3 Jahre Fukushima, was war, was ist und eine Menge Gedanken

    Vor genau drei Jahren hielt die Erde dem Atmen an, in Japan tobte ein extrem schlimmer Tsunami und viele Menschen starben und noch mehr Menschen verloren alles. Als sei das nicht schon schlimm genug, kam es zu einem Gau im Kraftwerk Fukushima. Seit dem läuft einiges extrem falsch, Japans Politiker denken gar nicht daran, von der Atomkraft abzulassen, der Energiekonzern Tepco mischt immer noch kräftig im Atomgeschäft und in der Politik mit und von der Antiatombewegung hört man kaum noch etwas.

    Seit dem wird spekuliert, was ist da wirklich los, wie denken die Japaner über das Unglück und wieso geht eigentlich keiner demonstrieren? Die Meinungen, die man hört, sind gesättigt von Unverständnis über Japan, bis hin zu Beleidigungen usw. Wobei bei uns auch schon kaum noch darüber nachgedacht wird.
    Aber stimmt das so? Ich möchte jetzt nicht mit irgendwelchen Fakten zum Unglück daher kommen, sondern habe meine Freunde in Japan befragt, wie sie das Unglück eigentlich sehen, wie sie damals gedacht haben, als es passiert ist und wie sie heute darüber denken. Den Anfang mache ich mit meinen Gedanken, ich bin zwar deutscher und damit betrifft mich das ja nicht direkt, aber natürlich habe ich mir damals Gedanken gemacht und natürlich denke ich heute auch noch darüber nach. Aber nachdenken reicht nicht, man kann etwas ändern, auch wenn das nur ein paar Tropfen Wasser auf heißen Stein ist, dazu zum Schluss aber mehr.

    Zuerst habe ich Chika Hitujiya gefragt, er ist 26 und lebt in Chiba Shi, außerdem bloggt er unter Earth Whole Museum

    Viele Menschen glauben, dass die Katastrophe in Japan niemanden interessiert.

    Meiner Meinung nach denken die meisten Japaner, dass es ein ernstes Unglück war und, dass Atomkraft schädlich ist. Aber das war es dann auch schon. Sie denken nicht darüber nach, sie forschen nicht nach und diskutieren nicht miteinander darüber. Für sie ist Anti-Atomkraft gerechtfertigt und eine (freie) Entscheidung. Und wenn sie gegen die Atomkraft auf die Straße gehen und demonstrieren, dann tun sie das, weil es für sie so aufregend wie ein Festival ist. Für ein paar Aktivisten ist es natürlich mehr als das: eine Ideologie. Wahrscheinlich bist du jetzt verwirrt darüber, was ich gerade gesagt habe. Warum sehen die Japaner so aus, als wären sie wegen dieses Problems ernsthaft besorgt? Meiner Meinung nach gibt es dafür drei Gründe. Erstens hat das japanische Volk durchaus eine Ahnung von den Möglichkeiten von anti atomarer Energiegewinnung, aber sie verfolgen diese Idee nicht weiter. Zweitens gibt es unter den intellektuellen Menschen in Japan nicht genug einflussreiche und charismatische Persönlichkeiten, die diese Ideen fördern und große Probleme diskutieren würden. Außerdem, und das gilt nicht nur aber eben auch für das japanische Volk, können Japaner eine beiderseitig freie Meinungsäußerung nicht akzeptieren. Dadurch kommt es in Japan nicht zu konstruktiven Diskussionen. Und wenn wir uns schließlich das japanische Sozialsystem anschauen, müssen wir erkennen, dass es immer kommunistischer wird. So wird die Regierungspolitik sich schwerlich ändern, egal welche Ideen sich im Volk ausbreiten. Dies ist meine kurze Analyse der japanischen Stagnation. Nun folgt meine Antwort.

    Wie hast Du Fukushima erlebt?

    Als es passierte, war ich nicht in der Nähe meines Hauses, sondern in der Universität in Tokio. Wie bekannt ist, wurden alle städtischen Funktionen (?) gestoppt, was auch den Zugverkehr betraf. Ich wurde in der Universität untergebracht, mit etwas Essbarem versorgt und verbrachte die Nächte mit meinen Freunden. Wir twitterten darüber, dass wir einen warmen Platz und etwas zu essen haben. Hin und wieder ging jemand hinaus. Einmal ging ich mit einem Freund vor Sonnenaufgang spazieren und schrieb eine Geschichte. Ich kann diesen Morgen nicht vergessen, der einfach viel zu still war.

    Das ist meine wichtigste Erinnerung/Erfahrung. Die meisten Menschen erinnern diesen Tag als sehr schlimm. Die beeindruckenden Geschichten überfluteten das Fernsehen für ein oder zwei Jahre. Viele Menschen um mich herum begannen darunter zu leiden, dass sie nicht direkt zu den Opfern der Atomkatastrophe gehören. Doch obwohl viele Menschen das schon vergessen haben, waren wir betroffen von dem großen Erdbeben. Zweifellos spürte ich in diesen Tagen wie viele anderen Menschen auch eine seltsame und warme Solidarität untereinander, ein spezifisches Gefühl der Gemeinschaft, das sich in jedem Katastrophenfall einstellt (übereinstimmend mit Rebecca Solnit´s „A Paradise Built“. So gesehen erwachte in diesen Tagen mein soziales Verantwortungsgefühl gegenüber Japan und der Welt.

    Was war deine persönliche Meinung zur Kernkraft vor und jetzt nach der Katastrophe?

    Das ist eine schwierige Frage. Ich muss zugeben, dass ich mir vor der Katastrophe keine Gedanken über Atomkraft gemacht habe. Aber nach und nach setzte ich mich mit dem Thema auseinander. Doch auch heute noch bin ich nicht gegen Atomkraft. Hier sind meine Gründe.

    Zunächst müssen wir das Problem der Organisationstheorie von dem Problem der Nuklearkraft unterscheiden. Wie ein paar intelligente Gelehrte nach dem zweiten Weltkrieg klarstellten, hatte die typische japanische Armee einige kritische Probleme. Zum Beispiel keine Visionen, keine rationale Denkweise und keine konsequente Haltung. Genau diese Punkte findet man aktuell bei TEPCO. Ich denke, wir müssen diese Organisation auflösen.

    Zweitens müssen wir das Problem der Nuklearenergie aus Leichtwasserreaktoren, wie sie überall auf der Welt eingesetzt werden von dem Problem der Atomkraft allgemein unterscheiden. Übrigens sind fast alle Atomkraftwerke in Japan und Deutschland von diesem Typ. Worauf ich hinaus will ist folgendes: Es gibt verschiedene Arten/Wege von Atomkraft. Die Leichtwasserreaktoren waren ursprünglich nicht für Kraftwerke, sondern von Hyman Rickover (Vier-Sterne-Admiral der US Navy) für Uboote entwickelt worden. Natürlich war dieser Reaktortyp brauchbar, doch es scheint falsch zu sein, denn es wurden andere, weitaus sicherere Atomkraftwerke entwickelt, wie speziell solche mit flüssigem Fluorthoriumreaktor.

    Wenn wir diese Aspekte von der Problematik Atomkraft trennen, erhalten wir nicht nur die Möglichkeit, Atomenergie aufzugeben, sondern eben auch die, sie sicherer und effektiver zu nutzen. Ehrlich gesagt habe ich nicht genug professionelles Wissen, über diesen anderen Typ der Atomenergie zu diskutieren, aber ich sehe extrem viel Potenzial darin. Ich las darüber dieses Buch

    Hat sich die japanische Politik geändert nach Fukushima oder ist es wie vorher auch?
    Sie werden das Thema abschließen und so weiter machen wie bisher

    Was denken Menschen in deinem persönlichen Umfeld über die Kernenergie und das, was in Fukushima passiert ist?

    Ich weiß nicht, was meine Freunde über diese Problematik denken, weil sie selten über ihre politische Einstellung reden, auch mir gegenüber. Aber die wenigen, die es interessiert, sind gegen Atomkraft. Ich denke, es gibt niemanden, den das Leid und die Katastrophe kalt lässt. Aber wenn sie nichts tun, wird sich auch nichts ändern und alles geht weiter mit einem Geruch von Verwesung

    Als zweites habe ich Manami Sakata gefragt, Manami ist 21 und lebt in Kawaguchi, ist Studentin an einer Universität für Kunst und ist unter anderem die Initiatorin von Run Mizusmushi-Kun

    Auch ihr habe ich die Frage gestellt, wie sie das Unglück erlebt hat und wie sie es jetzt empfindet.

    Es gab mir das Gefühl, dass alles kollabiert.
    Ich war damals Studentin und im Begriff mein Abitur zu machen. Das Erdbeben ereignete sich, auf meinem Rückweg von der Schule. Glücklicherweise konnte ich nach Hause gehen, viele Menschen konnten es an dem Tag nicht mehr, und hatte eine sehr unruhige Nacht. Denn der Zugverkehr wurde am 11. März vollkommen gestoppt und im Fernsehen gab es live Berichte vom Tsunami und den betroffenen Gebieten. Es war sehr schockierend für mich, denn ich war mir sicher, dass die Gegend (Tohoko Region) vom Tsunami vollkommen zerstört wird. Man sah viele Menschen im Fernsehen sterben.
    Dann bekam ich die Information über die Gefährliche Situation im Kernkraftwerk Fukushima aus dem TV und dem Internet. Die meisten TV- und Zeitungsberichte versuchten die Situation herunterzuspielen. Ich dachte, dass Fukushima das Ergebnis aus Blindheit war, die nun real wurde.
    Es zeigten sich „Differenzen“ zwischen dem was ich fühlte und dem was real war in Fukushima. Die Informationen waren dünn, ich merkte, das unterschieden wurde, welche Informationen die Menschen bekamen. Die Situation in Fukushima war sehr schlecht. Als ich die Universität bezog, haben sich meine Klassenkameraden nicht für Fukushima interessiert, so dass ich als ausgeflippt galt. Es war sehr schwer für mich zu verstehen, wie sie so sorglos bleiben konnten. Für sie schien Fukushima nicht real zu sein, aber Fukushima war real.

    Wie ist Deine persönliche Haltung zur Kernkraft, vor und jetzt nach der Katastrophe?

    Vor Fukushima wusste ich nicht genug über Kernenergie, ich wusste aber von einem Unfall in Tokaimura. (http://en.m.wikipedia.org/wiki/Tokaimura_nuclear_accident), das Problem von Monju (http://en.m.wikipedia.org/wiki/Monju_Nuclear_Power_Plant) usw.

    Nicht nur in Kraftwerken wird Kernkraft eingesetzt, es wird auch als Waffe benutzt, wie in Hiroshima und Nagasaki, durch den thermonuklearen Angriff von Amerika.
    Es wurde klar, dass Menschen keine Kernkraft verwenden sollten, denn Fukushima zeigte, wie schnell sie außer Kontrolle geraten kann.

    Vor ca. 2 oder 1 Jahr sah ich einen Film über den Uranbau, Menschen die ihn als gefährlich beschreiben, die Verschmutzung der Umwelt und die Problematik der Zugeständnisse. Das macht die Problematik noch komplexer.
    Also müssen wir sehr genau überlegen wie wir die Nachfrage von Strom decken. Wir können nicht zurück, aber es muss sicherer werden für die Menschen und die Natur. So eine Katastrophe darf sich nicht wiederholen. Wenn es möglich ist und man mit Sicherheit die Kontrolle über Kernkraft hat, ist es in Ordnung Kernkraft zu verwenden, wenn man es aber nicht kann und es so für alle zur Gefahr wird, darf man es nicht nutzen. Um zu leben, müssen wir über Zukunftsenergie nachdenken und uns neu ausrichten. Wir dürften uns nicht nur an eine Art der Energiegewinnung klammern.

    Hat sich die japanische Politik geändert nach Fukushima oder ist es wie vorher auch?
    (Kleine Anmerkung, anhand dessen, das Abe die restlichen Atomkraftwerke heute wieder hochfahren lassen möchte, erübrigt sich diese Frage eigentlich)

    Nein, aber das konservative Denken hat etwas nachgelassen. Fukushima ist passiert, aber wir müssen es als Chance nehmen, in Japan etwas zu ändern.

    Was denken Menschen in deinem persönlichen Umfeld über die Kernenergie und das, was in Fukushima passiert ist?

    Einige denken sorgfältig darüber nach, doch das ist leider selten, viele Menschen haben ihre eigene Ansicht. Es ist nicht mein persönliches Umfeld, aber ich kann sehen, dass viele Menschen ihre Meinung im Internet sagen, es ist aber oft nicht konstruktiv.

    Wie man also sieht, so einfach, wie uns das die deutsche Presse erzählen möchte, ist es nicht. Man muss natürlich auch noch die kulturellen Begebenheiten einrechnen (für einen Japaner ist es nicht leicht, seine Stimme zu erheben ohne gesellschaftlich abgestuft zu werden). Dazu kommt, dass Tepco und auch viele Politiker komplett hinter der Atomkraft stehen. Es stößt aber nicht bei jeden Japaner auf Verständnis und ich kenne einige, die sich wirklich viele Gedanken über das Thema machen und ihre Regierung auch verurteilen.
    Es ist schon hart, was passiert ist und um so mehr verstehe ich es nicht, dass Politiker weltweit immer noch auf Kernkraft setzten. Auch in Deutschland wird der Atomausstieg, damals von Merkel großspurig verkündet, immer mehr verwässert. Dazu kommt, dass dank unserer Regierung, Ökostrom künstlich extrem teuer gemacht wird, so das wir über die Energiepreise stöhnen.

    Alles in allen kann man folgendes sagen: es ist verdammt schlimm was dort passiert ist und es ist schlimm, dass die Mächtigen der Welt nicht endlich aufgewacht sind, sondern weiterhin mit einer tickenden Zeitbombe spielen.

    Davon ab, soll dieser Artikel zum Nachdenken anregen. Nachdenken über das was passiert ist und über das eigene Verhalten. Ebenso soll er aufzeigen, dass das was die Presse oft von sich gibt, nicht immer für bare Münze genommen werden sollte, die Realität sieht oft ganz anders aus. Außerdem sollte jeder wirklich überlegen, ob Strom einfach nur aus einer Steckdose kommt, oder ob es nicht doch besser wäre, an seinem Verbrauch zu ändern. Ökostrom ist nicht so teuer, wie viele behaupten, das sehe ich selber an meiner Stromrechnung und viele Dinge sind definitiv möglich (so läuft mein Webserver ebenfalls auf Ökostrom). Wie gesagt, es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber wenn wir nicht anfangen etwas zu ändern, wer soll es dann tun? Denn wenn ein Atomkraftwerk einen Gau erlebt, ist egal wo man lebt, die Auswirkungen überall zu spüren.

    Zum Schluss möchte ich noch auf eine andere Sache hinweisen. Viele der Menschen, die bei der Katastrophe alles verloren haben, leben heute auf der Straße. Ich mache hier keinen Spendenaufruf, denn wir haben auch genügend Probleme vor der Haustür, aber man sollte sein Leben und den Wert, den wir es gegeben haben durch Dinge, nicht als selbstverständlich ansehen. Wir sollten auch an die Menschen denken, die nicht so viel Glück wie wir gehabt haben und helfen wo wir können und mit den Möglichkeiten die wir haben. Denn niemand verdient so ein Leben, schon gar nicht in der heutigen Zeit.

    Micha
    Ein alter Hase im Geschäft. Seit Akira 1991 in die deutschen Kinos kam, brennender Anime-Fan und noch die gute alte Zeit miterlebt als Carlsen Manga in Farbe und Bunt auf den Markt brachte. Ghost in the Shell Fan der ersten Stunde und bevorzugt mittlerweile Slice of Life Anime