Anzeige
StartJapan entdeckenBücherSo wunderschön wie unsagbar traurig ist "Eine Nacht in der Milchstraßenbahn"

Nicht nur schön

So wunderschön wie unsagbar traurig ist „Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“

Kenji Miyazawa (1896-1933) hat in seinem Leben eine Vielzahl von ausdrucksstarken und berührenden Erzählungen und Gedichten verfasst, die die Menschen auch heute noch faszinieren und begeistern. „Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“ gilt als ein Klassiker der japanischen Kinderliteratur, aber passt auf. Dieses Buch hat es in sich.

Anzeige

Bei „Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“ handelt sich eigentlich um ein unvollständiges Manuskript aus dem Jahre 1927, welches postum veröffentlicht wurde. In diesem Jahr erschien beim cass Verlag eine illustrierte Fassung dieses Werkes in deutscher Sprache.

„Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“ ist wunderschön gestaltet

In dieser Geschichte reisen wir zusammen mit einem Jungen und dessen Schulkameraden in dem Wagen einer seltsamen Bahn hinauf zum Himmelszelt. Dort warten viele spannende Charaktere auf uns, die alle unterschiedlicher nicht sein könnten. „Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“ ist eine Erzählung, die von der besonderen Darstellung ihrer Figuren und Landschaften lebt.

LESEN SIE AUCH:  Es war einmal... in Japan: "Tiermärchen aus Japan"

Vieles wird sehr genau beschrieben, sodass sich schnell vor dem eigenen geistigen Auge die faszinierendsten Welten auftun. Wenn man mit dem Protagonisten aus den Fenstern der Passagierwagen hinaus in die Ferne sieht, entdeckt man viel, das auf den ersten Blick gar unglaublich erscheint. Alles leuchtet und schimmert im Glanz der Sterne. Auch ganz hoch oben fliegen viele Vögel über die Felder des Himmels und jede Haltestelle hält etwas völlig Neues für die beiden jungen Passagiere bereit.

„Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“ ist spannend und kurzweilig erzählt. Jedes Wort ist etwas wert und hilft der eigenen Fantasie dabei, ein atemberaubendes Bild dieser facettenreichen Welt zu schaffen. Begleitet wird die Erzählung von einigen Bildern der Illustratorin Louise Heymans. Ihre dort eingebetteten Zeichnungen sind gefühlvoll, ausdrucksstark und überaus gut platziert. Eine große Bereicherung für dieses Buch. Auch die Umschlagszeichnungen, welche passender und tiefgreifender kaum sein könnten, stammen von Heymans. Selten wurde ein Himmel voller strahlender Sterne so schön auf Papier gebannt.

Eine Nacht in der Milchstraßenbahn mit Illustrationen
„Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“ erscheint hier in Kombination mit einigen traumhaften Illustrationen von Louise Heymans

Doch lasst euch nicht täuschen…

Anzeige

„Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“ ist so schön geschrieben wie gestaltet, aber es ist weit davon entfernt, einfach nur schön zu sein. Die Geschichte ist spannend und faszinierend, aber auf einer Weise, die man bei dem Cover vielleicht nicht unbedingt erwarten würde.

Die Geschichte ist an vielen Stellen sehr traurig und bitter. Der Junge, den wir hier begleiten, führt ein mühsames und einsames Leben. Sein Vater ist nur selten zu Hause. Seine Mutter ist krank und so muss er mit für sie sorgen und auch vor und nach der Schule arbeiten gehen, um seine Familie zu unterstützen. Von seinen Mitschülern wird er ständig aufgezogen, weswegen er sich ungeliebt und allein fühlt. Die Geschichte verfolgt seine oftmals sehr traurigen Gedankengänge und beschreibt seine Gefühle sehr genau. Mitzufühlen, ist hier leicht, aber es zu ertragen, kann schwer sein.

Und das Buch ist voller solcher Momente, zumal auch der Tod hier allgegenwärtig zu sein scheint. Ab der zweiten Hälfte des Buches wird erst wirklich deutlich, um was für tragische Schicksale es dort eigentlich geht. Auch als Erwachsener kann einem hier das Herz beim Lesen furchtbar schwer werden.

„Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“ gilt gemeinhin als Kinderbuch, aber als Erwachsener sollte man sich wohl überlegen, ob es für das Kind, welchem man dieses Buch vielleicht kaufen/schenken möchte, auch wirklich geeignet ist. Für manche empfindsamen Menschen könnte diese Erzählung eine zu starke Belastung sein.

Fazit

Cover von eine Nacht in der Milchstraßenbahn

Am Ende ist „Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“ so traurig und deprimierend wie wunderschön. Die Illustrationen sowie die Worte an sich sind traumhaft. Leid und Glück halten sich die Waage… fast zumindest. Wer tiefgreifende Erzählungen im modernen Märchengewand mag und auch kein Problem mit solchen Themen wie Einsamkeit, Tod, Verlust oder auch Mobbing hat, der wird sich an dieser atemberaubenden Welt und ihren vielen Geheimnissen kaum satt lesen können.

Für alle anderen gilt: Wie viel Leid haltet ihr aus? „Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“ hat viel Schönes zu bieten, aber auch an traurigen Einzel- oder auch Gruppenschicksalen mangelt es nicht.

Insgesamt ist „Eine Nacht in der Milchstraßenbahn“ ein wirklich beeindruckendes Werk, das für ein Kinderbuch wahnsinnig viel an psychischem Tiefgang hat. Die Illustrationen fangen erfolgreich die Stimmung ein, die auch der Text ganz automatisch erzeugt. Das Verhältnis zwischen Bild und Text ist sehr harmonisch und schon die Bilder allein laden bereits zum Träumen ein.

Info

Eine Nacht in der Milchstraßenbahn
Verlag: cass Verlag
Erscheinungsjahr: 2021
Autor: Kenji Miyazawa
Illustrationen: Louise Heymans
Übersetzung: Jürgen Stalph
Seiten: ~104
Preis: 22,00 Euro
Sonstiges: Gebunden mit SU und Leseband, Fadenheftung
ISBN-13: 978-3-944751-27-6
Amazon

Unsere Meinung

Preis
98 %
Coverdesign
100 %
Gesamteindruck
97 %

Fazit

"Eine Nacht in der Milchstraßenbahn" ist wundervoll geschrieben, voll von traumhaften Illustrationen und geprägt von tragischen Schicksalen. Ein modernes Märchen mit einem extremen psychischen Tiefgang. Die Welt, die der Protagonist als Passagier in der Milchstraßenbahn durchfährt, ist faszinierend, facettenreich und erstrahlt im Glanz der Sterne. Dennoch birgt sie hier eine Vielzahl von traurigen Geschichten, die einem in ihrer Bitterkeit den Atem rauben.
Anzeige
Anzeige