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Seppuku – das letzte Kunstwerk von Yukio Mishima

In der letzten Woche wurde das Leben des Autoren Yukio Mishima in einem kurzen Artikel beschrieben. Diese Woche wollen wir seinen Tod einmal genauer unter die Lupe nehmen und uns mit der Frage beschäftigen, ob sein Selbstmord eine Flucht vor der Justiz war – oder sein letztes Kunstwerk.

Künstler, Putschist – oder beides?

Um Mishimas seppuku zu verstehen, ist es erst einmal sehr wichtig, seine Motivation zu verstehen. Er war nicht nur (wie im vorherigen Artikel beschrieben) ein großer Nationalist, sondern gleichzeitig auch ein großer Literat und Künstler, der ganze drei Mal nur knapp am Literaturnobelpreis vorbeigeschrammt ist. Aus diesem Grund muss man sehr gut darüber nachdenken, ob man Mishima nur anhand seiner rechten Gesinnung als reinen Putschisten und Nationalisten verurteilen kann.

Mishima inszenierte sich selbst gerne auf Fotographien in martialischen Posen. Dabei zeigte er gerne seinen Körper und versuchte, seine Männlichkeit zu betonen,

Klar, Mishima hat sich nach seinem gescheiterten Putschversuch selbst umgebracht. Wenn man seine Lage betrachtet, ist dies selbstverständlich: Er nahm einen ranghohen General unter Androhung von Mord als Geisel und erpresste die japanischen Streitkräfte dadurch, um sich Redezeit vor den Soldaten und auch den Medien zu verschaffen, die ihn dabei gefilmt haben.

Er wusste, dass er nach solch einem Angriff auf das System Japans wohl niemals mehr ein Leben in Freiheit hätte genießen können. Rechtfertigt dies allein also nicht die Annahme, dass Mishima sich selbst einfach nur nach einem gescheiterten Umsturzversuch umgebracht hatte, um einer Haftstrafe zu entgehen? So einfach ist dies leider nicht.

Mishima – ein moderner Samurai

Um Mishimas seppuku zu verstehen, muss man auch seine Faszination von Tod und den Samurai verstehen, die er von Kindheitstagen an hatte.

Da er bis kurz vor dem Tode seiner schwer kranken Großmutter Natsuko mit ihr zusammen lebte, war er als Kind schon früh Zeuge vom Verfall durch das Alter, Krankheit – und damit auch dem unweigerlichen Tod. Als Nachfahre der Samurai-Klasse, die nach dem Ende der Edo-Zeit ihren größten Einfluss verloren hatte, wurden dem jungen Mishima deshalb schon sehr früh Geschichten über die Familie seiner Großmutter und die Ehre der Samurai erzählt. Geschichten, die er verinnerlichte und bis zu seinem Tode in seinem Herzen trug.

Man sieht beides nicht nur anhand vieler seiner Erzählungen, die sich oft um Tod und Ehre drehen, sondern auch an der Art, wie er sich gerne präsentierte. Mishima posierte oft als Samurai, als Soldat, und auch als Opfer von Schlachten – immer mit Fokus auf seinem Körper, um seine Männlichkeit auch gut zur Schau stellen zu können.

© Tôhô K.K.
Yukio Mishima in der Hauptrolle des Kurzfilms Patriotismus, das auf der Vorlage seiner gleichnamigen Kurzgeschichte beruht; © Tôhô K.K.

Sehr gut kann man dies anhand seines Werkes Yûkoku/Patriotismus erkennen, bei deren Verfilmung er selbst die Hauptrolle spielte. Film wie auch Kurzgeschichte zeigen das Ende eines japanischen Leutnants, der nach einer letzten Liebesnacht mit seiner jungen Frau seppuku begeht, weil er sich weigert, eine Gruppe befreundeter Putschisten hinzurichten.

In Patriotismus werden viele der oben genannten Punkte behandelt: Männlichkeit, Tod, die namensgebende Liebe zum Vaterland sowie auch zum Militär und auch Ehre und der rituelle Selbstmord nach klassischer Tradition. Oft wird dieses Werk auch als Vorbote zu Mishimas wirklichem Freitod genannt, der einige Jahre später folgen sollte.

Der rituelle Selbstmord als Form von Kunst

Was sich hieran erkennen lässt, ist ganz klar eine Ästhetisierung des Selbstmordes als Kunstform. Damit stellt sich nun die Frage, ob man Mishimas seppuku nicht vielleicht auch als „Kunst“ verstehen sollte und nicht als Freitod, um Konsequenzen zu umgehen.

Aber wie lässt sich dies mit den vorherigen Ergebnissen erklären? Dies ist eigentlich gar nicht so schwer. Mishima war, wie wir soeben gelernt haben, ein Künstler durch und durch. Ein Künstler, dem der Tod, die Ehre und auch sein Vaterland das wichtigste waren.

Meiner Meinung nach war für Mishima deshalb der Putschversuch, den er unternommen hatte, nur nebensächlich – dieser war eine reine Inszenierung. Er glaubte niemals, dass er damit Erfolg haben könnte. Vielmehr versuchte er dadurch, seinen Tod nach seinen eigenen Wünschen und Idealen zu erfahren. Er wollte alles, was ihn selbst verkörperte, in einer finalen Kunstform darstellen: Seinem eigenen Tod. Dadurch hatte er die Möglichkeit, alte Traditionen zu verkörpern, die er so sehr verehrt hatte, und als Krieger zu einem frei gewählten Zeitpunkt zu sterben. Genauso wie viele seiner großen Vorbilder, die Samurai.

Und auch, wenn meine eigene Erklärung zu dem später als „Mishima-Vorfall“ bezeichneten Putschversuches nur eine von vielen Erklärungsansätzen ist, kann man ohne Vorbehalt sagen: Es ist Fakt, dass sich Mishima durch seinen Freitod einen Namen für die Ewigkeit machen konnte. Egal, ob er jetzt ein reiner Nationalist, ein reiner Künstler, oder eine Mischung von beidem war.

Literaturangaben:

INOSE Naoki, SATO Hiroaki: Persona: A Biography of Yukio Mishima. Stone Bridge Press, Berkeley, 2012.

STOKES, Henry Scott; übers. von Traudl Kurz-Perlinger: Yukio Mishima: Leben und Tod.  Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1986.

YOURCENAR, Marguerite; über. von Hans-Horst Henschen: Mishima oder die Visionen der Leere. Carl Hanser Verlag, München, 1985.

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Kommentare

2 Kommentare

  1. “Er wusste, dass er nach solch einem Angriff auf das System Japans wohl niemals mehr ein Leben in Freiheit hätte genießen können.”
    Das glaube ich wiederum nicht. Nach dem zweiten Weltkrieg hat die Besatzungsmacht USA das japanische Hochverratsgesetz abgeschafft (dieses galt übrigens nur bei Fällen welche direkt gegen den Kaiser oder dessen Familie gerichtet waren). Auch heute gibt es kein eigentliches Gesetz gegen Hochverrat. Wie die Situation genau 1970 ausgesehen hat, kann ich jetzt auf die Schnelle nicht beantworten. Es ist allerdings anzunehmen, dass Mishima kaum mit einer lebenslangen Haftstrafe zu rechnen hatte.

  2. Ein sehr gelungener Kommentar! Ich bin gerade damit beschäftigt den autobiographischen Debütroman “Geständnis einer Maske” wiederum zu lesen. Die teils bildhafte Sprache genauso wie inhaltliche Ausschweifungen und die scharfe Beobachtungsgabe Mishimas sind absolut einmalig – das alles mit einer Intensität und höchst präzisen Erzählkunst. Mich hat es auch sehr gestört, dass Haruki Murakami in einem Interview mit der Zeit grundlos behauptete, er habe regelrecht eine Allergie gegen Autoren wie Kawabata und Mishima. Kenzaboru Oe hingegen hat seine Zurückhaltung immerhin offengelegt und plausibel vertreten.
    Wie auch immer .. Vielen Dank für diesen lobenswerten Beitrag! Über weitere Artikel zu Größen wie Yasushi Inoue, Jun’ichiro Tanizaki, Kobo Abe, etc. würde ich riesig freuen: 😀

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