Nachgefragt: Deutsche Mangas = deutsches Setting?

    Fantasy-Welten ausgenommen, spielen japanische Mangas meist irgendwo in Japan. Die Zeichner bringen dem Leser so die japanische Kultur näher und haben beim Gestalten der Story einen »Heimvorteil«. Sollten hiesige Zeichner dementsprechend ihre Werke, sofern sie in unserer Welt spielen, lieber im deutschsprachigen Raum ansiedeln statt auf japanischem Boden? Wirkt Letzteres gar wie reines Manga-Fan-Gedöns, nichts mehr als eine schlechte Kopie des großen japanischen Vorbilds, oder unterliegen Kritiker einem Vorurteil und attackieren bloß die Künstlerfreiheit? AnimeY hat in einer neuen Nachgefragt-Runde die Meinungen zu der Thematik

    Deutsche Mangas = deutsches Setting?

    von mehreren deutscher Zeichnern zusammengetragen.

    Kristina Gehrmann (Im Eisland)

    Das kann man machen, wie man will, es gibt hier gar kein Muss. Als Leserin ist mir nur wichtig, dass der Ort beziehungsweise das Setting glaubhaft rüberkommt und gut recherchiert ist.  Ein japanischer Profi kann durchaus Geschichten zeichnen, die in Deutschland spielen (siehe Monster von Naoki Urasawa); ein deutscher Zeichner kann umgekehrt auch japanische Geschichten erzählen. Vorausgesetzt, er macht halt seine Hausaufgaben, so wie der brillante Herr Urasawa!

    Kami (Get Your Man)

    Also ich finde, Mangas sollten da spielen, wo sich die Geschichte am besten erzählen lässt. Wenn man also das Feeling einer japanischen Schule aufkommen lassen will, macht es Sinn, das Ganze in Japan spielen zu lassen. Ich habe einen Manga über einen Mountie, also spielt das Ganze in Kanada. ;3 Bei einer Geschichte, die spezifisch deutsche Themen aufgreift, macht es Sinn, sie auch da spielen zu lassen. Alle anderen Überlegungen von wegen Vermarktungsmöglichkeiten und so weiter finde ich eher hinderlich. Und »write only what you know« ist in dem Fall auch irgendwie sinnfrei, denn beim Geschichtenerzählen geht es ja gerade darum, sich in etwas Neues einzudenken (sonst gäbe es ja zum Beispiel auch keine Sci-Fi-Geschichten oder Geschichten mit Tieren als Hauptcharaktere).

    Victor’s Art (Decay)

    Also einerseits bin ich der festen Überzeugung, dass jeder seine Story in dem Land/der Welt spielen lassen kann, die er will :-), aber andererseits habe ich manchmal den Eindruck, dass einige Zeichner ihre Storys in Japan spielen lassen, weil es in vielen anderen Mangas so ist (dass sie sich ein bisschen »verpflichtet« fühlen), aber wo zum Beispiel eine Schulstory spielt, ändert (in den meisten Fällen) nichts an der Story 😀

    Tentakelgottheit/Phie Kaldinski (Strayer)

    Ich schließe mich Kristina an. Solange ein Setting eben glaubhaft umgesetzt ist, ist es eigentlich egal, wo es spielt. Authentizität ist schließlich auch für Fantasywelten wichtig. Persönlich mag ich es sehr gerne, wenn ich Werke finde, die in Deutschland spielen, einfach weil man oft merkt, dass sich die Autoren dort eben besser auskennen und deswegen eben auch diese Authentizität besser rüberbringen können. Ich kann es nicht ausstehen, wenn eine Geschichte an einem Ort spielt, der dem Autor unvertraut ist. Damit meine ich nicht, dass dieser schon einmal dort gewesen sein soll, sondern dass genügend Recherche betrieben wird. Wenn eine Geschichte an einer japanischen Schule spielt, sollten die Charaktere nicht Luca und Steve heißen und es sollte an mehr Dingen zu bemerken sein als nur Schuluniformen und Kirschblüten. Die Auseinandersetzung mit der für den Autoren fremden Kultur sollte eben schon zu bemerken sein. Ich denke, egal wo man seine Geschichte ansiedelt, man wird immer Zeit in die Ausarbeitung der Welt stecken müssen. Je vertrauter man mit diesem Ort ist desto leichter.

    Alekto (Hasenjagd)

    Es ist kein Muss. Aber ich denke, dass ein Mangaka wissen sollte, wovon er redet … oder in dem Fall zeichnet xD Wenn ich noch nie wirklich in Japan war, stelle ich es mir sehr schwer, das alles gut wirklich glaubhaft dazustellen …

    Olga Rogalski (Falling Snow)

    Das Problem bei Geschichten von deutschen (oder anderen ausländischen) Autoren, die in Japan spielen, ist … dass sie sehr, sehr selten wirklich eine Ahnung von der Materie haben. Das ist nicht böse gemeint. Aber man sieht ziemlich schnell, wenn jemand seine Vorstellung von Japan nur durch Anime und Manga bekommen und nie in dem Land gewesen ist beziehungsweise sich nicht näher damit beschäftigt hat. Als ich mein Japanischstudium anfing, merkte ich so richtig, wie wenig eigentlich Japan in Anime und Manga mit dem richtigen Japan gemein hatte. Es ist eben für Menschen gemacht, bei denen man davon ausgeht, dass sie alle Nuancen, Insider etc. verstehen, weil sie es kennen. Viele Dinge in Anime und Manga haben eine symbolische Bedeutung, die an uns, westliche Leser, total vorbeigeht. Man sieht es alleine schon an Namen, die nunmal nicht einfach so vergeben werden. 

    Daher wäre meine Empfehlung, gerade für junge Künstler, die gerade erst anfangen, ihre Geschichten zu zeichnen, das zu nehmen, was man kennt. Und bei späteren Projekten sich eben mit der Materie zu beschäftigen, über die man schreiben will. 🙂 Auch wenn man über Dinge schreiben will, die man aus dem Alltag nicht kennt (Fantasy, Science Fiction, etc.), so sollte man sich imho zumindest in die Materie reinlesen.

    Und ganz ehrlich, ich lese mir lieber eine Story von jemandem durch, der weiß, wovon er schreibt, als dass ich zum x-ten Mal eine Story von einem Mädchen mit dem japanischen Namen auf einer pseudo-japanischen Schule lese, die ihrem Schwarm nachjagt. 😉 (Und ich meine es echt nicht böse. Ich finde einfach, es gibt so viele Menschen, die eine spannende Geschichte AUS IHREM LEBEN erzählen könnten, statt zum x-ten Mal das gleiche Zeug nachzuplappern, was sie in einem Manga gelesen haben. ^.^;

    Martina Peters (Tempest Curse)

    Ich stimme Olga voll und ganz zu. Natürlich soll jeder seine Geschichten erzählen, wie er möchte, aber man sieht es bei jungen Zeichnern allzu oft, dass sie ihre Geschichten in Japan spielen lassen, weil sie es in ihren Lieblingsmangas so gelesen haben. Und so stellen sie auch nur ein Japan dar, wie sie es aus ihren Lieblingsmangas kennen – nicht, wie es wirklich ist. Darüber, warum dies und jenes ist, machen sie sich in den wenigsten Fällen Gedanken. Da wird dann auch schonmal ein Japanisch-Wörterbuch aufgeschlagen, um irgendwelche japanischen Nomen als Namen zu verwenden. Ganz kurios wird es, wenn man am Setting kaum bis gar nicht erkennt, dass die Geschichte in Japan spielt, aber die Charaktere dann »Sakura« oder »Kotori« und Co. heißen. Es müssen ja keine urdeutschen Namen sein. Hierzulande kommen so viele Einflüsse aus aller Welt zusammen, was Namen angeht, dass man doch eine Hülle und Fülle an auszuwählenden Namen hat. Das ist doch viel spannender als der dreitausendste Aufguss der japanischen »Kirschblüte« oder des »kleinen Vögelchens«.

    Zombiezeemo (The Pink End)

    Ich persönlich präferiere, wenn man Comics über einen Ort schreibt, von dem man kulturelle Ahnung hat. Und zwar sehr viel. Ob nun durch Research oder weil man da wohnt, ist mir Latte. Man möge vielleicht meinen, man wisse ja so viel über die japanische Kultur, weil man so viel Manga liest. Tatsache ist aber, dass sich die Unwissenheit in Details bemerkbar macht. Wenn ich hier mal ein Beispiel aufgreifen darf: Popkultur-Referenzen. Wenn man seine japanischen Charaktere nur westliche Musik hören lässt und nur westliche Filme schauen lässt und nur Referenzen zu eben diesen macht, dann macht man es falsch. Dann kann man vielleicht bejammern, dass man aber keine Ahnung hat, was die japanische Jugend toll findet, aber dann – tut mir leid – wählt das Setting halt cleverer aus? Lokalisierungen werden nicht zum Spaß gemacht. Übersetzer sind sich der kulturellen oder auch sprachlichen Diskrepanzen bewusst, und ich finde, als Zeichner sollte man das auch verstehen. Ich werde manchmal regelrecht aus dem Kontext gerissen, wenn mir eine dieser kulturellen Diskrepanzen auffällt – da denke ich mir immer »Warum hat man sich nicht darum gekümmert?«. Heutzutage kann man doch echt alles im Internet nachschlagen, also wie kommt’s? Wenn man auf so was keinen Bock hat, dann empfehle ich, fiktive Welten mit eigenen Regeln zu erschaffen, bei denen man sich keine Gedanken darüber machen muss, ob die eine Nicki-Minaj-Referenz kulturell Sinn macht.

    HolzEsserin und Salamandra (Wunderherzen)

    Im Grunde steht es natürlich jedem frei zu machen, was er will und worauf er Spaß hat, jedoch sollte es immer gut recherchiert sein, damit es auch authentisch wirkt und beim Leser kein Fragezeichen aufwirft (der gegebenenfalls mehr Ahnung von der Materie hat, und das wäre dann ein wenig peinlich).

    Wir, die wir uns als Teil der deutschen Szene sehen, versuchen, unsere Geschichten in Deutschland spielen zu lassen (sofern dies in die Story passt). Da wir glauben, dass darin eher unsere Stärken liegen, von etwas zu erzählen, das wir selbst am besten kennen. So wie wir vermutlich nicht ohne gründliche Recherche Geschichten in anderen Ländern erzählen können, so können Anderssprachige vielleicht deutsche Geschichten nicht so gut rüberbringen.

    Wir sehen eher den Vorteil für die deutsche Szene darin, unsere Kultur in die Geschichten einzubringen und dadurch eine eigene Identität zu schaffen, anstatt »von anderen zu kopieren«. Wer gerne seine Geschichte in Japan spielen lassen will, darf das gerne machen, sollte sich aber nicht auf sein Wissen aus Mangas beschränken.

    MaRlicious von Pushcart (Remembering Gale)

    Bei diesem Problem fühle ich mich tatsächlich ein bisschen angesprochen, denn genau damit kämpfen wir mit unserem neuesten Comic-Projekt auch. Angefangen hat es als Gag, indem wir all unsere RP-Charaktere aus egal welchem Setting in ein stereotypes Anime-Highschool-Universum gesteckt haben. Ein Jahr später hat sich daraus eine für uns gute und abgeschlossene Story entwickelt, sodass wir fest entschlossen waren: die möchten wir zeichnen. Und genau da kam dann das Problem. Wenn man so ein Setting für sich selbst macht, ist es egal und macht Spaß, bekommen es andere zu lesen, wird es für Kenner lächerlich.

    Wir mussten deswegen unfassbar viel recherchieren, Namen ändern, Plots umschreiben oder streichen. Man stellt schnell fest, dass es ab einem gewissen Punkt hier aus Deutschland problematisch wird, in die Interna des japanischen Lebens reinzukommen. Spätestens bei Informationen über Gesetzesgrundlagen, Familienpolitik und Lehrpläne kommt man ohne ausreichende Sprachkenntnisse nicht mehr klar.
    Ich bin froh, dass wir dafür im Notfall immer noch ein paar Freunde an der Quelle haben, die uns weiterhelfen können. Aber komplett realitätsnah kann man auch trotzdem nie bleiben, wenn man nicht die Story im Grundsatz verfälschen will. Am Ende ist es immer noch ein Comic, der viel Fantasy mit drin hat. Selbst Japaner verfälschen die Realität oft für ihre Stories, damit sie eben passen.

    Fazit von mir daher: Ja, ich muss auch schmunzeln, wenn ich deutsche Publikationen mit japanischen Namen lese, aber letztendlich zeichnet man doch das, was einem Spaß macht und fasziniert. Wie oft liest man in japanischen Mangas deutsche Namen oder Settings, die für uns Einheimische echt lächerlich wirken. Die Leute da drüben stehen eben auf unsere westliche Kultur genauso wie wir auf ihre.

    AnimeY bedankt sich herzlich bei allen Teilnehmern. Gerne lesen wir auch eure Meinung zum Thema »Deutsche Mangas = deutsches Setting?« in den Kommentaren. Solltet ihr selbst Themen-Vorschläge für kommende Beiträge in dieser Sparte haben, könnt ihr uns diese gerne mitteilen. Eine Übersicht aller Nachgefragt-Interviews findet ihr hier.

    fallenshadow
    Passionierte Liebhaberin der deutschen Manga-Zeichner-Szene, Manga über Anime Stellerin, es darf auch mal ein amerikanischer Comic sein, Avocado Makis sind lecker, liebt Regentage, zu faul Haare schneiden zu lassen, Mathe ist easy, Tofu ist mein Fleisch

    1 Kommentar

    1. Das Seting spielt keine Rolle bei einer Erzählung (egal ob Manga, Comic, Film etc.). Bei einer Geschichte geht es immer nur um den Konflikt, Dramaturgie und Emotionen.
      Das steht an erster Stelle und bestimmt alles andere.
      Alles andere ist Deko. Es ist egal, ob es in Japan, in Deutschland, in einer Schule, im Kloster, in der Zukunft, in der Vergangenheit, in einer Fantasy Welt oder auf einem Spielplatz spielt.

      Beim storytelling geht es ums telling. Ums erzählen. Besonders um die Dramaturgie. Wer da nicht seinen Fokus setzt und sich vom Seting und anderen Deko Dingen ablenkt, läuft Gefahr eine sehr langweilige und unlesbare Geschichte zu schaffen.

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