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Liebe über den Tod hinaus

Ubume – Das Schicksal der verstorbenen Mütter Japans

Ubume ist ein Yokai aus der japanischen Folklore mit einer Geschichte besonders dramatischen Ursprungs. Welche Rolle Säuglinge darin spielen, erklären wir in diesem Teil unserer Reihe über Sagengestalten aus Japan.

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Bei Ubume (jap. 産女) handelt es sich um Geister schwangerer Frauen. Wörtlich übersetzt bedeutet der Name „Frau, die gebärt“ oder „Frau kurz vor der Geburt“. Sie gehören zu den Yurei. Es sind Geister, die keine Ruhe im Tod finden, weil die Sorge um ihre Kinder sie umtreibt.

Sie erscheinen an nebeligen und verregneten Tagen oder Nächten in der Regel in der Nähe des Ortes, an dem sie qualvoll verstorben sind.

Ubume nimmt unterschiedliche Gestalten an

In vielen Überlieferungen sieht Ubume wie eine ganz normale Frau aus. Manchmal wird sie als Greisin dargestellt. Seltener erscheint sie mit blutverschmierten Gewändern oder gar als verwesende Leiche mit einem nur halb-entwickelten Fötus in den Armen. Wer es wagt, dem Geist den Fötus abzunehmen, wird mit Unheil, in der Regel mit dem Tod, bestraft.

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So wie das Äußere in den Überlieferungen unterscheidet sich je nach Region in Japan auch der gängige Name für diesen Yokai. Zu den überlieferten Namen gehören beispielsweise Obo (Präfektur Fukushima), Unme (Präfektur Nagasaki) und Ubametori (Präfektur Ibaraki). Mit Letzterem ist auch ein weiterer Yokai gemeint: Ein bösartiger Vogel, der kleine Kinder von glücklichen Eltern stiehlt.

Bei Kokakuchō (jap. 姑獲鳥, oder 夜行遊女) soll es sich um eine Weiterentwicklung von Ubume handeln. Spezialisten gehen heutzutage davon aus, dass es sich bei kokakuchō und ubametori um dasselbe Wesen handelt.
Bei Kokakuchō (jap. 姑獲鳥, oder 夜行遊女) soll es sich um eine Weiterentwicklung von Ubume handeln. Spezialisten gehen heutzutage davon aus, dass es sich bei kokakuchō und ubametori um dasselbe Wesen handelt. Bild: Wikimedia commons
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In den Präfekturen Saga und Kumamoto wird der Yokai Ugume genannt. Entsprechenden Überlieferungen zufolge sorgt Ugume dafür, dass Menschen nachts ihr Baby umarmen, doch wenn der Morgen kommt, erkennen sie, dass sie Stroh oder Steine im Arm gehalten haben.

Der japanischen Folklore zufolge wird eine Frau zur Ubume, wenn sie bei der Geburt ihres Kindes stirbt. Ob sie mit ihrem Kind im Arm umherzieht, hängt davon ab, ob das Kind die Geburt überlebt oder nicht.

Ubume versucht ihren Frieden zu finden

Überlebt das Kind, zeigt Ubume ihre gütige Seite. Denn sie tut alles in ihrer Macht stehende, um das Überleben und Aufwachsen des Kindes zu sichern. Beispielsweise lockt sie lebende Verwandte zu der Stelle, an der sie das Kind gebar, in der Hoffnung, dass diese den Säugling finden und aufnehmen. Erst dann kann die Seele der Frau Frieden finden.

Klappt dies nicht, besucht Ubume Geschäfte, um Essen und Süßigkeiten für ihr Kind zu kaufen. Anstelle von Geld zahlt sie mit vertrockneten Blättern. In einigen Fällen bleibt die Seele der verstorbenen Mutter für immer in der Nähe ihres Kindes und beschützt es, bis es selbst erwachsen ist.

Gutmütige Helfer werden zerquetscht

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Sterben Mutter und Baby bei der Geburt erscheint der Yokai mit einem Fötus auf dem Arm. Dann wird es gefährlich für ahnungslose Menschen, die der Frau helfen wollen. Ubume erweckt deren Aufmerksamkeit in der Regel mit einem herzzerreißenden Weinen. Erbarmt sich jemand und nimmt dem weinenden Geist das Baby ab, verschwindet Ubume. Doch damit endet die Geschichte nicht. Das Bündel in den Armen des gutmütigen Helfers wird schwerer und schwerer, bis er unter dem Gewicht zusammenbricht und zerquetscht wird.

In anderen Überlieferungen erscheint der Geist als nackte, hochschwangere Frau, die schreiend vor Trauer und Verzweiflung umherrennt und in Bezug auf ihr Ungeborenes „Bitte, werde geboren, werde geboren!“ fleht.

Grausame Riten der Vergangenheit

Dass die Geister zum Teil sehr rachsüchtig sein können, wird spätestens dann nachvollziehbar, wenn man sich mit dem „hitobashira„-Ritus auseinandersetzt. Bei diesem grausamen Ritual wurden Menschen bei lebendigem Leib in ein neu zu bauendes Gewölbe eingemauert. Oftmals waren es Mütter mit ihren kleinen Kindern, da sie als rein und unbescholten galten.

Im Laufe der Zeit etablierten sich ebenso Rituale, die verhindern sollten, dass eine verstorbene Mutter die Bevölkerung nicht als Ubume heimsucht. Vielerorts sei es demnach üblich gewesen, das Baby einer verstorbenen Mutter bei der Beerdigung in ihre Arme zu legen oder das tote Kind in ihren Körper zurückzuschieben.

Ubume ist im Gegensatz zu anderen Yokai nie per se auf Rache aus. Sie gilt bis heute als Sinnbild der Liebe einer Mutter, die bis über den Tod hinaus geht.

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Der Detektivroman „Ubume no natsu“ (Der Sommer der Ubume) hat im Erscheinungsjahr 1994 einen regelrechten Ubume-Hype in Japan ausgelöst. Die Geschichte wurde 2005 verfilmt.

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