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Geister und Mythen

Yuki-Onna – Japans mysteriöse Schneefrau

Yuki-Onna ist der wohl bekannteste und mächtigste Geist in der japanischen Mythologie. Ihr widmen wir den zweiten Teil unserer Reihe über mystische Wesen der japanischen Geschichte.

Der Name Yuki-Onna (jap. 雪女) bedeutet auf Deutsch Schneefrau. Ihr wird zugeschrieben, wunderschön zu sein, eine wahre femme fatale, die Menschen mit ihrem tiefen Blick in den Wahnsinn treiben kann. Sie reiht sich ein in die schier unendlich wirkende Anzahl von Monstern und Gespenstern, die über die Grenzen Japans hinaus bekannt sind.

Mehrere Namen und mehrere Erscheinungsformen

Yuki-Onna ist inmitten der japanischen Monster und Gespenster – den Yokai (jap. 妖怪) – einer der berühmtesten Geister. Die mysteriöse Schneefrau ist auch unter den Namen „Yuki-Musume“ (Schnee-Mädchen), „Yuki-Onago“ (Schnee-Maid), „Yuki-Jorō“ (Schnee-Dirne), „Yuki-Onba“ (Schnee-Großmütterchen) und „Yukinba“ (Schnee-Hexe) bekannt. Die unterschiedlichen Bezeichnungen hängen mit ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen in bestimmten Regionen Japans zusammen.

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Doch egal wie Yuki-Onna aussieht, eines haben alle ihre Versionen gemein: Begegneten verirrte Wanderer dem hübschen Geist während eines Schneesturms, war dies ihr Todesurteil.

Die Schneefrau ist in ganz Japan bekannt. Ihr bevorzugtes Terrain sind abgelegene, gebirgige Regionen, in denen viel Schnee fällt. Vor allem ist sie im Hochwinter anzutreffen, wenn es besonders kalt und verschneit ist. Sie zeigt sich den Menschen bevorzugt in den dunkelsten Nächten des Jahres.

Yuki-Onna aus "Hyakkai zukan" von Sawaki Sûshi.
Yuki-Onna aus „Hyakkai zukan“ von Sawaki Sûshi. Bild: Wikimedia Commons

In den meisten Überlieferungen wird die Yuki-Onna als hochgewachsene Gestalt mit schneeweißer, manchmal durchsichtiger Haut, rabenschwarzen langen Haaren und blauen Lippen beschrieben. Ihre Schönheit wird dabei besonders betont.

Ein Wesen, das keine Spuren hinterlässt

Sie trägt entweder einen langen weißen Kimono, passend zu der verschneiten Landschaft, in welche sie sich bewegt; oder sie zeigt sich den Menschen nackt. Yuki-Onna ähnelt stark den Geistern der japanischen Mythologie, den yūrei. Eine Besonderheit unterscheidet sie jedoch: Die Schneefrau aus Japan hat keine Füße. Sie schwebt durch die Luft und hinterlässt somit keine Spuren, wenn sie mal wieder einen verirrten Wanderer in den Tod getrieben hat.

Es heißt, es gäbe so viele Legenden über die Yuki-Onna, wie es in Japan Berge gibt. Deswegen hält sich die Meinung, dass es sich bei Yuki-Onna um eine Ganze Art japanischer Fabelwesen, ähnlich den Kappa, handele. Allerdings wird Yuki-Onna in der Regel als einsame Gestalt beschrieben. Deswegen gehen heute viele Menschen davon aus, dass es sich immer um dieselbe Kreatur handeln müsse, die die Fähigkeit der Gestaltwandlung beherrscht.

Die böse Seite der Yuki-Onna

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Beschreibung der Yuki-Onna, was ihr Wesen betrifft, stark abgewandelt, und zwar von böse zu gutherzig. Lange Zeit wurde sie als rein bösartiger Geist beschrieben, da sie ahnungslosen Wanderern auflauere und ihnen den eisigen Tod bringt. Entweder brachte sie die Menschen vom Weg ab oder sie setzte ihren berühmten Eisatem ein.

In anderen Geschichten erscheint sie mit einem Säugling auf dem Arm. Wenn gutherzige Reisende ihr das Kind abnehmen wollen, um es zu wärmen, gefrieren diese an Ort und Stelle.

Familien sterben im Schlaf

Man könnte meinen, dass es nicht noch grausiger geht, doch die Schneefrau legte in den meisten Überlieferungen noch viel mehr Boshaftigkeit an den Tag. In besonders kalten Winternächten, wenn nicht nur in den Bergen, sondern auch in den Dörfern Schnee und Eis wüten, dringt sie in die Häuser nichts ahnender Familien ein und ermordet diese im Schlaf. Oder sie gibt sich als hilflose Wanderin aus und tötet gutherzige Seelen, die ihr in der Kälte Zuflucht gewähren wollten.

Die bösartige Yuki-Onna ergötzt sich nicht nur am Tod der Menschen, sie absorbiert auch die schwindenden Lebenskräfte. Willensschwache Männer sterben durch einen letzten Todeskuss. Überlieferungen wie diese lassen den Gedanken an eine gütige Schneefrau nur schwer zu.

Toriyama Sekien Yuki onna
Die Yuki-Onna bei Toriyama Sekien. Bild: Wikimedia Commons

Die gütige Seite der Yuki-Onna

Doich sie wird nicht ausschließlich als kaltherzig beschrieben. Sie ist durchaus in der Lage Mitleid zu empfinden mit ihren Opfern. In diesem Fall lässt sie sie ziehen. In einer bekannten Geschichte lässt Yuki-Onna einen kleinen Jungen wegen seiner Schönheit und Jugend am Leben, wenn er ihr verspricht, niemals von ihr zu erzählen. Zu diesem Zeitpunkt weiß er nicht, dass die Schneefrau seinen guten Willen testen wird.

Einige Jahre später nimmt er sich eines armen Mädchens ohne Familie an, nimmt sie zur Frau und bekommt Kinder mit ihr. Er liebt sie innig und so kann er nicht anders, als sein Versprechen zu brechen und ihr von dem Treffen mit der Schneefrau zu erzählen, die sein Leben verschonte. Während dieses Gespräches offenbart sich seine Ehefrau als Yuki-Onna selbst. Doch statt ihn zu töten, weil er sein Versprechen nicht hielt, verschont die Schneefrau den Mann ein zweites Mal. Sie will ihren Kindern nicht den Vater nehmen. Sie schmilzt in den Armen des jungen Mannes dahin und wurde nie mehr gesehen.

Die Yuki-Onna und der Volksglaube

Die Yuki-Onna manifestiert die Ängste und Gefahren, die der Winter mit sich bringt. Ihre Geschichte ermahnte Reisende, die kalte Jahreszeit und die Berge – vor allem bei Nacht – zu meiden und nicht vom Weg abzukommen. Wie der Winter selbst zeigt sich die Yuki-Onna unberechenbar. Sie ist wunderschön, doch kann sie auch hässlich und grauenvoll sein. Sie ist Schnee und sie ist Kälte: wunderschön, aber auch gefährlich.

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