Die Monster, die wir riefen: Ko-Tengu und Dai-Tengu

Die Tengu, die in Ko-Tengu und Dai-Tengu eingeteilt werden, sind wahrscheinlich die bekanntesten Sagengestalten Japans. Ihr rotes Antlitz mit den extrem langen Nasen ist im Land der aufgehenden Sonne allgegenwärtig. Doch was genau sind diese Wesen eigentlich? Das möchten wir euch heute erzählen!

Kaum ein anderes mythisches Wesen in Japan ist mächtiger als der Tengu, der oft als König der Yokai angesehen wird. Als Weiser verehrt, als Unheilbringer gefürchtet, als Meister der Kampfkunst oder tugendhafter Mönch bekannt – Der Tengu kann in den verschiedensten Rollen auftreten und somit, wie der Kappa auch, Freund oder Feind der Menschen sein.

Ihr Name

Tengu (天狗) bedeutet wörtlich „Himmelshund“ oder „göttlicher Hund“. Diese Bezeichnung geht auf ein mythisches Wesen aus China zurück, das wie ein Fuchs oder Hund aussah. Mit diesen Tieren haben sie aber kaum mehr zu tun. Innerhalb der Rasse der Tengu gibt es verschiedene Abstufungen. Der Ko-Tengu (小天狗), wörtlich „kleiner Tengu“ hat einen niedrigen Rang inne. Man nennt ihn auch Karasu-Tengu (烏天狗), was „Krähen-Tengu“ bedeutet und auf sein Aussehen schließen lässt. Den höchsten Rang haben die Dai-Tengu (大天狗), die „großen Tengu“, die oft mit ihren individuellen Namen bekannt sind.

Ihr Lebensraum

Die Tengu leben abseits von menschlichen Siedlungen in Wäldern und vor allem Gebirgen. Ko-Tengu leben in kleinen Höhlen an Klippen und steilen Abhängen und Dai-Tengu sind oft auf der Spitze hoher, heiliger Berge zu finden. In abgelegenen, dichten Wäldern finden die meisten Treffen zwischen Menschen und Tengu statt.

Ihr Aussehen

Karasu-Tengu tragen Mönchsroben und führen zumeist ein Kurzschwert mit sich. Ansonsten sehen sie den Menschen nicht ähnlich und gleichen eher Krähen, wie ihr Name bereits vermuten lässt. Sie haben riesige Schnäbel, die zusätzlich mit Reißzähnen versehen sind. Anstatt von Händen haben sie gefiederte Flügel und vogelartige Klauen anstelle von Füßen. Manchmal haben sie wüstes Haupthaar und tragen eine buddhistische Kopfbedeckung.

Dai-Tengu sind den Menschen viel ähnlicher und sind wesentlich größer und imposanter als Ko-Tengu.

Daitengu yokai
Moderne Darstellung eines Dai-Tengu © Wikimedia Commons

Auch sie kleiden sich in den Gewändern von Mönchen. Sie werden oft mit roter Haut und extrem langen Nasen dargestellt und haben ansonsten menschliche Charakteristika. Manche Dai-Tengu haben am Rücken gefiederte Flügel, verfügen aber zusätzlich über Arme und Beine. Viele von ihnen haben einen langen, wallenden Bart, der Weisheit und Alter symbolisiert. Die lange Nase ist kein Muss – es gibt ebenso viele Dai-Tengu, die eine relativ unscheinbare Nase haben und von einem Menschen kaum zu unterscheiden sind. In der Regel zeigt die Länge der Nase die Macht des Tengu an.

Ihre Geschichten – Karasu-Tengu

Karasu-Tengu werden oft als bösartig beschrieben. Über sie gibt es zahlreiche Berichte von Gräueltaten. In Sturzflügen machen sie sich über Menschen her und zerfetzen sie mit ihren bezahnten Schnäbeln. Es gibt Berichte über Vergewaltigungen und Folterungen durch Ko-Tengu. Einige Erzählungen führen auf, wie diese Wesen ihre menschlichen Opfer in die Lüfte tragen und aus großer Höhe fallen lassen. Kinder fesseln sie an Bäume, damit ihre Eltern die panischen Schreie hören, ohne den Nachwuchs erreichen zu können. Einige Menschen werden von Ko-Tengu entführt und gezwungen, ihre eigenen Exkremente zu vertilgen, bis in ihnen der Wahnsinn aufkeimt.

Besonders diabolische Freude empfinden Karasu-Tengu dabei, Mönche und Nonnen zu quälen und zu misshandeln. Gemessen an diesen Verbrechen ist ihre Vorliebe für das Stehlen wertvoller Dinge, das sie im Übermaß betreiben, kaum schockierend. Die Motive für ihre Vergehen an Menschen sind unklar, sie scheinen aus reiner Bösartigkeit und Schadenfreude zu handeln. Ko-Tengu verfügen laut vielen Geschichten über ein simples Gemüt und schwarzen Humor. Viele von ihnen überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten und lassen sich von gewitzten Menschen hinters Licht führen. So gehen Tauschhandel mit Ko-Tengu oft zugunsten der Menschen aus: Mit ein wenig Wortgewandtheit gelingt es ihnen immer wieder, den Tengu magische Objekte, wertvolle Reichtümer oder nützliche Informationen zu entlocken.

Sojobo tengu
Der Dai-Tengu Sojobo lehrt Yoshitsune die Kampfkunst, von Tsukioka Yoshitoshi © Wikimedia Commons

Ihre Geschichten – Dai-Tengu

Dai-Tengu hingegen treten in den unterschiedlichsten Rollen auf: Sie können als weise und mächtige Waldgötter, als ehrlose Diebe, mutige Krieger, Propheten, böse Dämonen oder Vorzeichen für schwere Schlachten in Erscheinung treten. Sie werden gleichermaßen gefürchtet und verehrt. Viele Dai-Tengu sind unter ihren individuellen Namen bekannt, so auch der König der Tengu, Sojobo. Dieser soll den Volkshelden Minamoto no Yoshitsune trainiert und ihm so übermenschliche Fähigkeiten in der Kampfkunst beigebracht haben.

Die Dai-Tengu leben abgeschieden und widmen ihren Alltag der Meditation. Sie sind stolz und mächtig und für den Menschen nicht berechenbar oder durchschaubar. Viele Naturkatastrophen werden den Dai-Tengu zugeschrieben, die sich mit diesen an den Vergehen der Menschen rächen wollen. Zudem erstreben viele von ihnen die Erleuchtung im buddhistischen Sinne, sind mit der Strömung des Shugen-do verbunden und verfügen über Wissen zu karmatischen Angelegenheiten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wich die Furcht vor den Tengu immer mehr der Verehrung. Sie sind ein populäres Thema im No- und Kabuki-Theater und der ukiyo-Malerei.

In buddhistischen Erzählungen wird beschrieben, dass Dai-Tengu geboren werden, wenn ein Mensch stirbt, dessen Seele verdorben ist, aber aufgrund seines Karmas nicht in die Hölle oder die Erlösung eingehen kann. Dafür können intensive Gefühle wie Wut, Rachsucht, Stolz oder Ketzerei verantwortlich sein, die sich in der Form der Tengu körperlich manifestieren und so ein übermenschlich mächtiges Wesen erschaffen.

 

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