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Kriegsrelikte in Japans Haupstadt

Stille Kriegszeugen – die Betonsockel von Chidorigafuchi in Tokyo

Im Umgang mit seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg tut sich Japan schwer. Besonders in der Hauptstadt Tokyo scheint die Geschichte des Krieges noch weiter entfernt zu sein als etwa in Hiroshima oder Nagasaki. Doch auch hier finden sich heute noch stille Zeugen der Geschichte.

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Einige von ihnen stehen im Stadtteil Chiyoda, im Kitanomaru-Park. Der war früher Teil der Burg von Edo, dem Sitz des Shogun und beherbergte nach der Meiji-Restauration das Hauptquartier der kaiserlichen Garde. Heute ist der Park ein Erholungszentrum für die Bevölkerung und Standort der Kampfsport- und Konzerthalle Nippon Budokan.

Kriegswaffen zum Schutz des Kaiserpalastes

Vom bunten Treiben der Stadt trennt den Park der Chidorigafuchi-Wassergraben, der die Burg und später den Kaiserpalast vor Angriffen schützen sollte. Hier, wo im Frühjahr unzählige Besucher von Ruderbooten aus die Kirschblüte bewundern, stehen sieben Betonsockel. Sie sind die letzten Überbleibsel des Schreckens der letzten Kriegsmonate.

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Die rissigen Betonsockel mit ihren zwei Metern Durchmesser und 50 Zentimetern Höhe geben ein markantes Bild ab, doch die wenigsten Besucher des Parks wissen, um was es sich bei ihnen handelt. Eine Antwort finde sich in Aufzeichnungen der japanischen Regierung nach dem Ende des Krieges.

Die sieben heute noch vorhandenen Sockel sind der letzte Rest einer Verteidigungslinie aus Flugabwehr-Geschützen, mit denen Japan im Juli 1945, wenige Monate vor Kriegsende, den Kaiserpalast gegen Luftangriffe schützen wollte. Ganze 64 Maschinenkanonen des Typs 98, vergleichsweise kleine und leichte Waffen, wurden am Ufer des Chidorigafuchi-Graben platziert. Ihre Aufgabe: Flugzeuge des US-Militärs abzuschießen, die dem Kaiserpalast gefährlich werden konnten.

Weite Teile Tokyos wurden im Krieg zerstört

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Den Anlass für die Aufrüstung rund um den Palast gaben die verheerenden Luftangriffe auf Tokyo einen Monat zuvor, die auch den Kaiserpalast trafen. Die Operation „Meetinghouse“ vernichtete weite Teile Tokyos, forderte nach seriösen Schätzungen mindestens 100.000 Todesopfer und zählt als zerstörerischster Bombenangriff der Geschichte – selbst im Vergleich mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

Doch eine wirkliche Chance, Angriffe abzuwehren, hatten die am Palast installierten Geschütze nicht. Die B-29 Bomber, mit denen die amerikanischen Streitkräfte Tokyo immer wieder bombardierten, flogen in einer Höhe von 10 Kilometern. Die Geschosse der Abwehrkanonen jedoch hatten nur eine Reichweite von zwei Kilometern.

In seinen Erinnerungen an den Krieg beschreibt Autor Masahisa Enai, der als Teil der kaiserlichen Garde den Palast bewachte, wie die von den Kanonen abgeschossenen Kugeln wieder zu Boden fielen, ohne ihre Ziele zu treffen. Frühere Bewohner des angrenzenden Stadtteils Chuo berichten, wie die Geschosse dort auf Häuser niedergingen und Menschen verletzten oder sogar töteten.

Doch weder zu den Standorten der Kanonen noch zu ihrer Geschichte finden sich offizielle, ausführliche Informationen. Ein Interesse daran, die Geschichte Tokyos im Krieg anhand der Relikte zu vermitteln, gibt es beim Umweltministerium, das die Parkanlagen um den Palast verwaltet, nicht. Auf der Internetseite des Ministeriums zum Kitanomaru-Park wird nur in einem Satz auf Überreste von Flugabwehr-Anlagen hingewiesen.

Die offizielle Begründung, warum man sich nicht darum bemüht, die Sockel als Denkmäler zu nutzen: Es gäbe dazu keine Anfragen von Anwohnern. Tatsächlich entsteht der Eindruck, man möchte in Tokyo vermeiden, an die Geschehnisse des Krieges zu erinnern. Obwohl die Stadt Ziel gewaltiger Angriffe wurde, finden sich hier keine gesonderten Gedenkparks und Museen wie in Hiroshima und Nagasaki.

An historischer Einordnung mangelt es in Tokyo

Die einzige offizielle Gedenkstätte für die Opfer der Bombenangriffe befindet sich im Stadtteil Sumida im kleinen Yokoamicho-Park. Der Park und die darin stehende Gedenkhalle dienten der Erinnerung an die Opfer des großen Kanto-Erdbebens von 1923, nach dem Krieg brachte man hier auch die Asche der Bombenopfer unter und widmete die Gedenkhalle im Nachgang beiden Ereignissen.

So bleibt es dabei, dass die Information über die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges fragwürdigen Akteuren überlassen wird. Wie dem Yushukan, einem Kriegs- und Militärmuseum auf dem Gelände es berüchtigten Yasukuni-Schreins. In dem wird unter anderem verurteilten Kriegsverbrechern gedacht, was regelmäßig zu diplomatischen Konflikten mit Ländern führt, die im Zweiten Weltkrieg besonders stark unter Japans Aggressionen zu leiden hatten.

Im Yushukan wiederum wird die Geschichte des Krieges stark revisionistisch dargestellt. Japan ist in der Präsentation des Museum nur ein Opfer fremder Mächte, Ziel des Krieges sei die Rettung anderer asiatischer Länder vor dem Westen gewesen. Kriegsverbrechen der japanischen Armee hingegen, die gut dokumentiert sind, werden im Museum nicht erwähnt. An dieser Darstellung durch mehr Informationen etwas zu ändern – beispielsweise an den alten Flugabwehr-Standorten, dazu fehlt in Tokyo allerdings der politische Wille.

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