Interview mit Kristina Gehrmann zu „Im Eisland“

    Passend zur kürzlich veröffentlichten Rezension zum ersten Band von Kristina Gehrmanns historischem Manga Im Eisland, der sich, auf eine Trilogie verteilt, mit der Franklin-Expedition befasst, dürfen wir euch nun ein Interview mit der Mangaka zu ihrem Werk präsentieren, in dem sie uns Rede und Antwort steht.

    AnimeY: Im Eisland beruht auf wahren Geschehnissen. Warum hast du dich entschieden, etwas Historisches zu nehmen und warum gerade die Franklin-Expedition? Was ist die Faszination daran?

    Kristina Gehrmann: Ich bin 2012 beim Stöbern in Wikipedia auf die Geschichte gestoßen und fand sie faszinierend. Nachdem ich den Roman Terror von Dan Simmons gelesen habe, der ebenfalls diese Geschichte erzählt (nur mit Fantasy-Elementen), habe ich erstmal ein paar Bilder als »Fanart« zu dem Thema gezeichnet.
    Normalerweise, wenn ich ein Thema faszinierend finde, reicht es, wenn ich mich in ein paar Illustrationen dazu austobe. Aber hier hat das nicht gereicht. Ich wollte die komplette Geschichte erzählen. Anfangs hatte ich mich sogar davon abgehalten. Ich hatte ja kaum Erfahrung mit dem Comiczeichnen, und überhaupt wäre das Projekt viel zu groß für einen Anfänger wie mich. Aber die Motivation war stärker. Die Geschichte musste raus! Außerdem hatte ich Ersparnisse für einige Monate, von denen ich leben konnte, während ich zeichne. Also sagte ich mir, mach doch erstmal nur einen Comicband, und dann kannst du ja sehen, ob das funktioniert. Wenn nicht jetzt, wann dann?

    AnimeY: Das Literaturverzeichnis mit 27 Werken am Ende des ersten Bandes ist sehr eindrucksvoll. Wie lange sitzt du bereits an dem Projekt, und wie hat sich das Durchforsten der vielen Quellen gestaltet?

    Kristina Gehrmann: Für einen Band brauche ich etwa ein halbes Jahr, wenn ich in Vollzeit zeichne, Vorarbeit und Recherche nicht mitgerechnet. Ich kann es mir zum Glück momentan leisten, nur wenige Illustrationsaufträge anzunehmen.
    Das viele Lesen hat Spaß gemacht, auch wenn es teilweise verwirrend war, wenn sich einige Details widersprachen oder verschiedene Autoren verschiedene Theorien zur Erklärung des Desasters hatten. Irgendwann hatte ich dann genug Informationen gesammelt, um mir meine eigene Geschichte zusammenzubasteln. Für den Verlauf der Ereignisse habe ich mich besonders an der Theorie des Autors David Woodman in Unravelling the Franklin Mystery: Inuit Testimony orientiert.

    AnimeY: Was waren die überraschendsten Details beziehungsweise Erkenntnisse, auf die du beim Recherchieren gestoßen bist?

    Kristina Gehrmann: Dass es auch in jüngerer Zeit neue, interessante Theorien gibt. So hieß es früher, dass Blei aus den Konservendosen ein bedeutender Faktor für das Scheitern der Expedition gewesen sein müsse. Oder dass so gut wie alle schon 1848 umkamen. Solche traditionellen Erklärungen werden heute verstärkt in Frage gestellt. (Zum Beispiel, wenn Blei aus Konservendosen eine so große Gefahr war, wieso hatten frühere Polarexpeditionen, die alle auch Konservendosen dabeihatten, anscheinend kein Problem mit Bleivergiftung?)

    AnimeY: Was für Eindrücke hast du aus dem Zeitabschnitt rund um die Franklin-Expedition mitgenommen, und wie nahmst du die damals lebenden Menschen wahr?

    Kristina Gehrmann: Um 1845 befand sich England auf dem Höhepunkt der Industrialisierung und hatte gerade im ersten Opiumkrieg in China seine imperialistische Macht unter Beweis gestellt. Die britische Marine war noch immer eine der größten und effektivsten der Welt. So gesehen ist es kein Wunder, dass man sich nach Kriegsende 1815 verstärkt darauf konzentrierte, zum Ruhm der Krone zu entdecken und zu erobern. Nordpol, Südpol und Nordwestpassage waren solche Prestigeprojekte, Ziele um ihrer selbst willen. Pauschal gesagt: Engländer hielten sich für etwas Besonderes, und der Erfolg galt nur als eine Frage der Zeit.

    AnimeY: Wie wäre es, wenn du um diese Zeit herum gelebt hättest?

    Kristina Gehrmann: So interessant es auch wäre, eine Zeitreise machen zu können, schätze ich es doch sehr, nach 1970 in Deutschland geboren zu sein. Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich in keiner anderen Zeit und an keinem anderen Ort so viel Freiheit und Unabhängigkeit gehabt hätte wie hier und jetzt.

    AnimeY: Welche Kritik würdest du heute an der Mission üben?

    Kristina Gehrmann: Zum Beispiel die aus heutiger Sicht schlechte Vorbereitung: Man verließ sich auf Essen in Konservendosen, obwohl es wenig Vitamine hat, was zu Mangelerscheinungen und letzendlich zu Skorbut führte. Das übrige Menü war mit Brot, Zwieback und Salzfleisch auf Dauer einseitig; und Franklins Offiziere hatten nicht viel Erfahrung mit der Jagd in der Arktis.

    Auch existierten noch zwei Jahre nach Franklins Aufbruch keine konkreten Pläne für eine Rettung, falls etwas schiefgegangen sein konnte – so viel Vertrauen hatte man in das Gelingen der Expedition!

    AnimeY: Beim Projekt bist du auch auf andere »Franklin-Expedition-Enthusiasten« getroffen. Wie kamen die Verbindungen zustande, und wie hilfreich waren sie?

    Kristina Gehrmann: Übers Internet habe ich einige Leute gefunden, die Experten auf dem Gebiet sind, und ihnen Fragen gestellt; sie haben mir weitergeholfen und mich an noch mehr Literatur verwiesen. Über diesen Weg habe ich die Facebook-Gruppe »Remembering the Franklin Expedition« gefunden, wo Experten und Amateure sich über das Thema austauschen. Gelegentlich organisieren sie auch Treffen; so habe ich in London und Portsmouth einige von ihnen persönlich kennengelernt.
    Einer von ihnen hat die HMS Erebus und andere Dinge im 3D-Programm Google SketchUp gebaut, ein anderer beschäftigt sich damit, die Pläne der HMS Terror nachzuzeichnen. Diese Dinge haben sie mit mir geteilt, die waren beim Zeichnen eine große Hilfe.

    AnimeY: Bei so einer Aufarbeitung von historischem Stoff: Wo versuchst du, der Realität so nahe wie möglich zu kommen, und wo lässt du doch Fiktion reinfließen?

    Kristina Gehrmann: Geschätzt etwa halb-halb. Ich wollte möglichst viele bekannte Fakten und Theorien in die Geschichte mit einbeziehen. Aber warum dies oder jenes passierte, oder wie es dazu kam, ist oft ungeklärt. Da muss man einen halbwegs plausiblen Grund erfinden.

    AnimeY: Wie sah das speziell bei den auftauchenden Personen auf, zu deren Charakterzügen es sicher mal mehr, mal weniger Quellen gab?

    Kristina Gehrmann: Alle Personen im Comic waren real, aber ich habe mir viel künstlerische Freiheit gegönnt, gerade beim Aussehen: fast alles sind weiße, männliche Charaktere, und sie tragen auch noch ähnliche Kleidung! Da ist es eine besondere Herausforderung, sie wiedererkennbar zu zeichnen, was im Comic ja sehr wichtig ist. Von einigen Hauptpersonen (Sir John Franklin, James Fitzjames, Francis Crozier, John Irving) sind Briefe und zeitgenössische Beschreibungen erhalten, von denen man grobe Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ziehen kann; hier habe ich möglichst viel davon übernommen, da es die Personen auch in der Realität sehr interessant erschienen ließ.

    AnimeY: Welches Mitglied der Franklin-Expedition hat bei dir das meiste Interesse geweckt?

    Kristina Gehrmann: Mit Abstand Francis Rawdon Moira Crozier (*1796-?) , Kapitän der HMS Terror, der höchstrangige Offizier der Expedition nach Sir John Franklin. Er hat einen großen Teil seines Lebens nicht nur auf See, sondern in den Polarregionen verbracht – insgesamt zehn Jahre sowohl in der Arktis als auch in der Antarktis, und das im neunzehnten Jahrhundert! Das muss man mal verarbeiten. Er war ein echter »Polarfuchs«. Außerdem ist bekannt, dass er in Franklins Nichte, Sophia Cracroft, verliebt war und ihr kurz vor Abreise 1845 einen zweiten (!) Heiratsantrag gestellt hatte, den sie ebenfalls ablehnte. In einem seiner Briefe, den er im Juli 1845 an seinen Kollegen und guten Freund James Clark Ross schrieb, schreibt er wortwörtlich, wie einsam er sei. Da muss ich mich doch wundern, wie sich das auf seine Verantwortung in der Führungsposition ausgewirkt hat.

    AnimeY: Wie kam es zur Veröffentlichung beim Hinstorff Verlag?

    Kristina Gehrmann: Hinstorff hatte auf Comicforum.de erwähnt, dass sie ihr Programm um Comics/Graphic Novels erweitern wollten, und als ich sah, dass der Verlag einen Fokus auf maritimen und historischen Themen hat, dachte ich mir, es könnte einen Versuch wert sein. Ich hatte bereits TOKYOPOP kontaktiert, wo man aber der Meinung sei, es sei mehr »Graphic Novel« als »Manga« und würde nicht ins Programm passen. Dass Hinstorff noch kein Comic-Programm hatte, war von Vorteil, denn sie waren (und sind immer noch) somit für vieles offen. Auch die Tatsache, dass ich den ersten Band schon komplett fertig hatte, dürfte ein Vorteil gewesen sein, denn Verlage wissen gern, dass man eine Sache zu Ende stellen und durchziehen kann.

    AnimeY: Welche anderen historischen Ereignisse ziehen dein Interesse auf sich?

    Kristina Gehrmann: Als Jugendliche habe ich gern Lady Oscar und Cantarella gelesen, momentan mag ich die Mangas über Nero, Jeanne d’Arc und Jesus von Yoshikazu Yasuhiko, die unverständlicherweise nicht auf Deutsch oder Englisch erschienen sind (ich besitze die italienischen Ausgaben). Ich bin auch ein großer Fan von Cesare von Fuyumi Soryou und Makoto Yukimuras Vinland Saga. An historischen Themen fasziniert mich, dass sie tatsächlich real so gewesen sein könnten. Bestimmte Vorlieben habe ich nicht beziehungsweise versuche ich, für alles offen zu sein.

    AnimeY: An welchen Projekten hast du vor Im Eisland gearbeitet?

    Kristina Gehrmann: Ab 2007 hatte ich neben Schule und Studium erste Erfahrungen mit Illustrationsaufträgen gesammelt, und 2012 habe ich mich als freiberufliche Illustratorin in Vollzeit selbstständig gemacht. Etwas anderes habe ich nicht gelernt, daher war dies die einzige Möglichkeit. Inzwischen läuft es ganz gut, und letztes Jahr konnte ich allein von Illustrationsaufträgen leben. Hauptsächlich zeichne ich für Verlage, darunter größere wie Noordhoff aus den Niederlanden, und viele kleinere, und Selfpublisher.

    AnimeY: Auf welchen Veranstaltungen trifft man dich dieses Jahr noch an?

    Kristina Gehrmann: Ich besuche die Manga und Comic Convention in Düsseldorf und die DoKomi zum Signieren (ohne eigenen Tisch) und die Roleplay Convention in Köln als Ausstellerin (eigener Tisch) – Bestätigung noch ausstehend. Auf jeden Fall gibt’s Conhon-Einträge kostenlos! 🙂

    Das AnimeY-Team bedankt sich herzlich bei Kristina Gehrmann für dieses Interview.

    Im Eisland. Band 1: Die Franklin-Expedition © 2015 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag GmbH

    fallenshadow
    Passionierte Liebhaberin der deutschen Manga-Zeichner-Szene, Manga über Anime Stellerin, es darf auch mal ein amerikanischer Comic sein, Avocado Makis sind lecker, liebt Regentage, zu faul Haare schneiden zu lassen, Mathe ist easy, Tofu ist mein Fleisch