, die…»Anatomie« des Roboters zu designen. Hö hö hö.

    AnimeY: Welches Universum magst du bisher am liebsten?

    Café Universum

    Kami: Oooh, das ist knifflig. Ich glaube, immer das, an dem ich gerade zeichne, oder für das ich neue Ideen habe. Momentan wären das das »Café Universum« und das »Alte Säcke Universum«.

    Aber auch alle anderen Universen! Ich bin einfach mordsmäßig schlecht darin, Entscheidungen zu treffen.

    AnimeY: Warum hast du dich dazu entschieden, alles in Farbe zu zeichnen?

    Kami: Ich glaube, weil ich mich früher immer sehr vorm Kolorieren gescheut habe. Alles hatte einfach die Farbe, die es nun mal hat, ohne jeglichen Gedanken an Harmonie oder Licht oder so.

    Als ich dann mal etwas aufmerksamer die Bilder und Comics und Animationen, die mir gefallen, betrachtet habe, fiel mir auf, wie viel man mit Farben erreichen kann, und das hat mich angespornt, mich auch mit dem Thema zu befassen. Das ist beschämenswerterweise noch gar nicht so lange her, daher ist GYM auch mein erstes Projekt, bei dem ich wirklich über Farben nachdenke.

    AnimeY: Wie ist die Veröffentlichung bei Schwarzer Turm Verlag entstanden?

    Kami: Durch eine glückliche Fügung, würde ich mal sagen!

    Eigentlich habe ich GYM immer nur auf englischsprachigen Seiten wie Tumblr oder DeviantArt hochgeladen, aber eines Tages hatte ich den seltsamen Impuls, mal wieder was auf Animexx hochzuladen. Man muss dazu wissen, dass ich auf Animexx nun schon seit über 10 Jahren nicht mehr aktiv war! Ich übersetzte einige Seiten also spaßeshalber auf Deutsch und lud sie hoch. Ein paar Tage später hatte ich eine Nachricht vom Turm in meinem Briefkasten, ob ich nicht vielleicht an einer Veröffentlichung interessiert wäre.

    Da ich noch nie irgendwas veröffentlicht hatte, war ich natürlich sofort Feuer und Flamme!

    AnimeY: Was ist im ersten Band alles enthalten?

    Alte Säcke Universum

    Kami: Die Roboter-Saga bestehend aus zwei Kapiteln, eine Roboter-Kurzgeschichte und jeweils eine kurze Story im 90er-Jahre-Universum und im 1900-Universum.

    Dazu eine Kurzgeschichte im Science-Fiction-Universum, das es bisher noch nirgends zu sehen gab!

    AnimeY: Wie viele Bände soll es insgesamt geben? Wann soll der zweite Teil erscheinen?

    Kami: Geplant sind drei Bände.

    Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass ich aber noch Ideen für endlos viele Bände hätte!

    Momentan ist für den zweiten Band das Frühjahr 2015 angepeilt. Da ist aber noch nichts in Stein gemeißelt.

    AnimeY: Was ist dir bei deinen Zeichnungen besonders wichtig?

    Kami: Mein generelles Motto ist »Ich will meine geliebten Charaktere so gut es nur geht darstellen!«.

    Ganz konkret lege ich sehr viel Wert auf saubere Outlines. Das dauert auch immer am längsten, macht mir aber auch am meisten Spaß.

    Und ausdrucksstarke Posen!

    Oh, und dass die Charaktere auch wirklich immer erkennbar sind. Ich finde nichts schlimmer, als Sameface-Syndrom (wenn Charaktere sich so ähnlich sehen, dass man sie kaum noch auseinanderhalten kann). Wahrscheinlich, weil ich selbst so ein schlechtes Gedächtnis habe und leicht durcheinanderkomme beim Lesen.

    AnimeY: Du verwendest Comic- und Manga-Elemente in deinem Werk. Welcher Richtung fühlst du dich eher zugewandt? Wie genau nimmst du es mit der Unterscheidung?

    Kami: Das ist eine gute Frage. Ich weiß selbst nicht so ganz, ob ich GYM jetzt als Manga oder als Comic bezeichnen soll. Am Ende ist es, glaube ich, einfach eine Sammlung aneinandergereihter Bilder mit Sprechblasen, die Geschichten ergeben.

    Ich selbst lese Comics und Mangas gleichermaßen, wobei es mir dabei weniger auf Stiltreue als vielmehr auf interessante Stories, schickes Artwork und tolle Charaktere ankommt.

    AnimeY: Wie nimmst du die deutsche (Manga-)Zeichner-Szene war?

    Kami: Da ich im echten Leben recht eigenbrötlerisch und im Internet eher auf internationalen Seiten unterwegs bin, nehme ich im spezifisch deutschen Bereich eher wenig war. Was aber nicht heißt, dass ich keine deutschen Zeichner kenne! Ich realisiere meist nur nicht, dass sie aus Deutschland kommen.

    AnimeY: Was bedeutet Zeichnen für dich?

    Kami: Alles.

    Es gibt nicht so wahnsinnig vieles, das ich gut kann, und das meiste davon hat irgendwie mit dem Zeichnen zu tun.

    Durch’s Zeichnen kann ich meinen Ideen Form geben. Und der physikalische Akt des Zeichnens, wenn man so richtig in der Tätigkeit versunken und das Gehirn komplett leer gefegt ist, ist für mich so ziemlich der beste Zustand auf der Welt. Außerdem hat man nach dem Zeichnen etwas (hoffentlich) Schönes, das man immer wieder betrachten und mit der Welt teilen kann. Im Gegensatz zur Musik beispielsweise, die nach dem Spielen »weg« ist (außer natürlich man hat eine Aufnahme gemacht oder guckt sich alternativ gerne Notenblätter an).

    AnimeY: Was machst du bei Krea-Tiefs?

    Kami: Krea-Tiefs sind leider auch bei mir immer mal wieder ein Thema, wobei ich glücklicherweise sagen kann, dass ich, seit ich GYM zeichne, kein wirklich schlimmes mehr hatte.

    Ich kann aber auf jahrelange Krea-Tiefs zurückblicken, in denen ich fast wahnsinnig wurde (wobei diese Zeiten auch durch Depressionen und meine Sozialphobie geprägt waren).

    ABER

    ich bin der lebende Beweis dafür, dass auch solche Zeiten irgendwann vorübergehen!

    Man darf einfach nicht aufgeben und muss offen dafür sein, sich Neuem zuzuwenden.

    Bei nicht ganz so schlimmen Blockaden finde ich es hilfreich, sich selbst mit Dingen aus der Reserve zu locken, auf die man einfach Lust hat. Und dabei ruhig auch auf Sachen zurückgreifen, die vielleicht als verpönt gelten. Fanart! Hemmungsloser Porn! Alternative Universen mit eigenen Charakteren! Fanart von alternativen Porn Universen!

    AnimeY: Hast du Rituale oder Gewohnheiten beim Zeichnen (Süßigkeiten, Kaffee, Tageszeit, etc.)?

    Kami: Ich zeichne am liebsten nachts, wenn alles ruhig und dunkel ist.

    Ansonsten… Hmm, ich habe die Angewohnheit, den Gesichtsausdruck, den ich zeichne, auch in echt zu machen. Zählt das?

    AnimeY: Auf welchen Veranstaltungen trifft man dich an?

    Kami: Auf der alljährlichen Hermitentagung, bei der man sich zu Hause abschottet und ganz allein einfach macht, was man will. (Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass mein Schreibprogramm aus »Hermitentagung« gerne »Termitengattung« machen wollte. Was soll man davon halten?)

    Nein, also… ich war meist auf der Frankfurter Buchmesse und auf der Gamescom, immer als einfacher Besucher. Jetzt, wo ich tatsächlich einen Grund habe, zu vielen Messen und Conventions zu gehen, werde ich wohl öfter mal zu sehen sein. Angefangen mit der Connichi nächste Woche!

    AnimeY: Hast du schon Ideen für weitere Projekte?

    Momentan konzentriere ich mich auf all meine GYM-Universen, und da ist noch so viel möglich:

    *Meermänner Universum!

    *50er Jahre Universum!

    *Steinzeit Universum!

    *Francis-ist-ein-Auto Universum!

    * etc. etc. etc.

    zum »Ziegen Universum« gibt es sogar schon diese Skizze!

    Das AnimeY-Team bedankt sich herzlich bei Kami für dieses Interview.

    Illustrationen © 2014 Kami

    fallenshadow
    Passionierte Liebhaberin der deutschen Manga-Zeichner-Szene, Manga über Anime Stellerin, es darf auch mal ein amerikanischer Comic sein, Avocado Makis sind lecker, liebt Regentage, zu faul Haare schneiden zu lassen, Mathe ist easy, Tofu ist mein Fleisch