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Rokuyō: Das Schicksal ist berechenbar

Wer Arthur Goldens Bestseller „Die Geisha“ gelesen hat, wird dabei auch auf eine Form japanischen Aberglaubens gestoßen sein – das „Rokuyō“ (六曜).

Die gescheiterte Flucht der Protagonistin Sayuri wird dabei von ihrer späteren Mentorin auf den ungeeigneten Wochentag zurückgeführt. Obwohl es also um Glückstage und Unglückstage geht, handelt es sich um keinen echten Kalender.

Ziel dieses Systems ist nämlich nicht die Bestimmung eines bestimmten Datums, wie etwa der Geburtstag des Buddha, sondern es geht lediglich darum, die Schicksalsfaktoren an diesem Tag zu deuten und zu eigenen Gunsten zu nutzen.

Besonders traditionsbewusste Japaner legen heute noch großen Wert darauf, wichtige Ereignisse wie Hochzeiten und Geschäftsabschlüsse nur an „glückverheißenden Tagen“ durchzuführen.

Das System dahinter ist fester Bestandteil von astrologischen Almanachen und Wahrsager-Dienstleistungen. Tauchen wir also ein, in eine Welt des japanischen Aberglaubens, die mehr als nur Freitag den 13. kennt.

Woher stammt Rokuyō?

Das Konzept der sechs Wochentage (rokuyōbi 六曜日), die zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlichen Einfluss auf das Schicksal haben sollen, kam offenbar ursprünglich in China auf und gelangte dann auf die japanischen Inseln.

In China war das allwissende Buch „Tung Shing“ (通勝) die Vorlage für zahlreiche Orakelbücher. Das Werk bietet auch viele weitere Angaben, etwa über Glück bringende Reiserichtungen und dergleichen mehr.

Nach Japan kam der Sechs-Tage-Kalender zwar schon im 14. Jahrhundert, doch erst in der Edo-Zeit (1603 – 1868) wurde das Deuten der Tage populär, als mit dem Aufkommen des Buchdrucks auch die astrologischen Kalender und Almanache (koyomi 暦) größere Verbreitung in der Bevölkerung fanden.

Der Mondkalender umfasst lediglich sechs Wochentage und bereits deren Namen wiesen auf die jeweiligen Besonderheiten hin. Diese haben sich im Rokuyō bis heute erhalten.

Die Wochentage des Rokuyō

Der Glaube an die übernatürlichen Einflüsse beschränkt sich nicht einfach auf die Unterscheidung von Glückstagen und Unglückstagen, sondern ist differenzierter, wie ein Blick auf das System zeigt.

Sakigachi/Senchō (先勝)

Der „Tag des frühen Erfolgs“ soll am Morgen Glück bringen, das jedoch am Nachmittag in Unglück umschlagen wird. Er gilt als Unternehmenstag.

Jetzt getroffene Vertragsabschlüsse, eingereichte Klagen oder Anträge bei Ämtern haben nun eine besonders gute Aussicht auf Erfolg. Es gilt also schnell zu entscheiden. Die Devise lautet „der frühe Vogel fängt den Wurm“.

Tomobiki/Yūin (友引)

Der „Tag des Freunde-Ziehens“ soll ganztägig Glück bringen – mit Ausnahme der Mittagsstunde. Auch juristische Angelegenheiten oder sportliche Wettbewerbe laufen jetzt angeblich besonders günstig, könnten jedoch unentschieden ausgehen.

Wegen seines Namens sollten jedoch keine Begräbnisse an diesem Tag stattfinden, da man fürchtet, der Verstorbene könne Freunde „mit sich ziehen“ und so zu weiteren Todesfällen führen.

Sakimake/Senbu (先負)

Der „Tag der frühen Niederlage“ ist praktisch das Gegenteil zum Sakigachi und somit einen Morgen voller Unglück bescheren, der sich erst am Nachmittag wandelt.

Da Geschäftsabschlüsse und andere wichtigen Entscheidungen früh am Tag getroffen werden, verzichten abergläubische Zeitgenossen sicherheitshalber auf schwerwiegende Entscheidungen.

Auch Hast und Eile sollten vermieden werden. Die andere Partei sollte den ersten Zug machen. Die Devise lautet „Wer eilt, verliert“

Butsumetsu (仏滅)

Der „Todestag des Buddha“ ist der absolute Unglückstag der Woche. Jetzt sollten keine wichtigen Entscheidungen getroffen werden.

Umzüge und Geschäftseröffnung stehen unter keinem guten Stern. Man hofft auch, jetzt nicht krank zu werden, denn der Verlauf einer Krankheit, die an diesem Tag ausbricht soll schwerer sein, als an glücklicheren Tagen.

Patienten ziehen es sogar vor, lieber einen Extra-Tag in der Klinik zu verbringen, als das Risiko einzugehen, am „Todestag“ das Krankenbett möglicherweise als Leichnam zu verlassen.

Wie Studien zeigten, stellt diese Extrarunde sogar eine nachweisbare finanzielle Belastung für das Gesundheitssystem dar, ähnlich wie im Westen an Freitag dem 13.

Da natürlich kaum jemand an diesem Tag heiraten will, bekommen jene Mutigen die es wagen dem Schicksal zu trotzen, von einigen Hochzeitsdienstleistern einen Rabatt angeboten.

Taian/Daian (大安)

Der „Tag des großen Friedens“ ist der Glückstag der Woche und alle Unternehmungen an diesem Tag mit besonders gutem Schicksal gesegnet.

Aus diesem Grund ist der Taian auch besonders beliebt für Hochzeiten, was zu Engpässen bei Standesämtern führen kann. Also besser rechtzeitig reservieren.

Der Aberglaube wird aber auch von findigen Besitzern der Lotteriebuden genutzt, um mit einem Schild auf die besondere Gewinnchance hinzuweisen und so Kunden anzulocken.

Sekiguchi/Shakkō(赤口)

Der „Tag der roten Öffnung“ ist das Gegenteil zum Tomobiki. Den ganzen Tag über droht Unheil, mit Ausnahme der Mittagszeit, die als glückbringend gilt.

Die Farbe rot hat etwas bedrohliches und steht sowohl für Blut, als auch für Feuer. Daher sollten Menschen die mit scharfem Werkzeug arbeiten besonders aufpassen. Auch einen Extra-Blick auf den Brandschutz zu haben, wird von entsprechenden Ratgebern empfohlen.

In China stehen der „rote Mund“ und die rote Zunge auch für Zaubersprüche und Flüche, so dass manch einer an diesem Tag ein Schutzamulett bei sich tragen wird – man kann ja nie wissen.

Soweit zu den sechs Tagen der Woche. Doch wie stellt man nun fest, welches Ungemach am heutigen Tag droht, oder wann das romantische Treffen stattfinden sollte?

Berechnung der Tage im Rokuyō

Die Berechnung der Tage ist nicht ganz einfach, da sich dieser Zyklus zwar stetig wiederholt, aber einige Monate mit einem bestimmten Tag beginnen müssen. Dadurch gibt es Unterbrechungen, ähnlich wie „Schalttage“.

Die einfachste Möglichkeit ist daher, auf das selbst berechnen zu verzichten und eine entsprechende Tabelle in einem „astrologischen Almanach“ zu konsultieren. Einige Zeitungen vermerken den aktuellen Tag auch auf ihrer Seite.

Problematisch ist auch der Ausdruck „Mittagszeit“, denn im alten System werden die Tage in 12 Stunden geteilt, die den astrologischen Tierkreiszeichen unterliegen. Demnach ist die Mittagszeit eine Periode zwischen 11:00 Uhr und 13:00 Uhr – die „Stunde des Pferdes“.

Gesellschaftliche Bedeutung des Rokuyō

Das offizielle Ende fand der Mondkalender im Jahr 1873 mit der Einführung des gregorianischen Kalenders, der sich am Sonnenstand orientiert und die Sieben-Tage-Woche hat.

Später wurde die Kennzeichnung der Tage in offiziellen Kalendern von Behörden und ähnlichen Institutionen abgeschafft, um dem Aberglauben in einer modernen Gesellschaft keinen Vorschub zu leisten.

Doch der Glaube blieb bestehen und so weisen sowohl die Organisatoren von Hochzeitsfeiern, als auch Bestatter ihre Kunden dezidiert auf die jeweiligen Vor- und Nachteile des jeweiligen Datums hin – inklusive der Alternativvorschläge.

So manch ein Klient ist nämlich gerne bereit, etwas mehr zu bezahlen, wenn dabei der besondere Tag für das Event berücksichtigt wird.

Das muss nicht einmal am eigenen Aberglauben liegen – die Sorge, möglicherweise abergläubische Gäste könnten die jeweilige Einladung ablehnen, ist meist Grund genug, der Empfehlung Folge zu leisten.

Grundsätzlich finden heutzutage aber lediglich Tomobiki, Butsumetsu und Taian tatsächliche Beachtung bei der Planung.

Gerade junge Japaner können immer weniger mit dem Glauben der vorangegangenen Generationen anfangen – doch vielleicht tragen die jährlich veröffentlichten Glücks-Almanache und findige Geschäftsleute dazu bei, diese Tradition zu erhalten.

Übrigens ist der heutige 22. Juli ein „Butsumetsu“ – also besser keine wichtigen Entscheidungen treffen und von allen Risiken fernhalten. Morgen wird ein besserer Tag. 😉

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