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HomeJapan entdeckenVersteckte Schätze Japans – das Yachiyoza-Theater in Yamaga

Einst aufgegeben, heute neu belebt

Versteckte Schätze Japans – das Yachiyoza-Theater in Yamaga

Ob Noh, Rakugo, Kabuki, Kamishibai oder Puppenspiel. Die über viele Jahrhunderte entstandene Kunst des Theaterspiels hat in der japanischen Kultur einen hohen Stellenwert. In den Hochzeiten der Schauspielkunst entstanden im ganzen Land beeindruckende Theatergebäude. Viele sind im Lauf der Zeit verschwunden – doch einige haben überlebt.

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Eines der schönsten historischen Theater Japans findet sich versteckt auf der südlichen Insel Kyushu. Genauer gesagt in der Präfektur Kumamoto, bekannt vor allem für die gut erhaltene Burg der gleichnamigen Hauptstadt, den Aso-Vulkan mit seinen spektakulären Landschaften und das Maskottchen Kumamon, das im Internet berühmt wurde.

Von der Poststation zur Handelsstadt

Nördlich der Stadt Kumamoto liegt Yamaga. Mit beinahe 50.000 Einwohnern ist der Ort eine lebendige Kleinstadt, umgeben von bewaldeten Bergen. Zufällig nach Yamaga verirren kann man sich kaum, eine Zugverbindung gibt es nicht – ganz untypisch für Japan – nur mit Bussen oder eigenem PKW erreicht man die Stadt. Und doch verbirgt sich gerade hier ein ganz besonderer Kulturschatz.

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Der hat seinen Ursprung in der Geschichte der Stadt. Während der Edo-Zeit von 1603 bis 1867, als Japan über zweihundert Jahre unter der Herrschaft der Tokugawa-Familie weitestgehend befriedet war, diente Yamaga als Poststation. Der rege Post- und Warenverkehr brachte dem kleinen Ort Wohlstand und Reichtum, der auch das Ende der Samurai-Zeit überdauerte. Auch nachdem im Rahmen der Meiji-Restauration der Tokugawa-Shogun vertrieben und der Kaiser wieder als Staatsoberhaupt eingesetzt war, blieb Yamaga Dreh- und Angelpunkt für Warenströme in der Region.

Außenansicht des Yachiyoza
Außenansicht des Theatergebäudes in Yamaga. Bild: MS

Eine Vereinigung Freiwilliger aus der Stadt war es, die schließlich entschied, dass der Stadt etwas fehlte: ein modernes Theater. Also begannen sie zum Anfang des 20. Jahrhunderts, den Bau eines Schauspielhauses mit den nun neu verfügbaren Materialien und Techniken aus dem Westen zu bauen. Den Auftrag, das Theater zu designen, übernahm Kimura Kametaro, einer der Freiwilligen. Der war mitnichten Architekt, sondern eigentlich Spediteur. Im Rahmen seiner Arbeit reiste er durch ganz Japan und studierte, wie man dort Theater baute.

Im Yachiyoza-Theater verschmelzen Bautechniken aus Ost und West

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Seine Erkenntnisse kombinierte er mit den Möglichkeiten, die ihm der Handel mit Übersee eröffnete. Das Ergebnis war ein beeindruckender zweistöckiger Bau – das Theater Yachiyoza, das im Jahr 1910 fertiggestellt wurde. Das von außen im japanischen Stil gehaltene Yachiyoza kommt, dank westlicher Bautechniken für das Dach, ohne Säulen im Innenraum aus, wie sie für traditionelle Holzbauten in Japan üblich sind. Stattdessen konnte ein großer, offener Zuschauerraum geschaffen werden. In dem sitzen die Gäste auf einem leicht angeschrägten und mit Strohmatten ausgelegten Boden, sodass auch die hinteren Reihen einen guten Blick auf die Bühne haben.

Diese ist wiederum ein technisches Meisterwerk. Nicht nur versteckt sich in ihr ein handbetriebener Holz-Lift, mit dem Darstellende durch eine Luke auf die Bühne gebracht werden können. Sie kann sich sogar drehen und ermöglicht damit kreative und dynamische Szenenwechsel. Für das dafür nötige Schienensystem, das sich unter der Bühne befindet und dort ebenfalls per Hand betrieben wird, besorgte man in Deutschland gefertigte Räder.

Die Hauptbühne des Yachiyoza
Die Bühne des Yachiyoza, deutlich zu sehen ist der drehbare Bühnenteil. Bild: MS

Auch für die Beleuchtung nutzte das Yachiyoza eine Mischung aus verschiedenen Techniken. Neben westlichen Kronleuchtern, deren Kupfer im Zweiten Weltkrieg für die Industrie beschlagnahmt wurde, wird Licht von außerhalb auf zwei Ebenen durch Milchglas und Papiertüren gestreut. Entlang der Wände des Theaters reihen sich zudem bunte Laternen auf.

Selbst die Decke des Yachiyoza hat es in sich – sie dient als historische Werbetafel. Wer den Blick von den Sitzplätzen nach oben richtet, blickt auf unzählige blaue Deckenplatten, auf denen sich historische Werbung der verschiedensten Unternehmen Yamagatas findet. Einige Jahrzehnte lang zog das beeindruckende Theatergebäude Gäste aus nah und fern an, die hier Kabuki-Stücke und andere Theaterformen ebenso wie Konzertaufführungen genossen.

Schließung – Verfall – Rettung

Doch nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Unterhaltungslandschaft Japans. Mit dem Aufkommen von Radio und Fernsehen verlor das Theater zunehmend an Bedeutung. Und wo sich Schauspielstätten in großen Städten selbst bei sinkender Nachfrage halten konnten, ging dem Yachiyoza langsam aber sicher die Puste aus. Im Jahr 1973 musste das Theater schließen. In der Stadt befürchtete man: endgültig.

Doch einige ältere Bewohner Yamagas wollten sich damit nicht abfinden. So wie sich einst Freiwillige zusammenschlossen, um das Theater zu bauen, kamen sie nun zusammen, um es zu retten. Sie lenkten die Augen der Öffentlichkeit auf das seit mittlerweile zehn Jahren verfallende Theater, das einst Stolz der Stadt war. Sie sammelten Spenden, unter anderem mit einer „Kauf-einen-Dachziegel“-Kampagne, um das verfallene Gebäude zu renovieren.

Blick unter die Bühne
Im Unterbau der Bühne. Von hier aus kann sie gedreht werden, links im Bild der handbetriebene Bühnenlift. Bild: MS

Ihre Anstrengungen wurden mit Erfolg belohnt: nicht nur schafften sie es, genug Geld für eine Reparatur des Daches zu sammeln. Die Geschichte des Yachiyoza erreichte auch die Verwaltungsebenen, die dem Theater den Status eines wichtigen nationalen Kulturguts verliehen. Das ebnete den Weg zu einer späteren vollständigen Renovierung, nach der das Theater schließlich wiedereröffnet wurde. Im Jahr 2020 wurde der Unterbau der Bühne durch starke Regenfälle überschwemmt, konnte aber innerhalb weniger Monate wieder hergerichtete werden.

Heute erfreut sich das Yachiyoza bei Besuchern und Anwohnern großer Beliebtheit. Nicht mehr nur als aktives Theater, sondern auch als historisches Baudenkmal. An Spieltagen genießen Gäste hier die Atmosphäre der Meiji-Zeit, wenn Theatergruppen traditionelle Stücke auf die Bühne bringen. Außerhalb der Spieltage sind es die Gäste selbst, die dann im Rahmen von Führungen auf der Bühne stehen und sogar die ausgeklügelten Mechaniken darunter in Augenschein nehmen dürfen. Zu verdanken haben sie diese Möglichkeit dem Einsatz der Menschen von Yamaga, die das Theater nicht nur ein-, sondern gleich zweimal ins Leben riefen.

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