• Japan entdecken
  • Podcast
  • Kazé Anime Nights
Anzeige

Die Yakuza

Einblicke in Japans Unterwelt

Die Yakuza, eine kriminelle Organisation, die einst jeden gesellschaftlichen und geschäftlichen Bereich in Japan kontrollierte und heute tief in der Existenzkrise steckt.

Japan kann wohl in vielerlei Hinsicht als das sicherste Land der Welt bezeichnet werden: nirgendwo sonst wird so wenig gemordet, geraubt und gestohlen wie im Reich der aufgehenden Sonne. Hier sieht man junge Schulkinder, die gänzlich unbegleitet zur Schule gehen, betrunkene Geschäftsleute, die friedlich mit ihrem Laptop unter dem Arm am Straßenrand schlummern und wer in einer Metropole wie Tokyo seine Wertsachen im Café oder in der Bahn liegengelassen hat, kann mit großer Wahrscheinlichkeit drauf hoffen, dass diese irgendwo abgegeben werden und zu ihrem Besitzer zurückkehren.

Bei Verbrechen brüstet sich die Polizei gerne mit einer sehr hohen Aufklärungsquote und selbst in den vermeintlichen No-Go-Areas fühlt sich zumindest jeder ausländische Besucher vollkommen sicher. Für die öffentliche Sicherheit in Japan sorgt u.a. ein dichtes Netz sozialer Kontrolle. Hier findet sich nahezu an jeder Straßenecke ein sogenanntes Koban, eine kleine Polizeibox, der ein zumeist freundlicher Polizeibeamter innewohnt, um den Bewohnern bei Alltagsproblemen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

In ländlichen Gegenden findet man dazu nicht selten kleine Bürgergruppen, die regelmäßig durch die Straßen patrouillieren, um etwaigen Verbrechen vorzubeugen.

Yakuza in Japan - Japans Unterwelt
Mitglieder eines Yakuza-Clans beim Sanja-Matsuri Festival in Tokyo | Flickr © Elmimmo (CC BY 2.0)

Wer regiert Japans Unterwelt?

Doch für Ruhe auf den Straßen sorgen in Japan nicht nur die Polizei und vereinzelte Bürgerpatrouillen, sondern auch die japanische Yakuza – die einflussreichen Verbrechersyndikate, die die Unterwelt von Japan regieren und ihren Machtbereich bis in die Sphären von Politik und Wirtschaft ausgeweitet haben.

Mehr zum Thema:
Demonstrationen gegen Halloween-Leckereien von Yakuza

Unter dem Begriff Yakuza werden verschiedene kriminelle Organisationen in Japan zusammengefasst, im Westen werden die Yakuza häufig als die japanische Mafia betitelt. Das Wort Yakuza leitet sich von einem traditionellen Kartenspiel ab und steht für die Zahlenkombination „wertlos“.

Ursprünge und Tätigkeitsbereiche der Yakuza

Die Entstehungsgeschichte der Yakuza reicht weit in die Edo-Zeit zurück, als sich Banden zusammenschlossen, um illegales Glücksspiel und fahrenden Handel zu betreiben.

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges haben sich die verbrecherischen Banden vornehmlich auf folgende Aktivitäten spezialisiert: den Schwarzmarkt, Geldwäsche, Prostitution, Erpressung, Finanzbetrug, illegales Glücksspiel, internationalen Schmuggel und das gewaltsame Eintreiben von Schulden.

Bis in die 60er Jahre hatte die Yakuza über 180.000 Mitglieder. Die verschiedenen, untereinander konkurrierenden Banden agierten als offiziell eingetragene Organisationen und wurden von Polizei, Politik und Gesellschaft gleichermaßen weitgehend akzeptiert. Die größte Gruppe innerhalb der Yakuza ist die sogenannte Yamaguchi-Gumi (Yamaguchi-Bande) aus Kobe, die 1915 gegründet wurde und in ihren besten Zeiten ca. 23.000 Mitglieder zählte.

Das Rotlichtviertel Kabukichō in Tokyo: hier haben die Yakuza das Sagen | Flickr © B Lucava (CC BY-NC-ND 2.0)

Der Einfluss der Yakuza reicht von der Politik über die Wirtschaft bis in die Tiefen des japanischen Atommüllgeschäfts

In Japan ist es kein Geheimnis, dass die Yakuza enge Kontakte zur Politik unterhält und auch in der Wirtschaft kräftig mitmischt. Ihre goldenen Zeiten erstreckten sich über die Jahre der Seifenblasenwirtschaft, als sie kräftig am Immobilienboom verdienten und mit vielen einflussreichen Konzernen in Verbindung gebracht wurden. Offiziellen Schätzungen zufolge dürfte der Jahresumsatz der Yakuza bei mehreren Milliarden Dollar liegen.

Im Gegensatz zum organisierten Verbrechen in anderen Ländern agieren die Yakuza nicht im Verborgenen. Sie sind offiziell registriert, unterhalten teils vornehme Büros, haben eigene Visitenkarten, registrierte Wohnsitze und übernehmen vielerorts lokale Schutzfunktionen. In Japan wundert es demnach auch keinen, wenn in Anzug gekleidete Männer mit Sonnenbrillen ihre ebenso schicken Bosse durch die Öffentlichkeit chauffieren, Spalier stehen, sie überallhin begleiten und für sie manchmal sogar ganze Straßenzüge sperren.

Hand in Hand mit der organisierten Kriminalität

Die Gangster können sich so offen in der Gesellschaft bewegen, weil es per se erst mal nicht verboten ist, einer Yakuza-Vereinigung anzugehören. Weil die Kriminellen eng mit der Polizei und den Politikern vernetzt sind, wird sich das so schnell wohl auch nicht ändern. Immer wieder kommt es in politischen und wirtschaftlichen Kreisen zu Skandalen, weil führende Politiker und Unternehmer – unter anderem auch aus der regierenden LDP – enge Verbindungen zu Verbrechersyndikaten unterhielten.

Auch auf dem Gebiet der Arbeitsvermittlung sind die Verbrecherorganisationen tätig. Nur wenige Monate nach der verheerenden Tsunamikatastrophe 2011 kam an die Öffentlichkeit, dass zum Teil von der Yakuza rekrutierte Männer die gefährlichen Arbeiten im havarierten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi verrichteten.

Yakuza in Japan
Nur selten bekommen die Japaner die prachtvollen Tätowierungen der Yakuza so zu sehen, wie auf dem Sanja Matsuri Festival in Tokyo | Flickr © Kan Phongjaroenwit (CC BY-NC-ND 2.0)

Faszination Yakuza: ehrenwerte Gangster und Erben der Samurai? Das Selbstbild der kriminellen Banden

Dass die Yakuza lange Zeit von der Gesellschaft weitgehend akzeptiert wurden, hat diverse Gründe: zum einen schützten sie die Bevölkerung vor Kleinkriminellen und Unruhestiftern und zum anderen waren es die Yakuza, die nach dem Krieg und bei verheerenden Katastrophen den Betroffenen halfen, nachdem vielerorts der Staatsapparat versagt hatte.

Die Yakuza selber bezeichnen sich häufig als die Nachfahren der ehrenvollen Samurai, die seit Jahrhunderten die vermeintlich wertlosen und gescheiterten Existenzen der japanischen Gesellschaft bei sich aufnehmen und in deren Sphären eine unumstößliche Hierarchie herrscht. Die zumeist homogenen Gruppen verbindet eine eigene Sprache und ein strenges Wertesystem, in dem der Untergebene seinem Oyabun (Vater/Bandenchef) lebenslange Loyalität und Treue schwört.

So war es vor allem in der Vergangenheit üblich, dass sich Mitglieder bei Verletzung des Ehrenkodex die Fingerkuppe abtrennten und ihrem Anführer übergaben oder für diesen lange Haftstrafen in Kauf nahmen.

Traditionell japanische Tätowierungen als Zeichen der Gruppenzugehörigkeit

Die Zugehörigkeit zu einer Gruppierung wird in Yakuza-Kreisen häufig durch das Tragen einer symbolträchtigen Ganzkörper-Tätowierung zum Ausdruck gebracht. Dabei wird den Mitgliedern nach den traditionellen Regeln der japanischen Tätowierkunst Tebori mit einem Bambusstab die Farbe unter die Haut gespachtelt.

Die von komplexen Mustern und ausdrucksstarken Motiven der traditionellen japanischen Holzschnittkunst geprägten Tätowierungen sind heute zwar nicht mehr zwingend, werden aber noch von vielen Gangstern getragen. Das stolze Selbstbild der Yakuza spiegelt sich auch in den zahlreichen japanischen Gangsterfilmen, denen das heimische Kino ein eigenes Genre schuf und in dessen Werken die vielfältigen Bräuche und Strukturen der Syndikate porträtiert werden.

Yakuza in Japan
Mitglieder eines Yakuza-Clans auf dem jährlichen Sanja Matsuri Festival in Tokyo 2012 | Flickr © Ari Helminen (CC BY 2.0)

Schwindende Mitgliederzahlen, Geldsorgen und eingeschränkte Möglichkeiten: Japans Unterwelt in einer tiefen Existenzkrise

Bei aller Faszination für die vermeintlichen Hüter des traditionellen Japans zeigt sich im Alltag, dass die so ehrenwerte Fassade der Gangster Risse aufweist und sie das spirituelle Erbe der Samurai lediglich an ihre eigenen Machtinteressen angepasst haben: die Unterweltsyndikate sind dafür bekannt, die Gesellschaft zunehmend mit Erpressung und Bestechung zu unterwandern und sie stecken seit wenigen Jahren zudem in einer tiefen existenziellen Krise: lange vorbei sind die Zeiten, in denen die Yakuza mehr oder weniger als Teil der Gesellschaft geduldet waren.

Der Kampf gegen die Yakuza

Dieser Umstand ist der verschärften Verfolgung durch die Justiz zuzuschreiben. Das Vorgehen gegen die kriminellen Banden begann 1992, als die Polizei den Kampf gegen die organisierte Kriminalität per Gesetz verschärfte. Demnach wurden verschiedene Institutionen, Versicherungen und Baufirmen dazu aufgefordert, jegliche Geschäfte mit den Yakuza zu unterlassen. Besonders die japanischen Banken, bei denen die Gangster bis dato teilweise sogar als Vorzugskunden behandelt wurden, wurden dazu aufgefordert, den Yakuza jegliche Konten zu sperren. Das widerrum veranlasste die Gangster dazu, ihre Aktivitäten zunehmend in legale Bereiche – insbesondere in den Immobilienmarkt, die Arbeitsvermittlung und den Finanzsektor – zu verschieben.

Wenig Anreize für Neueinsteiger

90.000 Mitglieder zählte das organisierte Verbrechen 1992, als die erste einer Reihe von Kampagnen gegen die Yakuza verabschiedet wurde. Nach Angaben der nationalen Polizeibehörde, die Buch über die Mitgliederzahlen führt, war die Zahl 2013 auf 58,600 Mitglieder gesunken. Der rasante Niedergang der einst so mächtigen Yakuza ist einer Vielzahl von Faktoren zuzuordnen.

Aufgrund der vielen Gesetzesänderungen und Verordnungen im Kampf gegen die kriminellen Organisationen reicht es zum Beispiel nicht mehr, dass eine Gruppierung nach einer Straftat einfach jemanden aus den eigenen Reihen opfert und ausliefert, denn heute können die Bosse für die kriminellen Machenschaften ihrer Untergebenen belangt werden. Dazu kommt, dass auch die Yakuza nicht von Wirtschaftskrisen und Rezessionen verschont geblieben sind: das Geld wird knapper und das führt widerrum dazu, dass die Anreize für potenzielle Neueinsteiger schwinden.

Yakuza in Japan
Auch heute noch werden großflächige Tätowierungen mit den Yakuza assoziiert | Flickr © Ari Helminen (CC BY 2.0)

„Ich sehe nur einen Unterschied zwischen Yakuza und Politikern: Yakuza wissen wenigstens, dass das, was sie tun, unrecht ist“.

Der japanischen Polizeibehörde zufolge sei der rasante Niedergang der einst so mächtigen kriminellen Organisationen der erfolgreichen Verbrechensbekämpfung zu verdanken, aber es gibt viele Stimmen, die das ganz anders sehen.

Zwar werden weniger Gangster in den offiziellen Statistiken aufgeführt, seien aber dafür verstärkt im Verborgenen tätig. Und so lange Polizei, Politik, Justiz und das organisierte Verbrechen systematisch miteinander vernetzt bleiben, müssen sich die kriminellen Organisationen wohl kaum in ihrer Existenz bedroht fühlen.

Die Ikone japanischer Gangster-Filme, Regisseur und Unterhaltungskünstler Takeshi Kitano hat in einem Interview mal zu Wort gebracht, was so manch einer in Japan von der Symbiose Yakuza-Politik denkt: „Ich sehe nur einen Unterschied zwischen Yakuza und Politikern: Yakuza wissen wenigstens, dass das, was sie tun, unrecht ist“.

Rolling Sushi - der Japan-Podcast von Sumikai

Rolling Sushi - Japan für die Ohren

Anzeige

Anzeige

1 Kommentar

  1. „Porträt einer kriminellen Organisation, die einst jeden gesellschaftlichen und geschäftlichen Bereich in Japan kontrollierte und heute tief in der Existenzkrise steckt.“

    … der Stelle musste ich schmunzeln…als ich mich daran erinnert habe, dass ich in Osaka von einer Dame, die zweifelsfrei ein Teil der Yakuza war, auf deutsch ansprochen wurde.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here

Anzeige

Cookie-Einstellung

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und Werbung einblenden zu können,verwenden wir Cookies. Datenschutz | Impressum

Treffen Sie eine Auswahl um fortzufahren

Ihre Auswahl wurde gespeichert!

Hilfe

Hilfe

Um fortfahren zu können, müssen Sie eine Cookie-Auswahl treffen. Nachfolgend erhalten Sie eine Erläuterung der verschiedenen Optionen und ihrer Bedeutung.

  • Alle Cookies zulassen:
    Jedes Cookie wie z.B. Tracking- und Analytische-Cookies.

Sie können Ihre Cookie-Einstellung jederzeit hier ändern: Datenschutz.

Zurück