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Mystisches Japan

Onryo – Japans furchteinflößende Poltergeister

Onryo, der Verbreiter von Angst und Schrecken. Wohl kaum ein mystisches Wesen wirkt auf die Japaner von heute so furchteinflößend, wie dieser Poltergeist. Doch was hat es damit auf sich?

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Zwei bekannte Poltergeister, die in japanischen Horrorfilm-Klassikern die Menschen verfluchen, sind Kayako aus Juon und Sadako aus Ringu. Figuren wie diese sind es, die seit dem Altertum bis heute die Knie der Japaner regelmäßig zum Schlottern bringen.

Eine Untergruppe der Geister

Onryo sind eine Untergruppe der Yûrei (Geister) und gehören damit zur zweiten großen Gruppe der japanischen Fabelwesen neben den Yôkai (Monster).

Onryo ist die Bezeichnung für einen zornigen Poltergeist.
Onryo ist die Bezeichnung für einen zornigen Poltergeist. Bild: Kosodate/ Wikimedia Commons

Der Name Onryo bedeutet wörtlich „rachesüchtiger Geist“ oder „wütender Geist“. In frühen Quellen wird er auch als Akuro („bösartiger Geist“) oder als Goryo (böser Geist eines Adeligen) bezeichnet. Er gehört zu den Yûrei und zur Untergruppe der Shiryo („Geister der Toten“).

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Im Altertum hatten Onryo kein bestimmtes Aussehen und galten als vollkommen gestaltlose und unsichtbare Wesen, ähnlich wie in Europa. Erst mit der Edo-Zeit bekamen Yûrei eine Form. Sie tragen oft weiße Kimono, die die traditionelle Totenkleidung darstellen. Sie sind blass und haben oft fahle Lippen in Kombination mit blau unterlaufene Augen.

Wirres Haar steht für starke Macht

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Ein wichtiges Merkmal sind ihre wilden, ungekämmten Haare. Haare gelten in Japan als Sitz verschiedener Energien und wirres, ungeordnetes Haar wird mit dem Tod und starker Macht in Verbindung gebracht. Viele Onryo haben zudem keine Füße und schweben. Dazu gibt es nur wenige Ausnahmen.

Onryo teilen all diese Charakteristika als Untergruppe der Yûrei. Sie können aber zusätzlich noch furchtbar entstellt oder grausig aussehen, blutverschmiert sein, leuchtende Augen haben oder sich kriechend anstatt schwebend fortbewegen.

Als Wesen der Zwischenwelt fristen sie ihr Dasein in einem Raum zwischen Leben und Tod, zwischen der Menschenwelt und der Hölle.

Sie sind überall und nirgends

Daher können sie überall und nirgends zugleich sein und können mit keinem Lebensraum auf unserer Welt in Verbindung gebracht werden. Besonders häufig treten sie allerdings an Friedhöfen in Erscheinung, wenn sie dort bestattet wurden. Auch in ihren ehemaligen Häusern, oder am Ort ihres – oft gewaltsamen – Todes sind sie häufig zu finden.

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In den frühesten Erzählungen der japanischen Geschichte sind böse und rachsüchtige Geister von verstorbenen mit einer gigantischen Macht ausgestattet und können durch ihren Groll sogar Naturkatastrophen wie Erdbeben und riesige Brände verursachen. Auch aus diesen Gründen wurde vor allem in der vorgeschichtlichen Zeit die Hauptstadt Japans immer wieder verlegt, wenn der Tod eine Stadt heimgesucht hat, da man fürchtete, Onryô (oder Akuryô) könnten die Stadt verfluchen.

Die drei großen Onryo

Die drei größten Onryo Japans sind allesamt Adelige aus dem Mittelalter und gehören somit auch zu der Unterkategorie der Goryo (Rachsüchtige Geister des Adels).

Taira no Masakado, der im Jahr 940 getötet wurde, hatte einen Aufstand angeführt und die Hauptstadt Kyoto angegriffen. Er betitelte sich selbst als der „neue Kaiser“, doch sein Erfolg blieb von kurzer Dauer. Nach seinem Tod wurde ein Schrein für ihn errichtet, da Masakado als Onryo Furcht und Schrecken verbreitete. Noch heute wird der Schrein aufwendig gepflegt, denn es heißt, dass der Onryo des Masakado zurückkehren würde, wenn man seiner nicht mehr gedenke.

onryo michizane tenjin
Portrait von Sugawara no Michizane (Tenjin) aus dem 15. Jahrhundert. Bild: Anonym – Honolulu Museum of Art, Gemeinfrei, Link

Der zweite große Onryo ist Kaiser Sutoku, der nach seinem Exil als Mönch lebte. Er schrieb viele buddhistische Schriften für den Hof, doch niemand nahm sie an, aus Furcht er habe die Schriften verflucht. Nach seinem Tod wurde er laut einigen Erzählungen entweder zu einem Dai-tengû (und gehört in dieser Form zu den drei größten Yôkai Japans), oder zu einem Onryo. Das Unglück, das nach seinem Ableben über das Kaiserhaus kam, sowie der Untergang der kaiserlichen Macht und der Aufstieg des Kriegeradels, schien mit dem Onryo Sutoku in Verbindung zu stehen.

Gott der Bildung ist ein Onyro

Der dritte große Rachegeist Japans ist der wohl bekannteste der drei: Sugawara no Michizane, der als Gott der Bildung verehrt wird und im Shinto den Namen Tenjin trägt. Er wurde aus der Hauptstadt nach Kyushu (heutiges Dazaifu) versetzt und war darüber einem starken Groll verfallen. Aus Sehnsucht nach der Heimat, dem Gefühl der Ungerechtigkeit und grenzenloser Wut wurde auch er nach seinem Tod zu einem Onryo.

Zu dieser Zeit wurde die Hauptstadt durch Zerstörung, riesige Gewitter und Flutkatastrophen geplagt. Zudem starben alle Söhne des Kaisers. Die Menschen errichteten einen Schrein für Michizane in Kyoto und Dazaifu und erhoben ihn zu einer Gottheit, woraufhin der Spuk ein Ende hatte. Noch heute wird er von vielen jungen Leuten für den Schutz und für gutes Gelingen bei Prüfungen und dem Lernen aufgesucht.

Die drei großen Yûrei

Seit der Edo-Zeit durch das Entstehen einer Massenkultur, sowie durch das Kabuki-Theater und die Ukiyo-e-Malerei wurden Onryo in ganz Japan zu einem beliebten Thema von Gruselgeschichten. Unzählige Sammlungen von Geistergeschichten erschienen. Die Geschichten der Onryo aus der Edo-Zeit gehen auf chinesische Literatur und die frühesten literarischen Werke Japans, zum Beispiel das Konjaku monogatari, zurück.

Onyro namens Oiwa
Oiwa, der Onryo aus „Yotsuya Kaidan“ von Kuniyoshi. Bild: Kuniyoshi – English Wikipedia, Gemeinfrei, Link

Die drei großen Yûrei Japans (im Gegensatz zu den drei großen Onryo), sind allesamt weiblich, ebenso rachsüchtig wie ihre männlichen Leidensgenossen und ihre Geschichten überaus bekannt.

Oiwa aus der Geschichte „Tokaido Yotsuya Kaidan“ ist eine Onryo, die auch gegenwärtig für Angst und Schrecken sorgt. Wenn ihr Leben durch Film oder Theater dargestellt wird und die Schauspieler nicht an ihrem Grabe um Erlaubnis bitten, geschehen auch heute noch am Set fürchterliche Dinge – sogar Tode.

Wenn das Blut in den Adern gefriert

Otsuyu aus „Kaidan botan dôrô“ ist die einzige bekannte Onryo, die sich wie ein normaler Mensch ausgeben kann und nur von besonders mächtigen, weisen Geistlichen entlarvt werden kann. Ihr Erscheinen wird mit dem Geräusch „karannn koronnn“ angekündigt, das durch ihre Holz-Geta entsteht. Obwohl Otsuyu wunderschön ist, lässt dieses Geräusch das Blut in den Adern gefrieren.

Okiku, die in der Erzählung „Banchô sarayashiki“ herumspukt, wird angeblich heute noch des Nachts in der Burg Himeji gehört. Der Brunnen, in dem sie starb, steht auf dem Gelände dieser Burg.

Die Geschichten von Kayako und Sadako

Viele dieser Damen liefern den Stoff für zahlreiche Horrorfilme und die Vorbilder für moderne Onryo – allen voran Kayako Saeki in der Filmreihe Ju-On. Kayako verbrachte als Kind den Großteil ihrer Freizeit mit ihrer Katze Kuro, ihre Eltern kümmerten sich nicht groß um ihr Gefühlsleben. Ihre romantischen Gefühle für einen ihrer Lehrer schreibt sie in einem Tagebuch nieder. Diese Zeilen sorgen später für eine unkontrollierbare Eifersucht bei ihrem späteren Ehemann Takeo.

Seine Wahnvorstellungen entladen sich in einem grausamen Mord. Nach ihrem Tod wird Kayako zu einem Onyro. Ihrem Geist gelingt es schließlich sich zu rächen und Takeo zu töten.

Auf der Suche nach einer menschlichen Hülle

Auch die Geschichte von Sadako geht unter die Haut. Das Geistermädchen fand den Tod, da man sie in einen Brunnen warf. Der Grund? Das Mädchen soll übernatürliche Kräfte besessen haben. Ihr Geist fasst den Wunsch, die Menschheit auszurotten, doch dafür braucht sie einen menschlichen Körper. Fortan steigt sie mithilfe eines verfluchten Videobandes aus Bildschirmen aller Art aus …

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Weiteren Geistern und Monstern aus der japanischen Geschichte widmen wir uns im nächsten Teil.

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