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HomeJapan entdeckenGeschichteDeutsche Marineflagge aus dem Ersten Weltkrieg erinnert an Kämpfe gegen Japan

Eine Flagge aus einem fast vergessenen Krieg

Deutsche Marineflagge aus dem Ersten Weltkrieg erinnert an Kämpfe gegen Japan

Dem „Naruto German House“ in der japanischen Präfektur Tokushima wurde kürzlich die Flagge eines deutschen Torpedobootes übergeben, das im Ersten Weltkrieg als Teil des Ostasiengeschwaders im Einsatz war.

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Das „Naruto German House“ ist ein Geschichtsmuseum, das sich der Bewahrung der Geschichte des Kriegsgefangenenlagers „Bando“ widmet. Kiyoharu Mori, der Direktor des Museums, war begeistert von dem authentischen Artefakt und sagte, die Flagge habe einen enormen historischen Wert.

Flagge war lange Zeit über in Privatbesitz

Der 64-jährige Daisuke Ogaki hatte die Fahne im Mai dem Museum geschenkt, in der Hoffnung, dass sie dort in Zukunft in guten Händen sein würde. Er selbst hatte sie zuvor von seinem Großvater Riichi Ogaki erhalten, der 1976 im Alter von 84 Jahren starb.

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Viele Jahrzehnte lang hatte er die Fahne in seinem Haus aufbewahrt. Wie diese Flagge überhaupt in den Besitz des Großvaters kam, darüber wurde in der Familie lange Zeit geschwiegen.

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Auch Daisuke wusste nichts über die Herkunft der Flagge, bis ihm seine Mutter irgendwann offenbarte, dass sein Großvater sie einst von einem deutschen Kriegsschiff erhalten hätte.

Erst im Alter von über 90 Jahren brachte sie ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass die Flagge eines Tages ein gutes Zuhause finden würde.

Daisuke nahm ihren Wunsch ernst und wendete sich an das „German House“ von Naruto. Dort konnte die Flagge einem deutschen Schiff aus dem Ersten Weltkrieg zugeordnet werden.

Ein echtes Stück Geschichte

Ein Gutachten des Museums ergab, dass es sich bei der Flagge um eine Kriegsflagge der S90 handelt, einem Torpedoboot des deutschen Ostasiengeschwaders, das im Ersten Weltkrieg in der chinesischen Hafenstadt Tsingtao (Qingdao) gegen die kaiserlichen japanischen Streitkräfte gekämpft hat.

Auf der Flagge selbst ist auch ein gekrönter Adler zu sehen, der die ineinander verschlungenen Buchstaben „FR“ auf der Brust trägt. Diese Abkürzung steht für das lateinische „Fridericus Rex“ und verweist hier auf Friedrich den Großen, den König von Preußen.

Das Design sei laut den Behörden identisch mit dem der Fahne der kaiserlichen deutschen Marine.

Den wirklich entscheidenden Hinweis lieferte dann aber Riichis eigenes Militärdienstbuch. Dieser hatte demnach 1914 selbst an der Belagerung von Tsingtao teilgenommen, bei der die verbündeten japanischen und britischen Streitkräfte Deutschlands ostasiatischen Stützpunkt in der Stadt angegriffen hatten.

Riichi hatte an Bord des Zerstörers Nenohi als Feuerwehrmann zweiter Klasse gedient und war zudem an der Suche nach der auf Grund gelaufenen S90 beteiligt gewesen.

Die japanischen und britischen Streitkräfte sollten am Ende der Belagerung siegreich sein, allerdings verlor Japan seinen Kreuzer Takachiho. Dieser wurde von der S90 versenkt. 280 Besatzungsmitglieder kamen damals ums Leben.

Alte Erinnerungen

Laut Daisuke habe sein Großvater zeit seines Lebens nur sehr selten über den Krieg gesprochen, aber an eine Bemerkung seinerseits würde er sich genau erinnern.

Demnach hätte Riichi einmal gesagt: „Ein Schiff kann sehr schnell sinken. Es teilt sich in zwei Hälften, wirft den Bug in den Himmel und geht im Handumdrehen unter.“

Daisuke vermutet inzwischen, dass sein Großvater damit die Takachiho gemeint haben könnte. Zudem erwähnte er: „Die Angehörigen der Kriegstoten wären nicht glücklich, wenn sie erfahren würden, dass die Marineflagge (als Privatbesitz) aufbewahrt wurde.“

Gerhard Bauer, ein Mitarbeiter des „Militärhistorischen Museums“ der Bundeswehr, konnte ihm da aber einige seiner Sorgen nehmen.

Das japanische Geschichtsmuseum hatte sich an Bauer gewandt, um die Herkunft der Flagge zu überprüfen. Dieser konnte bestätigen, dass es sich bei der Flagge tatsächlich um eine Marineflagge der S90 handelt.

Bauer zeigte sich überaus überrascht darüber, wie gut die Flagge noch erhalten ist.

In einer offiziellen Stellungnahme kommentierte er: „Die Flagge ist nicht einfach nur ein Stück Stoff, sondern stellt ein sogenanntes ‚narratives Exponat‘ in der Museologie dar und erzählt vom Schicksal der Besatzungsmitglieder der S90.“

Flagge soll nach Deutschland zurückkehren

Das „German House“ schlug Daisuke vor, die Flagge Anfang des nächsten Jahres an das „Militärhistorische Museum“ der Bundeswehr in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden zu übergeben. Daisuke hat diesem Vorschlag bereits zugestimmt.

Er selbst erklärte: „Viele Menschen wissen gar nicht, dass Japan einst Krieg gegen Deutschland geführt hat. Vielleicht lohnt es sich, die Flagge vielen Menschen zu zeigen, um die Geschichte des Krieges weiterzugeben.“

Museumsdirektor Mori ist ähnlicher Ansicht: „Die Entscheidung seines Enkels, die Flagge zu spenden, wird es ermöglichen, die Tragik des Krieges und die Freundschaft zwischen den beiden Ländern an die Nachwelt weiterzugeben.“

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