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Vom Atemgerät zum Infektionsschutz

Die Evolution der Stoffmaske in Japan – von der Meiji-Ära bis heute

Stoffmasken, ein unverzichtbarer Gegenstand während der Corona-Pandemie, sind in Japan bis zum Jahr 1879 hauptsächlich Importware gewesen. Vom ersten Exemplar bis hin zur Maske, wie Japaner sie heute kennen, hat sich einiges an ihnen verändert.

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Sie wirkt auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig: Die erste Maske, die in Japan hergestellt und verkauft wurde, verfügt über kleine Metallstangen im Inneren. Als „Atemgerät“ bezeichnet die dazugehörige Schachtel das Produkt. Die Maske aus der Meiji-Zeit (1868 – 1912) ist eine der Ersten ihrer Art und gehört Tamotsu Hirai. Der 69-jährige Apotheker aus Tachikawa, einer Vorstadt von Tokyo, hat vor 20 Jahren damit begonnen Masken zu sammeln.

Erste Modelle dienten dem Schutz vor Staub

Seine riesige Sammlung erstreckt sich von Masken aus der Meiji-Ära bis zu Masken aus der Showa-Ära (1926 – 1989). Die schwarze Stoffmaske mit den Metallstäben ist dabei die wohl älteste existierende Maske für den Massenmarkt. Jeder Metallstab ist etwa so dick wie eine Bleistiftmine. Verhindern sollte die Maske damals das Eindringen von Staub in die Lunge. Für den Infektionsschutz waren diese ersten Modelle nicht gedacht.

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Es habe sich laut einer Werbeannonce aus der damaligen Zeit um ein erschwingliches Gegenprodukt zur gängigen Importware gehandelt, erklärt Hirai. Ein in Tokio ansässiger Händler für medizinische Geräte gab die Anzeige damals auf, die Anzeige bezeichnete das Produkt als „gut gemacht“ sowie „erschwinglich“.

Wer die Maske damals benutzen wollte, musste sich zunächst ein weiches, locker gewebtes und durchsichtiges Stück Stoff auf den Mund legen, wie Hirai zur Funktionsweise erläuterte.

Apotheker macht auf Schutzfunktion aufmerksam

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Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge war es der New Yorker Apotheker A.J. Jessup, der 1878 in einer wissenschaftlichen Ausarbeitung behauptete, Masken schützten vor der Verbreitung von Krankheiten. 1905 warb die Chicagoer Ärztin Alice Hamilton für das Tragen von Schutzmasken während operativer Eingriffe.

Masken aus der späten Taisho-Periode (1912-1926) sowie aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten zu den beliebten Luxus-Artikeln.
Masken aus der späten Taisho-Periode (1912-1926) sowie aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten zu den beliebten Luxus-Artikeln. Bild: MA

Der Begriff Maske war den Japanern bis dahin nicht geläufig. Erst nach der Spanischen Grippe, die von 1918 bis 1920 etwa 385.000 Japaner das Leben kostete, verbreitete sich der Begriff. Zu dieser Zeit kamen außerdem die ersten gerippten Stoffmasken in Japan auf den Markt. Filter wurden von Metall auf Zelluloid umgestellt. Das war eine Neuheit zu dieser Zeit.

Da die Nachfrage nach der Spanischen Grippe zunehmend stieg, wurden die Stoffmasken auch in Japan teurer. Doch der Markt war damals nicht in der Lage der Nachfrage Herr zu werden, trotz erhöhter Preise. So wurden erstmals handgefertigte Stoffmasken für den privaten Gebrauch empfohlen.

Aus einfachen Stoffen wird Samt und Leder

Nachdem sich die Aufregung gegen Ende der Taisho-Ära (1912 – 1926) wieder legte, wuchs der Markt für luxuriöse Masken. Exemplare aus Samt und Leder wurden zu einem Statussymbol ihrer Zeit. Solche Masken würden heute höchstwahrscheinlich 3500 Yen kosten, schätzt Hirai. Ihr Äußeres hob sich auch aufgrund des Schnitts von der einfachen Maske ab. „Sie sehen scharf aus, wie die Schnäbel der krähenschnabeligen Kobold-Folklorekreaturen Karasu-Tengu, daher nenne ich sie Masken im Karasu-Tengu-Stil.“

Schlichte Stoffmasken als Symbol für Patriotismus

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Mit dem Eintritt Japans in den Krieg kamen die Patriotenmasken. Sie waren das komplette Gegenteil der luxuriösen Samt- und Ledermasken. Lediglich eine dünne weiße Schicht Stoff und eine Kordel wurden für ihre Herstellung verwendet. Der Klappentext auf der Unterseite einer Wachspapiertüte lautet: „Erkältungen sind im Anmarsch! Bereiten Sie sich auf Notfälle vor und schützen Sie eine Lebensader.“

Tastumo Hirai hält sich eine Maske vors Gesicht, die vor etwa 100 Jahren benutzt worden ist.
Tastumo Hirai hält sich eine Maske vors Gesicht, die vor etwa 100 Jahren benutzt worden ist. Bild: MA

Zu Hirais Sammlung zählen auch Erkältungsmedikamente von Haus-zu-Haus-Drogenverkäufern in der zentraljapanischen Präfektur Toyama und anderswo. Die Verpackungen zeigen oftmals maskierte Frauen. Der Begriff „maskierte Schönheit“ sei von diesen Packungen abzuleiten, so Hirai.

1980 hielt schließlich die Einwegmaske aus Vliesstoff Einzug. Der Hintergrund: Landesweit litten die Menschen unter Pollenallergien. Die Masken aus Vlies wurden schnell akzeptiert, da sie bequem und sauber sind.

Abenomask-Masken gehören auch zur Sammlung

Auch die umstrittenen Abenomask-Gratismasken, die 2020 an jeden Haushalt im Land verteilt wurden, gehören zu Hirais großer Sammlung – vorerst, wie er betont.

Die Maske ist definitiv zu einem unverzichtbaren Gegenstand für die Japaner während der aktuellen Pandemie geworden. Bei einer Umfrage im Oktober 2020 haben 80 Prozent von ihnen an, sich auch bei Gesprächen mit anderen mit einer Maske zu schützen.

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