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Oze-Nationalpark in Zentraljapan

Bokka – die stoischen Lastenträger der Ozegahara-Sümpfe

Etwa 150 Kilometer in nördlicher Richtung sind es von Japans Hauptstadt Tokyo bis zum Oze-Nationalpark. Gelegen im Grenzbereich dreier Präfekturen – Gunma, Fukushima und Niigata – erstrecken sich zwischen malerischen Bergketten weite offene Sumpf- und Moorgebiete. Für Wanderfreunde aus ganz Japan ist Oze ein beliebtes Ziel. In den Sümpfen und auf umliegenden Bergen blühen im Frühjahr und Sommer farbenfrohe Blumen. Im Herbst färben sich die Laubwälder im Park in leuchtendes Rot und Gelb.

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Ausflüge in den Oze-Nationalpark dauern oft mehrere Tage. Übernachtet wird dann in Hütten, die an wichtigen Wanderrouten aufgebaut wurden. Dort erwartet die Gäste immer eine Auswahl an frischem Essen. Doch wie kommen die Lebensmittel in das für Autos unzugängliche Gebiet? Hier kommen die “Bokka” ins Spiel – die Lastenträger der Ozegahara-Sümpfe.

Eine Gruppe Lastenträger hält die Wanderhütten am Leben

Wenn Norihito Ishitaka sein tägliches Arbeitspensum auf den Rücken gehievt hat und los stapft, dann erkennt man ihn schon von weitem. Bis zu einem Meter hoch ragt dann ein Stapel aus Kisten über seinem Kopf auf, befestigt auf einem Holzgestell, das der 34-Jährige wie einen Rucksack trägt. Der Anblick erinnert an Szenen aus Hideo Kojimas Videospiel “Death Stranding”, in dem der Protagonist Lieferungen in unerschlossenem Gelände durchführt – und womöglich standen die Bokka für die Spielidee Pate.

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Die Aufgabe der Bokka ist es, die abgelegenen Wanderhütten im Oze-Nationalpark mit allem zu versorgen, was die Gäste für ihre Aufenthalte brauchen. Dazu gehören neben Lebensmitteln auch Sanitärprodukte und Notfall-Ausrüstung. Alles wird zu Fuß aus den umliegenden Orten zu den Hütten gebracht. Denn Autos und auch Fahrräder können im Nationalpark nicht fahren. In den Sumpf-Gebieten sind Wanderer und Bokka auf ein Netzwerk aus befestigten Holzwegen angewiesen.

Was Norihito Ishitaka während eines üblichen Arbeitstages durch die Sümpfe und auf Berge trägt, übersteigt oft genug sein eigenes Körpergewicht. Siebzig Kilogramm wiegt er, seine schwerste Lieferung bisher betrug 140 Kilogramm. Wenn die Hauptsaison der Bokka nach dem Herbst zu Ende geht, hat Ishitaka durch die Anstrengungen meist bis zu zehn Kilo an Gewicht verloren.

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Doch egal wie hart die Arbeit auch sein mag, er macht sie gern. Wenn er mit einer Lieferung die nächste Hütte erreicht, erwarten ihn Dankesworte und ein warmer Empfang. “Ich kann direkt sehen, dass meine Arbeit anderen hilft. Und darauf bin ich stolz,” so Ishitaka. Seit zehn Jahren arbeitet er als Bokka und beschreibt den Job als “die ultimative Form des schweren Hebens”.

Jeder Morgen beginnt mit einem Puzzle

Gemeinsam mit sechs Bokka-Kollegen versorgt er etwa zehn Hütten im Nationalpark. Die Wander-Saison beginnt dort im April und dauert bis in den Oktober. Während dieser Zeit trägt Ishitaka rund 17 Tonnen an Waren durch die Natur von Oze. An sechs Tagen in der Woche bricht er früh an der Station Hatomachitoge, einem der Zugangspunkte zum Park, auf. Am Abend kehrt er von dort nach Hause zurück, um sich auszuruhen für den nächsten Tag.

Sein wichtigstes Werkzeug sind dabei seine “shoiko” – Holzrahmen, die mit Schulterriemen versehen sind. Einfache Konstruktionen, die für eine umso schwerere Arbeit genutzt werden. Jeder Bokka besitzt mehrere dieser “shoiko” in verschiedenen Größen. Die Wahl des richtigen Rahmens für die jeweilige Lieferung ist der erste Schritt zu einem erfolgreich ausgeführten Auftrag. Danach kommt die Anordnung der zu transportierenden Waren. Wie vor einem Puzzle sitzt Ishitaka jeden Morgen vor den Kisten.

Durch jahrelange Erfahrung weiß er genau, welche Kisten er wie stapeln kann und wie er das Gewicht am effektivsten verteilt. Denn allein körperliche Stärke reicht für einen Bokka nicht aus. Auch logistische Fähigkeiten und gute Kenntnisse der Umgebung sind wichtig. Wenn Ishitaka seine “shoiko” bepackt, ist das wichtigste der Schwerpunkt.

Shoiko eines Bokka
Die „shoiko“ sind das wichtigste Arbeitsgerät der Bokka. Sie richtig zu nutzen, ist eine Kunst für sich. Bild: AS

Eine Viertelstunde dauert es, bis er seine tägliche Last richtig verteilt hat. Dann steht alles stabil und gerade. Würde der Kistenstapel sich auch nur leicht zur Seite neigen, erhöht sich die Belastung für den Träger um ein Vielfaches. “Der Schlüssel ist, den Schwerpunkt knapp über meinen Hinterkopf zu platzieren”, verrät Ishitaka die wichtigste Grundregel seiner Arbeit.

Mit der schweren Ladung zu laufen, ist ebenfalls eine Frage der Übung. Ishitaka achtet ganz genau auf seine Schritte, darf sich keinen Fehltritt erlauben. Stürzt er, müssen alles Kisten neu geordnet werden – das kostet wichtige Zeit und Energie. Der Bokka tritt immer zuerst mit den Zehen auf, das gibt ihm die Gelegenheit, Halt mit der Ferse zu suchen, wenn er auf regennassen Holzplanken oder Kies zu rutschen beginnt. Auch Reste von Schnee, die Löcher im Boden verbergen, sind eine Gefahr für die Träger.

Von Osaka in die Ozegahara-Sümpfe – Ishitakas Weg zum Bokka

Doch wie kommt ein junger Mann überhaupt auf die Idee, sein Leben mit der harten Arbeit als Träger in den kargen Sümpfen zu verbringen? Ishitaka wurde 1988 in Osaka geboren, ging dort zur Schule und entschied sich nach dem Abschluss gegen ein Studium. Stattdessen heuerte er bei einer Umzugsfirma an. Später wechselte er aus dem Stadtleben zum höchsten Berg Japans. Am Fuji fand er eine Stelle in einer Berghütte, kümmerte sich dort um die Bedarfe der Touristen.

Ishitaka hatte bereits einiges an Gewicht auf den Fuji geschleppt, als er mit 24 Jahren einen Artikel über die Bokka der Ozegahara-Sümpfe im Netz fand. Was er in dem Artikel las, faszinierte ihn. Die Arbeit der Bokka war um einiges schwerer als alles, was er erlebt hatte. “Ich war beeindruckt, dass Menschen solche schweren Lasten auf dem Rücken tragen konnten”, erzählt er. Ein Jahr später begann er als Bokka-Neuling zu arbeiten – und stellte fest, dass die Härte des Jobs seine Erwartungen noch überstieg.

Das tägliche Lastentragen brachte Ishitakas Körper an seine Grenzen. Seine Hüftgelenke entzündeten sich durch die Anstrengungen so stark, dass er auf Schmerzmittel angewiesen war. Oft brach er während der Touren zusammen. Eier, die er transportierte, gingen zu Bruch. Tomaten kamen nur zerquetscht am Zielort an.

Mit eisernem Willen zum Lebenstraum

Beinahe hätte Ishitaka aufgegeben. Doch die dienstälteren Bokka mischten sich ein und feuerten ihn an. Sie achteten auf ihn, boten ihm Hilfe an, wenn er sie benötigte und hielten sich zurück, wenn es angemessen schien. So gelang es ihm, sich die Fähigkeiten anzueignen, um letztlich selbständig zu werden. Im Herbst seines ersten Jahres als Bokka traf Ishitaka schließlich eine Entscheidung: den Rest seines Lebens der Arbeit als Lastenträger zu widmen.

“All die Menschen hier, die Angestellten in den Hütten, die Bergführer, Umweltschützer und Verwalter, haben warme Herzen”, sagt er. “Ich habe mir geschworen als Bokka in Oze zu arbeiten und meinen Lebensunterhalt zu verdienen.” Das wiederum ist keine einfache Aufgabe. Zwischen 10.000 und 15.000 Yen (ca. 72 – 108 Euro) verdienen die Träger im Schnitt pro Tag. Doch aufgrund der Arbeitspause im Winter, wenn es kaum Wanderer gibt und die Hütten geschlossen sind, reicht das nicht zum Leben.

Um sich etwas dazu zu verdienen und genug Geld für den Winter anzusparen, hat Ishitaka sich zusätzliche Aufträge an Land gezogen. Er transportiert schwere Ausrüstung tief in die Berge, die für den Bau von Strommasten, geologische Untersuchungen und andere Projekte genutzt wird. Mit einer gemeinsam eingerichteten Gruppe hilft er auch seinen Bokka-Kollegen, mit Gelegenheitsjobs durch die Nebensaison zu kommen.

Seine Anstrengungen kennen nur ein Ziel: weiter seine Lieferungen in Oze austragen zu können. Hier hat er einen Ort gefunden, an dem er leben möchte. Und er ist dankbar dafür, dass die außergewöhnliche Umgebung, die nur den Transport per Fuß zulässt, es ihm erlaubt, mit der schweren Arbeit eines Bokka seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

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