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Die Verbeugung – Körpersprache im täglichen Leben

Verbringt man einige Zeit in Japan, wird sie schnell Teil des Alltags: Die Verbeugung. Doch warum und wann sollte man sich verbeugen? Gibt es Unterschiede? Welche Regeln gibt es dabei zu beachten?

Man geht davon aus, dass das Verbeugen während der Asuka- und Nara-Zeit gemeinsam mit dem chinesischen Buddhismus nach Japan kam. Basierend auf dessen Lehren galt die Verbeugung als direkte Wiederspiegelung des Status einer Person. Trifft man also auf eine Person höheren Ranges, bringt man sich selbst in die „verletzlichere“ Position der Verbeugung. Die Geste dahinter könnte man vergleichen mit dem Verhalten in einen Wolfsrudel. In diesen erkennen die Mitglieder ihren ranghöheren Anführer an, indem sie sich auf dem Rücken wälzen und ihren empfindlichen Bauch frei geben.

In der modernen japanischen Gesellschaft hat die Verbeugung unterschiedliche Funktionen, die über die eigentliche Intention hinaus gehen. Im Alltag verbeugt man sich zur Begrüßung und Verabschiedung, am Beginn und Ende eine Unterrichtsstunde, eines Meetings oder einer Zeremonie, beim Danke sagen, während einer Entschuldigung, wenn man jemandem gratuliert, beim Bitten um einen Gefallen und wenn man jemanden oder etwas ehrt.

Die Grundlagen
Obwohl es unterschiedliche Arten von Verbeugungen gibt, haben sie doch alle den gleichen Ausgangspunkt. Je nachdem, ob die Verbeugung im sitzen oder im stehen geschieht, liegt der Ursprung der Bewegung entweder im „Seiza 正座せいざ” oder im „Seiritsu 正立せいりつ”.

Die sitzende Position „Seiza“ ist die traditionelle Sitzposition, welche in fast allen formellen Situationen erwartet wird. Um aus dem stehen in diese Position zu gelangen, knien Männer sich mit einem Bein nach dem anderen, Frauen mit möglichst beiden Beinen gleichzeitig auf den Boden. Während die Oberseite der Füße nun auf den Boden gepresst wird und die Zehen nach hinten vom Körper weg zeigen, wird das Gesäß auf den Fersen oder Waden abgesetzt. Die Arme werden seitlich gehalten, während man die Hände mit den Handflächen nach unten auf den Schenkeln ablegt. Hierbei sollte man versuchen, möglichst gerade zu sitzen. Das Halten dieser Position kann ein wenig Training benötigen.

Die zweite Möglichkeit ist eine Verbeugung aus der stehenden Position „Seiritsu“. Um diese zu erreichen, stellt man sich gerade hin und schaut nach oben zu einem Punkt in ca 5,40m Höhe. Männer sollten zwischen ihren Füßen einen Abstand von ungefähr 3cm bewahren, während Frauen darauf achten sollten, dass ihre Füße sich berühren. Die Hände werden nun diagonal leicht auf den Oberschenkeln abgelegt. Dabei ist darauf zu achten, dass zwischen Körper und Ellbogen mindestens eine Faust breit Platz bleibt. Zum Schluss sollte man versuchen gezielt durch den Bauch zu atmen, um eine mehr zentrierte Erscheinung abzugeben.

Neben den Startpositionen gibt es noch weitere grundlegende Dinge zu beachten. Zuerst sollte darauf wert gelegt werden, dass Rücken und Kopf immer eine gerade Linie bilden. Außerdem ist darauf zu achten, dass keine Lücke zwischen Körper und Kleidung entsteht. Erfolgt die Verbeugung aus dem Stand, ist es wichtig, dass Beine und Hüfte nicht in Bewegung geraten, das Gesäß also nicht nach hinten geschoben wird. Zum Schluss sollte man noch einen Blick auf die Atmung werfen. Manche Verbeugungen haben dazu feste Vorgaben. Ist dies nicht der Fall, sollte man versuchen beim beugen einzuatmen, beim Verbeugung halten auszuatmen und wieder einzuatmen, wenn man sich aus der Beuge löst.

Begrüßung in der Innenstadt von Tokyo © by Maya-Anaïs Yataghène from Paris, France (Japan - Tokyo) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons
Begrüßung in der Innenstadt von Tokyo
© by Maya-Anaïs Yataghène from Paris, France (Japan – Tokyo) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons
Arten
Welche Verbeugung in welcher Situation angebracht ist, hängt einerseits von der Situation, aber auch von der Beziehung zum Gegenüber und dem Rang und Status der handelnden Personen ab.

Im Umgang mit Personen, die man wirklich gut kennt, wird es selten notwendig sein, eine volle Verbeugung durchzuführen. In diesem Fall greift man eher auf ein Neigen des Kopfes zurück. In sehr lässigen Situationen ist es auch möglich, mit einem intensiven Blick aus zukommen, der die Verbeugung im Geiste andeutet. Dies wird „Mokurei 目礼もくれい“ genannt.

Trifft man auf eine Person, der man nicht Nahe steht, die aber den selben sozialen Rang oder Status hat wie zum Beispiel ein Arbeitskollege oder ein entfernter Bekannter, kommt „Eshaku会釈えしゃく “ zum Einsatz. Erfolgt die Verbeugung im stehen, nimmt man zuerst „Seiritsu“ ein. Danach beugt man sich in einem angemessenen Tempo in einem 15°-Winkel nach vorn. Währenddessen werden die Hände im selben Tempo 3-4 cm an der Vorderseite der Beine herab bewegt. Der Blick sollte in einer geraden Linie mit der Beugung des Körpers sein und auf einer Stelle 180 cm über dem Boden gerichtet sein. Danach kehrt man wieder in die Ausgangsposition zurück. Aus dem „Seiza“ verläuft die Verbeugung ähnlich. Auch hier wird der Körper in einem 15°-Winkel nach vorn geneigt. Die Hände wandern im gleichen Tempo zu den Außenseiten der Knie. Die Fingerspitzen berühren nun leicht den Boden und bilden eine Linie mit dem Körper. Der Blick sollte dabei leicht nach unten gerichtet sein. Zum Schluss einfach wieder langsam aufrichten. „Eshaku“ an sich ist keine schwere Verbeugung. Allerdings sollte man darauf achten, dass man sich bei der Ausführung Zeit lässt um nicht gehetzt zu wirken.

Befindet man sich in einer teil-formellen Situation und möchte in einem angemessenen Level Dankbarkeit oder Respekt zeigen, nutzt man die „höfliche“ Verbeugung „Senrei  浅礼せんれい”. Hierbei handelt es sich um die häufigste Verbeugung aus dem Sitzen, welche im japanischen Alltag zu finden ist. Ausgangsposition ist wieder „Seiza“. Innerhalb einer Sekunde beugt man sich nun nach vorne in einen Winkel von 30° . Währenddessen werden die Hände in die Richtung der Knie bewegt. Männer legen nun ihre Handflächen mit einem Abstand von 3 cm auf den Boden. Frauen berühren mit ihren Fingerspitzen den Boden direkt vor ihren Knien während sich ihre Daumen berühren. Der Blick ruht auf dem Boden an einem Punkt der doppelt so weit entfernt ist, wie man selbst im sitzen groß ist. Diese Position wird eine Sekunde gehalten, bevor man erneut im innerhalb einer Sekunde in die Ausgangsposition zurück kehrt. Diese Verbeugung sollte oft geübt werden um sicherzustellen, dass sie grazil und sicher ausgeführt wird.

Wenn man mit jemandem interagiert, der einen höheren Rang inne hat als man selbst, oder der eine gewisse Macht über einen hat, wie zum Beispiel der Chef oder die Schwiegereltern, bedient man sich für gewöhnlich dem „Futsuurei 普通礼ふつうれい“oder auch „Keirei 敬礼けいれい”. Erfolgt die Verbeugung aus dem „Seiritsu“, wird der Körper über einen kompletten Atemzug um 45° geneigt. Zeitgleich bewegen sich die Hände vor die Beine. 7-10  cm oberhalb der Knie bleiben diese dann ruhen. Kehrt man wieder zurück in die Ausgangsposition, geschieht das über die Zeitspanne eines langsamen Einatmens. Erfolgt „Futsuurei“ aus dem „Seiza“, wird der Körper über einen Zeitraum von 2,5 Sekunden so weit nach vorn bewegt, bis der Kopf ca. 30 cm über dem Boden ist. Die Hände werden zeitgleich so auf den Boden platziert, dass Finger und Daumen ein Dreieck bilden. Die Oberarme werden dabei nah am Körper und die Ellbogen knapp über dem Boden gehalten. Der Blick richtet sich auf die Mittelfinger, das Gesicht ist parallel zum Boden. Diese Haltung wird für 3 Sekunden beibehalten, bevor man sich über einen Zeitraum von 4 Sekunden wieder aufrichten kann.

„Saikeirei 最敬礼さいけいれい“ ist eine Form der Verbeugung, welche man als Tourist oder als Ausländer in Japan nur sehr selten durchführen muss, da es sich hierbei um eine Darbietung tiefen Respekts oder Reue handelt. Neben religiösen Situationen wird diese Form nur für dramatische Entschuldigungen oder Audienzen mit dem Herrscher genutzt. Aus dem „Seiritsu“ erfolgt nun in einem Zeitraum von 2,5 Sekunden eine Neigung um 70°. Die Hände werden in der Zeit an der Vorderseite der Beine herab bewegt und an den Knien gestoppt. Der Blick richtet sich auf einen Punkt am Boden, der 80 cm entfernt ist. Diese Position wird für 3 Sekunden gehalten. Danach kann sich innerhalb von 4 Sekunden wieder aufgerichtet werden. Erfolgt die Geste aus dem „Seiza“ heraus, wird der Körper innerhalb von 3 Sekunden so weit geneigt, dass das Gesicht 5 cm über dem Boden zum halten kommt. Zeitgleich werden die Hände zu den Knien gezogen. Die rechte Hand ist dabei etwas schneller. Die Hände werden nun leicht gerundet und ca. 7 cm vor dem Körper auf den Boden gelegt. Der freie Platz zwischen den Händen formt dabei einen engen Keil. Die Fingerspitzen sollten sich dabei berühren. Der Blick ist gerade auf den Boden gerichtet. Die Brust berührt leicht die Oberschenkel, während die Unterarme die Knie von außen streifen. Diese Position wird für 3 Sekunden gehalten. Richtet man sich nun auf, um wieder in „Seiza“ zu gelangen, geschieht das über einen Zeitraum von 4 Sekunden. Wichtig ist, dass dieses mal die linke Hand ein wenig schneller bewegt wird. Nach dem Aufrichten haftet der Blick auf dem Boden zwischen dem Verbeugenden und der Person, vor welcher man sich gerade verbeugt hat. Da diese Verbeugung so lang ist, gibt es auch ein paar kleine Regeln für die Atmung. Beim Vorbeugen wird zuerst eingeatmet, beim Halten wieder ausgeatmet. Dann wird für einen kurzen Moment die Luft angehalten – dieser Abschnitt wird normalerweise in zwei mal zwinkern gemessen – bevor beim Aufrichten erneut eingeatmet werden darf.

Besucht man einen Shinto-Schrein, erhält man die Möglichkeit ein Opfer darzubieten und danach die „Suzu“ zu läuten. Danach wird normalerweise eine Verbeugung namens „Nirei-Nihakushu 二礼二拍手にれいにはくしゅ” durchgeführt. Hierzu führt man zuerst zwei „Keirei“-Verbeugungen aus. Danach klatscht man auf Höhe der Brust zweimal, wobei die Hände mit den Fingern in den Himmel zeigen. Zum Schluss folgt eine einzelne „Saikeirei“-Verbeugung.

Heutzutage wird man außerhalb von Samurai-Filmen kaum eine „Dogeza土下座どげざ sehen. Hierbei handelt es sich um eine Verbeugung, welche den Sinn hat, um das eigene Leben zu betteln. Menschen, die diese ausführen, pressen ihr Gesicht vor Angst und Scham auf den Boden. Als Besucher in Japan sollte man jedoch hoffentlich nie in eine Situation kommen, in der das angebracht wäre.

Tipps
Alles in allem gibt es also ziemlich viele Regeln zu den Verbeugungen. Auch kommt es vor, dass innerhalb großer Firmen oder innerhalb eines bestimmten Umfeldes besondere Anforderungen durch eine ranghöhere Person gestellt werden, die zusätzlich zu beachten sind. Trotzdem sollte man sich gut zurechtfinden, wenn man sich an folgende drei Vorgehensweisen hält.
Erstens, verbeuge dich, wenn sich jemand vorher vor dir verbeugt hat. Aus dieser Regel ausgenommen sind Menschen in Läden oder ähnlichen, die sich beim Betreten von Gästen verbeugen.
Wenn du dir nicht sicher bist, wie tief du dich verbeugen solltest, wähle einen Winkel von 30°. Dies wird in fast jeder Situation akzeptiert und zeigt eine gute Balance zwischen Respekt und Vertrautheit.
Orientiere dich am Alter oder Rang einer Person, wenn du festlegen musst, wie lange die Verbeugung dauert. Hier kann es hilfreich sein, wenn man sich vorher die Visitenkarte seines Gegenübers angesehen hat.

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