Nachgefragt: Comic oder doch Manga?

    Grenzen sind nicht immer eindeutig, so auch nicht in diesem Fall: Wann kann man ein Werk als Manga bezeichnen, und wann ist es doch »nur ein Comic«? Müssen bestimmte Stilmittel vorhanden sein oder genügt eine einfache Deklaration des Schaffers: Das ist ein Manga. Wir haben hiesige Manga-Zeichner nach ihrer Meinung zum Thema

    Comic oder doch Manga?

    gefragt. Das sind ihre Antworten.

    Victor’s Art (Decay)

    In meinen Augen gibt es keine richtige Definition von Manga. Ja, einerseits ist der Stil mit den Kulleraugen etc. für Mangas sehr typisch, aber »manga« heißt ja auf Deutsch auch Comics. Daher sind für mich Mangas, Comics, Manhwas und frankobelgische Comics alles Comics.
    Ich persönlich definiere (meistens) Mangas aus Japan als Mangas und alles andere sind Comics (so auch deutsche Mangas).

    Ein Beispiel: Marvel Comics aus Amerika haben ja so nix mit dem typischen Manga zu tun. Nehmen wir mal an, der Marvel Comic (genau so gezeichnet, wie er ist) wurde in Japan gezeichnet. Dann wäre das auch ein Manga.
    (Ich hoffe, ihr versteht mich xD)

    MaRlicious von Pushcart (Remembering Gale)

    Ich persönlich sage zu allem, was nicht aus Japan kommt, Comic, weil es letztendlich ja auch nichts anderes übersetzt heißt. Kein Japan, kein Manga. Ich finde es allerdings nicht schlimm, wenn jetzt andere ihre Werke mit Manga betiteln. Wenn sogar von rechts nach links gezeichnet wird, obwohl es aus Deutschland kommt, sage ich auch schon mal MangO dazu. Ich habe allerdings echt lange gebraucht, bis ich kapiert habe, was damit gemeint ist xD. Wenn ich Außenstehenden unseren Comic erklären muss, sage ich häufig »Comic im Mangastil«. Das klingt etwas schräg, trifft es aber für mich ganz gut.
    Mir kommt es aber häufig gerade bei den jüngeren Zeichnern so vor, als würde man ihre Sachen mit der Bezeichnung »Comic« geradezu degradieren.

    Kristina Gehrmann (Im Eisland)

    Genau genommen sind wirklich alles Comics. Man merkt aber, dass sich in der Praxis deutsche Zeichner zusammentun und austauschen, die gemeinsame Einflüsse haben, in ihren Werken stilistische Gemeinsamkeiten sehen und oft voneinander lernen.
    Da gibt e
    s also tatsächlich die Manga-Zeichner, die Graphic-Novel-Zeichner, die Cartoonisten, in ziemlich homogenen »Cliquen«, die einander kennen und unterstützen. 🙂 (Natürlich lassen sich nicht alle fest einordnen, aber ihr seht das generelle Bild …)
    Daher meine Definition: Mangas machen diejenigen deutschen Zeichner, die am stärksten von japanischen Comic-Vorbildern beeinflusst sind.

    Minou (Shadow Kid)

    Es stimmt, dass die Übersetzung von »Manga« auch »Comic« ist. Aber da Manga in einer anderen Kultur seinen Ursprung hat, differenzieren sich auch trotz Oberbegriff »Comic« Elemente, die sich im Vergleich zu »westlichen« Comics, wie z. B. der Stil von Marvel, abspalten.
    So findet sich in meinem Sprachgebrauch (und meist auch dem meiner Kollegen/Bekannten) eher die Angewohnheit, alles, was stilistisch an japanische Manga angelehnt ist, auch als Manga zu bezeichnen, egal ob aus Deutschland, Frankreich o. Ä., einfach da es sich so etabliert hat, dass man mit dem Begriff direkt eine Stilrichtung assoziiert 🙂
    Man könnte also sagen, dass sich der Begriff etwas verselbstständigt hat …
    Long story short: Manga differenziert sich (zumindest in meinem Umfeld) in der Nutzung des alltäglichen Sprachgebrauchs allein durch Stilelemente, nicht durch den Ursprung …

    Kiriya Kirihara (Blessed)

    Ich weiß, dass diese Frage immer wieder Streitthema in der Szene ist, aber ganz trocken betrachtet, ist jeder Manga ein Comic, nur eben eine bestimmte Stilrichtung.
    Comic allgemein bezeichnet eine illustrierte Geschichte oder Erzählung. Diese kann ent
    weder nur aus einem einzelnen, karikativen Bild bestehen oder eben aus einer Aneinanderreihung von Bildern und Bildausschnitten, die eine gesamte Geschichte erzählen.
    Ich denke auch nicht, dass man pauschal sagen kann, dass das eine schwarz-weiß, das andere bunt ist, da es auch da viele Überschneidungen gibt.
    Wesentliche Unterschiede sind meiner Meinung vielmehr: das Übertragen von Emotionen, die Art des Spannungsaufbaus, die Umsetzung von Details und nicht zuletzt die anatomische Umsetzung.
    Gerade wenn man Superhelden-Comic mit Manga vergleicht, sieht man die Unterschiede sehr deutlich.
    Comic: Die Linienführung ist dynamischer, die Emotionen meist stark gestikuliert, die Hintergründe detailliert und auf fast allen Panels, die Soundwörter stehen meist stark im Vordergrund, und die Anatomie ist meist überproportioniert und symbolisiert den perfekten Adonis oder Aphroditekörper.
    Manga: hier sind die Emotionen Mimik-fixiert, besonders durch ausdrucksstarke Augen, die Linien sind feiner, teils weicher und filigraner und auf diese Art auch wieder dynamisch. Die Bilder sind auf das Wesentliche reduziert. Hintergründe sind bestimmt gewählt, oftmals eingefügt, um Zeit zu sparen, sie immer wieder neu zu zeichnen. Soundwörter werden häufig ins Bild integriert und verschmelzen mit den Lines.
    Nimmt man jetzt noch europäische Comics dazu, beispielsweise Tim und Strumpi oder Asterix, bekommt man noch eine dritte Version, bei der das Augenmerk überhaupt nicht auf die Ausarbeitung der Charaktere gelegt wird, sondern die Erzählung im Allgemeinen, daher sind die Charaktere oft simpel und durch simple Formen dargestellt, die Geschichten aber wiederum ausgearbeitet und gut durchdacht. (vor allem sehr selten irreführend)

    So viel zu meiner Ansicht. Was meine Sachen selbst angeht … Hmm, ich denke, bei mir ist es die Übertragung von Emotionen in erster Linie. Ich liebe zugespitzte, ausdrucksstarke Emotionen durch Mimik, weil Mimik ein sehr feinfühliges und doch sehr vielseitiges Detail an einem Menschen ist. Außerdem mag ich Reduzierungen mehr als Überladungen. Proportionsmäßig tendiere ich eher zu realistischen Körpermaßen, als zu sehr zu übertreiben.
    Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob man alle deutschen Manga wirklich als Manga bezeichnen kann, wo gerade hier viele Hybride entstehen. Ich denke, dass das auch mit diesem beidseitigem Einfluss zu tun hat und sich deshalb deutsche Manga trotz aller Gemeinsamkeiten auch sehr vom Japanischen unterscheiden.

    In jedem Fall gibt es überall Ausnahmen, und die oben aufgeführten Punkte treffen demnach auch – natürlich – nicht auf alle zu! Nur um das noch einmal festzuhalten. 🙂

    Jessica Kikisch/Violet-Cat Arts (Gejagte Junko)

    Also ich sehe das so: Das Wort Manga bedeutet eigentlich ja zu Deutsch Comic. Aber ich für mich sehe da einen wesentlichen Unterschied. Denn Comic im westlichen Stil ist mehr darauf bezogen, die unvorteilhaften Stellen oder besonderen Merkmale eines Menschen/Tieres oder Gegenstandes besonders hervorzuheben, indem sie sie überspitzt darstellen. Wie eine zu große Nase oder ein großes Doppelkinn. Beim Manga hingegen ist es genau andersrum. Da werden zwar die besonderen Merkmale auch besonders hervorgehoben, aber sie werden vorteilhaft dargestellt. Heißt, da wird mehr auf die »Schönheit« Wert gelegt. Aber wenn man mal auch die Marvel-Comics sieht, ist das insofern auch kein Manga, denn obwohl dort auch Wert auf die Details und Schönheit gelegt wird, sind die Charaktere dort eher realistisch dargestellt. Beim Manga erkennt man allein an den Posen, den Augen etc. dass dies fiktiv ist. 🙂 

    Tentakelgottheit/Phie Kaldinski (Strayer)

    Ich finde, Manga bezeichnet einfach eine andere Art von Comic, die sich durch den Einsatz von bestimmten Stilmitteln, die eine gewisse kulturelle Verankerung haben, und einen bestimmten Erzählstil von anderen Comicgattungen unterscheidet. So etwas wie die Schweißtröpfchen am Kopf, wenn sich eine Figur schämt, oder die Striche unter den Augen bei Furcht. Neben den Stilmitteln sind natürlich auch Leserichtung und das Halten der Werke in Schwarz-Weiß ein Thema. Da sich Comics, je nachdem aus welchem Umfeld sie kommen, unterscheiden, benutzen wir oft diese Worte als regionale Oberbegriffe. Manhua ist z. B. in China der Begriff für Comics, oder in Südkorea ist es Manhwa. In Deutschland werden diese beiden Arten oft als »Mangas aus China« oder »Mangas aus Korea« bezeichnet, aber auch dort findet man bestimmte Stilmittel, die sie vom japanischen Manga unterschieden. Manhuas sind z. B. auch oft in Farbe. Wenn es um westliche Comics geht, unterscheiden wir da irgendwie weniger, obwohl der frankobelgische Comic sich vom Einsatz der Stilmittel schon stark vom US-amerikanischen Comic unterscheidet. In den letzten Jahren gab es aber einen Trend zur stärkeren Vermischung verschiedener Stilmittel, gerade auch in den USA, wo sich Mangas, so wie bei uns, einer großen Beliebtheit erfreuten (der Boom ist allerdings inzwischen auch dort etwas abgeflaut). So sind Comictitel erschienen, bei denen sich die Zeichner ganz klar an japanischen Stilen orientierten. Ich finde seine Krönung findet diese Stilmittelvermischung derzeit im Webcomicbereich. Liegt vielleicht daran, dass Webcomiczeichner stilmäßig etwas freier sind. Gerade durch diese Vermischung entstehen dabei teilweise einige sehr attraktive, einzigartige Stile. Wann »darf« also ein Werk als Manga und »muss« es als Comic bezeichnet werden? Hier in Deutschland, egal ob bei Groß- oder Eigenverlag, machen wir das, um Werke besser zu vermarkten. Jeder mögliche Konsument weiß, auch wenn da ein deutscher Name draufsteht, das ist ein Manga. D. h. es werden aus dem Manga bekannte Stilmittel verwendet. Wenn Zeichner das also tun, ist die Bezeichnung als »Manga« nur sinnvoll. Auf der anderen Seite sollte man etwas im US-amerikanischen Stil nicht unbedingt als Manga bezeichnen, selbst wenn es »nur« Comic bedeutet. Das führt die Leser auf eine falsche Fährte, und sie sind am Ende enttäuscht. Am Ende bleibt es einem aber selbst überlassen, als was man sich selber und seine Werke bezeichnet.

    CHASMs Michel Decomain (Demon Lord Camio)

    Prinzipiell kann man diese Frage nicht absolut, sondern höchstens tendenziell beantworten. Man muss auch bedenken, dass ein Begriff wie »Manga« nichts Feststehendes ist, was einmal für alle Zeit definiert werden kann. Auch in Japan hat »Manga« ja über die Jahre immer wieder völlig andere Dinge bezeichnet, von Hokusais Skizzen- und Studiensammlungen über europäische Karikaturen zu Comicstrips nach US-Vorbild bis schließlich zur heutigen japanischen Comickultur. Genauso verändert sich der Begriff, wenn er in andere Kulturen weiterwandert, und sammelt dann zusätzliche Bedeutungen wie japanische Herkunft oder einen Verweis auf in Japan populäre Stilistika mit ein.

    Wenn jemand hierzulande eigene Werke als »Manga« bezeichnet, ist damit eben genau dieser Verweis gemeint. Da ist es dann unsinnig, der Person die Manga-Bezeichnung abzusprechen, weil man andere Kriteria wie die lokale Herkunft für wichtiger hält. Stattdessen muss im Einzelfall berücksichtigt werden, welche Bedeutungsebene von Manga hier ausschlaggebend ist. Genauso verhält es sich auch bei Begriffen wie »Comic« oder »Graphic Novel«. Letzterer bedeutet in den USA (Comic mit festem Buchrücken) etwas völlig anderes als in Deutschland (Comic mit Hochkulturbeigeschmack).

    »Comics im Manga-Stil« (wie es die deutsche Wikipedia je predigt) halte ich übrigens für ziemlich unsinnigen Begriffskauderwelsch. Denn die Bezeichnung trifft ja auch auf alle japanischen Manga zu. Dann kann man es auch gleich »Manga« nennen.

    AnimeY bedankt sich herzlich bei allen Teilnehmern. Gerne lesen wir auch eure Meinung zum Thema »Comic oder doch Manga?« in den Kommentaren. Solltet ihr selbst Themen-Vorschläge für kommende Beiträge in dieser Sparte haben, könnt ihr uns diese gerne mitteilen. Eine Übersicht aller Nachgefragt-Interviews findet ihr hier.

    fallenshadow
    Passionierte Liebhaberin der deutschen Manga-Zeichner-Szene, Manga über Anime Stellerin, es darf auch mal ein amerikanischer Comic sein, Avocado Makis sind lecker, liebt Regentage, zu faul Haare schneiden zu lassen, Mathe ist easy, Tofu ist mein Fleisch