Interview mit Myriam Engelbrecht (Fireangels Verlag)

    Zum Anlass des zehnjährigen Geburtstags – gefeiert wird im Oktober, denn 2005 fand in diesem Wintermonat die Gewerbeanmeldung statt – haben wir mit der Inhaberin Myriam Engelbrecht des Fireangels Verlags über Boys und Girls Love gesprochen. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – und was uns diese Sparte bringt.

    AnimeY: Was hast du in den zehn Jahren des Verlagsbestehens gelernt?

    Myriam Engelbrecht: Gelernt habe ich jede Menge! Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Entstanden ist der Verlag ursprünglich aus dem noch sehr blauäugigen Wunsch, deutsche Zeichner zu unterstützen – denn diese hatten damals noch keine Lobby in Deutschland. So gesehen waren wir der erste Verlag, der überhaupt deutsche Eigenproduktionen im Mangabereich veröffentlicht hat. Ein steiniges Pflaster, denn es gab zwar eine Fanbase auf Animexx, aber in Sachen Mangakaufen waren die meisten Fans auf japanische Publikationen fixiert. Einige sind es heute noch, aber die Szene hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. Es gibt heute eine große Vielfalt, und das ist toll. Aber zurück zu deiner eigentlichen Frage, was ich gelernt habe: dass man hartnäckig sein muss, und nie aufgeben darf. Und dass Schlaf völlig überbewertet wird.

    AnimeY: Wie siehst du die Entwicklung des Yaoi- und Yurimarktes in dieser Zeit?

    Myriam Engelbrecht: Der Markt von Yaoi bzw. Boys Love – das ist inzwischen der geläufigere Begriff, der auch auf den Bänden der »großen Drei« als Genre abgedruckt ist – hat sich in den letzten Jahren sehr stark entwickelt. Die Auswahl ist groß und für jeden ist was dabei. Leider wird sich aber auch kaum etwas getraut – hat man einen Zeichner, der gut läuft, wird augenscheinlich alles eingekauft, was es von ihm gibt. Neue, vielleicht auch etwas außergewöhnliche Stile sieht man kaum. Auch die erwachsengewordene Zielgruppe wird scheinbar wenig bedient, der Markt setzt auf den Nachwuchs, so dass viele »seichte« Titel dabei sind, wenig Anspruchsvolles. Das ist aber ein Trend, den man in allen Genres beobachten kann.

    AnimeY: Deine Yaoi-Helden glänzen mit Waschbrettbäuchen. Wie wichtig ist dieses wiederkehrende Männerbild in diesem Genre?

    Myriam Engelbrecht: Dem wage ich teilweise zu widersprechen. Nicht alle Kerle in unseren Titeln sind vom Scheitel bis in den kleinen Zeh durchtrainiert und hübsch anzusehen. (lacht) TJ, aus unserem neuesten Titel The less than epic adventures of TJ and Amal, beispielsweise ist ein ziemlicher Hänfling, genau wie der Schäferjunge aus Sphinx in Lemon Law 2. Crowe aus Fear Tango hat nur einen Arm und einen stark vernarbten Oberkörper. Wir bemühen uns sehr, die Zeichner zu ermutigen, unterschiedliche Körpertypen in ihren Comics unterzubringen, aber natürlich ist der klassische hübsche Kerl – nichts anderes bedeutet Bi-Shonen ja schließlich – ein typisches Element im Boys Love und nicht wegzudenken.

    AnimeY: Du organisierst die YaYuCo (6. bis 8. November 2015 in Dachau) mit. Inwiefern unterscheidet sich diese Con von anderen, ist das Klima oder sind die Besucher anders?

    Myriam Engelbrecht: Die YaYuCo ist zwar wie auch die Connichi eine Con, die von Fans für Fans organisiert wird, aber wir trugen diesen Gedanken ja noch etwas weiter und spezialisierten uns auf die Themen Yaoi und Yuri, so dass man als Besucher sicher sein kann, wirklich unter »Seinesgleichen« zu sein. Niemand wird dumm angeguckt, wenn er sich über einen sexy Con-Hon Eintrag freut, ungeniert in Schmuddelheftchen blättert oder mit seiner Freundin oder seinem Freund knutscht. Durch die Altersbeschränkung auf mindestens 16 bzw. 18 Jahre wissen sich die Besucher meist auch gesittet zu benehmen, so dass man auch als Mann keine Angst haben muss, von quietschenden Fangirls belästigt zu werden.

    AnimeY: Wie findest du deine Zeichner zum Beispiel aus Brasilien?

    Myriam Engelbrecht: Kurz und knapp: über das Internet.

    AnimeY: Persönlich bin ich ein großer Fan des Konzepts, Fantasy, Sci-Fi oder Märchen in Yuri und Yaoi zu kleiden. Denkst du, in der Zukunft wird das auch abseits des Buchmarktes, zum Beispiel im Fernsehen, stattfinden können?

    Myriam Engelbrecht: Eine schwierige Frage. Die Problematik liegt hier wohl daran, dass die Produktion eines Films viel mehr Geld in Anspruch nimmt, als ein Buch oder Comic und somit auch das »Risiko« größer ist. Aber es gibt bereits gute Ansätze. So tauchen immer mehr »canon gay« Charaktere in aktuellen Fernsehserien auf wie bei Warehouse 13 oder The Flash – beide Male leider nur als Randnotiz – und The Originals – die dürfen sogar knutschen. Es gibt sicher noch weitere Beispiele, die ich nicht kenne. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass das im Bereich des Machbaren liegt und wünsche mir, dass es hier in Zukunft mehr gibt. Immerhin … warum soll nicht einfach der ein oder andere Charakter schwul oder lesbisch sein, egal, welchem Genre ein Film oder eine Serie zuzuordnen ist? Die sexuelle Orientierung hat schließlich nichts mit dem Setting zu tun.

    AnimeY: Wie siehst du den eBook Trend? Ist dein Eindruck, dass man eher geneigt ist, für einen niedrigeren Preis zu ordern, dann aber nichts haptisch in der Hand zu halten?

    Myriam Engelbrecht: Hier habe ich die verschiedensten Stimmen gehört. Die einen wünschen sich eBooks, weil ihre Sammlung so umfangreich ist, dass einfach rein physisch nichts mehr geht. Steht dann auch noch ein Umzug an und es müssen mehrere hundert Kilogramm Bücher verpackt werden, wünscht man sich nichts mehr als einen kleinen handlichen eReader, auf dem mehrere tausend Titel Platz finden. Auf der anderen Seite hat man die Liebhaber des gedruckten Buchs, die »Haptiker« sozusagen. Sie lieben den Geruch, das Rascheln und die Haptik des Papiers, erfreuen sich an Buchcover-Veredelungen wie Glanz und Prägung und würden das um nichts in der Welt eintauschen wollen. Nachvollziehen kann ich beide Seiten, aber ich glaube insgesamt geht der Trend unserer Gesellschaft dennoch in Richtung der digitalen Medien. Aussterben wird das gedruckte Buch jedoch s bald nicht.

    AnimeY: Was erwartet uns 2015?

    Myriam Engelbrecht: Das wissen wir selbst noch nicht so genau! (lacht) Im Moment sind wir noch in Verhandlung mit ein paar Zeichnern, aber im Großen und Ganzen geht der Trend dieses Jahr zu Lizenzen. Mit TJ and Amal haben wir den ersten Schritt gemacht, was die Veröffentlichung von Webcomics angeht und auf unserer Liste stehen noch ein paar andere. Das heißt natürlich auch nicht, dass kein Raum für Eigenproduktionen mehr ist – wir nehmen nach wie vor gerne Bewerbungen an.

    AnimeY bedankt sich für das Interview.

    Bildquelle: The less than epic adventures of TJ and Amal 1 © 2015 E. K. Weaver / Fireangels