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Zeitreise mit Melancholie und Witz

Erste Person Singular – Murakamis Zauber der Erinnerungen

Acht Geschichten und ein Wechselbad der Gefühle, von Melancholie bis Tragikomik, bilden die Säulen von Haruki Murakamis neuestem Werk „Erste Person Singular“. Dabei vermischt er gekonnt die Grenzen von Fiktion und Realität.

Die Erinnerungen eines Menschen sind wie der Dachboden eines Wohnhauses. Im Laufe der Jahre sammelt sich einiges an. Manche Dinge kommen regelmäßig wieder zum Vorschein, andere geraten in Vergessenheit. Und wann sie wieder auftauchen, kann niemand genau sagen. Und wenn sie es tun, dann mit voller Kraft. Sei es ein altes Notizbuch, eine Schallplatte oder ein Foto – sie alle haben ihre eigene Geschichte. Wie tiefgründig diese sein können, zeigt Murakami in seinem Buch.

Fiktion oder Erinnerung?

Sind es wirklich seine Erinnerungen oder die seines Protagonisten, der in der ersten Person von sich erzählt? Wer in die Welt von Murakamis neuem Buch eintaucht, vermag dies wahrscheinlich nicht mit Sicherheit zu sagen. Zu natürlich und vertraut wirken die Erzählungen über eine Jugendliebe, welche sich tragischerweise als junge Mutter das Leben nahm.

Oder die zum Schmunzeln anregende und dennoch berührende Geschichte über einen verstorbenen Jazz-Musiker, der dank einer fiktiven Bossa-Nova-Platte noch einmal in die Erinnerung der Menschen gerufen worden ist. Murakami ist bekennender Jazz-Liebhaber, was vermuten lässt, dass es sich zumindest bei dieser Geschichte tatsächlich mehr um Realität statt Fiktion handeln könnte. Oder eben um Realität mit einer gekonnt eingesetzten Prise Fiktion.

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Selbst wenn der Ich-Erzähler in „Erste Person Singular“ nichts gemein haben sollte mit dem japanischen Autor: Die Vertrautheit bleibt. Der Ich-Erzähler weiß um die fesselnde Macht klarer Worte. Wie der betagte Verwandte am Kaffeetisch einer Familienfeier, den man lange Zeit nicht gesehen hatte und der einen sofort in seinen Bann zieht, sobald er den Mund aufmacht.

Einladung in Murakamis Gedankenwelt

Es wirkt so, als säße Murakami dem Leser direkt gegenüber und dieser müsse nichts weiter tun, als den Erinnerungen des Autors zu lauschen. Seine Erzählungen haben etwas Intimes. Sie wirken wie ein Einblick ins Seelenleben des 72-Jährigen – ein Mensch, der eigentlich nicht dafür bekannt ist, allzu viel von seinem Privatleben preiszugeben.

Eine perspektivische Nahaufnahme des geöffneten Buches "Erste Person Singular" von Haruki Murakami.
„Erste Person Singular“ wurde aus dem japanischen übersetzt von Ursula Gräfe. Bild: Marty

Und dennoch entsteht beim Lesen das Gefühl, dass sich Murakamis eigener Dachboden voller Erinnerungen in all seinen Formen und Farben vor dem geistigen Auge auftut.

Fazit
„Erste Person Singular“ überzeugt durch die einfach gehaltene Sprache. Kunstvoll verschnörkelte Lyrik sucht der Leser hier vergeblich, doch diese hat das Buch auch gar nicht nötig. Die einzelnen Fragmente von Murakamis Erinnerungen lesen sich in einer angenehmen Lockerheit. Teils bizarr, surreal, aber doch sehr vertraut. Der in Kyoto geborene Autor weiß mit seinen Worten den Leser in den Bann zu ziehen. Selbst wenn es um so scheinbar banale Dinge geht wie eine Gedichtsammlung über die Yakult Swallows, eine japanische Baseballmannschaft.

Der SRF-Literaturclub schreibt über Murakamis neuestes Werk: „Wer zu staunen verlernt hat, sollte Murakami zur Therapie lesen“. Eine Bewertung, die den Kern des Buches nicht besser zusammenfassen könnte. Denn Murakamis Geschichten in diesem Buch sind Zeilen, die nachklingen. Zeilen, die berühren und die nachdenklich stimmen.

Info

Buchcover Haruki Murakami Erste Person SingularErste Person Singular
Verlag: DuMont
Erscheinungsjahr: 2021
Autor: Haruki Murakami
Seiten: ~224
Preis: 22,00 Euro
Sonstiges: Schutzumschlag und Lesebändchen
Bei Amazon kaufen

Unsere Meinung

Gesamteindruck
98 %

Unser Fazit

Murakami zeigt mit seinem neuesten Buch, dass er nicht nur Romanfans bedienen kann. Wer dem Medium der Kurzgeschichte nicht abgeneigt ist, wird an „Erste Person Singular“ seine Freude haben. Es ist ein Buch für die kleinen Momente des Innehaltens.
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