Fūrin – Was das Windglöckchen uns im Sommer lehren kann

Die Fūrin (風鈴), kleine Windglöckchen mit einer Windfahne, gelten in Japan seit altersher als Symbol des Sommers, da sie mit ihrem feinen Ton jede noch so kleine Brise ankündigen, die etwas Kühle mit sich bringen könnte.

Diese kurzen Erfrischungen sind während der heißen Sommermonate so begehrt, dass sie von manchen sogar als „Winde aus dem Paradies“ (gokuraku no kaze 極楽の風) bezeichnet werden.

Geschichte der Fūrin

Windglöckchen im Stil einer Metall-Tempelglocke (Foto: Copyright by Shinnichi Tatamika)
Windglöckchen im Stil einer Metall-Tempelglocke (Foto: Copyright by Shinnichi Tatamika)

Doch das ist nicht der einzige Bezug zwischen diesem Symbol des Sommers und dem Buddhismus, denn tatsächlich kamen sie gemeinsam mit der religiösen Lehre aus China nach Japan.

Zunächst wurden diese vergleichsweise großen Windglocken aus Bronze (fūtaku 風鐸) ausschließlich an den vier Ecken der Tempelgebäude befestigt um Unheil fernzuhalten.

In der Kamakura-Periode fanden die Klangobjekte in veränderter Form ihren Weg auch in Häuser außerhalb der Klöster – und die heute bekannte Form des Windglöckchens entstand.

Charakteristisch wurden dabei die kleinen Papierstreifen (tanzaku 短冊) die als Windfänger das Glöckchen zum Klingeln bringen.

Viele der aus Metall gefertigten kleinen Kunstwerke sind stilistisch den schweren Tempelglocken (bonshō 梵鐘) nachempfunden.

Allerdings wurde während des Tokugawa Shogunats auch eine zuvor sehr kostbare Variante des Windglöckchens aus Glas zunehmend populärer.

Sie wird nach dem damaligen Namen der Hauptstadt, heute noch „edo fūrin“ (江戸風鈴) genannt.

Heutzutage gibt es Fūrin in allen Formen und Farben. Ihre Qualität reicht vom liebevoll handgefertigten Einzelstück, bis hin zu einfachen Massenprodukt.

Meister Nyōjos Windglöckchen

Ein besonderer Bezug zum Buddhismus besteht aber nicht nur durch die Geschichte, oder die traditionelle Form, sondern kommt in bemerkenswerter Weise durch ein Gedicht des chinesischen Zen-Meisters Tendō Nyōjo (天童如淨) zum Ausdruck.

Nyōjo soll Lehrer des japanischen Mönchs Dōgen (道元) gewesen sein, der bei seiner China-Reise die Erleuchtung erlangt und die Lehrbefugnis erhalten habe.

Vers des Windglöckchens

Der ganze Körper ist wie ein Mund,
der im leeren Raum hängt
und nicht die Frage stellt,
ob der Wind aus Osten, Westen, Süden oder Norden kommt.
Alle behandelt er gleich und verkündet ihnen den Klang der Weisheit:
klingelingeling

通身是口掛虛空,
不管東西南北風。
一等與渠談般若,
滴丁東了滴丁東

Der entscheidende Begriff dieses Gedichts ist „leerer Raum“ (kokū 虛空). Im Buddhismus unterscheidet man zwischen drei Arten von Leere.

Leere als Gegensatz zu einem vorhandenen Objekt. Leere als Raum, der Objekte aufnehmen kann und Leere als Sinnbild für Weisheit. Hier geht es um Letzteres.

Weisheit (hannya 般若) ist im Buddhismus die Erkenntnis, dass alle Dinge keine grundlegende Substanz haben, sondern ihre Eigenschaften lediglich durch unser bewertendes Denken entstehen und an sich „leer“ sind.

Ein Ast ist ein Ast. Erst durch unsere Konzepte von „schön“ und „hässlich“ erhält er diese Eigenschaften.

Weisheit ist wie der leere Raum in Nyojos Windglöckchen, oder der Zustand während des meditative Sitzens (zazen 坐禅). Es besteht keine Anhaftung, keine Bewertung, kein Widerstand, sondern Offenheit in alle Richtungen.

Eine ähnliche Haltung findet sich in einem Werk des modernen buddhistischen Dichters Eiichi Enomoto (榎本栄一), der von 1903 bis 1998 lebte. Auch hier kommt der Gedanke des leeren Raumes, der Offenheit und der Freiheit von Bewertungen zum Ausdruck. Statt eines Glöckchens benutzt er das Bild eines Papierkorbs.

„Mein Papierkorb nimmt alles auf –
altes Papier, verschriebene Entwürfe.
Alles schluckt er ohne Murren“.

Das Zen des Windglöckchens

Gerade im Sommer, wo man vor Hitze oft nicht weiß wo einem der Kopf steht und die Zähne zusammenbeißt, um die heißen Tage zu überstehen, kann der Klang des Windglöckchens mehr sein, als nur das Versprechen einer kühlenden Brise.

Das leise Klingeln erinnert daran, die verspannten Schultern zu lockern, den Unterkiefer zu entspannen und mit einem Atemzug alle Anspannungen und auch Sorgen, über die wir ebenso brüten, wie über die Hitze, loszulassen.

Das Windglöckchen sagt uns „Lass deine drückenden Gedanken los. Werde offen für alles, was dich umgibt. Stemme dich nicht gegen Veränderung, sondern bewege dich mit ihr„.

So wie ein Glöckchen im Wind schwingt, können auch wir beschwingter durch das Leben gehen, wenn wir unserem Geist erfrischen, indem wir ihm etwas leeren Raum lassen, der nicht mit stickiger Luft der Gedanken gefüllt wird.

Ich wünsche allen Lesern einen schönen Sommer.

2 Kommentare

    • Hallo Soshin,
      vielen Dank für das Lob.
      Nein, ich stehe keiner Gemeinde vor.
      Weitere Beiträge von mir wird es auch in Zukunft auf Sumikai geben.

      Schöne Grüße

      Shinnichi

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