Interview mit Kazé zum Thema Anime, Manga und Anime on Demand

    Am 01. Oktober 2014 vollzog das VoD-Portal Anime on Demand (AoD) einen umfassenden Relaunch. Aus diesem Anlass führte AnimeY mit dem Projektmanager von AoD, Michael Wache und seinen Kollegen von AV Visionen, Dirk Remmecke und Patrick Peltsch, ein Interview über den Anime- und Manga-Markt in Deutschland allgemein und das Projekt Anime on Demand im Besonderen. Was dabei herauskam, lest ihr in den folgenden Abschnitten.

    AnimeY: Von der Lizenzierung bis zur Publikation: Können Sie kurz erklären, welche Instanzen ein Anime-DVD/Blu-ray durchläuft, bevor diese beim Endverbraucher landet?

    Dirk Remmecke: Im Schnelldurchlauf läuft das so ab: Verhandlungen mit Lizenznehmern, Vertragsunterzeichnung, Materialanforderung und -prüfung, Übersetzung (durch Muttersprachler) des japanischen Dialogbuches, Bearbeitung durch den Synchronregisseur, Redaktion des Dialogbuches und der Untertitel, parallel Gestaltung von Cover, Label, Menü und Extras, Approval in Japan, Synchronfassung abnehmen, Authoring der DVD (Bild + Ton + Menüsteuerung zusammenfügen), noch mehr Approval in Japan, DVD-Master auf Herz und Nieren prüfen, Korrekturen, noch mal prüfen, ggf. noch mehr Approval in Japan, und wenn alles reibungslos klappt und approved ist, Freigabe an das Presswerk.

    Dazu ein Hör-Tipp: Christoph Lamprecht von Nipponart und ich haben im Februar 2011 mit Otakutimes einen langen Podcast über die Lizenzierung von Animes gemacht, der noch immer lehrreich und aktuell ist. 

    Sailor Moon S, Vol 5 erschien im Oktober 2014 bei Kazé

    AnimeY: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage des deutschen Anime-Marktes ein?

    Dirk Remmecke: Was die Verkäufe von DVD’s und Blu-rays angeht: sehr stabil mit einem leichten Aufwärtstrend. In Deutschland sind die Fans (auch normaler Filme und TV-Serien) zum großen Teil noch Sammler – man möchte seine Lieblingsserie einfach im Regal stehen haben. Wenn man den Marktbegriff breiter spannen möchte, haben es Animes in Deutschland immer noch schwer.

    Animes sind im Ausland (Frankreich, Italien, USA) viel selbstverständlicher und viel früher im Kinderprogramm eingesetzt worden, etwa Robotech und Captain Harlock in den USA oder Goldorak und Saint Seiya in Frankreich. Der Versuch der ARD, in den Siebzigern mit Speed Racer die spezifische Animations-Weise Japans nach Deutschland zu bringen, wurde ja von konservativen Kreisen torpediert und beendet. Davon hat sich der Anime lange nicht erholt, und es ist kein Wunder, dass Biene Maja und Heidi verschämt ihre japanische Herkunft verschwiegen. Sailor Moon und Dragonball haben das erst spät und nur teilweise ändern können.

    In Deutschland stehen Animes immer noch unter dem Generalverdacht, nur Entertainment für Kinder zu sein.

    Im Buchhandel werden zu bestimmten Anlässen Thementische mit einem Mix aus Neuheiten und Klassikern dekoriert. Aber wir sind noch weit davon entfernt, in einem DVD-Fachhandel anlässlich des DVD-Releases eines Hollywood-Action-Blockbusters einen Thementisch zu sehen, auf dem neben TwilightRubinrotCity of Bones auch Vampire Knight und Pandora Hearts liegen, trotz gleicher Themen und Zielgruppen.

    AnimeY: Wie viel Einfluss haben Sie als Label direkt auf die Sprecherauswahl bei den deutschen Synchronisationen?

    Dirk Remmecke: Die Synchronisation wird von Synchronstudios durchgeführt. Die Studios kennen die Qualitäten der Sprecher und deren Verfügbarkeit. Nicht jeder Sprecher kann und will alle Rollen sprechen, manche Stimmen sind manchmal für Wochen ausgebucht, weil sie eine große amerikanische TV-Serie einsprechen.

    In manchen Fällen schlägt unsere Anime-Redaktion dem Studio unsere Wunsch-Stimmen vor (die dann auch gebucht werden, wenn sie frei sind), in anderen Fällen stellt die Synchronregie für jede größere Rolle eine Auswahl von Stimmen zusammen und schickt uns entsprechende Stimmproben, aus denen wir dann auswählen. Es kommt auch vor, dass wir entscheiden „davon passt leider keine, können wir noch mehr bekommen?“

    Worauf wir wenig Einfluss haben, ist die Auswahl der kleinen Nebenrollen und Hintergrundstimmen. Hier wird branchenüblich (also auch bei US-TV-Serien) mit Sprechern gearbeitet, die in der Aufnahmewoche auch in dem Studio zu tun haben. Man kann für eine 30-Sekunden-Aufnahme nicht extra Sprecher einladen, das würde auch kein Sprecher machen, einen Arbeitsweg von 90 Minuten (in einer Stadt wie Berlin) auf sich zu nehmen, um dann nur zwei Sätze zu sprechen.

    AnimeY: Hat bei den Anime-Verkäufen die Blu-ray die DVD bereits eingeholt oder kaufen die Fans noch vermehrt das „alte Medium“?

    Dirk Remmecke: Nach einem wirklich langwierigen Anfang ist die Blu-ray langsam auf dem Vormarsch. Bis vor Kurzem war DVD noch klar im Vorteil, aber auf der letzten AnimagiC und Connichi haben wir zum ersten Mal von den Neuheiten mehr Blu-rays als DVDs verkauft. Allerdings darf man hier nicht vorschnell urteilen – auf Conventions bewegt sich das technisch auf dem neusten Stand befindliche Kernpublikum. Hier wird es eher interessant, wie sich diese Neuheiten im längeren Vergleich auch mit den Elektromarkt-Verkäufen einpendeln. Das Bauchgefühl sagt mir, dass die DVD immer noch den längeren Atem hat. Noch.

    Aktuell im Simulcast bei AoD: Inou Battle with Everyday Life
    © 2014 Kota Nozomi-SB Creative / SKB

    AnimeY: Erst der Eintritt von Crunchyroll in den deutschen Markt und nun folgte auch Netflix. Das Angebot wächst und wächst, mit welcher Eigenheit möchte sich Anime on Demand behaupten? Prognostizieren Sie einen Rückgang an Nutzern oder belebt, wie es so schön heißt, die Konkurrenz das Geschäft?

    Michael Wache: Crunchyrolls Geschäftsmodell (Freemium und Abo) ist auf Simulcast-Animes spezialisiert und beschränkt. Netflix ist ein Content Allrounder, der bislang in Deutschland noch kein nennenswertes Anime-Angebot hat.

    Anime on Demand ist ein seit sieben Jahren organisch gewachsenes und sukzessive optimiertes VoD-Portal für deutsche Animes. Unser Schwerpunkt sind und bleiben deutsch synchronisierte Animes. Aber wir werden auch unser Angebot an OmU-Titeln immer mehr erweitern. Neben Titeln von Kazé haben wir auch Animes anderer Publisher, wie Universum und Filmconfect, im Regal. Anders als bei vielen VoD-Anbietern, wo man nur die Wahl zwischen alles oder nichts hat, können unsere Kunden die Nutzungsrechte erwerben, die passgenau ihren Interessen entsprechen – Lizenzen für einzelne Filme oder Episoden (befristet für 48 Stunden oder unbefristet), Lizenzen für ganze Serien oder Abo-Lizenzen mit zwei unterschiedlich großen Contentumfängen.

    AnimeY: Wie war/ist die Neuausrichtung von AoD?

    Michael Wache: Das Design und die Usability der neuen Website sind für das Serienformat von Animes optimiert. Eindrucksvoll sichtbar werden jetzt die faszinierende Bildsprache und Vielfalt von Animes. Da wir schon seit 2007 am Markt sind, hatten wir viel Zeit und Gelegenheit zu lernen, welche Anforderungen Anime-Fans an ein VoD-Angebot haben. Diese Wünsche wollen wir mit der neuen Website bestmöglich bedienen.

    AnimeY: Können sie uns schon die Preise der einzelnen Abos nennen?

    Michael Wache: Das Standard-Abo kostet 7,95 Euro pro Monat, das Premium-Abo 10,45 Euro.

    AnimeY: Könnten Sie den TV-Staffelpass etwas näher erläutern?

    Michael Wache: Der TV-Staffelpass, einige gebrauchen auch das Wort Season Pass, heißt bei uns „Serienlizenz“. Dieser Begriff scheint uns semantisch treffender und konsistent mit den Begriffen „Einzellizenz“ und „Abo-Lizenz“. Mit der Serienlizenz kann sich der Kunde schon alle Episoden einer neu erscheinenden Serie sichern, bevor diese auf AoD veröffentlicht wurden, egal ob es sich um einen Simulcast-Titel oder um eine synchronisierte Serie handelt. Der Preis der Serien-Lizenz beträgt in der Regel ¾ des Gesamtpreises aller Einzelepisoden.

    AnimeY: In welche Kategorie fallen die Nutzer, die zurzeit den Abo-Pool nutzen und können diese zwischen Standard und Premium noch wechseln?

    Michael Wache: Nutzer, die vor dem Relaunch ein gültiges Abo hatten, haben jetzt das Standard-Abo mit der Laufzeit ihres bisherigen Abos. Dieser Transfer ist ein erhebliches Upgrade an Content, denn der neue Standard-Abo-Pool enthält sehr viel mehr als das alte Abo. Im alten Abo waren zuletzt 670 Filme und Episoden, jetzt sind 900 im Standard-Abo-Pool. Ein Upgrade vom Standard- auf das Premium-Abo ist noch nicht möglich.

    AnimeY: Werden zukünftig noch andere Geräte wie Spielkonsolen unterstützt?

    Michael Wache: Unser nächster Entwicklungsschritt wird in die Mobile-Welt gehen. Dabei haben wir als erstes Tablets im Auge.

    AnimeY: Da die Fans, dank der Abos, Zugriff aufs komplette Kazé-Programm haben, rechnen Sie mit einem Rückgang der Disc-Verkäufe?

    Michael Wache: Nein, damit rechnen wir nicht. Alle bisherigen Erfahrungen – unsere eigenen und die unserer Publisher-Kollegen – zeigen, dass VoD-Angebote von Animes die Käufe von DVDs und Blu-ray‘s nicht ersetzen, sondern ergänzen.

    AnimeY: Welche Manga-Titel im Kazé-Sortiment entpuppten sich bisher als erfolgreichste Titel? Gab es eventuell auch einen, der dessen Verkäufe unter den Erwartung lag?

    Patrick Peltsch: Unser Topseller ist derzeit Tokyo Ghoul. Unser bekanntester Longseller, der seit Beginn vor 2 Jahren an super läuft, ist Blue Exorcist. Von Anfang an etwas schwer hatte es der Titel Toriko, der inzwischen zwar stark angezogen hat, aber dennoch hinter den Erwartungen zurückbleibt.

    AnimeY: In den USA wird es beispielsweise schon gemacht, Deutschland hingt da noch hinterher: Wie steht Kazé dazu, aktuelle Manga-Kapitel aus Japan zeitnahe im deutschsprachigen Raum online anzubieten?

    Patrick Peltsch: Damit haben wir uns bislang noch nicht auseinandergesetzt.

    AnimeY bedankt sich für das Interview.

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    Gina
    ich bin eine ziemlich durchgeknallt aber ruhige Manga-Leserin der 30+ Generation :3