Interview mit Kamineo und Kamoi zu »ALPHA²«

    Iceberg Interactive/Koch Media
    Iceberg Interactive/Koch Media

    Wölfisch geht es in ALPHA² zu. Der im März erschienene Boys-Love-Manga wurde als Geheimtipp gesehen. Nun fühlen wir Kamineo sowie Kamoi auf den Zahn und entlocken ihnen so manche Details aus dem Manga.

    AnimeY: Was hat euch zu ALPHA² inspiriert?

    Kamoi: Ich selber bin ein unglaublicher Fan von Werwölfen/Gestaltwandlern und habe mich mit entsprechender Literatur – größtenteils aus Amerika – eingedeckt, alles mit homoerotischem Inhalt. Nach dem zehnten oder fünfzehnten Buch ist man es dann aber doch irgendwie ein bisschen Leid, ständig den Seme-haften Alpha zu haben, der den Uke-haften Omega oder Beta ordentlich runterbuttert und zeigt, wo’s lang geht. Da kam bei mir dann das erste Mal der Gedanke auf: Was, wenn zwei Alphas aufeinanderprallen würden? Wie würden sie sich verstehen, und vor allem wie würden sie zusammenkommen, würden sie das überhaupt können, zwei so »starke« Persönlichkeiten, die sich im Grunde nichts vorschreiben lassen? Daraufhin hatte ich dann erste Ideen zu Quinn und Clive im Kopf und Kamineo zeitgleich mit allerhand Buchmaterial regelrecht beworfen, damit sie das auch alles lesen konnte. Als sie dann eines Tages meinte, ob ich nicht etwas hätte, was wir just for fun auf Animexx hochladen könnten, erzählte ich ihr eben von meiner Idee, und zum Glück war sie begeistert genug, um das mit mir umzusetzen.

    AnimeY: Was hat euch bewogen, nicht den typischen androgynen Zeichenstil für die Charaktere zu wählen?

    Kamineo: Ich wollte echte Männer, die auch wie Männer aussehen. Leicht feminin angehauchte, hübsche Männer sieht man in Mangas fast überall, daran hatte ich mich schon ziemlich sattgesehen. Ich wollte für diese Geschichte unbedingt etwas anderes. Außerdem sind es Werwölfe, da ist es einfach naheliegend, dass sie kräftig und etwas haariger sind.

    Kamoi: Als ich die Story schrieb, wollte ich mal eine andere Altersspanne haben als die typisch Jugendlichen oder Mitt-Zwanziger. Es sollten erwachsene und gestandene Männer sein, mitten im Leben stehen, ihrem Beruf nachgehen und einfach so sein, wie Männer sind: behaart.

    AnimeY: Welche Herausforderungen und Schwierigkeiten gab es beim Zeichnen der Charaktere?

    Kamineo: Also generell sind muskulöse Männer schwieriger zu zeichnen als Knochen. Aber wirklich nervig waren eigentlich nur Clives fluffige Haare, hauptsächlich beim Rastern. Meine Assistentin und ich standen öfters kurz davor, ihm entweder den Schädel zu rasieren oder ihm die Haare schwarz zu färben.

    AnimeY: Was war euch bei der Darstellung der Figuren und deren Entwicklung wichtig?

    Kamineo: Bei der Darstellung der Hauptcharaktere war es uns wichtig, wölfische Eigenschaften unterschwellig einfließen zu lassen, auch in der menschlichen Gestalt. Zum Beispiel dass sie permanent ihr Revier markieren müssen, indem sie alles angrabbeln.

    Kamoi: In meinem Kopf und der Grundidee wäre Clive derjenige gewesen, der die größte Entwicklung durchmacht. In der Ursprungsversion ist er nämlich eigentlich hetero und ein richtiger Frauenschwarm, der diese Aufmerksamkeit auch zu genießen weiß. Im Manga fehlte dafür dann einfach der Platz/die Zeit, sodass man nur teilweise mitkriegt, was er da gerade durchmacht. Er ist ja auch generell eher der Typ, mit dem man aufgrund seines Temperamentes leicht aneinandergerät und der halt diese mega lange Reise quer durchs Land hinter sich hat, auf der er ganz auf sich allein gestellt war. Dann plötzlich mit einer zweiten Person, vor allem seinem –männlichen!- Gefährten zurechtzukommen, war für ihn nicht ganz so leicht.

     AnimeY: Was hat es mit Quinns Tätowierung »SEMPER FI« auf sich?

    Kamineo: Eigentlich heißt es »Semper fidelis«, was auf Deutsch »Immer treu« heißt. Das ist das Motto des US Marine Corp. Auch unabhängig von seinem beruflichen Hintergrund finde ich es aber auch für ihn sehr passend.

    Kamoi: Das war tatsächlich auch Kamineos Idee, und als sie mir davon erzählt hatte, stimmte ich sofort begeistert zu.

    AnimeY: Warum verwandeln sich Quinn und Clive bei ihrer ersten Begegnung in Menschen zurück? War das absichtlich, oder hatten sie in dem Moment die Verwandlung nicht unter Kontrolle?

    Kamoi: Hauptsächlich ist das wohl der Schock über diesen doch recht gefährlichen Abgang hinunter ins kühle Nass. Als Mensch hat man ja noch die Möglichkeit, sich eventuell auf halbem Weg festzuhalten, für einen Wolf ist das natürlich schon viel schwieriger. … nicht, dass das den beiden irgendwas genutzt hätte, aber der Effekt als Menschen ist natürlich auch viel bedeutungsvoller anstatt dem Bild zweier Wölfe, die da im Wasser liegen…

    AnimeY: War der Scherz mit der Küchenrolle von Anfang an geplant, oder wurde dieser hinzugefügt, als euch aufgefallen ist, dass die Küchenrolle etwas schlecht positioniert ist?

    Kamineo: Die Sache mit der Küchenrolle ist sehr kurzfristig eingebaut worden, nachdem mein Vater mir bei der Konstruktion der Küche über die Schulter gesehen hatte und meinte, dass der Typ ja Glück hätte, wenn ihm die Bude nicht unterm Hintern wegbrennen würde. … es war eine zu gute Gelegenheit, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen.

    AnimeY: Was ist das für ein Wesen, das Quinn im Strip beim vierten Kapitel aus dem Schrank entgegenblickt?

    Kamineo: Die Motte, die ein paar Seiten vorher schon in klein aus dem Schrank geflogen kam.

    AnimeY: In ALPHA² gibt es für jeden Werwolf einen vom Schicksal bestimmten Partner. Was passiert, wenn der Partner stirbt? Besonders wenn sich die Partner bis dahin nicht getroffen haben. Spürt das der andere?

    Kamoi: Also wenn zwei Gefährten einander gefunden haben, dann ist das quasi wie der »Bund fürs Leben«, sie beschützen einander mit dem eigenen Leben und versuchen, stets aufeinander zu achten. Man kann es quasi als Soulmate, als Seelenpartner, beschreiben. Fällt dieser andere Teil von einem selbst plötzlich weg, zum Beispiel durch Tod des Gefährten, wird es zumindest als immenser Verlust empfunden. Damit geht dann sicherlich jeder anders um, so gibt es solche, die diesen Verlust nicht ertragen können und sich selbst aufgeben, aber es gibt auch solche, die dennoch weiter machen und versuchen, wieder glücklich zu werden.
    Haben sich beide Seiten noch nie getroffen und bisher keine Bindung aufgebaut, so werden sie es vermutlich auch nicht merken, wenn dieser andere Teil fehlt.

    AnimeY: Wissen die Menschen Bescheid, wer alles ein Werwolf ist, oder wird das von diesen geheimgehalten?

    Kamineo: Teils, teils. In den Rudeln gibt es für gewöhnlich auch Menschen, entweder Hineingeborene oder Angeheiratete. Die Allgemeinheit weiß aber nichts darüber, und die Wölfe sind auch sehr bemüht darum, dass dies so bleibt.

    AnimeY: Wie habt ihr euch kennengelernt?

    Kamoi: Meine Lieblingsgeschichte! Das war 1996 auf dem örtlichen Spielplatz, ich sah da dieses Mädchen mit dem Hund –Paulchen!- auf der Bank sitzen und wollte den Hund unbedingt streicheln und habe dann mal lieb nachgefragt… und nicht mehr locker gelassen. Seitdem haben wir uns teilweise fast täglich getroffen und draußen gespielt oder stundenlang handschriftliche Geschichten verfasst. Das Beste war, dass wir nicht mal eine Minute Fußweg voneinander entfernt gewohnt haben.

    AnimeY: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit an dem Manga?

    Kamineo: Das ist ein bisschen schwer zu beantworten, weil wir ja in komplett getrennten Bereichen arbeiten. Ich musste sie aber öfter in den Hintern treten, damit sie endlich weiterschreibt, außer bei Band 2, der entstand ja auf der Bahnfahrt zurück von der Leipziger Buchmesse 2012.

    Kamoi: Kamineo hatte natürlich die Hauptarbeit, indem sie alles, was ich geschrieben hatte, zeichnerisch umsetzen musste. Daher haben wir uns aber auch immer privat getroffen – man wohnte ja nur ein paar Gehminuten auseinander – und die Dinge abgesprochen, wie wir etwas machen wollen, oder gemeinsam zu neuen Ideen gefunden und Anmerkungen gemacht, die wir gerne einbringen wollten und dergleichen. Für mich ist es immer sehr entspannend, mit ihr zusammenzuarbeiten, weil ich weiß, dass ich mich 100%ig auf sie verlassen kann.

    AnimeY: Was an eurem Manga gefällt euch am meisten?

    Kamineo: Eigentlich alles. Ich meine, es sind alle meine Lieblingsthemen drin: Werwölfe, Wälder, attraktive Männer und ein bisschen Drama… yaii!

    Kamoi: Mein Name steht drauf. xD Nein, Quatsch – auch wenn das natürlich unglaublich aufregend ist, wenn man in Buchhandlungen sein eigenes Werk vorfindet und man dann immer grinst wie so ein Honigkuchenpferd. Ich persönlich liebe die Charaktere ungemein und kann gar nicht sagen, wen davon am meisten. Jeder hat seine Vorzüge, und sie sind gezeichnet genau so geworden, wie ich sie mir vorgestellt habe.

    AnimeY: Das letzte Kapitel suggeriert eine Fortsetzung. Ist da etwas geplant? Wird man mehr über Andrew und Yves erfahren?

    Kamineo: ALPHA² ist mit den drei Turm-Bänden beziehungsweise mit der Carlsen-Ausgabe abgeschlossen.

    Kamoi: Ich selber habe noch einige Ideen zu den Charakteren aus ALPHA² im Kopf herumschwirren, da würde ich ja schon gerne mal so kleinere Specials schreiben… im Artbook von Kamineo, Of Wolves And Men, kann man ja auch im Übrigen nachlesen, wie sich Yves und Andrew kennengelernt haben, für alle, die es interessiert! Und illustriert ist diese Geschichte auch. ;P

    AnimeY: In ALPHA² kommt Elvis‘ Song »Always on my mind« vor. Seid ihr selbst Elvis-Fans? Wie sieht euer Musikgeschmack aus?

    Kamineo: Elvis-Fan bin ich jetzt nicht unbedingt. Ich wüsste auch nicht, wie ich meinen Musikgeschmack beschreiben sollte, der ist extrem gemischt, manchmal eher klassisch und dann aber wieder eher Richtung Metall und Folkrock. Aber Elvis kommt da tatsächlich nicht vor.

    Kamoi: Ja, der gute King kam von mir und ja, ich höre gerne Elvis. Ansonsten bevorzuge ich fast alles an Rock-Musik oder Klassikstücke und Filmmusik.

    AnimeY: Clive ernährt sich von Dosenfutter und Katzenzungen. Wie sieht eure Ernährung aus? Was esst ihr am liebsten?

    Kamoi: Ich esse inzwischen alles querfeldein, nachdem ich mein Vegetarier-Dasein über Bord geschmissen habe. Wenn ich könnte, würde ich aber von morgens bis abends Sushi essen. Wirklich, mein Magen kennt keine Grenzen, wenn es um Sushi geht.

    Kamineo: Meine derzeitige Ernährung besteht hauptsächlich aus rohem Fisch und Edamame. Und Kaffee. Und Energy-Drinks. Und Oreo-Schokolade. Ernsthaft… Oreo kommt direkt aus der Hölle!

    AnimeY: Gibt es bereits Pläne für ein weiteres gemeinsames Werk oder Einzelprojekte?

    Kamineo: Ja, momentan arbeite ich intensiv an einem neuen Projekt, aber es steht noch nicht fest, in welchem Rahmen das veröffentlicht wird. Außerdem möchte ich zukünftig ein paar kleinere Projekte mehr in Eigenregie angehen, eventuell auch mit Kamoi zusammen.

    Kamoi: Mein Kopf ist voller Ideen, dass ich manchmal gar nicht weiß wohin damit. Ich würde gerne auch mal etwas alleine schreiben, ein richtiges Buch wäre schon toll, aber ich mag die Zusammenarbeit mit Kamineo besonders gerne und werde sie da bestimmt nochmal nerv-… höflich anfragen… :‘D

    AnimeY: Der Manga erschien bereits beim Verlag Schwarzer Turm. Wie kam es zur Veröffentlichung bei CARLSEN MANGA?

    Kamineo: Nachdem der erste Band der Turm-Ausgabe ja schon so lange komplett ausverkauft war, hatten wir uns mit Carlsen zusammengesetzt und über die Möglichkeit einer Zweitveröffentlichung unterhalten. Und der Chance, unseren Manga einem noch größeren Publikum zugänglich zu machen, konnten wir natürlich nicht widerstehen.

    AnimeY: Was sind die Unterschiede zwischen der Veröffentlichung bei Schwarzer Turm und der bei CARLSEN MANGA?

    Kamoi: Die Turm-Ausgaben sind in ihrer Erscheinungsform natürlich exklusiver: das Papier ist hochwertiger und das Format größer. Dafür gibt es im Sammelband von CARLSEN MANGA! exklusive Farbseiten, ein ganzes Kapitel mehr in Form eines Epiloges, und die Texte wurden neu gesetzt.

    AnimeY: Wie kam es zum Artbook Of Wolves and Men?

    Kamineo: Der Schwarze Turm hatte mich schon vor Längerem mal angesprochen, ob ich nicht mal Interesse daran hätte, ein Artbook herauszubringen. Eine ganze Weile hatte das nie so recht klappen wollen, aber nachdem die Arbeiten an ALPHA² schon eine Weile abgeschlossen waren, hatte ich endlich die Zeit gefunden, mich damit endlich auseinanderzusetzen. Und das Timing dafür war natürlich ideal.

    AnimeY: Wie kam es zur Beteiligung am Artbook Dragonlords von Fireangels?

    Kamineo: Fireangels hatte mich darauf angesprochen, und die Themen gefielen mir so gut, dass ich einfach spontan zusagen musste. Ich freue mich schon sehr auf das fertige Buch, da sind ein paar richtig großartige Künstler drin!

    AnimeY: ALPHA² wurde schon als kleiner Geheimtipp unter den deutschen Mangas und dem Boys-Love-Genre gesehen. Wie kam bei euch das Wolfsfieber der Fans an?

    Kamineo: Absolut großartig! Ich bin immer wieder überrascht, wie positiv die Resonanz ausfällt, zumal ALPHA² ja nun nicht unbedingt der typische BL-Manga schlechthin ist.

    Kamoi: Ich war überwältigt, dass es doch so viele Wolfsliebhaber da draußen gibt. Da bin ich schon unheimlich stolz und froh, solch einen Nerv getroffen zu haben! Positiv natürlich.

    Das AnimeY-Team bedankt sich bei Kamineo und Kamoi für das Interview.

    © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2014/ Kamineo und Kamoi Hamburg 2014