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StartJapan entdeckenBücherBeunruhigend und einfühlsam: "Heaven" von Mieko Kawakami ist ein literarisches Juwel

Einfühlsam und verstörend werden zwei Einzelschicksale miteinander verwoben.

Beunruhigend und einfühlsam: „Heaven“ von Mieko Kawakami ist ein literarisches Juwel

Mieko Kawakami nimmt sich für ihr neuestes literarisches Werk „Heaven“ ein schweres Thema vor, welches sie aber mit einer gewissen Leichtigkeit und zugleich beklemmender Schwere der geneigten Leserschaft näherzubringen vermag.

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Zwei Teenager, eine Situation: Beide sind massive Mobbingopfer ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler.

„Wir gehören zur selben Sorte.“

Eines Tages findet der namenlose Ich-Erzähler einen Zettel in seinem Federmäppchen, der sein Leben für immer verändern wird: „Wir gehören zur selben Sorte.“ steht darauf geschrieben. Damit nimmt der Anfang vom Ende seinen Lauf.

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Schnell kommt raus, dass es sich bei der Absenderin dieser Nachrichten um seine Klassenkameradin Kojima handelt. Beide werden auf schreckliche und verstörende Art und Weise von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern drangsaliert und gemobbt, ohne sich dessen zu erwehren. Trotz oder gerade wegen dieser schwerwiegenden Tatsache verstehen sich die beiden auf Anhieb, auch wenn sie ganz unterschiedlich sind.

Der sachliche Schreibstil gepaart mit den schrecklichen Ereignissen machen das Buch zu einem echten Pageturner.

Kojima, die ungepflegt ist und riecht, entpuppt sich als enthusiastische Frohnatur, die den Alltag des Ich-Erzählers mit ihren immer länger werdenden Briefen zu erhellen vermag. Auch der Schüler taut allmählich auf und lernt, dass es in seinem Leben mehr als die Angst vor dem nächsten Schultag geben kann.

„Irgendwann werden wir es verstehen.“

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Kawakami’s „Heaven“ wirkt wie ein zartes, pastelliges Kunstwerk, das sich dem Betrachter oder der Betrachterin erst nach und nach eröffnet. Mit wenigen, sanften Zeilen vermag die Autorin es, Schreckliches sowie Zerbrechliches zugleich zu skizzieren. Nüchtern und sachlich wird zum Beispiel davon erzählt, wie beim Ich-Erzähler „Schienen verlegt werden“. Das heißt konkret, dass seine Finger zusammengetackert werden.

Während man auf der einen Seite noch vor all der bestialischen Grausamkeit zusammenzuckt, die ein paar Teenager einem anderen antun, weil sie den Kick suchen, ist man zutiefst berührt von der sich anbahnenden Freundschaft zweier Menschen, die in ihrem Leben schon viel erleiden mussten.

Kojima und der Ich-Erzähler von „Heaven“ sind ein spannendes Duo, da sie zwar ähnliche Situationen in ihrem Alltag über sich ergehen lassen müssen, aber von Grund auf verschieden sind. Während der Schüler aufgrund der Fehlstellung seines eines Auges einfach keinen anderen Ausweg sieht, als seinen Kopf einzuziehen und zu hoffen, dass alles möglichst schnell und wenig schmerzhaft über die Bühne geht, will die Schülerin den anderen eine Lektion erteilen. Kojima ist überzeugt davon, dass die anderen größere Probleme haben müssen als sie, wenn ihre Mitschülerinnen sich nur an ihr abreagieren können.

„Endlich zu verschwinden, endlich meine Ruhe zu haben.“

Der Schreibstil von „Heaven“ ist nüchtern und sachlich, ohne trocken oder staubig zu wirken. Fast ohne näher auf Emotionen einzugehen, wird ein beklemmendes, verstörendes Bild zweier Einzelschicksale gezeichnet, welches einen in den Bann zieht. Man hat selbst fast genauso viel Angst vor der nächsten Seite wie der Protagonist vor dem nächsten Schultag, weil man nie wissen kann, was einen als Nächstes erwartet.

Obendrein wirken sowohl Kojima als auch der Ich-Erzähler wie reale Menschen. Neben dem schwer verdaulichen Thema Mobbing widmet sich Mieko Kawakami in ihrem neuesten Werk auch Suizid und anderen düsteren Themen, ohne je belehrend oder gar kitschig zu wirken. Durch die Ich-Perspektive fühlt man sich selbst in dieser unsäglichen Perspektive gefangen und kann sich noch besser in die Situation der Charaktere hineinversetzen.

„Heaven“: Sich kreuzende Schicksale und aufeinanderprallende Weltansichten

Zwei anrührende Schicksale, die unter die Haut gehen, erwarten die Leserschaft.

Die Begegnung mit Kojima verändert den Protagonisten maßgeblich, sodass er sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Dabei prallen allerdings vollkommen unterschiedliche Weltansichten aufeinander, die einen als Leserschaft zum einen verwirrt, wütend aber auch traurig werden lässt. „Heaven“ schafft es, einen Regenbogen vollkommen unterschiedlicher Farben und Ansichten zu zaubern, wie man es nur selten liest.

Der Paukenschlag am Ende des Werkes macht einerseits Lust auf mehr und andererseits fühlt man sich ans wahre Leben erinnert: Bittersüß und unvorhersehbar. Mieko Kawakami ist mit „Heaven“ ein realistisches Porträt eines Themas gelungen, das wenige Autorinnen und Autoren auch nur im Ansatz so umfassend schildern können wie sie, ohne ins Generische abzudriften.

Info
Verlag: Dumont
Erscheinungsjahr: 2021
Autor: Mieko Kawakami
Seiten: ~190
Preis: 22,00 Euro
Sonstiges: Umschlag, Hardcover, Lesebändchen
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Unsere Meinung

Preis
87 %
Geschichte
100 %
Gesamteindruck
100 %

Fazit

Aufwühlend und dennoch sachlich nüchtern erzählt Mieko Kawakamis neuester Roman eine emotionale Geschichte, deren Ausgang nicht unterschiedlicher hätte ausfallen können.
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