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Im Interview: Mitsune – Shamisen-Musik aus Berlin

Neben der Bambusflöte Shakuhachi und dem zitherartigen Koto, ist die Shamisen vermutlich eines der Instrumente, deren Klang ein Hörer unmittelbar mit Japan assoziiert. Umso erstaunlicher mag es scheinen, dass die Shamisen auch ihren Weg in die deutsche Bundeshauptstadt fand.

Shamisen in Berlin

Mit dem Shamisen Berlin e.V. wurde im Sommer 2014 die erste professionelle Vereinigung für Freunde dieses japanischen Saiteninstruments gegründet.
Mit verschiedenen Auftritten, etwa beim Japan-Tag in der Urania und internationale Kooperationen, etwa durch Workshops mit Hibiki Ichikawa erwarb sich der Verein bereits einen gewissen Ruf.

2017 erregte dann das Trio „Mitsune 蜜音 die Aufmerksamkeit der japanbegeisterten Hauptstädter und die Auftritte im „Roji – japanische Gärten“ in Bartschendorf bei Berlin, trugen zur steigenden Popularität der drei Musikerinnen bei.

Diesem steigenden Interesse trug man Rechnung und so gingen im März und April 2018 nicht nur die offizielle Webseite des Trios Mitsune, sondern auch die entsprechende Facebook-Seite, sowie der YouTube-Kanal der Musiker online.

Anspruchsvolle Musik und Promotion setzen viel Arbeit voraus – und so freuen wir uns besonders, dass Youka, Tina und Shiomi inmitten der Vorbereitungen auf ihr Debut-Album die Zeit fanden, einige Fragen zu beantworten und ihre Eindrücke von west-östlichem Dialog über die drei Saiten der Shamisen zu schildern.

Wie kommt man als Westler überhaupt zum Shamisen-Spiel?

Wir waren alle drei schon musikalisch tätig, bevor wir erstmalig mit Shamisenmusik in Kontakt kamen. Youka spielte bereits Violine, Tina Gitarre und Shiomi unter anderem Klavier. Aber der Shamisenklang hat etwas Faszinierendes an sich und ist sehr vielfältig, da ist die Neugier groß. Und um ganz ehrlich zu sein, wenn man erst einmal den Dreh mit dem Bachi (Plektrum) raus hat, macht diese Anspieltechnik auch einfach unheimlich Spaß.

Wie kam es nun zur Gründung des Trios „Mitsune 蜜音“ – Immerhin würde man solch ein Ensemble eher in Deutschlands „Japantown“ Düsseldorf erwarten?

Wir haben uns kennen gelernt, weil wir alle Shamisen spielen. Und durch unseren unterschiedlichen kulturellen und musikalischen Backgrounds eröffnete sich uns eine Vielzahl an Möglichkeiten für musikalische Arrangements. Wir ergänzen einander auch auf wunderbare Weise und es bedarf nicht vieler Worte zwischen uns, um die Töne zu finden, die am besten funktionieren.

Bevor wir weiter in die Geschichte eures Trios und das Thema allgemein einsteigen, eine Frage, die vielleicht manchen Leser interessieren dürfte:

Die japanische Sprache verfügt nicht über grammatische Geschlechter – ist also nun „die Shamisen“, „das Shamisen“ – oder gar „der Shamisen“ ?

Vielleicht liegt die Antwort versteckt in der Frage. Die japanische Sprache unterscheidet dort nicht. Eine eindeutige Antwort ist da schwierig. Aber vielleicht sollte es „die Shamisen“, allerdings nicht als feminine Form sondern vielmehr, weil das Wort Shamisen buchstäblich auf die drei Saiten verweist, also im Plural. Und oft benötigt man keinen Artikel, z.B wenn wir es lieben, „Shamisen zu spielen“ 😉

Nachdem diese Frage geklärt ist, bleiben wir zunächst einmal beim Instrument.
Die Ausstattung – die Instrumente, aber auch die Garderobe – sind alles andere als alltäglich.

Daher dürfte es schon bei der Reparatur kleinerer Schäden sicher nicht immer einfach sein, passende Ersatzteile und Material zu finden
.
Wie löst ihr Probleme, wie etwa ein gebrochenes Bachi (Plektrum), oder gerissene Saiten? Woher bezieht ihr eure Ausstattung?

Meist beziehen wir solche Sachen direkt aus Japan. Saiten werden öfter mal benötigt, daher haben wir die auf Vorrat. Bei kleineren Reparaturen freuen wir uns, dass es hierzulande einige talentierte Instrumentenbauer anderer Saiteninstrumente gibt, die sich offen auch den neuen und mitunter kuriosen Herausforderungen stellen und uns schon das eine oder andere Mal aus der Klemme geholfen haben.

Manch anderes Mal haben wir selbst Hand angelegt und Reparaturen vorgenommen. Aber wenn größere Reparaturen erforderlich wären, müssten wir die Instrumente nach Japan schicken. Da ist es gut, ein Ersatzinstrument zur Hand zu haben.

Gehen wir nun etwas auf die Hintergründe heutiger Shamisen-Musik ein.

Einige Künstler, wie etwa die „Yoshida Brothers“ veröffentlichen bereits seit mehreren Jahren erfolgreich Kompositionen mit starken modernen Elementen und sind zu gefeierten Stars geworden. Kevin Kmetz geht dabei sogar bis zum Shamisen-Metal.

Auffällig ist, dass sich offenbar gerade der energetische Stil des Tsugaru-Shamisen bei solchen Ansätzen der „World/Fusion-Music“ besonderer Beliebtheit erfreut.

Was ist die Besonderheit dieses Instruments gegenüber anderen Formen der Shamisen und worauf führt ihr die Popularität des Tsugaru-Shamisen inklusive der typischen Spielweise zurück?

Der Tsugaru Stil ist schnell und dynamisch. Und da dieses Instrument auf Straßenmusik angelegt war, zielt es auch in der Spielweise darauf ab, Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Darüberhinaus beinhaltet das Tsugaru Repertoire viele kunstvolle Passagen – hat eine große Tradition für Solo-Improvisationen. Und das perkussive Spiel mit dem Plektrum, das im Tsugaru Stil besonders intensiv ist, übt eine große Faszination aus.

Wahrscheinlich hat das alles dazu beigetragen, dass dieses Instrument so einfach in andere Musikrichtungen aufgenommen wurde.

Mitsune hat als Berliner Shamisen-Gruppe einen eigenen Sonderstatus gewonnen – wo seht ihr euch im Spannungsfeld zwischen traditioneller und moderner Musik? Wie würdet ihr euer beschreiben?

Musik befindet sich in einem ständigen Entwicklungsprozess, ist niemals statisch. Was die Menschen mögen, das erhalten sie musikalisch am Leben und fügen etwas von ihnen selbst hinzu. Wir lieben Shamisenmusik und setzen sie gern fort.

Es ist eine tolle Erfahrung, traditionelle Stücke zu spielen. Und es ist sogar noch aufregender mitzuerleben, was passiert, wenn die sehr eigenen Shamisentechniken z.B. auf Latin Rhythmen oder Jazz Skalen treffen.

Traditionell und modern schließen sich nicht gegenseitig aus. Wir sind beides. (Und manchmal kann auch das Publikum den Unterschied nicht mehr feststellen.)

Ihr habt nun bereits eine Reihe von Live-Auftritten absolviert – wie sind die Reaktionen des Publikums auf die doch eher ungewöhnlichen Klänge der Shamisen?

Die Menschen sind meist völlig begeistert und wollen mehr erfahren. Sie wollen sich den Namen merken und fragen häufig nach der korrekten Aussprache.

Außerdem kombinieren wir verschiedene Stile in der Auswahl unserer Songs für jeden Auftritt, um die Vielseitigkeit dieses Instruments zu zeigen, verschiedene Stimmungen, Rhythmen, Skalen, abwechselnder Dynamik und natürlich eine Mischung von Stücken, die bis ins 15. Jahrhundert zurückgehen, bis hin zu gänzlich neuen Kompositionen. Das erwartet das Publikum nicht und zeigt sich oft überrascht.

Wir haben nun bereits einige Male über Präsentation und Veröffentlichungen gesprochen – und da ist es natürlich naheliegend, auf die aktuellen Pläne von Mitsune zu sprechen zu kommen.

Für den kommenden Sonntag den 28. Juli ist die offizielle Veröffentlichung eures Debutalbums geplant.

Der Titel ist ja bislang noch unbekannt – also werde ich eher Fragen zur Entstehung des Albums stellen.

Es weiß vermutlich jeder, der schon einmal versuchte mit einer Garagenband bekannt zu werden, dass es trotz aller technischen Möglichkeiten keineswegs einfach ist, Musik auf dem professionellen Niveau eines Studio-Albums zu produzieren.

Welche Schwierigkeiten sah sich eure Gruppe bei der Produktion eines Albums gegenüber?

Der Auswahl- und Vorbereitungsprozess für die Songs war einfach und hat viel Spaß gemacht. Aber weil unser Budget begrenzt ist, mussten wir mit unseren Ressourcen haushalten, um diese Aufnahmen zu ermöglichen. Das bedeutet, dass wir fast das gesamte Album als Trio live (also nicht einzeln) eingespielt haben mit minimaler Ausrüstung.

Aufnahmeleitung und Tonmischung wurden von Bandmitgliedern und deren Partnern vorgenommen, die glücklicherweise erfahrene Toningenieure sind. Ansonsten macht Versuch oft klug und wir hätten zahlreiche Versuche bei den Mikrofontests vor den eigentlichen Aufnahmen.

Shamisen aufzuzeichnen, ist eine besondere Herausforderung aufgrund der großen Bandbreite an Klängen und Lautstärken. Die größte Schwierigkeit war also, uns drei alle gleichzeitig aufzunehmen – es ist undenkbar, Gruppenklang zu mischen.

Die Shamisen ist nun nicht unbedingt ein Instrument, dessen Klang westlichen Ohren vertraut ist- wie überzeugt man Produzenten oder andere Unterstützer davon, dass Erfolgsaussichten bestehen? Oder wirkte hier tatsächlich purer Idealismus?

Normalerweise entsteht die Begeisterung schon während den Auftritten. Die Leute kommen auf uns zu und sagen „Das habe ich gar nicht erwartet. Ich dachte, Shamisenmusik ist leise, sanft und langsam. Aber das war atemberaubend und verbreitet so viel Stimmung.“

Shamisen wird üblicherweise mit Geishas assoziiert und dann sind die Leute erstaunt und begeistert, wenn sie erstmalig Tsugaru Shamisen hören.

Was die CD betrifft, gab es also gar keinen Bedarf mehr, jemanden zu überzeugen. Wir produzieren diese CD, weil die Leute uns immer wieder darum gebeten haben, unsere Musik auch mit nach Hause nehmen zu dürfen.

Wir sind froh, ihnen diesen Wunsch nun endlich erfüllen zu können, und hoffen, dass ihnen gefällt, womit wir nun aufwarten.

Wir wollten unserem Live-Stil treu bleiben, aber auch die Chancen nutzen, die sich bei Aufnahmen ergeben und die wir normalerweise live nicht haben, also z.B. musikalische Gäste einzuladen. Wir haben diesen Prozess sehr genossen und ganz neue Seiten an unserem Repertoire entdeckt.

Wie groß ist der Unterschied zwischen Live-Auftritten und den Aufnahmen für ein Album?

Die Herausforderungen bei Audio Aufnahmen sind tatsächlich ganz andere als bei Live-Auftritten oder auch Video Aufnahmen. Der Anblick von Shamisenspielerinnen ist ungewöhnlich und zieht auch viel visuelle Aufmerksamkeit auf sich. Haltung und Mimik sind dabei genau so wichtig wie die Musik, die man spielt.

Passagen, die live aufregend sind und das Publikum in ungeduldige Erwartung versetzen, können auf CD langweilig und endlos wirken. Bei der Aufzeichnung muss die Musik also für sich wirken, ohne soziale Interaktion.

Nach so viel Informationen über die Popularität des Shamisen und eurem spürbaren Enthusiasmus, müssen wir an dieser Stelle langsam zum Schluss kommen.

Daher die letzte Frage: Wenn einer unserer Leser nach diesem Interview nun Lust verspürt, sich selbst im Studium der Shamisen zu probieren – welchen Rat würdet ihr ihm geben?

Nicht warten, am besten gleich anfangen. Es macht Riesenspaß. Und es gibt zunehmend mehr Möglichkeiten, das Shamisenspiel auch außerhalb Japans und ohne japanische Sprachkenntnisse kennenzulernen, auch hier in Deutschland. Schaut z.B. nach dem Shamisen Berlin e.V. oder Bachido.com, da kann man ganz einfach eintauchen in die Shamisenwelt, ganz gleich ob mit oder ganz ohne musikalische Vorerfahrungen.

Vielen Dank für das Interview – und viel Erfolg für das Album-Release und künftige Projekte.

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