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Shiver – Die Kunst der Taiko Trommel

Eine filmische Klangreise mit den Meistern des Trommelns

Die Konzerthallen Deutschlands hat das japanische Taiko Performing Arts Ensemble Kodo in der Vergangenheit schon des Öfteren gefüllt. Nun setzt die Gruppe gemeinsam mit Komponist und Musiker Koshiro Hino zum Sprung in die deutschen Kinos an. “Shiver – Die Kunst der Taiko Trommel” ist ein ungewöhnlicher Musikfilm, den der Filmverleih Rapid Eye Movies ab 23.06.2022 auf die Leinwände bringt.

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Nachdem der Film vor Kurzem für einen Release in Deutschland angekündigt wurde, hatte Sumikai die Gelegenheit ihn vorab zu sehen. Das Fazit: “Shiver” ist nicht einfach eine Kodo Live-Show auf Film gebannt. Der erste Film der Gruppe ist ein komplett eigenständiges Werk und ergänzt die musikalische Geschichte des Ensembles um ein aufregendes, neues Kapitel.

In “Shiver” ist jeder Klang Teil der Komposition

Dafür sorgt die Zusammenarbeit Kodos mit Koshiro Hino. In den 89 Filmminuten unternehmen Hino und Kodo eine gemeinsame musikalische Reise in acht Sequenzen, lernen sich kennen und experimentieren miteinander, bis sie schließlich im großen Finale ihre Stile komplett verschmelzen lassen. Dass das nicht nur gut klingt, sondern auch gut aussieht, darum kümmert sich Regisseur Toshiaki Toyoda.

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Wenn in den ersten Szenen des Films Wassertropfen fallen, der Wind heult und die langgezogenen Töne eines Harmoniums durch den Raum schweben, ist man bereits mittendrin in Koshiro Hinos Vision. Bei ihm gibt es keine Hintergrundgeräusche, jeder Laut, ob künstlich oder natürlich, wird Teil seiner Komposition. Für “Shiver” verzichtet der Künstler auf die für ihn markanten elektronischen Sounds und begibt sich ganz ins Territorium der traditionellen Instrumente, aus denen die Musik von Kodo besteht.

Das Kennenlernen von Kodo und Hino beginnt in der Sequenz “woodblock” ganz sanft mit kleinen Holzblöcken, auf denen das Ensemble dirigiert vom Komponisten spielt. Hino experimentiert, gibt mit den Händen Anweisungen, das Ensemble selbst wird für ihn zum Instrument. Einfache Rhythmen werden ständig wiederholt, verändern sich nur minimal.

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Das ist Hinos Stil, den er auch in seiner Solo-Musik verwendet. Entsprechend finden sich in den einzelnen Sequenzen gerade am Anfang auch keine Spannungsbögen, keine musikalischen Höhepunkte, die man sonst in Musikstücken erwarten würde. Vielmehr wird diese Struktur auf das Gesamtwerk verlegt, zu dem sich die Sequenzen zusammenfügen.

Mehr als nur Taiko-Trommeln

Denn der Film ist in seiner Gesamtheit quasi ein einziges, 89-minütiges Stück – und auch das ist ganz klar die Handschrift Hinos, der als Solokünstler durchaus auch mal Werke mit einer Länge von einer Stunde und mehr kreiert. Mit jeder Sequenz wechseln die Klänge, der Komponist wird vom Dirigenten zum Musiker. Statt Holzblöcken kommen nun klatschende Hände zum Einsatz, dann kleine Metallinstrumente, ein Gong, Stimmen und schließlich die ersten Trommeln. Jedes neue Stück des Films entwickelt die Musik weiter, weg von einfachen Klängen hin zu komplexen Kompositionen.

Wer vor allem der Taiko-Trommeln wegen in den Film geht, der muss Geduld mitbringen. Denn nach einem kurzen Segment in der Eröffnungssequenz des Films dauert es eine gute halbe Stunde, bis erstmals wieder das typische Donnern einer der dicken Röhrentrommeln Teil der Musik wird. Dabei sind die ruhigen Sequenzen bis zu diesem Punkt jedoch keineswegs langweilig, sondern entwickeln vielmehr einen meditativen Charakter und legen den Grundstein für die musikalische Entwicklung des Films.

In der zweiten Hälfte von “Shiver” wechselt die Musik zum typischen Stil von Kodo, hier kommen Fans abwechslungsreicher und meisterhaft gespielter japanischer Trommel-Musik voll und ganz auf ihre Kosten. Das Ensemble kann dann zeigen, womit es weltberühmt geworden ist: Trommelkunst in Perfektion. Dass auch diese Stücke von Hino komponiert sind, zeigt umso mehr, wie gut er die Essenz von Kodo in der Zusammenarbeit verstanden hat. Seine eigenen Einflüsse baut er subtil ein, gibt der Gruppe Raum, ihre Stärken auszuspielen.

Die Sequenz "Shiver" bildet den Höhepunkt des Films
Szenenbild aus der titelgebenden Sequenz „Shiver“. Bild: Greenhouse PR

Das kommt insbesondere in der titelgebenden Sequenz “Shiver” zur Geltung, die visuell und musikalisch als Höhepunkt des Films gelten darf. Zwei Trommler und eine riesige Odaiko-Trommel, mehr braucht es hier nicht. Muskulöse Körper, die mit jahrelang trainierter Kraft und Präzision, aber auch mit Leidenschaft, die Schlägel auf die Trommel sausen lassen, bis zur Erschöpfung. Das ist Kodo in Bestform!

Die auf “Shiver” folgenden Stücke bleiben stilistisch mit beiden Füßen im Gebiet von Kodo, bis schließlich im Finale “Games” noch einmal klar und deutlich die Einflüsse Hinos zur Geltung kommen. Gemeinsam bringen Komponist und Ensemble ihre Reise zu einem würdigen Abschluss und entlassen die Zuschauer:innen zurück in die Wirklichkeit, aus der er sie zuvor entführt hat.

Denn der Film schafft es auch visuell in den Bann zu ziehen. Regisseur Toyoda versteht sich darauf, die Musizierenden gekonnt in Szene zu setzen. Mit ruhigen Kamerafahrten führt er durch die Szenerien. Die befinden sich sowohl in den Trainingsräumen von Kodo, als auch in der wilden Natur der Insel Sado, wo das Ensemble seinen Sitz hat.

Eine klare Empfehlung für Taiko-Fans und alle, die es werden wollen

Für alle, die Kodo bereits kennen oder ein generelles Interesse an japanischer Taiko-Musik haben, für die gehört „Shiver – Die Kunst der Taiko Trommel“ zum Pflichtprogramm! Auch für Fans der Werke von Koshiro Hino dürften sich die 90 Minuten lohnen. Allen anderen empfehlen wir einen Blick in den Trailer, der den Inhalt des Films sehr gut repräsentiert. Für deutsche Seh- und Hörgewohnheiten ist Shiver durchaus ungewohnt und damit nicht uneingeschränkt für alle geeignet.

Wer sich auf den über die ganze Länge des Films stattfindenden Aufbau der Musik nicht einlassen kann, wird die Geduld verlieren, bevor “Shiver” überhaupt richtig loslegt. Dass der Film ohne Sprache und Texte auskommt, dient positiv der Konzentration auf Bilder und Klang, dadurch fehlt jedoch auch jegliche Einordnung der Sequenzen und des Dargestellten.

Etwa des Noh-Masken-tragenden Mannes, der immer wieder auftaucht und dessen Bedeutung bis zum Schluss im Dunkeln bleibt. Es bleibt das Gefühl, dass “Shiver” hier mehr sagen möchte, eine Erzählebene hat, die sich nur schwer erschließt. Das ändert am tollen Gesamteindruck nichts, lässt Zuschauer aber am Ende womöglich ein wenig verwirrt zurück.

Der geheimnisvolle Masken-Mann
Der Masken-Mann tritt immer wieder auf. Seine Rolle bleibt leider unklar. Bild: Greenhouse PR

Wer es nicht schafft, eine der Kino-Vorstellungen von “Shiver” zu besuchen, aber nach diesem Text Interesse an der Taiko-Kunst Kodos hat, sei auf die Kanäle der Gruppe z.B. auf Spotify verwiesen. Dort ist erst kürzlich mit “Kizashi” das neueste Album der Taiko-Künstler erschienen, das ganz auf traditionelle Instrumente setzt. Empfehlenswert sind ebenfalls die zwei Alben der “Heartbeat Laboratories”, in denen Kodo dem Titel entsprechend mit verschiedenen Stilen experimentiert.

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