Nippon Connection – Interview mit Martin Bregenzer

    Wir berichten ja immer mal wieder über die Nippon Connection, einem japanischen Filmfest, dass euch mit Filmen und einen bunten Rahmenprogramm, eine ein Blick in die japanische Kultur gibt.

    Wir haben mit Martin Bregenzer über die Faszination des japanischen Films, was euch dieses Jahr auf der Nippon Connection erwartet und wie es ein wenig Hinter den Kulissen aussieht, gesprochen.

    Stell dich bitte unseren Lesern vor.
    Mein Name ist Martin Bregenzer, ich bin 27 Jahre alt und studiere Filmwissenschaft an der Universität Mainz. Seit 2011 arbeite ich ehrenamtlich beim Japanischen Filmfestival Nippon Connection und bin mitverantwortlich für das Filmprogramm und die Organisation des Festivals.

    Wie ist das Japanische Filmfestival Nippon Connection entstanden?
    Nippon Connection wurde vor 15 Jahren von Marion Klomfaß und Holger Ziegler gegründet, die zur der Zeit Filmwissenschaft an der Goethe Universität in Frankfurt studiert haben. Die Idee war, ein paar japanische Filme an der Uni zu zeigen, vor dem Hintergrund, dass japanisches Kino in Deutschland so gut wie nicht existent war. Erhofft hatte man sich 1.500 Besucher, gekommen sind schließlich 10.000. Daraufhin war klar, dass Nippon Connection nicht nur eine einmalige Veranstaltung bleiben sondern jährlich stattfinden soll. Mittlerweile ist Nippon Connection das größte japanische Filmfestival der Welt und wird von einem Team von rund 60 Leuten jedes Jahr ehrenamtlich organisiert.

    NC14_Eingang
    © Alxel Gross/NC14

    Wie würdest du das Filmfestival beschreiben, für jemanden, der es nicht kennt?
    Vom ersten Festival an war es wichtig, dass neben den Filmen auch ein umfangreiches Kulturprogramm zum Festival gehört. Es gibt also nicht nur das Kinoprogramm sondern auch eine Vielzahl von Workshops, Vorträgen, Kursen, japanisches Essen und Trinken, Konzerte, Karaoke usw. Uns ist einfach wichtig, dass sich das Festivalerlebnis nicht darin erschöpfen muss den ganzen Tag im Kinosaal zu hocken und vielleicht zwischendurch schnell einen Kaffee im Festival Café zu trinken. Dazu gehört auch, dass es beim Festival möglich ist mit den Filmemachern selbst ins Gespräch zu kommen. Einerseits bei den dafür vorgesehenen Veranstaltungen, andererseits aber auch ganz einfach zwischendurch auf dem Festivalgelände. Es herrscht tatsächlich eine sehr ungezwungene Atmosphäre, die auch unsere Gäste aus Japan sehr zu schätzen wissen, denn Veranstaltungen dieser Art sehen in Japan vollkommen anders aus und sind weniger locker.

    Was macht für dich die Faszination japanischer Film aus?
    [pullquote]Die Beliebtheit japanischer Filme eng geknüpft ist an die Faszination mit dem Land Japan generell. [/pullquote]Ich persönlich bin über meine Faszination für Mangas und Animes in meiner Kindheit und Jugend zum japanischen Film gekommen. Ich denke, das ist bei einem Großteil unseres Publikums so, dass ein Grundinteresse an Japan und japanischer Kultur vorhanden ist und das Interesse nicht beim Film aufhört. Wer sich für Japan und die Kultur des Landes interessiert hat durch die Filme einen tollen Einblick in dieses Land. Immerhin ist Japan eine der großen Filmnationen der Welt mit über 600 Filmen die pro Jahr produziert werden, das ist eine ungeheure Vielfalt die es zu entdecken lohnt.

    Nach welchen Kriterien wird ausgewählt, welche Filme beim Nippon Connection Filmfestival gezeigt werden? Geht es nach Popularität oder nach Genre?
    Weder noch. Zunächst einmal geht es nach Qualität, oder das was wir darunter verstehen. Aber es stimmt natürlich – wir achten schon darauf, das das Programm ausgewogen ist, dass also zum Beispiel nicht 10 Liebesfilme im Programm sind und nur ein Horrorfilm. Aber wir nehmen auch nicht einfach alles, sondern wirklich nur Filme, von denen wir auch überzeugt sind. Das kann man vielleicht an unserem Animationsprogramm ganz gut festmachen: Wir würden gerne mehr Anime-Langfilme zeigen, stellen aber fest, dass es momentan unserer Meinung nach wenige überzeugende Filme gibt. Das sehen auch nicht nur wir so, sondern auch andere Festivals, was dazu führt, dass alle Festivals sich um die wenigen guten Filme reißen. Damit jetzt aber nicht der Eindruck entsteht, das Nippon Animation Programm sollte man dieses Jahr meiden: Die japanischen Independent-Animationsfilme sind dafür gerade umso stärker und wir haben da spannende Filme zusammengetragen, bei den Big Budget Filmen sind es mit PSYCHO-PASS: THE MOVIE und APPLESEED ALPHA leider nur zwei geworden, die uns aber qualitativ überzeugen konnten. Ich denke aber, dass das auch eine große Stärke des Filmprogramms ist, dass wir nicht einfach unsere Film-Slots mit möglichst bekannten Filmen auffüllen, sondern dass man sich als Publikum darauf verlassen kann, dass man qualitativ hochwertige Filme zu sehen bekommt.

    Wie schätzt du die Beliebtheit japanischer Filme hier in Deutschland ein?
    Wie schon gesagt denke ich, dass die Beliebtheit japanischer Filme eng geknüpft ist an die Faszination mit dem Land Japan generell. Und die ist ungebrochen. Das ist schon ein Special Interest Publikum, das muss man einfach so sehen, was ich eigentlich sehr schade finde. Wenn ich meine Freunde und Bekannten animiere zum Festival zu kommen, wird meistens erst mal in der Erinnerung gegraben, was man denn an japanischen Filmen überhaupt kennt. Irgendwie merkt man da doch oft eine gewisse Berührungsangst, so als müsste man sich ein Vorwissen erarbeiten um japanische Filme gucken zu können. Ich glaube das resultiert immer noch aus diesem „Geheimnisvolles Land des Lächelns“-Stereotyp der bei ganz vielen Leuten automatisch anspringt, wenn man „Japan“ sagt. Da muss man selbstverständlich gar keine Bedenken haben und kann japanische Filme auch genießen wenn man vielleicht noch nie einen anderen Film aus dem Land gesehen hat. Um wieder auf die Frage zurückzukommen: Japanische Filme sind bei einem speziellen Publikum nach wie vor sehr beliebt, ich sehe aber auch noch viel Potenzial nach oben beim Publikum, dass erst einmal nichts mit Japan zu tun hat.

    Tadanobu Asano wird mit dem Nippon Honor Award ausgezeichnet. Er ist bekannt für zahlreiche Auftritte in japanischen Filmen, aber auch Hollywood-Produktionen. Was war der Hauptgrund, gerade ihn mit dieser Auszeichnung zu ehren?
    Das und sein gutes Aussehen. Nein, im Ernst, für den ersten Nippon Honor Award war es uns natürlich wichtig, dass wir jemanden auszeichnen, der eine gewisse Strahlkraft hat. Tadanobu Asano war dafür natürlich prädestiniert, weil er nicht nur in Japan ein Superstar ist, sondern auch, wie Du schon gesagt hast, international in vielen Filmen mitgespielt hat. Außerdem hat er eine wirklich interessante Karriere hinter sich was seine Rollenwahl angeht. Oft ist es bei den Superstars in Japan ja so, dass die erst einmal eine Karriere als Pop-Idol durchlaufen und dann vom Management durch diverse Filme geschleust werden, deren Qualität auch oft zu wünschen übrig lässt. Ich will das jetzt auf keinen Fall generell verurteilen oder allen Schauspielern die in Popgruppen angefangen haben das schauspielerische Talent absprechen, aber Asano hat da schon einen eigenen Weg zurückgelegt und sich immer wieder ganz ungewöhnliche Rollen ausgesucht. Es lohnt sich wirklich mal einen Blick auf die Filmografie von Tadanobu Asano zu werfen, da kann man noch einige tolle Filme entdecken.

    Geht ihr auch auf Wünsche der Zuschauer ein?
    [pullquote]Die Wünsche der Zuschauer sind uns sehr wichtig, denn für sie machen wir ja schließlich das Festival[/pullquote]Die Wünsche der Zuschauer sind uns sehr wichtig, denn für sie machen wir ja schließlich das Festival. Auch wenn es uns nicht möglich ist, alle Wünsche zu erfüllen, haben wir immer ein offenes Ohr und sind dankbar für Feedback und Vorschläge. Gerade was das Filmprogramm angeht ist das alles leider nicht so einfach, wie man zunächst vielleicht denkt. Denn zwar ist Nippon Connection das größte japanische Filmfestival der Welt, aber leider können auch wir nicht einfach aussuchen, welche Filme wir gerne hätten und die Verleihfirmen empfangen uns dann mit Handkuss. Da wird hinter den Kulissen jedes Jahr sehr viel verhandelt und gefeilscht. Und wenn sich ein Festival wie Cannes für einen Film interessiert, haben wir da natürlich das Nachsehen.
    Es gibt auch immer wieder Vorschläge unserer Zuschauer, was die Gäste angeht. Klar verstehen wir, dass die Leute gerne mal ihre Lieblingsregisseure beim Festival sehen würden, aber wenn es um so Namen wie Takeshi Kitano oder Takashi Miike geht, muss man bedenken, dass alleine für den First Class Flug Kosten entstünden, die unser Budget weit übersteigen. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Regisseur wie Takashi Miike, der pro Jahr auch gerne mal drei bis vier Filme dreht, kaum Zeit hat für Auslandsreisen. Dass wir Tadanobu Asano dieses Jahr beim Festival haben können, verdanken wir schlicht und ergreifend unserem neuen Sponsor Lufthansa, auf dessen Kosten Asano nach Deutschland geflogen wird. Es ist leider ganz oft eine Frage des Geldes was möglich ist und was nicht. Wenn unser Team nicht das ganze Jahr ehrenamtlich arbeiten würde, wäre ein Festival dieser Größenordnung mit dem Budget sowieso vollkommen unmöglich.

    NC14_20140527_Opening
    © Armin Ritter/NC14

    Kann man damit rechnen, dass die Filme, die während des Filmfestivals gespielt werden, auch später auch auf DVD oder Blu-Ray in Deutschland erscheinen?
    Leider trifft das auf die wenigsten Filme zu – somit zählt die Ausrede „Kann ich mir ja auch später auf DVD angucken“ bei unserem Festival nicht. Der ursprüngliche Anlass für das Filmfestival Nippon Connection war ja, dass japanische Filme in Deutschland so gut wie nicht verfügbar waren. Es sah für einige Zeit mal etwas besser aus, vor allem auch durch die Arbeit von DVD-Labels wie Rapid Eye Movies aus Köln, aber das hat mittlerweile wieder nachgelassen. Von den Filmen, die bei uns auf dem Festival laufen, erscheinen in der Regel nur eine Handvoll der Big-Budget-Titel auf DVD oder Blu-Ray. Durch das Internet ist es natürlich einfacher geworden auch Filme aus dem englischsprachigen Ausland zu bestellen, dadurch erweitert sich die Auswahl der Titel noch einmal etwas. Denen, die sich für Filme aus den letzten Jahren interessieren empfehle ich einen Besuch an unserem Merchandise-Stand auf dem Festival. Dort bieten wir eine große Auswahl an DVDs und Blu-Rays an. Unter anderem auch aus dem Ausland, da kann man sich dann die hohen Versand- und Import-Kosten sparen. Ansonsten lohnt sich auch ein Blick in unseren Nippon Connection Shop im Internet. Da findet man sehr viele Filme aus den letzten Jahren und das Beste daran ist, dass ein kleiner Anteil des Verkaufspreises an unseren gemeinnützigen Verein fließt und uns hilf das Festival zu finanzieren. So hat jeder etwas davon. Den Shop findet man unter folgender Adresse: http://astore.amazon.de/nippoconne-21

    Welches besonderes Highlight erwartet die Besucher bei Nippon Connection dieses Jahr?
    Über unseren Ehrengast und Nippon Honor Award Preisträger Tadanobu Asano haben wir ja schon gesprochen. Ein besonderes Highlight ist in dem Zusammenhang sicherlich, dass es am Mittwochabend um 22:30 einen Auftritt von Tadanobu Asano und der Band Stereo Total geben wird. Gemeinsam vertonen sie den Film Ruined Heart neu, in dem Asano die Hauptrolle spielt. Danach wird es eine Party geben, bei der Asano sogar noch Musik auflegen wird.
    Für wissenschaftlich interessierte Besucher ist sicherlich die Kinema Club Konferenz sehr interessant. Dabei handelt es sich um die weltweit größte Konferenz zum japanischen Film und es werden viele spannende Gäste Vorträge halten, unter ihnen zum Beispiel auch Autoren, die Standartwerke zum japanischen Film geschrieben haben. Das Programm kann man hier einsehen: http://www.nipponconnection.com/programm-detail/kinema-club-conference.html
    Auch unsere Retrospektive ist für Filmliebhaber dieses Jahr wieder etwas ganz besonders. Wir werden neun Filme des Regisseurs Shinji Somai zeigen, der außerhalb von Japan leider so gut wie unbekannt ist, in Japan aber als einer der größten Regisseure der 1980er und 1990er verehrt wird. Er hat wirklich unheimlich schöne Filme gemacht, die es sich unbedingt zu entdecken lohnt.

    Wie sind die Reaktionen der japanischen Produzenten, Regisseure und Schauspieler darauf, dass in Deutschland solch ein Filmfestival veranstaltet wird?
    [pullquote]Aber am schönsten ist für unsere Gäste glaube ich die Begegnung mit unserem Publikum.[/pullquote]Die Reaktionen sind zu unserer großen Freude durchweg positiv. Mich persönlich freut es immer wenn ich sehe, wie erstaunt unsere Gäste sind, wenn sie unser Programm sehen, denn ein Festival mit einer solchen Vielfalt an Filmen gibt es auch in Japan nicht. Da ist man schon ein bisschen stolz, wenn die Japaner selbst fragen, wo wir denn diese ganzen tollen Filme her haben, von denen sie noch nie etwas gehört haben.
    Aber am schönsten ist für unsere Gäste glaube ich die Begegnung mit unserem Publikum. Das gilt nicht nur für die vielen Nachwuchsregisseure, die teilweise das erste Mal im Ausland und unglaublich dankbar sind, dass ihre Filme vom deutschen Publikum so positiv aufgenommen werden. Letztes Jahr hatte ich ein schönes Erlebnis mit dem Regisseur Yukihiko Tsutsumi der in Japan ein sehr bekannter Regisseur ist; er hat unter anderem die 20th Century Boys Filme gemacht. Von ihm haben wir den Film My House gezeigt, der in Japan lediglich auf DVD veröffentlicht wurde. Für Yukihiko Tsutsumi war das Screening bei unserem Festival etwas ganz besonderes, weil sein Film nun endlich auf der großen Leinwand laufen konnte. Nach dem Film gab es noch ein Gespräch und Tsutsumi war sichtlich gerührt von dem Interesse, dass das deutsche Publikum seinem Film entgegen gebracht hat.

    Welchen Ehrengast würden sie sich für die nächsten Jahre wünschen?
    Wünsche gibt es sicherlich so viele wie es Teammitglieder bei Nippon Connection gibt. Natürlich haben wir uns schon ein paar Gedanken gemacht, aber es steht wirklich noch gar nichts fest. Jetzt wollen wir erst einmal das diesjährige Festival über die Bühne bringen und dann setzen wir uns an unsere Wunschliste für nächstes Jahr. Was ich aber schon verraten kann ist der Termin für nächstes Jahr. Vom 24.-29.5.2016 heißt es wieder: Yokoso! Herzlich Willkommen zum Japanischen Filmfestival Nippon Connection!

    Vielen Dank für das toll Interview, wir wünschen Dir weiterhin viel Erfolg und natürlich Spaß mit der Nippon Connection.

    Das Festival findet zwischen dem 2. -7. Juni im Frankfurt am Main statt.

    Weitere Infos findet ihr unter:
    www.NipponConnection.com
    Nippon Connection auf Facebook
    Nippon Connection auf Twitter

    Micha
    Ein alter Hase im Geschäft. Seit Akira 1991 in die deutschen Kinos kam, brennender Anime-Fan und noch die gute alte Zeit miterlebt als Carlsen Manga in Farbe und Bunt auf den Markt brachte. Ghost in the Shell Fan der ersten Stunde und bevorzugt mittlerweile Slice of Life Anime