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Der Buddha-Weg: Das Gehen als buddhistische Praxis

Gehen ist seit alters her ein wichtiger Bestandteil praktisch aller religiösen Traditionen dieser Welt. Christen pilgern auf dem Jakobsweg, Juden reisen nach Jerusalem und für Muslime gehört die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch) sogar zu den religiösen Verpflichtungen.

Der Buddhismus macht dabei keine Ausnahme, denn der Buddha Shakamuni reiste mit seinen Schülern ausschließlich zu Fuß von Ort zu Ort, um die Menschen zu unterweisen und bei diesem Gehen Almosen für die Gemeinschaft zu sammeln.

Die bekanntesten Bilder buddhistischer Pilgerreisen sind vermutlich jene, auf denen die Umkreisung des Berges Kailash im Himalaya zu sehen ist – doch auch in Japan hat sich eine einzigartige Verbindung von Gehen und Religiosität entwickelt.

Buddhistischer Hintergrund des Gehens

Den Buddhismus nicht nur theoretisch zu studieren, sondern auch im Alltag konkret zu üben ist ein wichtiger Aspekt der Lehre, und so spricht man nicht von ungefähr vom „Buddha-Weg“ (butsudō 佛道), der zu beschreiten ist.

Der Begriff „dō“ in der Bedeutung eines „Lebensweges“ begegnet einen in vielen japanischen Künsten, die zumeist vom Zen-Buddhismus beeinflusst sind. Hier geht es nicht um die Leistung, ein perfektes Ergebnis zu erbringen, sondern ganz präsent zu sein.

Zen-Meister Dōgen drückt diese Haltung im Kapitel „Genjōkōan“ seines Hauptwerks Shōbōgenzo mit folgenden Worten aus:

„Den Buddha-Weg zu ergründen, bedeutet sich selbst zu ergründen. Sich selbst zu ergründen heißt, das Selbst zu vergessen. Das Selbst zu vergessen heißt, von allen Dingen bestätigt zu werden“

「仏道をならふといふは、自己をならふ也. 仏道をならふといふは、自己をならふ也。自己をならふとといふは、自己をわするるなり。自己をわするるといふは、万法に証せらるるなり」

Kinhin (経行): Die Gehmeditation

Auch wenn die Traditionen des Zen-Buddhismus (禅宗) meist mit dem unbeweglichen Sitzen in Meditation assoziiert wird, hat auch das Gehen eine große Bedeutung innerhalb der klösterlichen Disziplin.

So wird in der Sōtō-Tradition beispielsweise darauf Wert gelegt, die Meditationshalle mit dem linken Fuß auf der linken Seite des Eingangs zu betreten und auf der rechten Seite mit dem rechten Fuß voran zu verlassen.

Kinhin: Gehmeditation (Foto: George Jisho Robertson flickr cc-by)
Kinhin: Meditation im Gehen (Foto: George Jisho Robertson flickr cc-by)

Die Sitzperioden in den japanischen Klöstern dauern in der Regel 40 bis 45 Minuten. Dieser Zeitraum kann anhand von Räucherstäbchen gemessen werden – und nicht wenige Übende sind froh, nach dieser Zeit ihre Beine wieder entknoten zu können.

Doch das Gehen soll mit dem gleichen Bewusstsein erfolgen, wie die Sitzmeditation des Zazen – es ist eine Fortführung der Meditation in Bewegung.

Für Haltung und Schritte im Kinhin gelten die gleichen Vorgaben für das Zazen: Aufrechte Haltung, den Atem fließen lassen und nichts forcieren.

Man steht aufrecht und die Hände werden in der Shashu-Position (叉手) auf Brusthöhe vor dem Körper gehalten: Die Finger der linken Hand machen eine Faust um den Daumen und die rechte Hand wird darum gelegt. Die Hände liegen etwa auf Höhe des Brustbeins, die Unterarme in einer Linie parallel zum Boden.

Die Praxis des Kinhin wird je nach Zen-Tradition etwas unterschiedlich gelehrt – jedoch besteht praktisch immer eine Übereinstimmung zwischen dem Atemfluss und dem Setzen der Füße.

Der Rhythmus wechselnder Gewichtsverlagerung zwischen rechtem und linkem Bein wiederholt sich fortwährend, so dass der Gang vergleichsweise langsam ist, wobei es auch zügige Formen gibt.

Kinhin und Zazen werden als gleichwertige Praxis angesehen. Wer aus irgendwelchen Gründen nicht in der Lage ist, sich zum täglichen Zazen zu setzen, kann im Alltag die Zen-Übung in Form eines angepassten Kinhin fortsetzen.

Takuhatsu (托鉢): Der Bettelgang der Mönche

Wie zur Zeit des Buddha Shakamuni, ist in Japan bis heute der rituelle Bettelgang der Mönche eine übliche Praxis. Dieser findet in der Regel kollektiv, manchmal jedoch auch als Übung des Einzelnen statt.

Gemeinsames Gehen der Mönche beim Takuhatsu in Kyoto (Foto: Wikimedia Commons, jam_232 cc-by)
Kyoto: Gemeinsames Gehen der Mönche beim Takuhatsu (Foto: Wikimedia Commons, jam_232 cc-by)

Obwohl mittlerweile die meisten Klöster den großen religiösen Organisationen angeschlossen sind und Einnahmen aus Bestattungen und Tourismus beziehen, wird er auch heute noch weiterhin vollzogen.

Die Mönche sollen dadurch nicht nur Bescheidenheit lernen, sondern es soll ihnen auch vermittelt werden, dass sie trotz klösterlicher Abgeschiedenheit immer auf die Wohltaten und Anstrengungen der Anderen angewiesen sind – vom Getreidekorn bis zum Bäcker.

Gerade einzeln bettelnde Mönche, die sich im Stadtbild mehrerer Großstädte finden, stoßen übrigens nicht immer und überall auf Respekt – gibt es doch mittlerweile auch Betrüger, die auf diese Weise an Geld gelangen wollen.

Jōgyō Zanmai (常行三昧): Gehen und Rezitation

Doch der japanische Buddhismus besteht nicht allein aus dem Zen, sondern umfasst verschiedene Traditionslinien und Lehrschulen. Dabei gibt es in der Tendai-Tradition (天台宗) ebenfalls religiöse Übungen, die mit dem Gehen verbunden sind.

Das so genannte Jōgyō Zanmai ist eine Praxis des Hieizan-Zweigs innerhalb des Tendai-Buddhismus, bei der die Wiederholung der Verehrungsformel für den Buddha Amida (nembutsu 念仏) mit dem meditativen Gehen verbunden wird.

Das Gehen findet als klösterliche Übung der Mönche innerhalb einer extra hierfür erbauten Halle statt. Dabei wird die Statue des Buddha Amida gehend umkreist, während man die Verehrungsformel stetig wiederholt.

Diese Kombination aus Rezitation und Bewegung kann unterschiedlich lang durchgeführt werden – als besonders asketische Übung ist die mehrtägige Wiederholung des Jōgyō Zanmai bekannt, bei der praktisch nicht geschlafen wird.

Zanmai“ ist die japanische Schreibung des Sanskrit-Begriffs „Samadhi“ und bezeichnet einen Zustand, in dem der Mensch völlig in der Handlung aufgeht. Die geschilderte Form der Gehmeditationen ist einer der vier Zanmai-Übungen des Tendai-Buddhismus.

Kaihōgyō (回峰行): Die Übung der Marathon-Mönche

Eine weitere Form der asketischen Geh-Praxis innerhalb der Tendai-Tradition ist aufgrund ihrer noch größeren Radikalitär auch international durch Medienberichte bekannt, obwohl nur wenige Mönche sie jemals vollständig absolvierten – das Kaihōgyō.

Japanische Kleidung: Waraji - Strohsandalen (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain)
Gehen und Laufen bis zur Erleuchtung: Waraji-Strohsandalen (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain)

Im Rahmen dieser Übung umwandert der Tendai-Mönch den Berg Hiei bei Kyoto in hundert, oder sogar tausend Tagen. Die Strecke wird aufgeteilt und die täglich zu absolvierende Strecke steigt bei späteren Etappen erheblich an.

Insbesondere die tausend Tage dauernde Praxis ist eine extreme Herausforderung und die Länge der Strecke, sowie die Zwischenstopps um die vorgeschriebenen Gebete zu absolvieren führt dazu, dass der Mönch laufen muss.

Dadurch entstand auch die Bezeichnung der „Marathon-Mönche“, unter der die Übenden dieser strengen Disziplin auch außerhalb Japans eine gewisse Bekanntheit erlangten.

Nembutsu Odori (念仏踊り): Rezitation und Tanz

Die Verehrung des Buddha Amida ist eine der volkstümlichsten Formen des Buddhismus in Japan. Die einfach Wiederholung der Verehrungsformel soll den Anhängern die wiedergeburt im paradiesischen „Reinen Land“ (jōdo 浄土) bieten.

Die beiden großen Traditionen des Reine-Land-Buddhismus sind die Shinshū (真宗) und die Jōdo-Shinshū (浄土真宗), die beide zahlreiche kleine Ableger haben. Dabei entwickelte sich auch eine ungewöhnliche Form der religiösen Praxis

Der Legende nach war es der Mönch Kûya Shonin (空也上人) der bei einer Reise in die Region Aizu den Kindern das Nembutsu nahe brachte, indem er auf einer kleinen Trommel spielte und einen lustigen Tanz aufführte.

Das war zunächst populär, verlor jedoch im Laufe der Zeit zunehmend seinen religiösen Charakter. Die Wiederbelebung als buddhistische Praxis gelang schließlich dem Wanderprediger Ippen Shonin (一遍上人), der die Ji-shū (時宗) gründete.

Heutzutage ist das Nembutsu Odori sowohl in religiöser Form, als auch nahezu rein weltlich präsent und ein weiteres Beispiel für die Verbindung von Bewegung und Religiosität in Japan.

Junrei: Das Gehen auf dem Pilgerweg

Sowohl Shintō als auch Buddhismus kennen die Pilgerreise als Form religiöser Übung. Dabei wird zwischen der Reise zu einem einzelnen Heiligtum und einer Reise entlang einer Strecke unterschieden, auf der mehrere religiöse Stätten besucht werden.

Henro: Japanischer Pilger (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain)
Das Gehen auf dem Pilgerweg im 21. Jahrhundert (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain)

Die Strapazen der zeitweisen Pilgerschaft wurde vor allem während der Edo-Zeit populär, als die Militärregierung des Bakufu die Reisefreiheit stark einschränkte und der Besuch heiliger Stätten, einer der wenigen legitimen Gründe für lange Reisen wurde.

Die Zeiten des Shōgunats sind zwar vorbei – doch auch wenn die moderne Pilgerreise meist um einiges bequemer verläuft, als in vorigen Jahrhunderten, so sind doch einige Traditionen erhalten geblieben.

Neben Gruppen meist älterer Pilger (henro 遍路), die heilige Stätten mit dem Reisebus besuchen, gibt es immer noch Einzelpersonen, die mit Wanderstab und Bambushut ausgestattet, im weißen Pilgerjacke (hakue 白衣) ihren Weg zu Fuß beschreiten.

Bis heute beliebte Strecken sind der Kumano-Kodō (熊野古道), der neben dem Jakobsweg die einzige Pilgerroute ist, die als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt wurde, und der Shikoku-Pilgerweg der 88 Tempel (shikoku hachijū hakkasho四国八十八箇所).

Immer dabei ist neben anderen traditionellen Objekten der Pilger vor allem das Pilgerbuch, in dem die offiziellen Siegel (goshuin 御朱印) der besuchten Tempel und Schreine eingetragen werden.

Aufgrund der meist beigefügten Kalligraphie ist das „Stempelsammeln“ auch bei wenig religiösen Zeitgenossen populär geworden und Tempel, die für besonders aufwändige Kalligraphien bekannt sind, werden Anziehungspunkte der besonderen Art,

Fazit:

Zwischen Buddhismus und Bewegung gibt es mehr Berührungspunkte, als man angesichts der zahlreichen sitzender Buddhastatuen vermuten mag.

Vielleicht sind die Ausführungen auch eine Anregung, weniger Zeit am heimischen Rechner, oder der Spielekonsole zu verbringen und stattdessen einen Spaziergang zu machen – das tut Körper und Geist auch nach solch anstrengender Lektüre gut.

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