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HomeJapan entdeckenJapan in DeutschlandOnigiri-Restaurant "Tokyo Gohan" in Dresden: Japanische Reisbällchen aus der "Ghost Kitchen"

“Onigiri verbindet Japan und die Welt” - Gespräch mit zwei japanischen Gründern in Deutschland

Onigiri-Restaurant „Tokyo Gohan“ in Dresden: Japanische Reisbällchen aus der „Ghost Kitchen“

Kann man sich die Familie aussuchen? Wenn es nach Takashi Aoki und Akiyasu Tsuchiya geht, lautet die Antwort ganz klar: Natürlich kann man. Vor sechs Jahren waren die beiden noch Fremde, dann wurden sie in Deutschland zu Brüdern. Heute versorgen sie mit ihrem Geschäft „Tokyo Gohan“ die Menschen in Dresden mit japanischen Reisbällchen. Ihr Motto: „Onigiri verbindet Japan und die Welt“. Sumikai hat mit ihnen über ihre Geschichte gesprochen.

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Es ist ein sonniger Freitagnachmittag in der Dresdner Neustadt, dem Ausgehviertel der sächsischen Hauptstadt. In ein paar Stunden wird sich das Viertel mit Menschen füllen, die den Ausklang der Woche in einem der vielen Clubs, Bars und Restaurants feiern wollen. Hier hat das Onigiri-Restaurant Tokyo Gohan seinen Sitz – auch wenn man es gerade noch nicht sieht. Nur am Briefkasten eines Wohnhauses in der Sebnitzer Straße findet sich ein Hinweis: ATbrothers UG. Unter diesem Namen haben zwei Japaner in Dresden ein ungewöhnliches Unternehmen gestartet.

Vom Fußball-Traum zur Onigiri-Küche

Ich treffe die beiden Gründer am Ende ihrer Mittagspause, sie haben sich Zeit genommen für ein Gespräch, bevor das Abendgeschäft beginnt. Zweimal am Tag öffnet Tokyo Gohan seine Türen – oder genauer gesagt seine Fenster. Gerade räumt Akiyasu Tsuchiya (27) noch einige Stühle und Tische beiseite. Die gehören einem benachbarten Restaurant, das sie den Onigiri-Machern zur Mittagszeit überlässt. Denn Tokyo Gohan hat keinen Gastraum, keine eigenen Sitzplätze. Stattdessen werden die Reisbällchen direkt aus einem Fenster im Erdgeschoss verkauft, auf Märkten angeboten oder geliefert. „Ghost Kitchen“ nennt sich das Konzept.

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Pünktlich zur verabredeten Zeit trifft auch Takashi Aoki (29) ein, der die Pause zum Joggen genutzt hat. Sport hat für die beiden Gründer eine große Bedeutung. Denn ohne Sport hätten sie sich wohl nie kennengelernt. Ihre Geschichte beginnt ungefähr im Jahr 2016. Zu dieser Zeit halten sich Akiyasu – der ursprünglich aus der Region Chiba stammt – und Takashi – ein gebürtiger Tokyoter – in Frankfurt auf, nehmen dort an Sprachkursen teil. Beide sind begeisterte Hobby-Fußballer, hoffen im Amateur-Bereich Fuß fassen zu können. Das, so erzählen sie, ist der Traum vieler junger Japaner – für Fußballer ist Deutschland ein Traumziel.

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Die beiden lernen sich kennen, freunden sich an und verbringen immer mehr Zeit miteinander. Wie sie selbst sagen, werden sie in dieser Zeit zu Brüdern. Schließlich jedoch müssen sie nach Japan zurück. Dort führt der Weg nach Tokyo und ins anstrengende japanische Arbeitsleben. Die beiden Freunde sind im IT-Bereich tätig und ertragen über zwei Jahre die schwierigen Arbeitsbedingungen mit langen Arbeitstagen und wenig Freizeit. Schnell ist ihnen klar: Das soll nicht ihre Zukunft sein.

Beide leben zu dieser Zeit wieder in Tokyo, im Stadtteil Minato mitten im Zentrum der japanischen Hauptstadt. Keine fünf Minuten sind es zwischen den beiden Wohnungen, darum treffen sie sich bei jeder Gelegenheit, sprechen über ihre Pläne für eine Rückkehr nach Deutschland. Sie wollen sich eine eigene Existenz aufbauen und etwas anbieten, das es in dieser Form noch nicht gibt. Schließlich fällt die Wahl auf eine Speise, die viel Raum für Varianten bietet, in Japan eine jahrhundertelange Geschichte hat und sich auch für den deutschen Geschmack eignet: Onigiri.

Aus dem modernen Zentrum Tokyos ins historische Dresden

Inspirieren ließen sie sich dabei auch von einem deutschen Restaurant in Tokyo. Das „Schmatz“ hat, so wie Tokyo Gohan jetzt in Dresden, ganz klein angefangen. Heute gibt es in der japanischen Hauptstadt zwanzig Filialen des Geschäfts, in denen die Gäste deutsches Bier und Spezialitäten wie Currywurst genießen können. Zuerst planten Akiyasu und Takashi, ihr eigenes Business ebenfalls in der deutschen Hauptstadt zu starten. Doch schnell wird klar: sich in der riesigen Berliner Gastronomie-Szene einen Platz zu erkämpfen, wäre ein riskantes Unterfangen. Ihr Blick richtet sich auf andere wichtige Städte im Land und bleibt schließlich bei Dresden hängen.

Die Gründer von Tokyo Gohan
Takashi Aoki (links) und Akiyasu Tsuchiya (rechts) am Verkaufs-Fenster von Tokyo Gohan. Bild: Robert Fischer

Die sächsische Landeshauptstadt bietet einen ausgewogenen Mix: Gewerberäume sind hier bezahlbar, in der Dresdner Neustadt und im Stadtzentrum gibt es eine aufgeschlossene Gastronomie-Szene, in der auch neue Konzepte Platz haben und Interesse wecken. Wochenmärkte und Tourismus bieten Zugang zu einer immer wechselnden Kundschaft. Die Möglichkeiten, hier erfolgreich Fuß zu fassen, überzeugen die beiden Gründer. Sie ziehen im Frühjahr 2021 nach Dresden und gründen das Unternehmen „ATbrothers“.

Die Bürokratie rund um die Beschaffung eines Visums und der Anmeldung eines Gewerbes, so sagen die beiden übereinstimmend, war die größte Hürde auf dem Weg. Unzählige Anträge mussten ausgefüllt werden, Verordnungen gelesen und Genehmigungen eingeholt werden. Zumal die Beschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie die Möglichkeiten begrenzten, die ein Geschäft in der Gastronomie hatte. Doch die beiden ließen sich nicht entmutigen und brachten die Unternehmensgründung erfolgreich über die Bühne.

Authentischer japanischer Geschmack mit deutschem Einfluss

Dann begann die praktische Arbeit. Denn für die Eröffnung von Tokyo Gohan brauchte es zuerst einmal ein Menü. Ideen wurden gesammelt und Rezepte beim gemeinsamen Kochen ausprobiert. Freunde und Bekannte wurden zu Test-Essern für altbekannte Onigiri-Sorten wie Thunfisch-Mayo und neue Erfindungen wie Avocado-Tomate. Die zehn beliebtesten Varianten schafften es schließlich ins reguläre Angebot von Tokyo Gohan und bilden die Basis des Geschäfts, dazu gibt es wechselnde Sonderangebote. Darunter sind auch ungewöhnliche Kombinationen, die mit der deutschen Küche spielen: Reisbällchen der Geschmacksrichtung Bismarck-Hering etwa findet man sonst nirgendwo auf der Welt.

Fünfzig Sorten haben die beiden Männer mittlerweile ausprobiert und sind immer auf der Suche nach neuen Inspirationen. Die holen sie sich zum Beispiel beim Einkauf im Supermarkt. Immer sind sie mit offenen Augen unterwegs und überlegen, womit man die Reisbällchen noch füllen könnte. Neben den zur Verfügung stehenden Sorten unterscheiden sich die Onigiri von Tokyo Gohan vor allem in einem Punkt von denen, die man sonst kennt: ihre Größe. Für Japaner müssen die Reisbällchen des Ladens wahrhaft riesig anmuten, schließlich sind sie mehr als doppelt so groß wie gewohnt und prall gefüllt. Das kommt dem deutschen Geschmack entgegen, schließlich sind Mahlzeiten hier meist deutlich umfangreicher als in Japan.

Ihre Onigiri bieten Akiyasu und Takashi einzeln oder in Bento-Boxen mit Beilagen an. Dann gibt es zu den Reisbällchen noch Spezialitäten wie Edamame (junge Sojabohnen), Karaage (frittiertes Hühnchen), in Sojasoße gekochte Algen und mehr. Wenn sie mehrmals in der Woche auf Märkten in der Stadt präsent sind, bereiten sie eine Reihe der Boxen vor und verkaufen sie dann an die Marktbesucher. Gerade in der Mittagszeit sind die Boxen beliebt. Mittlerweile haben sogar Food-Touren für Touristen Tokyo Gohan in ihre Routen mit aufgenommen. Das freut die Gründer besonders, denn es zeigt, dass sie mit der Wahl Dresdens richtig lagen. Hier sticht ihr Geschäft mit seinem besonderen Konzept und dem einzigartigen Angebot heraus.

Tokyo Gohan Bento-Box
So eine Bento-Box macht locker satt. Hier mit den Onigiri Sorten Takuan/Yukari und Ramen Pork. Bild: Robert Fischer

Wichtig ist den Onigiri-Machern aber, auch bei den ungewöhnlichsten Sorten mit ihren Onigiri authentisch japanische Küche zu bieten. Dazu wählen sie ihre Zutaten sehr sorgfältig aus und nutzen Reis in bester Qualität aus Japan. Welchen genau, das bleibt ein Geschäftsgeheimnis. Sie erzählen, dass viele Menschen in Dresden eine falsche Vorstellung davon haben, wie japanische Küche schmeckt. Denn es gibt zwar eine Vielzahl an Restaurants mit japanischen Speisen – vor allem Sushi – in der Stadt, die werden aber in den seltensten Fällen von Japanern geführt. Und das schmecke man eben, so die beiden, selbst wenn das Essen ansonsten gut sei. Gerade mal eine Handvoll wirklich authentischer „japanischer“ Restaurants gibt es aktuell in Dresden.

Der Weg aus der heimischen Küche zum eigenen Tokyo Gohan-Geschäftsraum

Nachdem das Konzept und die Speisekarte feststanden, begann der Verkauf der Onigiri zuerst aus der eigenen Küche heraus. Bestellen konnten die Gäste online, es wurden verschiedene Orte zur Abholung angeboten. Im September 2021 mieteten sich die beiden Männer dann in der Küche des Restaurants Ogura direkt im Zentrum Dresdens ein. Nur wenige Meter von der Dresdner Frauenkirche entfernt konnten Onigiri-Freunde die japanischen Köstlichkeiten nun direkt in der historischen Altstadt erwerben. Doch auch das Ogura war nur ein Zwischenschritt.

Wenige Monate später zog Tokyo Gohan in die aktuellen Geschäftsräume in der Dresdner Neustadt. Auf der Sebnitzer Straße fanden sie ein geeignetes Objekt. Das kleine Zimmer, von dessen Fenster aus sie Bestellungen aufnehmen und ausgeben, ließen die Freunde mit dem Logo des Geschäfts und japanischen Motiven bemalen. Vorerst wollen sie nicht nochmal umziehen, haben aber bereits Pläne für den weiteren Weg von Tokyo Gohan.

Noch im Sommer 2022, so das Ziel, soll eine zweite Filiale des Unternehmens in Berlin starten. Alle Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren, auch einen Social-Media-Auftritt gibt es bereits. Dass die Onigiri in Berlin gut ankommen werden, daran gibt es keine Zweifel. Beim Japan-Markt im Mai war das Team aus Dresden im Foodcourt präsent – und praktisch dauerhaft ausverkauft. Immer wenn eine neue Ladung Bento-Boxen angeliefert wurde, war sie innerhalb von Minuten schon wieder verkauft.

Expansion in Deutschland, Europa und vielleicht sogar nach Japan

Wenn es in Berlin läuft, sollen auch andere große Städte in Deutschland dazukommen. Irgendwann, so der Wunsch, könnte es sogar Filialen in mehreren europäischen Ländern geben. Ganz nach dem Motto „Onigiri verbindet Japan und die Welt“. Italien etwa, oder Spanien, das können sich Akiyasu und Takashi gut vorstellen. Und eines Tages gibt es Tokyo Gohan womöglich auch in Tokyo selbst – schließlich sind die Onigiri-Variationen ungewöhnlich genug, um auch in Japan herauszustechen.

Was sie ursprünglich nach Deutschland brachte, haben die beiden Freunde nicht vergessen. Wenn sie nicht gerade neue Onigiri-Sorten austüfteln und hungrige Kundschaft mit ihren Reisbällchen versorgen, sind die beiden sportlich aktiv. Joggen und Bouldern gehören zu ihren Aktivitäten, vor allem aber Fußball. In Dresden sind sie im Verein aktiv und spielen jedes Wochenende Turniere. Sowohl auf dem Spielfeld als auch in der Küche sind die selbst gewählten Brüder unzertrennlich.

 

Informationen zum Restaurant:

Wer die Onigiri von Tokyo Gohan selbst probieren möchte, findet alle Informationen auf der Webseite des Geschäfts: tokyo-gohan.com

Aktuelle Öffnungs- und Marktzeiten veröffentlichen Akiyasu und Takashi zudem auf der Instagram-Seite von Tokyo Gohan.

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